Predigt über Mk 14,17-26 an Gründonnerstag (13. April 2017) in der Christuskirche Rom

 

„Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.“ Amen.

 

I.

„Am Abend kam Jesus mit den Zwölfen (v. 17) Sie sind schon lange unterwegs, liebe Gemeinde, Jesus und seine Jünger. Mit dem Einzug Jesu in Jerusalem steuert dieser Weg seinem Ende entgegen. Dem „Hosianna“ am Palmsonntag folgt morgen der Ruf „Kreuzige ihn!“ Dazwischen der heutige Abend, an dem Jesus mit seinen Jüngern in einem Haus einkehrt und noch einmal mit ihnen an einem Tisch zusammen kommt. Eigentlich Ausdruck von Gemeinschaft und Nähe, von Stärkung und Ruhe. Doch an diesem Abend ist es anders. Das Mahl ist keine entspannte Feier in vertrauter Runde. Die Gemeinschaft, die sich in Jerusalem noch einmal versammelt, ist dabei sich aufzulösen. Ja, sie ist bereits am Ende. Gefahr droht nicht nur von außen, von den politischen und religiösen Gegnern. Viel schlimmer: Der Verrat hat sich längst auch in den innersten Bereich der Jünger hineingeschlichen. Jesu weiß um diese fatale Entwicklung und er macht sie an diesem Abend öffentlich. Es ist die „Nacht des Verrats“. Trotzdem oder in einem tieferen Sinne gerade deshalb stiftet Jesus in dieser Situation das Abendmahl. Es ist der Evangelist Markus, der diese beiden Szenen, die sich nach unserer Sicht eigentlich gegenseitig ausschließen, miteinander verbindet. Markus erzählt nicht nur, was an den letzten Tagen und Stunden Jesu passiert ist. Indem er Verrat und Mahl in einer Szene zusammenfügt, bietet er eine tiefgründige theologische Deutung des Abendmahls an. Sein Bericht über das letzte Mahl Jesu bildet unseren heutigen Predigttext. Er lautet: „Und am Abend kam Jesu mit den Zwölfen (v. 17). Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten (v. 18). Da wurden sie traurig und sagten zu ihm, einer nach dem andern: Bin ich’s? (v. 19) Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht (v. 20). Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh ab dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre (v. 21) Und als sie aßen, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib (v. 22). Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus (v. 23). Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, der für viele vergossen wird (v. 24). Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes (v. 25). Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg (v. 26).“

 

Erschütternd ist die Einsicht, dass die Gemeinschaft der Jünger von innen bedroht ist. „Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten“ (v. 18). Der Verräter sitzt mit am Tisch an diesem Abend. Es ist der, sagt Jesus, „der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht“ (v. 20). Wir kennen diese Worte und sehen sofort vor unserem inneren Auge: wie Jesus und Judas gleichzeitig das Brot in die Schüssel tauchen, Judas erschrocken aufblickt, flüchtet. Nur: davon steht beim Evangelisten Markus nichts. Es ist erst der Evangelist Johannes, der dies so erzählt, um zu zeigen, dass Jesus selbst die Geschehnisse in Gang setzt.

Der Evangelist Markus hat jedoch ein anderes Erzählinteresse. Er will unseren Blick auf uns selbst schärfen und deutlich machen: Vor der Gefahr, sich von Jesus zu trennen, ihm den Rücken zu zukehren, den Glauben an ihn zu verraten, ist kein Mensch sicher. „Da wurden sie traurig und sagten zu ihm, einer nach dem andern: Bin ich’s?“ (v. 19). Diese Frage steht im Raum. Ganz wörtlich. Die Gefahr lauert nicht mehr draußen vor der Tür, in der feindlichen Welt. Die Gemeinschaft, die sich hier versammelt hat, ist von innen bedroht. Auf keinen seiner Jünger kann Jesus zählen. Keiner wird standhalten. Alle werden ihn verlassen. Ohne Ausnahme.

