Johannes 4,46-54

Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte.

Und es war ein Mann im Dienst des Königs; dessen Sohn lag krank in Kapernaum.

Dieser [Mann] hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa kam,

und ging hin zu ihm und bat ihn,

herabzukommen und seinem Sohn zu helfen; denn der war todkrank.

 

Und Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.

Der Mann sprach zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!

 

Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin.

Und während er hinabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten:

Dein Kind lebt.

 

Da erforschte er von ihnen die Stunde, in der es besser mit ihm geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber.

 

Da merkte der Vater, dass es die Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.

 

Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam.

 

Liebe Gemeinde,

zwischen Rom und dem alten Ostia liegen 26 Kilometer.

Vielleicht kommt uns die Entfernung durch den Verkehr, der auf unseren Straßen herrscht, viel größer vor

Aber es sind nur 26 Kilometer.

Diese Entfernung legen wir immer wieder zurück, wenn es einen Grund gibt.

Im Sommer zum Beispiel, wenn wir ans Meer fahren, oder wenn wir die Ausgrabungen besichtigen wollen.

26 km hin und her: Keine große Entfernung, wenn es sein muss.

 

Es muss auch nicht unbedingt Ostia sein:

Nach Frascati sind es auch 26 km oder nach Castel Gandolfo.

26 km sind heute nicht weit. Mit dem Auto in einer halben Stunde zu bewältigen.

Wir legen solch eine Entfernung ohne großes Zögern zurück, wenn wir etwas besuchen wollen, zu einer Veranstaltung oder zum Arzt.

26 km sind heute nicht weit.

Und jetzt fragen sich die römischen Gottesdienstbesucher langsam, was um alles in der Welt der Pfarrer Jonas andauernd mit der Entfernung nach Ostia oder nach Frascati hat.

Was haben 26 km in der Predigt zu suchen?

 

Ich will es Ihnen sagen:

Es waren genau 26 km, die dieser königliche Beamte im Johannesevangelium zurückgelegt hat, um zu Jesus zu kommen.

Von Kapernaum, wo er wohnte, ist er die 26 km ins Dorf Kana gelaufen.

Er hat 26 km überwunden – nicht um einzukaufen oder ans Meer zu kommen, sondern, um Jesus etwas zu bitten.

Er muss von diesem Jesus gehört haben, von seiner Macht, von seinen Wundern, von seinen Worten.

Er muss sich nach diesem Jesus erkundigt haben, wo er denn gerade sein muss.

Und sobald er gehört hat, dass sich Jesus in dem kleinen Ort Kana aufhält, wo Jesus Verwandte hatte, und wo er auch eine Hochzeit besucht hatte, läuft er los nach Kana.

Denn die Zeit drängt.

Sein Sohn liegt mit schwerem Fieber im Bett. Er droht zu sterben. Die Ärzte in Kapernaum können nichts mehr machen.

Und dann setzt er seine ganze Hoffnung auf diesen Jesus, von dem er gehört hat.

Wenn noch einer helfen kann, dann der!

Er läuft los: 26 km vom See Genezareth in die Berge nach Kana.

 

Was müsste passieren, dass wir so eine Distanz zurücklegen, nicht um einzukaufen oder einen Ausflug zu machen, sondern um Jesus zu begegnen?

26 km sind zu Fuß durchaus machbar. Die älteren Generationen sind solche Distanzen früher öfter gelaufen.

Unsere junge Generation ist das nicht mehr so gewohnt.

 

Wie dem auch sei, wie groß wir die Distanz von 26 km auch empfinden:

Dieser Mann aus Kapernaum hat sie überwunden.

 

Und Jesus hat diese Distanz überwunden. 26 km waren für ihn kein Hindernis.

 

Ich habe heute manchmal den Eindruck, dass die Menschen bei uns zwischen Jesus und uns manchmal viel größere Distanzen spüren als diese 26 km.

Sollen wir sonntags zum Gottesdienst? Ach, der ist so früh.

Sollen wir beten? Ach, nein, das ist so ungewohnt und das könnte auch peinlich wirken?

Sollen wir uns auch in gesellschaftlichen Fragen zum Glauben bekennen? Ach nein, dann müsste man sich ja festlegen und würde in eine Ecke gestellt.

 

Liebe Gemeinde,

zwischen so vielen Menschen und Gott steht heute eine sonderbare Distanz, die viel größer ist als diese 26 km.

Und der Beamte aus unserer Geschichte ist uns allein schon darin ein Vorbild, dass ihn keine Distanz aufhält.

Es sind einige Stunden zu laufen – egal!

Er weiß gar nicht, wo Jesus genau steckt – egal!

Er hat noch gar nicht zuvor mit Jesus gesprochen – egal!

 

Und Sie müssen sich vorstellen, dass da ein ehrenwerter Mann losläuft.

