Römer 12,1-2

Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern,

durch die Barmherzigkeit Gottes,

dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer,

das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei.

Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

 

Und stellt euch nicht dieser Welt gleich,

sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes,

auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist,

nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

 

 

Liebe Freunde,

wenn Sie den christlichen Glauben beschreiben müssten,

wenn Sie jemandem erklären müssten, was es bedeutet, Christ zu sein,

ja wenn Sie sogar versuchten, jemanden für den christlichen Glauben zu gewinnen,

dann würden Sie wohl kaum sagen: „Das ist ein Opfer.“

Christsein bedeutet, den Leib als lebendiges Opfer hinzugeben.

Das klingt abschreckend. Das klingt unmodern. Das klingt sogar gefährlich.

Aber es steht so bei Paulus.

 

Wir würden den christlichen Glauben doch lieber als etwas Zeitgemäßes, Vernünftiges, Weltzugewandtes verkaufen.

Als sinnvolle, aufgeklärte Religion.

Und auch das steht bei Paulus.

 

„Gebt euren Leib als lebendiges Opfer hin; das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“ Paulus bringt hier zwei Dinge zusammen, die für uns doch meilenweit auseinander liegen!

Wie geht das zusammen?

 

Wir werden diese Frage nicht beantworten können, ohne uns klarzumachen, was das jeweils bedeutet: „Lebendiges Opfer“ und „vernünftiger Gottesdienst“.

 

Dass Paulus mit diesen zwei Versen der heutigen Epistel einen Nerv getroffen hat, sehen wir allein schon daran, dass es ganze Bücherregale von theologischer Literatur dazu gibt. Aber all das muss Sie heute nicht kümmern! Klären wir nur die Begriffe:

 

  1. Lebendiges Opfer

Was heißt das?

Vielleicht geht es Ihnen wie mir. Mir läuft es kalt den Rücken runter, wenn ich daran denke, wie in den archaischen Religionen massenhaft Tiere geopfert wurden. In allen alten Kulturen unterscheidet man zwischen unbeseelten Opfergaben wie Weihrauch, Wein und Öl und lebenden Opfertieren.

Ein Blick auf unser schönes Forum Romanum vor 2000 Jahren würde den Alltag vor den vielen Tempeln offenbaren. Rinder, Schafe, Schweine, sogar Pferde wurden erst schön mit Bändern geschmückt, feierlich vor den Tempel geleitet und dann getötet. Der Dienst des Priesters ist ein blutiges Handwerk.

Noch mehr mag es uns grausen, wenn wir daran, dass immer wieder auch Menschen geopfert wurden. Nicht überall – und auch das Alte Testament verbietet Menschenopfer (Lev 18,21). Aber wir denken mit Schaudern an die Geschichte, wie Gott dem Abraham befahl, seinen eigenen Sohn zu opfern (Gen 22).

Am Ende stellt sich das Ganze nur als ein Test seines Glaubens heraus und Gott bricht das grausige Unterfangen ab. Aber unser Schaudern bleibt, wenn wir uns den armen Isaak gebunden und gefesselt auf dem Altarstein vorstellen.

Ist es das, was wir vor Augen haben sollen, wenn Paulus von einem lebendigen Opfer spricht?

Ganz sicher nicht!

Paulus spricht hier bewusst von einem lebendigen Opfer, um von einem Schlachtopfer zu unterscheiden. Ein Opfertier ist nach vollzogenem Opfer tot.

Wir aber sollen unsern Leib als ein lebendiges, als dauerhaftes, lebenslanges Opfer hingeben. Will heißen: Nicht durch ein einmaliges Ritual, sondern durch lebenslange Hingabe.

Was Paulus betonen will, ist der zeitliche Aspekt: Es geht bei diesem Opfer nicht um einen einmaligen Akt, sondern um eine lebenslange Haltung.

„Gebt euren Leib hin als lebendiges Opfer.“ – Dabei sollen wir also gerade nicht an blutige Opfer, an ein Ritual, an eine Tötung denken, sondern an die ausgesprochen aktive Hingabe des Lebens.

