Predigt am ersten Sonntag nach Epiphanias (13. Januar 2018) zu Jos 3,5-11.17

 

  1. Einleitung: Indiana Jones, Jäger des verlorenen Schatzes

Liebe Gemeinde,

das Jahr 1981 hatte cineastisch einiges zu bieten. Neben dem obligatorischen abendfüllenden Disneyfilm, in diesem Jahr „Cap und Capper“, erschienen ein neuer James Bond – „007 in tödlicher Mission“, der erste mit Roger Moore, sowie der Bud-Spencer-Film „zwei Asse trumpfen auf“. Auch das deutsche Kino hatte mit „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Das Boot“ zwei Schmankerln zu bieten.

Doch der erinnerungswürdigste Film dieses Jahres war zweifellos „Jäger des verlorenen Schatzes“.

Der Archäologe Indiana Jones jagt in diesem Film der Bundeslade hinterher und wird seinerseits von sinisteren Nazischergen gejagt.

Nach einigem Vorgeplänkel beginnen diese in der Nähe von Kairo nach der Lade zu graben.

Doch da den Nazis eine entscheidende Information fehlt: Dass man bei der Berechnung des Fundortes zu Ehren des hebräischen Gottes ein Kadam, also einige Zentimeter, abziehen muss, suchen sie an der falschen Stelle.

Indy hingegen gräbt am richtigen Ort und findet die Öffnung zur „Quelle der Seelen“ und damit die Bundeslade. Doch, wie könnte es anders sein, wird er dort von den Nazis überrascht.

Diese lassen die Lade abtransportieren und zelebrieren in der Gewandung eines Hohepriesters ein feierliches Ritual.

Als zwei Soldaten den Deckel der Lade abheben schweben übernatürliche, geisterhafte Leuchterscheinungen aus der Lade und umkreisen die Anwesenden.

Schließlich brechen Blitze aus der Lade hervor und zerschmelzen alle Anwesenden bis auf Indiana Jones und seine Begleiterin, die mit geschlossenen Augen das Inferno überleben.

Zurück in den USA hofft der Archäologe die Lade untersuchen zu dürfen, was ihm allerdings verwehrt wird.

Diese wird in einer mit „streng geheim“ beschrifteten Holzkiste verstaut und in einem riesigen Lagerraum unter Tausenden gleichartigen Holzkisten verwahrt.

 

 

  1. Predigttext: Jos 3,5-11.17

Die biblischen Geschichten von der Bundeslade sind freilich weniger hollywoodreif, weniger reißerisch als die von Steven Spielberg.

Der heute Predigttext, einer der zentralen „Ladentexte“ markiert den Beginn der Landnahme. Er erzählt von dem Moment als die Israeliten, nach dem Auszug aus Ägypten und der Zeit in der Wüste, ins verheißene Land Kanaan übertreten.

Ich lese aus dem Buch Josua, Kapitel 3, die Verse 5 bis 11 und 17:

5 Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der Herr Wunder unter euch tun.

6 Und Josua sprach zu den Priestern: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her.

7 Und der Herr sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein.

8 Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen.

9 Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des Herrn, eures Gottes!

10 Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter:

11 Siehe, die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan.

17 Und die Priester, die die Lade des Bundes des Herrn trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.

 

  1. Die Bundeslade: Ort der Präsenz Gottes

Liebe Gemeinde,

Was war sie denn nun eigentlich, diese mysteriöse Bundeslade? Zumindest einiges können wir über sie aus der alttestamentarischen Überlieferung erfahren:

Die Lade war am Sinai aus Akazienholz gefertigt worden und außen und innen mit  Gold überzogen. Eine vergoldeten Platte mit darauf stehenden Engelsfiguren, sogenannten Keruben bekrönte den Kasten. Durch hölzerne Tragestangen wurde die Lade zum tragbaren und transportablen Heiligtum.

Nach der Zeit der Wanderschaft hatte sie ihren Standort in Silo, etwa in der Mitte des Landes Israel. Von David wurde sie nach Jerusalem gebracht und unter Salomo schließlich im Tempel aufgestellt.

Dort hatte sie ihren Platz zwischen zwei großen steinernen Keruben und trat hinter diesen zurück, sodass sie in der Folge auch als „Fußschemel Gottes“ bezeichnet wurde.

In der Lade wurden die Tafeln des  Dekalogs (Dtn 31,26) sowie  ein Krug mit Manna und der Stab des Aarons (Heb ,4) aufbewahrt.

Wahrscheinlich existierte die Lade durch die ganze Königszeit hindurch im Jerusalemer Tempel. Es gibt aber keine Nachricht über ihr Ende, auch nicht im Zusammenhang des Berichtes von der Plünderung und Zerstörung des Tempels durch die Babylonier. Sicher ist nur, dass sie am Ende der Königszeit verloren ging.

Dieses spurlose Verschwinden der Lade erlaubte die Entstehung von zahllosen Legenden.

So behauptet etwa die Überlieferung der äthiopischen Kirche, dass die Bundeslade vom Gefolge Meneliks, des Sohnes von Salomon und der Königin von Saba, gestohlen und durch eine Replik ersetzt wurde. Dieser brachte die echte Lade nach Aksum, der heiligen Stadt Äthiopiens, wo sie sich bis heute befinde.

