PREDIGT (Evangelium Matthäus 2, 1-12)

 

Liebe Gemeinde!

Ein Stern zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Nicht nur heute, wenn wir auf diese matthäische Weihnachtsgeschichte hören, sondern auch damals, als jener Stern wirklich am Himmel stand,

und weise Männer im Orient sich deshalb auf einen weiten Weg machten.

Ein Stern zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Das ist ja zunächst einmal etwas ganz Natürliches.

Sterne haben die Menschen schon immer fasziniert. Man muss nicht Sterndeuter sein oder astrologisch belastet, um sich von den Sternen beeindrucken zu lassen.

Denn die Sterne sind ja schlicht und einfach schön, so wie sie in einer klaren Nacht am Himmel stehen und sich von der Dunkelheit des Firmaments abheben.

In tiefer Dunkelheit sind sie Wegweiser und Orientierung für die, die unterwegs sind. Und mancher irrende Wanderer oder Seemann auf dem weiten Meer wird nach langer Suche über solchen einen Stern schon ausgesprochen glücklich gewesen sein.

Er wird das nachempfinden können, was Matthäus über die Weisen schreibt: Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut.

 

Gleichzeitig sind Sterne geheimnisvoll und unerreichbar weit weg, wissenschaftlich lange Zeit nicht erklärbar.

Und damit sind sie schon immer Symbol für die Sehnsüchte und die unerfüllten Wünsche der Menschen.

„Das steht in den Sternen.“ sagen wir von Dingen, die wir nicht wissen können und Zuständen, die wir nie erreichen können.

In ihren Tagträumen fliegen Menschen zu den Sternen und in ihrer Verliebtheit singen von einem Stern, „der deinen Namen trägt“.

Alles nur Ausdruck davon, dass der Mensch seine Sehnsüchte und seine Fragen und Wünsche an den Himmel wirft und in der Sternenwelt eine ferne, eine geheimnisvolle Antwort darauf sieht, oder zumindest ein kleines Hoffnungszeichen, dass es noch etwas Höheres gibt, ob man nun religiös ist oder nicht.

 

Kein Wunder also, dass ein Stern unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht!

Wenn nun hier in unserm biblischen Bericht von einem Stern die Rede ist, dann geht es nicht nur um eine astronomische Besonderheit, die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit für die Zeit von Jesu Geburt nachweisen lässt, sondern dann geht es auch um unsere persönlichen Sterne, unsere Ziele und heimlichen Wünsche, um das, was uns fasziniert und anzieht.

Und dann geht es auch nicht nur um die weisen Männer, die damals nach Bethlehem gezogen sind, sondern um uns und unsere Wege und unser Suchen.

Wenn die Geschichte von der Wanderung der Weisen nicht auch unsere Geschichte wird, wenn der Stern von Bethlehem nicht auch für uns leuchtet, könnten wir sie getrost zu den Akten legen.

Aber nein, das Wandern und Suchen der Weisen kann transparent werden für unser Wandern und Suchen; und aus dem Wandern dieser Weisen können wir unheimlich viel über uns selbst erfahren. Diesen Weg will ich heute mit Ihnen einschlagen.

Der wunderbare Stern des Berichts von den Weisen soll auch unser Stern werden.

 

Aber ist nun der Stern der Mittelpunkt, die Hauptsache, in unserem biblischen Bericht?

Sie ahnen es längst, wenn ich so frage: er ist es nicht.

Er ist ein Wegweiser, ein Diener dessen, der wirklich im Zentrum des Berichts bei Matthäus steht. Denn am Ende der Geschichte, von dem Augenblick an, an dem die Weisen das Kind gefunden haben, leuchtet der Stern nicht mehr. Er hat keine Bedeutung mehr. Er hat seinen Dienst getan.

Und damit hat die Faszination Stern auch eine deutliche Grenze gesetzt bekommen durch unsere heilige Schrift.

Die Weisen aus dem Morgenland fliegen am Ende nicht zu den Sternen, sondern sie kommen bei Jesus an.

Und dann kommt etwas, was wir uns in dessen Nüchternheit erstmal auf der Zunge zergehen lassen müssen:

Die Weisen ziehen wieder in ihr Land. Sie gehen wieder von Jesus weg.

Sie gehen wieder heim: in ihr Land, zu ihren Familien, an ihren Arbeitsplatz.

Sie gehen wieder heim. Sie treten auch ab von der Bühne der biblischen Heilsgeschichte.

