MONTAG, 03. APRIL 2017

POLITIK

Luther-Erwachen in Rom

Die evangelische Gemeinde in Rom feiert mit einem ökumenischen Gottesdienst ihr 200-jähriges Bestehen. Selbst der Papst sendet seine Glückwünsche.

Von Jörg Bremer

ROM, 2. April

Mit einem ökumenischen Gottesdienst, bei dem weder Pauken noch Trompeten fehlten, feierte Roms deutschsprachige evangelisch-lutherische Gemeinde in ihrer eigenen Kirche am Sonntag mit Jubel, was vor 200 Jahren als riskante Unternehmung konspirativ begonnen hatte. Damals lud der zweite Sekretär der Gesandtschaft beim Heiligen Stuhl, Christian Karl Josias von Bunsen, in der Stadt der Päpste zu einem ersten protestantischen Gottesdienst ein. Da eine evangelische Liturgie nicht offen zelebriert werden durfte, bat der preußische Diplomat in seine Wohnung. Am Sonntag dagegen konnte Gemeindepastor Jens-Martin Kruse den Glückwunsch von Papst Franziskus verlesen, in dem der sich für jenen Besuch in der Christuskirche im November 2015 bedankte, bei dem er der Gemeinde einen Abendmahlskelch geschenkt und auf den Wunsch eines katholisch-evangelischen Paares nach der gemeinsamen Eucharistie mit dem Pauluswort geantwortet hatte: „Nehmt stets auf die Taufe Bezug: ,Ein Glaube, eine Taufe, ein Herr‘, sagt uns Paulus, und von daher zieht die Schlussfolgerungen. Sprecht mit dem Herrn, und geht voran.“ Nach Johannes Paul II. und Benedikt XVI. war jener Besuch von Franziskus der dritte eines Papstes in dem evangelischen Gotteshaus, mit dessen Planung die Protestanten erst nach dem Zusammenbruch des Kirchenstaats 1870 beginnen konnten. 1922 wurde die Christuskirche mit demselben Geläut eingeweiht, das früher auch von Luthers Schlosskirche in Wittenberg erklang. In den vergangenen Jahrzehnten wuchs der Einfluss dieser Diaspora-Gemeinde als Vorreiter der Ökumene in Rom, wo mehr als 90 Prozent der Bürger Katholiken sind und viele den Protestantismus nicht kennen. 1998 war das Gespräch zwischen Josef Ratzinger, dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation und späteren Papst, mit dem Berliner Bischof Wolfgang Huber am Altar der Kirche ein Baustein für die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre im Jahr darauf. Jetzt folgte auf jene Worte von Franziskus zur Eucharistie sein Auftrag an seine Bischofskonferenz in Deutschland, zunächst fürs Land der Reformation die theologischen Hürden für das Abendmahl nach Paulus zu überwinden.

Bei einer erstmals gemeinsamen Audienz für die zwei Chefs der beiden wichtigsten deutschen Kirchen, den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Reinhard Marx sowie den Präses der Evangelischen Kirche (EKD) Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, erneuerte der Papst diesen Auftrag im Februar. Am Samstag dann überreichte der frühere Chef des Einheitsrates Kardinal Walter Kasper zum Fest der Gemeinde wie ein Geschenk die Versicherung: „Vielleicht wird es noch in diesem Jahr“ so weit sein. Schon liegt bei der Bischofskonferenz ein abschließendes Papier, das die Teilnahme gemischtkonfessioneller Paare regelt; noch aber zögern sieben der 27 Diözesanbischöfe gegen den Wunsch des Papstes mit ihrer Unterschrift.

In seiner Rede beim Festakt zum 200. Geburtstag am Vorabend des Gottesdienstes im Haus der Malteser über dem Augustusforum, das der katholische Orden der evangelischen Gemeinde als Festgeschenk kostenfrei zur Verfügung stellte, hatte Kasper am Samstagabend weiter gesagt: „Wenn Evangelische in Rom 1817 nur privat feiern durften, dann teilten sie das Schicksal vieler Katholiken in evangelischen Ländern.“ Mittlerweile sei die Freundschaft zwischen den Konfessionen „prächtig entwickelt“. Martin Luther „würde sich bestimmt freuen, wenn er das miterleben könnte“. Durch die Teilnahme des katholischen Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt Reiner Haseloff am Festakt und am sonntäglichen Gottesdienst war etwas vom Geist der Heimat Luthers mit nach Rom gekommen.

Bei dem Festakt wurde deutlich, dass die Aussöhnung zwischen Evangelischen und Katholiken nicht nur eine religiöse Sache ist: „Wir reichen uns die Hände und lassen sie nicht mehr los“, sagte Kasper, denn „die Christenheit braucht diese Einheit in der säkularisierten und von Gleichgültigkeit getriebenen Welt“. Politischer sagte Haseloff: „Die Eindringlichkeit, mit der wir in Rom unserer deutschen Geschichte begegnen, ist eine bedeutsame Verheißung für unser gemeinsames Europa.“ Mit ihrer Arbeit trage die kleine Gemeinde nicht nur zur Ökumene, sondern auch zum europäischen Einigungsprozess bei.

Der EKD-Vorsitzende Bedford-Strohm forderte dazu auf, den 200. Geburtstag als Anlass dafür zu nehmen, Christi Botschaft von Glauben und Liebe neu ins Zentrum gesellschaftlichen Denkens zu rücken. Dabei gebe es keine ökumenischen Grenzen. Tatsächlich hat sich in dieser Hinsicht in Rom vieles verändert. Noch vor wenigen Jahren wollte man im Vatikan bestenfalls der 500 Jahre Reformation „gedenken“. Jetzt wird dagegen ein „gemeinsames Christusfest“ mit einer gemeinsamen Bußliturgie gefeiert; und Rom erlebt ein Luther-Erwachen: Nicht nur gibt es mittlerweile eine „Piazza Martin Lutero“. Beichtväter in Sankt Peter studieren Luthers Katechismus. Die Historische Kommission des Vatikans richtete eine historische, die Jesuitenhochschule Gregoriana eine theologische Luther-Tagung aus. Beide erwiesen, dass Theologen und Historiker nur die Bausteine der Gemeinsamkeiten zusammensetzen müssen, um angeschoben von Feiern wie „500 Jahre Martin Luther“ oder „200 Jahre evangelisch-römische Gemeinde“, über die Floskel „versöhnter Verschiedenheit“ zu einer „Einheit mit Unterschieden“ zu kommen