 

Vielleicht ahnen wir hier schon, warum Paulus das dann eben als „vernünftigen Gottesdienst“ bezeichnen kann.

 

Warum bleibt er dann beim Wort „Opfer“, und sagt nicht gleich „Haltung“?

Weil er an der Radikalität des Begriffs festhält.

Ein Opfer ist für uns bis heute etwas Schmerzhaftes.

Opfer hat mit Verzicht zu tun. Opfer ist immer etwas Ganzes.

Man kann nicht einen Teil opfern.

Wer etwas opfert, gibt es aus der Hand.

 

Ich versuche, das an einem uns bekannten Sachverhalt klarzumachen.

Geschenkt ist geschenkt. Wiederholen ist gestohlen.

Zugriff verweigert.

Ich kenne immer wieder Menschen, die anderen große Geschenke machen; mit diesen Geschenken aber große Erwartungen verbinden.

„Ich schenke dir diese Bluse; aber die musst du dann aber auch dann und dort tragen.“

Oder: „Ich habe eurem Kind doch diese Baby-Jacke geschenkt! Warum trägt es die nie?“

Ein richtiges Geschenk ist eine Übereignung. Dann gehört es dem anderen; und er darf damit machen, was er will – auch, wenn es mir nicht passt.

 

So auch ein Opfer. Das ist unumkehrbar.

Antike Opfer wurden in der Regel verbrannt.

Ich kann keine Weihrauchkörner verbrennen und dann sagen: „Ich habe es mir anders überlegt; ich will sie wiederhaben.“ Die sind weg!

Ein Opfer ist unumkehrbar. Ein Opfer ist radikal. Ein Opfer ist eine definitive Übereignung.

 

Jetzt verstehen wir vielleicht, welche Radikalität Paulus meint, wenn er von unserer Hingabe spricht und dafür den Begriff „Opfer“ verwendet.

Christsein ist keine leichtfertige Sache.

Das kann man nicht heute tun und morgen lassen.

Das kann man nicht nur teilweise oder nebenher.

Das kann man auch nicht nur, wenn es einem gerade schlecht geht oder nur am Sonntag für eine Stunde.

Das kann man nur mit Haut und Haar.

 

Hingabe gibt es nur ganz oder gar nicht.

 

Wenn wir eine Partnerschaft leben, erwarten wir eigentlich auch volle Hingabe. Es würde uns nicht reichen, wenn jemand am Traualter verspricht: „Ich liebe dich mal für ein paar Jahre. Dann sehen wir weiter.“

Oder: „Mein Herz gehört dir; aber mit meinem Körper mache ich ganz andere Sachen.“

Hingabe heißt immer: ganz!

So auch in unserer Partnerschaft mit Gott, wenn wir sie leben wollen.

 

Das ist wie jede Ehe etwas Gewagtes, etwas Radikales: Aber hier wie dort gilt: Entweder ganz oder gar nicht.

Die Liebe verträgt keine halben Sachen.

 

Gott will keine Rituale, er will keine Lippenbekenntnisse, er will nicht nur ein paar warme Gedanken an den Festtagen – er will unser ganzes Leben.

Wie Martin Luther in seinen berühmten Thesen von 1517 von der Buße gesagt hat: „Wenn unser Herr und Meister Jesus Christus gesagt hat ‚Tut Buße!‘, dann hat er gewollt, dass das ganze Leben Buße – d.h. Umkehr – sein soll.“

 

Einzelne Rituale allein können es nicht sein.

Schon in der Antike regte sich philosophische Kritik am heidnischen Opferkult. Geschenke, Speisen und Opfergaben für die Götter: Das fanden damals schon viele denkende Menschen unvernünftig.

Und so stammt der von Paulus benutzte Begriff „vernünftiger Gottesdienst“ der Polemik der Stoiker.

 

  1. Vernünftiger Gottesdienst

Wir haben hoffentlich schon einiges davon begriffen, was das bedeutet. Im griechischen Original steht hier „logischer Gottesdienst“: Gottesverehrung, die Sinn macht.