Nie wieder werden sie von der Bibel erwähnt. Sie verschwinden im Dunkel der Geschichte. Ja, man könnte sagen: Sie verschwinden wieder in dem Dunkel, aus dem sie gekommen sind. Denn niemand weiß, woher sie genau kamen und wer sie genau waren.

Ist uns eigentlich bewusst, mit welcher Nüchternheit hier von einer Begegnung mit Jesus berichtet wird?

Von einer Begegnung, die eine bemerkenswerte, eine spektakuläre Anlaufgeschichte hat, die aber damit endet, dass die Männer wieder heim gehen!

Aber gerade mit dieser kühlen Nüchternheit macht uns der Bericht klar, was wirklich wichtig ist.

Wenn die Weisen Jesus gefunden haben und vor ihm auf die Knie gefallen sind und ihm mit den Geschenken die Ehre erwiesen haben, dann ist damit alles Wichtige gesagt.

Wenn die Weisen Jesus gefunden haben und ihn angebetet haben, dann ist auch über ihr ganzes Leben das Wichtigste gesagt. Dann können sie ruhig wieder in ihr fernes Land ziehen, dann können sie ruhig wieder im Dunkel der Geschichte verschwinden und abtauchen in der Anonymität der Massen. Das ist alles zweitrangig, denn das Wichtigste, das Entscheidende ist passiert und das ist uns auch berichtet:

Die Weisen sind zu Jesus gekommen und haben ihn angebetet.

Das ist der Kern, um den sich alles andere nur herumlagert; die Reise der Weisen, Herodes, das Prophetenzitat, die Stadt Bethlehem – und auch der Stern.

Der Kern der Geschichte ist einfach und schlicht:

Sie gingen in das Haus und fanden das Kind mit seiner Mutter Maria und fielen nieder und beteten es an.

Damit sind die Weisen uns nicht voraus. Sie haben genauso genommen nichts anderes erlebt und getan als jeder unter uns, der in seinem Leben wirklich zu Christus gefunden hat.

Die weisen Männer aus dem Orient haben uns nichts voraus.

Jesus zu finden und vor ihm die Knie zu beugen, das aber haben sie gemeinsam mit jedem von uns heute, der die Wahrheit über sein Leben erkennt.

Und insofern ist es vollkommen schlüssig, wenn Matthäus uns vom Vorher und Nachher im Leben der Weisen gar nichts sagt. Denn das ist ganz egal.

Egal, was auch immer vorher gewesen ist, was für Menschen die Weisen gewesen sind, heidnisch oder nicht, ganz egal, was für ein Mensch du und ich vorher gewesen sind. In dem Augenblick, in dem Menschen vor Jesus auf die Knie sinken, wird alles andere zweitrangig, weil das Entscheidende passiert ist.

Und dann ist auch heilsam, dass Matthäus uns nichts Besonderes vom weiteren Leben der Weisen berichtet, sondern nur von ihrer schlichten Rückkehr nach Hause. Denn auch darin sind sie uns nicht voraus.

 

Sehen Sie, wir denken doch oft, dass sich in der Begegnung mit Gott etwas ganz Außergewöhnliches in unserm Leben abspielen muss. Und manchmal schauen wir ein bisschen neidvoll auf manche Christen-Biographie, in der nach einer Bekehrung zu Christus kein Stein auf dem andern blieb und das neue Leben im Glauben auch ein neues Leben in der sichtbaren Welt wurde und viele in Staunen versetzte.

Die Weisen aus dem Morgenland stehen aber auf unserer Seite. Sie sind wie wir, wenn es darum geht, unsern Glauben zu leben in unseren bescheidenen Voraussetzungen, in unserer Familie, an unserm Platz in der Gesellschaft, mit unsern kleinen Einflussmöglichkeiten im Beruf. Denn – wie wir gehört haben – zogen auch sie einfach wieder in ihr Land, in ihre angestammte Lebenswelt.

Keine aufsehenerregende Lebenswende, kein Berufswechsel, kein Erlangen von Berühmtheit. Weder die Bibel nennt ihre Namen noch hat irgendeine Schrift aus dem alten Orient von ihrem Leben etwas festgehalten.

Die Weisen aus dem Morgenland sind einfach wieder in ihr Land zurückgekehrt.

Nichts hat sich an ihrem Leben geändert.

 

Doch halt!

Etwas hat sich schon geändert: Sie haben in Bethlehem etwas erlebt, das ihr Leben von innen her verändert hat.

Sie haben etwas erlebt, das ihr Herz verändert hat.

