Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

Karl ist zu Besuch bei seinem Freund Willi und dessen Frau. Während des ganzen Abendessens spricht Willi seine Frau nur mit ‚Schatzi‘, ‚Mausi‘, ‚Engelchen‘ usw. an. Nach dem Essen, als die beiden mal eine kurze Zeit alleine sind, spricht Karl seinen Kumpel an: „Mann, ich finde das voll cool, dass du deine Frau nach all den Ehejahren noch immer mit solchen Bezeichnungen ansprichst, wie ein junger Verliebter.“ Darauf Willi: „Nun, um die Wahrheit zu sagen, ich habe vor drei Jahren ihren Namen vergessen.“

 

An dem heutigen Sonntag geht es in den gelesenen biblischen Texten darum, was ja alles verloren gehen  kann um dann wieder gefunden zu werden. Manchmal können es Gegenstände, Wertsachen oder Menschen sein, aber auch im übertragenen Sinne, können es Fähigkeiten, Ideen oder Lebenseinstellungen sein, die ja verloren gehen. Oder auch unser Gedächtnis, wie beim Willi, der den Namen seiner Frau vergessen hat.

 

Und was ist Dir in der letzten Zeit verloren gegangen? Was hast du verloren an Materiellem, das dich geärgert oder dir wehgetan hat? Und was hast du im geistlichen Sinne verloren? Ist dir vielleicht deine Zuversicht, dass die Menschheit sich immer weiter in eine positive Richtung bewegt, abhanden gekommen? Oder der Glaube daran, dass die Politik und Wirtschaft zum Wohle ihrer Mitmenschen tätig sind? Oder ist Dir sogar dein Glauben als solcher in einer gerechten Welt oder sogar Gott verloren gegangen?

 

Wenn ich auf unsere Welt schaue, hier in Europa, aber auch weltweit, dann fallen mir viele Sachen ein, die mir in der letzten Zeit langsam verloren zu gehen scheinen. Die ganze Welt ist im Umbruch – alte Muster scheinen nicht mehr tragfähig zu sein und das Neue entwickelt sich erst noch. Da kann man schnell die Orientierung verlieren. Es ist gar nicht mehr so klar, was richtig und falsch, was gut und böse ist. Jeder hat seine eigene Meinung und seine eigene Perspektive.

 

Und überhaupt was ist Wahrheit? Diese Frage stellt Pilatus an Jesus, als Jesus ihm ausgeliefert wurde, damit Pilatus ihn zum Tode verurteilt. Unser Predigttext schildert die markante Szene aus dem 18. Kapitel des Johannesevangeliums: Jesus sagt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt. Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?

 

Liebe Gemeinde, die brennend aktuelle Frage unserer Zeit: Was ist Wahrheit? Was ist Wahrheit in unserem Zeitalter von alternativen Fakten und fake news? Was ist Wahrheit angesichts von Klimawandel und Erderwärmung? Was ist Wahrheit in einer Kirche, die immer mehr an Glaubwürdigkeit und Mitgliederzahl verliert? Droht angesichts der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der letzten Jahre die Wahrheit verloren zu gehen? Was ist Wahrheit?

 

Ich musste bei dieser Frage unwillkürlich an meine letzte große Reise denken, als wir – eine Gruppe von Pfarrern – Ende Februar in Südafrika waren – da habe ich manches hautnah erlebt, wie es sich mit der Wahrheit verhält. Und fragte mich am Ende, ob irgendwo in der Geschichte, in der laufenden Zeit etwas davon, was dort geschehen ist, inzwischen verloren gegangen ist?

 

Da gibt es auf der einen Seite die Weißen – die Nachfahren der Briten und der Holländer – die vor vielen Jahrhunderten dort eingewandert sind und das Land kolonisiert haben. Und auf der anderen Seite die Schwarzen, die dort ja schon viel viel länger leben – aber unterdrückt wurden, versklavt wurden – und in der Zeit der Apartheid auch räumlich getrennt wurden von den anderen. Und jede Seite hat ihre Wahrheit. Ihren eigenen Blick auf das, was früher war. Es wurde sogar eine „Wahrheitskommission“ einberufen, um die Geschichte aufzuarbeiten. Da gibt es manche Schwarzen, die sagen: Uns wurde früher alles weggenommen und es ist nur gerecht, wenn wir uns jetzt unser Land und unsere Häuser zurückholen. Und auf der Seite der Weißen gibt es manche, die sagen: es war aber nicht alles nur schlecht. Die Politik und die Wirtschaft funktionierten doch viel besser und es gab viel weniger Kriminalität auf den Straßen. Jeder mit seiner Wahrheit.