Dieser Beamte wird sonst Boten und Diener losgeschickt haben.

Dieser Mann wird sonst nicht allein gereist sein. Dieser Mann kam aus der Oberschicht. Der hatte einen Ruf zu verlieren:

„Schaut mal, wie verzweifelt der ist.“, werden die Leute gesagt haben, „jetzt rennt der sogar los in die Berge.“

 

Ihn hält nichts.

Klar, werden Sie sagen, sein Kind lag im Sterben, da macht ein Mensch alles.

Wir würden heute wahrscheinlich auch 1000 km fahren, wenn man da einen Arzt findet, der hilft.

Aber es ist nicht nur die Not, die diesen Mann treibt, es ist auch der Glaube, dass ihm dieser Jesus von Nazareth helfen kann.

Und wir dürfen nicht vergessen:

Dieser Mann lässt sein Kind zurück. Es könnte sterben, während er weg ist.

Es riskiert es.

Er setzt alle seine Hoffnung auf die eine Karte: Jesus!

 

Und die Hindernisse sind nicht überwunden, als er nach 26 km bei Jesus ankommt:

Jesus weist ihn, als er ihn endlich gefunden hat, erst einmal schroff zurück:

„Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“

Jesus unterstellt dem Beamten erst einmal eine Sehnsucht nach Wundern.

 

Aber der Mann lässt sich nicht abbringen und beweist so seinen Glauben:

„Jesus, komm herab, sonst stirbt mein Kind!“

 

Um die Lust einem Wunder geht es hier gar nicht. Und das wird an diesem wunderbaren Bericht auch klar.

Goethe hat in seiner abgehobenen Sicht vom Christentum so nett gesagt:

„Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.“ (Faust I, Nacht)

 

So als wäre der Glaube nichts anderes als eine erhöhte Bereitschaft, sonderbare Ereignisse und esoterische Erfahrungen zu sehen.

Gläubige Menschen sind diejenigen, die es nicht so ernst nehmen mit der Realität, die überall Mächte und geheime Wirkungen vermuten.

Gläubige Menschen sind diejenigen, die jede noch so absurde Geschichte glauben, die ihnen erzählt wird.

Und solche gläubigen Menschen (die Goethe freilich verachtet) sehnen sich gewissermaßen nach Wundern.

 

Aber wird diese Einschätzung dem Mann gerecht, der da 26 km aus Kapernaum heraufkam, um Jesus um etwas zu bitten?

Dieser Mann wollte doch kein Wunder und kein Spektakel.

Dieser Mann wollte doch keine Geschichte, die er nachher überall herumerzählen kann, dieser Mann wollte einfach bloß Hilfe für sein sterbendes Kind.

Ist das Wundersucht? Ist das naive Gutgläubigkeit? Ist das Sensations-Gier?

Ich würde sagen: Nein!

 

Dieser Mann will kein Spektakel von Jesus, er will das er mitkommt.

Er sagt: „Jesus komm mit herab in mein Haus, sonst stirbt mein Kind.“

 

Dieser königliche Beamte sucht keine Vorführung von Jesus; er will, dass er mit ihm geht und ihm hilft.

 

Glaube ist keine Wundersucht, Glaube ist eine belastbare Beziehung.

Das zeigt uns die Begebenheit im Dorf Kana.

Es geht nicht um Spektakel und Geschichten, sondern es geht um eine belastbare Beziehung zu Jesus.

Eine Beziehung, in der ich weiß:

Du kannst mir helfen.

Bei dir finde ich Halt.

Zu dir kann ich kommen, wenn mich auch sonst keiner anhört.

 

Der königliche Beamte will kein Wunder, damit er danach glauben kann, sondern er verlangt das Wunder, weil er schon glaubt.

Ohne Glauben hätte er sich gar nicht auf den Weg gemacht und wäre die 26 km gelaufen.

 

Wunder sind nicht dazu da, dass die Menschen danach applaudieren und Jesus gut finden.

Glaube ist etwas ganz anderes.

Glaube ist eine Beziehung, in der ich bei Jesus suche, was ich brauche. Und dann werde ich das eine oder andere Wunder erleben.

Und diese „Wunder“ sehen anders aus, als wir Menschen sie erwarten.

 

Es gibt kein Wunder im Neuen Testament, bei dem Jesus wie ein Zirkusclown das ausführt, was das Publikum sich von ihm wünscht.

„Mach doch mal Wasser zu Wein!“, oder: „Geh doch mal über das Wasser!“

 

Niemand hat sich das vorher gewünscht. Jesus tat immer souverän das, was er wollte.

 

Auch in unserer Geschichte:

Der Beamte hat sich gewünscht: Komm herab mit mir zu meinem Kind.

Dann kannst du ihm vielleicht an seinem Bett helfen, ihm die Hände auflegen oder es berühren.