Die Welt hat die Weisen nach dieser Begegnung genauso gesehen wie zuvor. Es waren dieselben Männer.

Aber die Weisen sahen die Welt nicht mehr wie zuvor. Sie sahen die Welt jetzt im Licht der Wahrheit. Wer Jesus begreift, der hat die Wahrheit begriffen, die Wahrheit über sich selbst und über die ganze Welt. Und wer Jesus in die Augen geschaut hat, der weiß, dass es eine gute Wahrheit ist, die sich da auftut.

Nicht das Leben der Weisen hat sich geändert, sondern ihre Sicht und ihre Art zu leben.

An einer kleinen Notiz des Matthäus merken wir das.

Sie zogen auf einem anderen Weg wieder in ihr Land.

Der Weg sieht anders aus, als er ohne die Begegnung mit Jesus gewesen wäre. Der Weg vermeidet die Begegnung mit dem Bösen, hier durch König Herodes vertreten.

Weil sie begriffen hatten, wer Jesus war, haben sie auch begriffen, was Herodes vorhatte. Sie hatten die Wahrheit erkannt; und das heißt, dass sie auch realisiert haben, was böse und schlecht ist.

Eine ganz simple Eigenschaft des christlichen Glaubens, die uns aber hier noch einmal bewusst werden kann:

Wer in Christus die Wahrheit gefunden hat, der orientiert sich auch an dieser Wahrheit, wenn es um die Unterscheidung von Gut und Böse geht. Und der wird eine Menge Sachen finden, die im Lichte dieser Wahrheit nicht gut sind – vielleicht auch in seinem eigenen Leben.

Und diese Unterscheidung von Gut und Böse wird nicht immer die gleiche sein wie die, die die um uns herum Welt macht.

In den Augen der Welt mag es damals durchaus sinnvoll gewesen sein, dass Herodes das verdächtige Kind aus dem Weg haben wollte.

Aus der Sicht der politischen Vernunft wäre es wirklich besser gewesen, den gefährlichen Königskonkurrenten rechtzeitig auszuschalten und so jede Unruhe im Volk von vornherein auszuschließen.

Aber aus der Sicht derer, die in Jesus den wahren König erkannt haben, sieht es anderes aus.

Und so wird es für uns Christen bis zum heutigen Tag manchmal anders aussehen, als es in den Augen der Welt aussieht;

so wird es auch für uns immer wieder Angelegenheiten geben, in denen die Welt anders urteilt als wir: in Fragen der Sterbehilfe, der Abtreibung, der Sexualität oder der Wirtschaftslebens wird die Welt mit sehr guten Argumente ganz vernünftig urteilen. Aber doch wird im Licht des Glaubens das Urteil ganz anders aussehen, weil man die Entscheidungen nicht nur am Menschen, sondern auch am menschenliebenden Gott misst.

Deshalb müssen wir manchmal auf einem anderen Weg gehen.

Wenn Sie, liebe Gemeindeglieder, im neuen Jahr manchmal Gegenwind ins Gesicht bekommen, wenn es um derartige Fragen geht, dann denken Sie zurück an jene Weisen aus dem Morgenland, von denen es heißt, dass sie auf einem anderen Weg in ihr Land zogen.

 

Noch eine kleine Beobachtung möchte ich bedenken.

Die Weisen sind in Bethlehem einem Säugling begegnet. Der neugeborene König der Juden, den sie gesucht haben, ist ein kleines Kind. Dieses kleine Kind auf dem Schoß seiner Mutter hatte keine sichtbare eigene Macht. Es konnte noch nicht einmal mit den Weisen reden.

Hier ist noch nicht der Mann, der später sagen wird: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.

Aber dennoch scheint es so, als wäre genau das passiert, als die Weisen das Kind fanden.

Aber dennoch erkannten die Weisen in diesem Säugling den Sohn Gottes und erwiesen ihm die Ehre, die nur Gott gebührt. Sie knieten nieder und beteten es an. Hierbei zeigen sie sich als echte Weise, als tief einsichtige Menschen.

Wie viele Menschen wären enttäuscht gewesen von dem, was sie da in Bethlehem vorgefunden hätten?

So eine lange, mühevolle Reise, so ein weiter, dornenvoller Weg und am Ende nur ein Kind mit seiner Mutter. Keine außergewöhnliche Gestalt, kein rauschendes Fest am Königshof, keine wertvollen Gegengeschenke für das Mitgebrachte, sondern nur das Kind und die von Gott geschenkte Ahnung, dass einem in diesem Kind er selbst gegenübersteht.