Auch zahlreiche mysteriöse Auffindungsgeschichten gibt es. Schon von den Tempelrittern wurde kolportiert sie haben die Lade entdeckt und beiseitegeschafft. Zuletzt behauptete 1981, also im Erscheinungsjahr von Indiana Jones, der Amerikaner Tom Crotser im Berg Nebo die Bundeslade gefunden zu haben. Er fertigte nur einige Fotos an, über die der Archäologe Siegfried Horn, ernüchtert resümierte: Nur auf zwei der Aufnahmen sei überhaupt etwas zu erkennen gewesen, und dieses sei keinesfalls altertümlich, sondern ein modernes Produkt mit teilweise maschinell gefertigtem Dekor.

Aber damit entfernen wir uns schon wieder viel zu weit von unserem Predigttext und nähern uns den modernen Mythen rund um Indiana Jones.

Also zurück zum biblischen Befund: Sicher auch der Predigttext hat wundersame Züge, wenn er beschreibt wie das Wasser des Jordans vor der Lade zurückweicht, sodass das Volk trockenen Fußes hindurchziehen kann.

Doch die theologische Aussage dieser Erzählung ist das eigentlich Interessante: Welche Vorstellung von Gott verbindet sich mit dem Gegenstand der Lade?

Die entscheidende Funktion der Lade war, dass sie ein bewegliches Symbol göttlicher Macht und Präsenz darstellte.

In ihr wird Gott als gegenwärtig gedacht, von hier zieht er Israel voran, und unterstützt es im Kampf.

Bei der eben gelesenen Erzählung hilft die Präsenz Gottes bei der Durchquerung des Jordan (Jos 3) und bekannt ist auch die „Bundesladenepisode“ rund um die Eroberung Jerichos (Jos 6).

Diese Vorstellung der mächtigen Präsenz, der Gegenwart Gottes, geht mit der Überführung der Lade in den neu erbauten Salomonischen  Tempel auf diesen über. Jahwe thront in seinem Heiligtum auf dem Zion.

Doch der erste Tempel wird bei der Eroberung Jerusalems 586 v. Chr. zerstört. Und auch vom später erbauten Zweiten Tempel bleibt nach der Eroberung Jerusalems durch römische Truppen im Jahr 70 n. Chr. nur noch die Klagemauer.

 

  1. Gott verheißt auch heute seine Nähe

So mussten sich die Juden, nach Verlust von Bundeslade und Tempel, neue Orte der Gottesgegenwart erschließen. Die Nähe Gottes in ihren Riten und Bräuchen und in der Befolgung des Gesetzes spüren.

Und auch uns ist, wie unseren älteren Glaubensbrüdern, die Nähe Gottes verheißen. So etwa, wenn Christus im Matthäusevangelium (Mt 28,20) spricht: Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Was aber könnten für uns konkret erfahrbare Momente der Präsenz Gottes in unserem Leben sein? Was gibt uns Gewissheit, dass Gott bei uns ist? Was sind die Bundesladen in unserem Leben?

Zunächst einmal kann es helfen sich hierfür auf das Proprium des heutigen Sonntages zu besinnen: Wir haben die Lesung über die Taufe Jesu gehört.

„Ich bin getauft“ diese drei Worte müssen Martin Luther viel Kraft gegeben haben – so sehr muss er sich durch sie von Gott geliebt und begleitet gewusst haben, dass er sie auf sein Pult schrieb, wenn ihn die Anfechtung überkam. Auch in der lutherischen Tradition gibt es den Brauch, sich immer wieder an die eigene Taufe zu erinnern. So wird in manchen Gemeinden regelmäßig im Gottesdienst eine Tauferinnerung gefeiert. Mit Wasser wird den Gottesdienstbesuchern ein Kreuz auf die Hand gezeichnet.

Als Vergegenwärtigung der Zusage: Ich bin getauft. Nichts kann mich scheiden von der Gegenwart und Liebe Gottes.

Aber auch unabhängig von der Taufe gibt es zahlreiche Momente, in denen wir die immerwährende und fürsorgliche Präsenz Gottes ganz deutlich wahrnehmen dürfen:

Wenn wir ein Stoßgebet gen Himmel senden, wenn wir den Gottesdienst besuchen, wenn wir in einer stillen Kirche beten oder eine Kerze entzünden, wenn wir Musik hören oder machen, wenn wir durch die wunderbare Schöpfung wandeln.

 

  1. Einstimmen in den Klang: Gott ist gegenwärtig

Immer dann mag uns die „Erinnerung der herrlichen und lieblichen Gegenwart Gottes“ überkommen.

Eben dies, die „Erinnerung der herrlichen und lieblichen Gegenwart Gottes“ ist der ursprüngliche Titel des Liedes „Gott ist gegenwärtig“, das Gerhard Tersteegen 1729 veröffentlichte.

Dem Kirchenlieddichter und Mystiker war das Verspüren der Präsenz, das Innewerden der Anwesenheit des unendlichen Gottes ein besonderes Anliegen.

Immer, wenn wir die Gegenwart Gottes gewahr werden, dürfen wir mit einer inneren Melodie auf der Seele in seine Zeilen einstimmen:

„Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten.

Herr komm in mir wohnen, lass mein Geist auf Erden dir ein Heiligtum noch werden; komm du nahes Wesen, dich in mir verkläre, dass ich dich stets lieb und ehre. Wo ich geh, sitz und steh, lass mich dich erblicken und vor dir mich bücken“.

Amen.