PREDIGT

Jesaja 51,4-6

Merke auf mich, mein Volk, hört mich, meine Leute!

Denn Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen.

 

Denn meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor,

und meine Arme werden die Völker richten.

Die Inseln harren auf mich und warten auf meinen Arm.

 

Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde!

Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben.

Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.

 

 

Liebe Gemeinde,

wie weltlich muss eine Predigt sein?

Muss sie die Themen der Welt nennen, aufnehmen und kommentieren?

Oder soll sie sich ganz auf das Geistliche beschränken,

auf Themen, die unserm Alltag vielleicht fremd und fern sind, aber eben damit auch dem Wandel entzogen und ewig?

Wieviel Welt darf sein hier auf der Kanzel und hier in der Kirche?

Nun, liebe Gemeinde,

alle Predigt der Kirche hat es mit der Welt zu tun, weil alles, was wir von Gott zu sagen haben, auf die Welt zielt.

Alles, was wir von Gott erzählen, berichtet davon, dass Gott etwas von der Welt verlangt oder für die Welt tut.

Die 10 Gebote und die Bergpredigt sind für die Welt gegeben.

Christus ist für die Welt geboren.

Jesus ist für die Sünden der Welt gestorben.

Wir können nicht von Gott reden, ohne auch von der Welt zu reden.

 

Heute Abend befinden wir uns in der allerweltlichsten Situation des ganzen Kirchenjahres.

Während sonst die großen Taten Gottes das Thema sind, ist es heute das allerweltlichste Thema überhaupt:

Die Welt und ihr Lauf selbst.

Keine Jesus-Geschichte, keine Geschichte aus dem Alten Testament, sondern nur die Welt, wie wir sie erleben.

Ihre Zeitlichkeit, das schlechthin „Säkulare“, der Zeit Unterworfene,

die Nicht-Umkehrbarkeit der Zeit,

das unwiederbringlich Vergangene,

Frucht und Last der Gegenwart

und die unbekannte Zukunft, von der wir das Beste hoffen.

 

Der Lauf der Zeit.

Das alles kennen wir. Das braucht man nicht zu predigen.

Das alles kennen auch die Atheisten.

Der Lauf der Zeit.

Dem müssen sich alle fügen, die religiösen Spinner wie die eiskalten Vernunftmenschen.

Das Rad der Zeit dreht sich unaufhaltsam. Und alle müssen mit.

Es ist nur die Frage, wie wir damit umgehen.

Und dazu kann man jetzt predigen.

Und dabei werden sich Atheisten und Glaubende sehr wohl unterscheiden.

 

Das sehen wir beim Blick zu dem wir heute durch die Worte des Propheten Jesaja eingeladen sind:

 

Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde!

Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben.

Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.

 

Das ist in der Tat ein Blick des Glaubens!

Und wir tun gut daran, uns heute am Jahreswechsel daran zu beteiligen!

Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde!

 

Als Christen sollen wir auf diese Welt schauen.

Wir sollen uns nicht einschließen. Wir sollen es uns nicht gemütlich machen in einer kleinen abgeschlossenen Welt, die wir um uns herum bauen.

 

Schaut hinaus in die Welt! Nehmt die Zeiten wahr! Seht in den Nachrichten, welche Wunden diese Erde wieder bekommen hat. Es sind jedes Jahr neue.

Und es ist kein Jahresschluss denkbar, an dem wir nichts zu beklagen hätten.

Der Abschluss eines Jahres ist eigentlich kein Grund zum Feiern.
Wer wach in die Welt hinausblickt – und es reicht der Blick auf die Straßen unserer Stadt! – der findet eine Menge zu beklagen, und nicht zu feiern.

 

Wenn die Menschen – und auch wir – heute Abend die Sektgläser erheben, dann doch eher mit guten Wünschen für die Zukunft.

Im Blick auf unsere Welt gibt es nichts zu feiern.

Wir können nicht das Glas erheben auf bessere Klima-Daten, gesunkene Armut, Rückgang von Kriegen und Kriminalität.

Das wäre schön; und ich wage zu sagen: Das wäre möglich. Aber wieder ist es anders gekommen.

Sind die Menschen besser geworden?

 

Der nüchterne Blick der alten Bibel bleibt zutreffend:

Es gibt nichts Neues unter der Sonne. (Pred 1,9).

 

Die Bibel bewahrt uns vor einem euphorischen, selbstgefälligen Jahresrückblick.

Der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen.

Es geht hier nicht nur um eine kritische Bilanz zu unserer zerbrechlichen Natur.

 

Wer die Zeit ernstnimmt, der erkennt die Vergänglichkeit.

Wie vieles ist auch bei uns wieder wie ein Rauch vergangen?

Welche Ideen sind verflogen, ohne dass wir sie umgesetzt haben?

Welche Vorsätze haben wir gefasst; uns was ist daraus geworden?

Welche Wünsche haben wir für dieses Jahr gehegt; und sie wurden uns nicht erfüllt?

 

Und was zerfällt uns nicht alles langsam, aber sicher?

Der eigene Körper mit seinen Fähigkeiten.

Beziehungen, in denen wir uns sicher fühlten.

Politische Realitäten, auf die wir uns verlassen haben.

 

Die Erde zerfällt wie ein Kleid, und die darauf wohnen, sterben wie Mücken.

 

Warum es so viel Leiden, so kurzes Glück nur gibt?