 

Liebe Gemeinde, man muss wirklich weise sein, wenn man zu diesem Kind von Bethlehem, zu diesem Mann aus Nazareth findet.

Denn seine Erscheinung ist und bleibt bis heute unscheinbar, hinterfragbar und angreifbar.

Die Liebe eifert nicht, sie bläht sich nicht auf, sie sucht nicht das Ihre.

Die meisten unserer Zeitgenossen aber suchen das Laute, das Vordergründige, das scheinbar Eindeutige. Damit gehen sie an Jesus Christus vorbei, wie sie damals an dem Kind von Bethlehem vorbeigegangen wären.

Doch so will es Gott haben. Er will, dass man ihn findet. Er zieht uns zu sich, aber er erschlägt uns nicht mit Beweisen.

Die Begebenheit mit den Weisen in Bethlehem kann uns trösten, wenn wir von dem enttäuscht sind, was uns der Glaube bringt, wenn wir gerne etwas mehr Eindeutigkeit, mehr Gefühl und mehr sichtbaren Erfolg des Christentums sehen würden. Die Weisen haben damals nicht mehr vorgefunden als wir heute.

Die Gottheit Jesu Christi tritt uns immer nur verhüllt gegenüber. Damals in menschlicher Gestalt, die man verkennen und kreuzigen konnte,

heute als Wort, das man überhören und verachten kann.

Das Geheimnis liegt darin, dass man sich nicht von der unscheinbaren Gestalt des Gottessohns abschrecken lässt, sondern dass man gerade in ihr die wahre und die tiefe Schönheit Gottes erkennt.

Die Weisen haben diese verborgene Schönheit Gottes erkannt und sind vor ihr auf die Knie gegangen.

Dieses Geschehen – ich habe es vorhin den „Kern“ der ganzen Geschichte genannt – ist bis zum heutigen Tage nichts anderes als der Kern jedes Gottesdienstes.

Das heißt: Gottes verborgene Gestalt wertschätzen und vor ihr anzubeten.

Wir wünschen uns von unseren Gottesdiensten ja so vieles. Zeitgemäß sollen sie sein und einladend, überzeugend und mitreißend.

Wir werden aber im Kern nicht darüber hinauskommen, dass Gott uns nur in der armen Gestalt des Wortes und der verborgenen Gestalt des Sakramentes begegnet. Und wir sollten niemals vergessen, dass es nicht nur darum geht, was wir mitnehmen, sondern auch darum, dass wir Gott das geben, was ihm zusteht, nämlich Ehre und Anbetung und Hingabe unseres Lebens.

Hier müssen wir auch die Lieder und die Musik einordnen, die wir beitragen. Es geht um Anbetung und Verherrlichung.

Die Anbetung der Weisen, ja die lächerlich wirkende Szene, wie erwachsene Männer vor einem kleinen Kind knien, die möge uns immer wieder vor Augen stehen, wenn wir im Gottesdienst sind und uns fragen, was wir dabei eigentlich tun.

 

Angefangen habe ich die Predigt mit dem Stern.

Angezogen wurden die Weisen aus dem Morgenland von dem Stern.

Und was ist daraus geworden?

Die spektakuläre Himmelserscheinung führte die Männer zur schlichten Begegnung mit dem Kind.

Treibt uns der Stern als Bild der Sehnsucht des Menschen auch hin zur Begegnung mit dem Sohn Gottes?

Oder bleiben wir stehen und bestaunen nur den schönen Stern?

Bleiben wir stecken in unsern eigenen Wunschträumen und eigenen Visionen, wie es sein müsste?

Kommen wir hinaus über die Faszination besonderer Ereignisse, derer sich Gott freilich bedienen kann, die aber doch nur Spektakel der Welt bleiben?

Oder faszinieren uns Christen manchmal auch mehr die Sterne unseres Lebens als das schlichte Kind auf dem Schoß Marias?

Der Stern ist am Ende der Geschichte erloschen. Seine Zeit war begrenzt, sein Zweck war erfüllt.

Am Ende leuchtet ein anderes Licht. Es leuchtet in den Männern, die das Kind anbeten.

Indem sie das tun, in dem sie Jesus die Ehre geben, leuchtet aus tiefster Verborgenheit das ewige, das wahre Licht auf. Licht vom Lichte.

Dieses Licht scheint nicht mehr am Himmel, sondern im Herzen der Menschen.

Dort ist der wahre Morgenstern, Christus, aufgegangen

und er wird nie mehr untergehen.

Amen.