Es wäre naheliegend gewesen, wenn der Evangelist Markus diese unrühmliche Erinnerung an das Versagen der Jünger getilgt hätte. Er will die Jünger aber nicht bloßstellen. Vielmehr gleicht diese Szene einem Spiegel, indem wir sehen können, dass nicht nur die Anderen, sondern auch wir selbst in der Gefahr stehen, Jesus zu verraten. „Bin ich’s?“ Es geht um uns, um mich und die Frage: Setze ich mein Vertrauen wirklich auf Jesus? Nimmt er den ersten Platz in meinem Leben ein? Bleibe ich ihm treu, auch wenn das Widerspruch hervorruft? Wie leicht geschieht es im Alltag, dass wir, die wir zwar Jesu Worte gut kennen, sie gleichwohl mal kurz beiseite schieben – weil das manchmal einfacher oder bequemer zu sein scheint. Nicht die Anderen, sondern wir selbst haben Buße zu tun.

 

III.

Für diese Einsicht will Markus uns die Augen öffnen. Er bleibt dabei aber nicht stehen, sondern fügt nun die Szene mit der Einsetzung des Abendmahls an und bringt damit zum Ausdruck, dass Jesus niemanden, selbst den nicht, der ihn verraten wird, verloren gibt. Wo wir eben mit der anklagenden und überführenden Seite des Gesetzes konfrontiert waren, leuchtet jetzt da, wo wir Menschen mit unseren Möglichkeiten am Ende sind, die freisprechende und vergebende Botschaft des Evangeliums auf.

Jesus lässt es dem verdorbenen Menschen nicht zu, dass er mit seiner Verkehrtheit sein Ziel erreicht. Jesus steht dafür ein, dass sich der gute Wille Gottes zugunsten seiner Geschöpfe durchsetzt, auch gegen die Macht der Zerstörung. Mag der Verräter gegen ihn agieren, er kann es nicht verhindern, dass Jesus für ihn ist. Jesus heißt das Versagen, Verleugnen und Verraten seiner Jünger nicht gut, aber er lässt sie trotzdem nicht fallen. Er bleibt ihnen zugewandt. Allen – und das schließt Judas mit ein – werden Brot und Kelch gereicht. Das ist der entscheidende Akzent, den der Evangelist Markus setzt: Der Tisch wird nicht zum Tribunal, sondern zum Ort der Vergebung. Und diese Vergebung der Sünden brauchen alle Menschen in derselben Weise – die Starken genauso wie die Scheiternden.

 

IV.

Die Vergebung geschieht im Abendmahl, weil diese Handlung wesentlich mit Karfreitag und Ostern verbunden ist. „Nehmt; das ist mein Leib“ und „Das ist mein Blut; das für viele vergossen wird“ sagt Jesus an diesem Abend mit Blick auf sein bevorstehendes Sterben. Brot und Wein – stehen dafür, dass Jesu Leib an Karfreitag gebrochen und sein Blut vergossen wird. Dass dieser Tod aber nicht Niederlage, Scheitern und Abschied bedeutet, sondern für uns Menschen Rettung, Heil und Erlösung – das wird von Ostern her deutlich. Da zeigt sich: Gott hat Jesus nicht fallengelassen, sondern hat ihn von den Toten auferweckt, um dem Tod die Macht zu nehmen und die Sünde aus dem Weg zu räumen, die den Menschen von Gott trennt. Im Abendmahl entsteht daher nicht irgendeine Gemeinschaft, wie bei einem Fest oder einem Familientreffen. Und es geht auch nicht um die Annahme von Notleidenden und Verachteten. Im Abendmahl geschieht vielmehr Vergebung der Sünden und damit entsteht in unverfügbarer Weise neu Gemeinschaft mit Gott für Menschen, die genau diese Gemeinschaft von sich aus aufkündigt und damit das Leben verloren hatten.

 

V.

Mitten in dieser Welt leuchtet im Abendmahl die heilsame Wirklichkeit Gottes auf und beginnt in und durch uns diese Welt zu verwandeln. Denn für uns, die wir an Jesus Christus glauben, regiert nicht mehr der Tod, sondern Gott ist es, der uns durch den Tod und die Auferstehung Jesu den Weg zu neuem Leben eröffnet hat. An dieser heilsamen Wirklichkeit gewinnen wir im Abendmahl Anteil. Darum „Kommt, es ist alles bereit. Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist!“ Und gestärkt durch seine Wohltaten können wir dann vom Abendmahl als die Gesegneten des Herrn „getrost und unverzagt“ in diese Nacht hinein aufbrechen und durch die dunklen Stunden der nächsten Tage gehen – in Richtung Leben, das durch Jesus am Ostermorgen neu werden wird.

Amen.
„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Amen.

Predigt am Gründonnerstag, 13.4.2017- P.Dr.Kruse