Warum denn immer scheiden, wo wir so sehr geliebt?

So manches Aug gebrochen und mancher Mund nun stumm,

der erst noch hold gesprochen: du armes Herz, warum?

 

So dichtet Eleonore Reuß für den Silvesterabend (EG 63, 2)

 

Aber bei diesem wahren, aber tristen Blick auf alles Irdische bleibt es nicht.

Und das gehört auch zum Glauben.

 

Bei unserem Rundum-Blick in die Realität dürfen wir auch etwas entdecken, das unserm aufgescheuchten Blick Ruhe gibt:

 

Da spricht einer:

Aber mein Heil bleibt ewiglich,

und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.

 

Wir können den ehrlichen Blick auf die Welt aushalten, weil da doch einer ist, der bleibt.

Das Heil, das er anbietet, bleibt immer dasselbe.

Es verdirbt nicht wie das Obst am Stand des Händlers.

Es ist nicht nur für die Jungen, für die es sich noch lohnt.

Nein, er zahlt vollen Lohn, auch noch am letzten Tag des alten Lebens.

 

Mein Heil bleibt ewiglich.

Das bleibt immer. Das hält. Das kann uns keiner nehmen.

Und das lässt uns den harten Blick auf die Realität aushalten.

 

O das ist sichres Gehen, durch diese Erdenzeit:

nur immer vorwärts sehen mit sel’ger Freudigkeit;

wird uns durch Grabeshügel der klar Blick verbaut,

Herr, gib der Seele Flügel,

dass sie hinüberschaut. (EG 63, 5)

(So nochmals Eleonore Reuß)

 

Aber Gott hat nicht nur persönliches Glück für uns in der Hand.

Er sagt:

Meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.

Das sind seine Prinzipien für die Welt.

 

Wohlordnung. Verlässliche Beziehungen. Erhaltung der Natur. Lebensraum für alle.

Diese Ideale werden niemals zerbrechen.

Diese Ziele dürfen wir uns nicht ausreden lassen.

Und diese Ziele dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, weil sie uns so unerreichbar scheinen.

 

Gott hebt unseren Blick auch aus der Zeit hinaus.

Deshalb begehen wir diesen Abend auch in der Kirche.

 

Wir nehmen unsere Zeiten wahr – und auch ihren Wandel.

Und wir gehen tapfer in der Zeit, weil wir unseren Blick auch über diesen Wandel hinaus erheben.

Unser Blick wird auch im neuen Jahr auf vielerlei Dinge gezogen werden.

Schöne Dinge, hoffentlich. Große Dinge, spektakuläre Dinge, die den Blick von vielen Menschen auf sich ziehen werden.

Und auch wir werden – wie alle Menschen – hineingezogen in den Lauf der Zeit.

 

Was uns aber unterscheiden soll, ist der Blick auf das Ewige, oder besser: auf den Ewigen.

Wir sind nicht bessere Menschen, aber haben immer etwas vor Augen, das uns Kraft gibt, um besser zu leben.

 

Hebt eure Augen auf gen Himmel!

Mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.

 

Nehmen wir diese Aufforderung mit für das Jahr 2019.

Richten wir unseren Blick immer wieder einmal auf das Heil, das über unserem Alltag steht.

Das kling nach wenig. Das ist kein großer Vorsatz. Aber das macht uns zu anderen Menschen.

Und das unterscheidet uns von dieser dem Zeitgeist ausgelieferten, „säkularen“ Welt.

 

Der Christ feiert keine Zahlen. Der Christ feiert Begegnungen.

Die Kirche pflegt keinen Kalender, sie feiert Ereignisse.

Und – wie es der große Mailänder Erzbischof Carlo Maria Martini gesagt hat:

Die Kirche befriedigt nicht Erwartungen. Sie feiert Geheimnisse.

 

Der Glaube nimmt uns immer ein Stück weit raus aus der Zeit.

Er hebt uns immer eine Stufe über unsern Terminkalender.

Zum Glück sind wir doch mehr als die Diener unserer Termine und Fristen.

Der Glaube hebt uns immer ein Stück weit heraus aus

 

Wer glaubt, der altert nicht.

Nicht, weil die Jahre wirkungslos an ihm vorübergingen, sondern weil er mehr kennt als Jahre, Fristen und den Zahn der Zeit.

Unser Schicksal ist keine Sanduhr, die langsam aber sicher abläuft – und mit ihr Stück für Stück auch unsere Chancen.

Unser Schicksal ist das Zugehen auf den Herrn, der uns entgegenkommt. Auf den Wolken, wie das Neue Testament an vielen Stellen sagt, und damit: Über den Dingen schwebend.

Über unseren gesundheitlichen Sorgen.

Er kommt, auch wenn wir krank sind und sterben.

Über unseren beruflichen Terminen und Fristen.

Er kommt, auch wenn wir unser gewünschtes Pensum nicht schaffen, oder nicht so, wie wir es gerne hätten.

 

Wir haben alle eine wunderbare Zukunft.

Nicht, weil wir so gut vorgesorgt haben,

nicht, weil unser Land so gut dasteht,

nicht, weil die Menschheit immer besser wird,

sondern weil unser Herr uns entgegen kommt

und uns einen Festsaal vorbereitet,

in dem er uns bewirten will,

nicht nur Silvester, sondern die ganze Ewigkeit.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.