Sozialarbeit


“Uralt und lebendig jung” – Der römische Frauenverein feiert sein 125jähriges Bestehen!
 
Seit 125 Jahren treffen Frauen der römischen Gemeinde sich regelmäßig, um sich sozial zu engagieren, sich miteinander zu bilden, das Zusammensein mit den anderen zu genießen und natürlich auch (nicht immer deutschen) Kuchen zu essen. Sie treffen sich, um sich füreinander zu interessieren und sich auch mal aneinander zu reiben, Pläne zu schmieden und eine Pause von ihrem Alltag in der Familie oder als Alleinstehende zu machen. Sie treffen sich, um mit der Gemeinde und miteinander verbunden zu sein, Alltagstips und Famileinfreuden, Informationen über Kunst und Kultur in Rom und über die nächsten Gemeindeveranstaltungen auszutauschen, um den nächsten Ausflug oder den alljährlichen Riesenbasar zu organisieren, um zu besprechen, wer für das Himmelfahrts-Buffet einen Salat und für das Erntedankmittagessen eine Suppe beisteuert, wie es Frau X. geht und wer Frau Y. in der Klinik besucht oder Frau Z. einen Adventskranz nach Hause bringt.
Das pulsiert vor Leben; manchmal werden die Treffen fast zu einem Stehempfang, weil keine die Zeit findet, sich endlich mal zu setzen. Früher oder später kommt Ruhe ins Getümmel, ein Vortrag wird gehört, ein Thema miteinander diskutiert. Die Bandbreite ist weit, von der Auslegung der Jahreslosung oder einem anderen biblischen oder theologischen Thema, einer Bibelarbeit und Landesinformationen zum Weltgebetstag über Schillerballaden und Dramenlesung mit verteilten Rollen, Reiseberichte, Diavorträge oder eine Breakdance-Vorführung bis zu Themen wie Darwin, Einsteins Relativitätstheorie, Menschenhandel, Aidshilfe in Kamerun und wieder zur Lesung der Tageslosung und einem sehr persönlichen Gespräch darüber, wie erlebtes Leid sich auf die persönliche Gottesbeziehung auswirkt.
Dazu ein Mitglied des Frauenvereins: „Es ist eine warme, angenehme Gemeinschaft, eine vertrauensvolle Runde. Ja, das ist ohne Worte: wenn ich reinkomme, freut mich jedes Gesicht und die ganze Atmosphäre. Dies Vertrauen ohne Worte, dass wir frei sind, auch unsere Gedanken auszusprechen. Für mich ist wichtig, wenn ich Zweifel habe, zu wissen, dass sie gelöst werden können." Und eine andere: „Ich habe so viele nette und liebe Menschen hier kennengelernt. Mir ist auch wichtig, dass ich Deutsch sprechen kann, weil ich nie Deutsch gesprochen habe, nur geschrieben im Büro."
125 Jahre - weit mehr als ein Menschenleben! Als „uralt" versteht sich der Frauenverein daher auch, und zugleich „lebendig jung".
Entstanden ist dieser Zusammenschluss evangelischer und meist, aber nicht nur, deutscher Frauen in Rom aus sozialen Notwendigkeiten heraus und im Bewusstsein, wie ein alter Bericht aus dem Archiv des Frauenvereins es ausdrückt, dass „es Aufgabe jeder Gemeinschaft, die sich nach Christus benennt, ist, die Liebe des Nächsten in dem Sinne, wie sie der Herr beispielsweise in dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter ausgelegt hat, als Dienst- und Hilfeleistung zu bestätigen".
Zunächst mussten sich die deutschen evangelischen Frauen in Rom das zweimal sagen lassen. Ersten Anregungen des damaligen Gesandtschaftspredigers, Freiherr von der Goltz, in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts, zum Zweck gemeinsamer praktischer Arbeit in der Gemeinde einen evangelischen Frauenverein zu gründen, waren die Frauen noch nicht zugänglich, sie hielten ihn damals nicht für nötig.
Doch 1885 wurde dann durchgestartet! Sechs Frauen gründeten am 27. März zusammen mit Botschaftsprediger Roennecke einen evangelischen Frauenverein mit drei Aufgabenbereichen: „1. Förderung des christlichen Lebens ...; 2. Armenpflege; 3. Fürsorge für die Kranken" und betrieben kräftig Mitgliederwerbung. Schon der erste Jahresbericht zählte fünfzig Mitglieder auf.
Kaiserswerther Diakonissen wurden nach Rom geholt und Mittel für ihren Unterhalt beschafft, die Casa delle Diaconesse (heute das Hotel „Casa Valdese") wurde eingerichtet und eine seit mindestens 1949 andauernde Basartradition begründet, damit Geld reinkam; die Gemeinde bekam eine Gemeindeschwester (heut Sozialdiakonin) und Kleidung für Arme wurde genäht. Aber auch Feste wurden gefeiert, und Vorträge und Gespräche waren wichtig.
All dies wird nachzulesen sein in einer in enger Zusammenarbeit mit dem Frauenverein zusammengestellten Festschrift von Professor Jürgen Krüger. „Frauen schaffen Gemeinschaft" ist ihr Arbeitstitel, und ihre Vorstellung wird das Festprogramm vom 17. bis 21. März einleiten.
Der römische Frauenverein hat schwierige Zeiten durchgemacht und überdauert, Kriege und Hungerzeiten, deutsch-italienische Verbrüderungen und Verfeindungen mit Folgen für das Leben der Deutschen in Italien, Wiederaufbau in Nachkriegszeiten, Wirtschaftswunder und Welt-Finanzkrisen. Eine Lektüre der durch bewegte Jahre nicht mehr lückenlos existierenden Jahresberichte ist spannend und löst Freude und Staunen darüber aus, wie lebendig dieser alte Verein immer noch ist, wie er sich im Lauf der Zeit gewandelt hat, aber auch mit Durchhaltevermögen und Treue an wichtigen Themen und Aktivitäten festgehalten hat. Auch darüber in der Festschrift mehr!
Bei allem finden sich die Frauen des römischen Frauenvereins im biblischen Schwesternpaar Maria und Marta wieder. „Maria und Marta" - ein klassisches Thema, ein klassischer „Grundkonflikt" für Frauen und für einen Frauenverein. Treffen sich die Frauen im Frauenverein nur bei Kaffee und Kuchen, oder geht es da auch um etwas anderes? Sind sie nur bei der Organisation und Durchführung des Basars so eifrig dabei, der alle Helfer und die Gemeinde vereint, und tragen sie nur die praktische Sorge umeinander und um die Gemeindeveranstaltungen? Oder sind sie auch ernstzunehmende und ernstnehmende Gesprächspartnerinnen und Zuhörerinnen?
Beides verbindet sich im Frauenverein der Gemeinde Rom miteinander und ergänzt sich auf gute Weise, sowohl das Maria-Sein als auch das Marta-Sein, jedes zu seiner Zeit.
125 Jahre Frauenverein - wenn das kein Grund zum Feiern war. Das fand vom 17. bis zum 21. März 2010 statt und die Festschrift kann beim Pfarramt bezogen werden. Wir bitten Gott um seinen Segen und sein Nahesein viele weitere Jahrzehnte.

Sozialdiakonin Katja Krummacher
 
Treffpunkt: im Gemeindesaal jeden Mittwoch um 16.30 Uhr in der Sommerzeit und um 16.00 Uhr von Ende Oktober bis Ende März.