Einzelne Rituale allein können es nicht sein.

Es geht um eine ganzheitliche Haltung des Menschen.

Und so sehr die moderne populäre Psychologie den Begriff der „Ganzheitlichkeit“ liebt, so sehr würden moderne Psychologen uns davor warnen, uns mit Haut und Haar ganz anderen zu übereignen.

Wer sich anderen vollkommen hingibt, der verliert doch seine Autonomie.

Und in der Tat wird es immer gefährlich, wenn Menschen sich anderen Menschen – seien es Partner, Eltern, Kinder, Idole oder Vorgesetzte – vollkommen ausliefern und als „lebendige Opfer“ hingeben. Das passiert leider viel zu oft.

 

Aber Achtung! Paulus ruft uns auf, uns Gott, dem Herrn, vollkommen auszuliefern. Hier geht es um keine andere Person, die uns manipulieren und dominieren könnte, hier geht es um den Schöpfer, der unser Leben doch ohnehin in der Hand hat.

Es wäre ja naiv zu glauben, dass unser Leben uns gehörte. Schon der Blick auf unsere Abhängigkeit von der Schöpfung, auf unsere Gesundheit und unsere beschränkten Möglichkeiten, unsere vielgestaltige Armut reicht aus, um uns klarzumachen:

„Nein, du hast dein Leben nicht in der Hand.“

Und wenn es nicht der leere Zufall sein soll, der dein Leben in der Hand hat, dann ist es eben der Schöpfer.

Und das anzuerkennen, ist schon der erste Schritt der vernünftigen Hingabe an Gott.

Eine Hingabe, die uns nicht zu Knechten macht, sondern uns vielmehr frei macht vor den vielen Machthabern und Manipulationen der Welt.

Wie Paulus so klar sagt: Stellt euch nicht dieser Welt gleich! Ihr müsst nicht das nachsprechen, was alle sagen. Bildet euch euer eigenes Urteil! Orientiert euch an Gott, eurem Schöpfer!

Prüft, denkt, nutzt euern Verstand! Aber orientiert euch nicht an der Welt, sondern an der ewigen Wahrheit!

 

Entscheiden Sie jetzt selber, ob man das als „vernünftige Religion“ bezeichnen kann.

Entscheiden Sie selbst, ob das „lebendige Opfer Ihres Leibes“ für Sie eine Zumutung ist oder eine sinnvolle Sache.

 

Ich bin jedenfalls froh, dass wir diese gehaltvolle Epistel an diesem Sonntag der Taufe Jesu bedenken.

Denn nichts zeigt uns so schön wie die Taufe, was es heißt, seinen Leib, der dem Schöpfer ohnehin schon gehört, durch Jesus Gott zu übereignen – mit Haut und Haar.

Da muss kein Tier sterben. Da muss kein Blut fließen. Das Blut des Gottessohnes reicht für alle Zeiten.

 

Da muss man nur ins Wasser steigen, und man kommt als neuer Mensch wieder raus.

„Ich bin in Christus eingesenkt. Ich bin mit seinem Geist beschenkt.“ (EG 200, 1)

Natürlich darf es nicht beim Ritual bleiben.

Jeder Tag unseres Lebens wartet darauf, dass wir sagen:

„Ich gebe dir, mein Gott, aufs Neue Leib, Seel und Geist zum Opfer hin;

Erwecke mich zu neuer Treue und nimm Besitz von meinem Sinn.

Es sei in mir kein Tropfen Blut, der nicht, Herr, deinen Willen tut.“ (EG 200, 5)

Lebendiges Opfer, vollständige Hingabe:

In weihnachtlichem Staunen klingt das ganz leicht:

„In seine Lieb versenken, will ich mich ganz hinab,

mein Herz will ich ihm schenken, und alles, was ich hab.“ (EG 32 ,2)

Amen.

1. Sonntag nach Epiphanias – Pfr. Dr. Michael Jonas