 

Aber Jesus hilft ganz anders:

Er geht nicht mit, sondern lässt den Mann allein zurück zu seinem Kind gehen.

Jesus sagt:

„Geh hin, dein Sohn lebt!“

Und der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin.

 

Liebe Gemeinde,

das ist Glaube! Nicht festhalten an dem, was man sich vorgestellt hat:

Jesus, ich hatte da doch so eine gute Idee, ich hatte doch schon alles eingefädelt und du hättest nur noch mitmachen müssen.

 

Wir stellen uns oft alles so schön vor und Jesus ist dann nur noch da, um die Lücken zu füllen.

„Ich kriege alles so gut hin; aber an der oder jener Stelle brauche ich noch ein bisschen göttliche Hilfe.“

Aber dabei kommt es im Leben doch immer ganz anders:

 

Dieser Beamte lässt sich darauf ein.

Das ist Glaube!

Dieser Mann vertraut dem, was Jesus sagt:

„Dein Kind lebt. Geh hin!“

 

Kein Beweis. Kein Wunderzeichen. Kein Vertrag.

Nur das blanke Vertrauen.

Und er geht zurück nach Kapernaum, 26 km liegen vor ihm.

Und dann kommen ihm schon seine Diener entgegen und sagen:

„Dein Kind lebt. Es ist wieder gesund.“

 

Das ist Glaube. Kein Spektakel, kein Zirkus.

Sondern ein Weg im Gehorsam gegen Jesus, auf dem ich immer wieder die Erfahrung machen kann: Jesus sorgt für mich. Er erfüllt meine Wünsche.

Anders als ich es gedacht hätte. Oft anders, als ich es mir gewünscht hätte.

Aber da kommen mir immer wieder gute Nachrichten entgegen.

 

Dieser königliche Beamte aus Kapernaum wird uns zum Vorbild.

Er geht tapfer allein seinen Weg.

Er hat nichts anderes im Gepäck als das Versprechen, das Jesus ihm gegeben hat.

Er wusste nicht, wie es ausgeht.

Und er durfte im Nachhinein erkennen: Da hat Jesus gewirkt.

 

Da erforschte er von seinen Dienern die Stunde, in der es mit dem Kind besser geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber.

 

Da merkte der Vater, dass es die Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt.

 

Das sind die schönen Erfahrungen des Glaubens; dass wir merken: da hat Jesus mir geholfen. Da war er da. Da war er mir nahe. Da hat er gewirkt.

Egal, ob 26 km dazwischenliegen wie in unserer Geschichte oder der ganze Himmel.

Jesus ist da. Jesus ist nahe. Jesus wirkt.

 

Und jetzt können wir uns noch fragen, warum diese ganze Begebenheit denn überliefert wurde.

Es lag nicht am Spektakel. Das war nämlich keines.

Die Geschichte würde erzählt und überliefert, weil die ganze Familie des Beamten zum Glauben kam.

Und diese Familie wird ihre „Gründungsgeschichte“ immer wieder erzählt haben und die ersten Christen in Galiläa werden sie immer wieder gehört haben. So kam dieser Bericht letztlich ins Johannesevangelium.

 

Nicht wegen des Spektakels, sondern wegen des Glaubens!

Und das kann uns ja zu der Frage führen:

Warum sind wir denn Christen?

Warum kommen wir in die Kirche?

Ich hoffe, nicht wegen des Spektakels, sondern wegen des Glaubens,

weil wir auch Erfahrungen machen wie diese Familie:

Die Beziehung zu Jesus ist belastbar. Von dem kann ich alles erbitten.

 

Und tun wir nicht so, als ob wir diese Erlebnisse, die die Menschen damals mit Jesus gemacht haben, nur aus der Fern beobachten würden!

Die damals waren wundergläubig und naiv und arm dran.

Wir aber wissen – abgeklärt und gebildet, was Glaube ist.

 

Tun wir nicht so, als ob wir den Glauben sicher in der Tasche hätten.

Sehen wir uns doch viel näher an diesem Beamten aus Kapernaum, der auf dem Weg war mit Erwartungen und Fragen, mit Angst und mit Zweifeln.

Und der Jesus in Kana zum ersten Mal begegnete.

 

Martin Luther hat es einmal so gesagt:

„Unser Herz soll alleweg so stehen,

als fingen wir heute an zu glauben.

Und alle Tage [sollen wir] so gesinnt sein,

als ob wir das Evangelium noch nie gehört hätten.

Man muss alle Tage [neu mit dem Glauben anfangen].“

 

Ja, das ist wahr:

Angst und Fragen, die Suche nach Hilfe:

Das alles muss uns auch dazu bringen, zu Jesus loszugehen und Distanzen und Hindernisse zu überwinden.

Aber eins ist sicher: Jesus ist schon auf dem Weg uns entgegen.

Und er überwindet dabei gerne auch mehr als 26 km.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.