 

Wir haben dann einen ganz beeindruckenden Menschen kennengelernt. Vater Michael Lapsley – einen katholischen Priester. Hautfarbe weiß. Er hat als einer der ganz wenigen Weißen auf der Seite der Schwarzen gekämpft. Gegen die Unterdrückung und Versklavung. Und hat sich damit natürlich nicht nur Freunde gemacht. Und als schon die neue Zeit angebrochen war – die Apartheid abgeschafft und Nelson Mandela Präsident geworden war – hatte er in seinem Briefkasten einen Sprengsatz, der ihm seine beiden Hände kostete. Seitdem hat er eine Art Zange, die er mit seinen Schultern öffnen und schließen kann.

 

Und er hätte ja jeden Grund gehabt, jetzt verbittert zu werden. Auch den Wunsch nach Vergeltung und Bestrafung der Täter hätte man verstehen können. Stattdessen hat er angefangen, Versöhnungsarbeit zu machen. In Südafrika und weltweit. Er versammelt verfeindete Gruppen, setzt sie an einen Tisch – und lässt sie reden. Jeder soll die Möglichkeit haben, seine Geschichte, seine Wahrheit zu erzählen. Die anderen müssen zuhören. Und dann ist der nächste dran. Damit Verständnis entsteht. Damit man sich einfühlen kann in den anderen. Ihn annehmen kann. Daraus kann Versöhnung wachsen.

 

Für mich ist das eine Antwort auf die Frage: Was ist Wahrheit? Dass nämlich das, was aus Liebe heraus geschieht oder getan oder gesagt wird – wahr ist. Dass Wahrheit ohne Liebe „nichts“ ist. Dann ist es nur eine Wahrheit, die man jemand anderem um die Ohren haut. Wenn ich aber weiß, dass jemand anderes mich so annimmt wie ich bin und liebt, dann kann ich es auch mal ertragen, wenn ich kritisiert werde oder eine unangenehme Wahrheit zu hören kriege. Und aus Liebe heraus kann man auch mal etwas nicht sagen. Und dann ist das auch wahr. Was aus Liebe heraus geschieht, ist wahr. Augustinus hat im 5. Jh. gesagt: Liebe und tue, was Du willst. Wenn eine Mutter das Gekritzel ihres Kindes bewundert und sagt, was für ein tolles Kunstwerk das ist – dann ist das natürlich wahr – weil sie aus Liebe heraus gar nichts anderes sagen kann.

 

Jesus ist für mich das Vorbild. Er hat in seinem Leben gezeigt, was es heißt, aus Liebe heraus zu leben. Nicht nur die schönen und die berühmten Menschen, sondern gerade die Übersehenen, die Schwerfälligen, die Traurigen und die Außenseiter – und sogar die Feinde. Unser Wochenspruch lautet ja: Der Menschensohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

 

Und dann kann man natürlich wie Pilatus ganz philosophisch fragen: Was ist Wahrheit? Aber in Wirklichkeit ist es ganz einfach. Alles, was aus Liebe heraus geschieht, ist wahr und hat Bestand. Das hat Jesus gezeigt.

 

Ich hoffe, dieser Gedanke wird uns begleiten – zumindest heute oder die kommende Woche oder auch in die nächste Zukunft, dass wir dort, wo wir leben, dort wo wir Zuhause sind, in unsere Familie oder auch auf dem Arbeitsplatz und in der Gesellschaft diese Wahrheit leben können – dass alles was aus Liebe geschieht, wahr ist und Bestand hat. Dies ist nichts Theoretisches, sondern etwas sehr Praktisches. So wie bei Jesus. Der hatte auch eine große Vision von einer neuen Welt und wollte keinen Menschen verloren geben – nicht die Kranken, nicht die Schuldigen und auch nicht die Gehassten. Und dafür hat er alles eingesetzt. Dafür hat er gelebt. Für Liebe zwischen Menschen. Für Versöhnung. Für Mitmenschlichkeit. Für Barmherzigkeit. Gegen alle Widerstände hat er das gelebt. Für uns als Christen ist er das Vorbild – oder das Urbild. Das Muster. So könnten wir auch leben. Am Ende führte sein Leben scheinbar in die Niederlage. Aber sei Weg endet nicht mit der Kreuzigung, denn danach kommt Ostern. Und wenn wir als Christen an die Auferstehung Jesu glauben, dann glauben wir auch daran, dass am Ende die Liebe über allen Hass siegt. Dass kein Mensch kann verloren gehen, gleich wenn er oder sie sich auf totale Irrwege begeben. Ich glaube, dass in dem Reich Gottes – von dem Jesus auf der Erde sprach – werden nur die Taten zählen, die aus Liebe getan worden sind.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.