Liebe Gemeinde!

Kleider legt man nicht auf die Straße, denn da werden sie dreckig.

Ich möchte nicht wissen, was Sie, liebe Mütter, sagen würden, wenn ihr Kind seine Jacke oder seinen Pullover für andere auf den Boden legen würde – noch dazu draußen.

Wir schimpfen doch schon so wegen jedem Grasfleck, der beim Spielen draußen entsteht.

Auf seine Kleider muss man aufpassen. Das bringen wir schon unseren Kleinen bei.

Die gehören nicht auf die Straße, und da soll auch niemand darübertrampeln.

Die Geschichte von den Kleidern auf der Straße passt nicht in unsere Ideale von Sorgfalt, und sie bringt unsere Kinder womöglich noch auf dumme Gedanken.

Aber sie steht eben so da.

Die Information im Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem ist ganz eindeutig:

Viele Menschen breiteten ihre Kleider aus auf dem Weg, andere aber grüne Zweige, die sie auf den Feldern abgehauen hatten. (Mk 11,8)

 

Was war da in Jerusalem los?

Denn es heißt ja nicht nur, dass Kinder, sondern dass Erwachsene ihre Kleider auf die Straße gelegt haben.

Waren die Leute damals etwas großzügiger mit ihren Textilien?

Ganz sicher nicht, denn das Obergewand eines Menschen war damals viel wertvoller als unsere Jacken und Mäntel aus dem Kaufhaus.

Sein Obergewand behielt man damals eigentlich sein Leben lang.

 

Da musste also schon etwas ganz Besonderes passieren, dass die Menschen ihre wertvollen Umhänge auf den Boden legten.

Jesus war es ihnen wert

Jesus ließ sie für einen Augenblick vergessen, welchen Schaden ihre Kleider nehmen könnten, wenn der Esel darüber reitet,

so wie Kinder im Spiel vor lauter Begeisterung vergessen können, auf ihre Sachen aufzupassen.

„Mama, ich habe gar nicht gemerkt, dass meine Hose ganz voller Matsch ist, aber wir haben ein großes Loch gegraben.“

Wer hat solche oder ähnliche Sätze noch nicht gehört oder einmal selber gesagt?

Wenn Menschen sich vergessen, werden die Kleider zweitrangig.

Und das gilt nicht nur für Kinder, sondern das gilt – zumindest hier am Palmsonntag – auch für Erwachsene:

Da haben sich Menschen vergessen, weil Jesus da war.

Da war die Begeisterung so groß,

dass man nach allem griff, was diesem Jesus die Ehre geben konnte.

Ob es die Zweige waren, die man – ohne lange zu überlegen – von den Bäumen riss, ob es die Umhänge waren, die man auf dem Leibe trug.

 

Es war ein altes Ritual, dass Könige und Machthaber bei ihrer Ankunft mit einem Teppich aus Tüchern und Stoffen empfangen wurden.

Bis heute hat sich der rote Teppich erhalten, der für jeden Staatsbesuch ausgerollt wird.

 

Und wenn damals in Jerusalem nicht schon die Stadtoberen für Jesus einen roten Teppich ausgerollt haben, dann war es eben das einfache Volk.

Die Menschen haben spontan das auf den Boden gelegt, was sie hatten.

Alle sollten es sehen: Jesus kommt wie ein König.

Hebt euch ihr Tore, euer König kommt.

Kein Staatsgast der Priester und Schriftgelehrten, kein Staatsgast bei Pilatus oder König Herodes, sondern der König für das einfache Volk.

Und insofern haben die Kleider auf dem Boden und die einfachen Zweige in den Händen etwas Rührendes:

Sie sind das kindliche, das einfache, das arme Zeichen für die Anerkennung Jesu.

Dieser König braucht keine offizielle Abordnung und keine Militärkapelle.

Er sucht und er sieht die einfachen Mittel seiner Freunde.

Er sieht das Herz an, aus dem sie kommen: Und das ist wichtiger als ihre Perfektion.

 

Aber es geht nicht nur um Begeisterung und den Empfang eines Königs.

Die Kleider am Boden haben noch eine tiefere Bedeutung.

Kleider machen Leute, das wissen wir.

Wer wir sind, und was wir haben, das zeigen wir mit unseren Kleidern.

Kleider sind unser Schutz vor der Kälte und vor der Sonne.

 

Wenn ich meine Kleider ablege, liefere ich mich aus, mache ich mich angreifbar und verletzlich.

Wenn ich meine Kleider ablege, gebe ich meinen Schutz und meine Fassaden auf.

Im Alten Testament wird berichtet, wie einst Jehu überraschend zum König vom Israel gesalbt wurde.

Und dann heißt es an dieser Stelle: Als dieser Jehu vor seine Männer trat, legten die ihre Gewänder ab und vor ihm auf den Boden (2Kön 9,13).

Zeichen der Unterwerfung und der Anerkennung:

Die Botschaft ist klar: Wir gehören zu dir. Wir unterwerfen uns dir.

 

Wir als moderne Menschen legen heute freilich keine Kleider mehr vor irgendwelchen Personen nieder.

Und wir sollten uns auch nicht irgendwelchen Machthabern voll und ganz unterwerfen, seien es unsere Politiker oder unsere Vorgesetzten.

 

Aber die tiefere Botschaft des Palmsonntags wird klar:

Die Menschen haben Jesus nicht nur bejubelt und geehrt, sondern sie haben ihr Leben vor ihm hingelegt.

Sie haben ihre Kleider mit allen Flecken und Flicken, mit allen Rissen und Fehlstellen, vor ihn hingelegt.

Und damit ihr Leben mit allen Image-Schäden, allen Wunden und Narben, allen Stärken und Schwächen.

Das will der König auf dem Esel, der Herr unserer Kirche.

Er will keinen äußerlichen Jubel und kein billiges Hurra,

sondern er will unser Leben, unser selbstgestricktes Leben, unsere Schutzbedürftigkeit, unser Image vor den Leuten.

Er will, dass wir die Verkleidungen vor ihm abfallen lassen.

 

Wir dürfen unsere Kleider weiterhin schonen.

Wir dürfen unsere Kinder weiterhin zur Sorgfalt mit ihren Kleidern erziehen.

Wir dürfen die Flecken auf unseren Kleidern weiterhin nach allen Regeln der Kunst entfernen.

 

Unser Leben aber, das sollen wir vor diesem König hinlegen, den wir heute feiern.

Und ich bin mir sicher, dass es da weder niedergetrampelt noch dreckiger wird, als es schon ist, sondern dass es dort am besten Ort, wo es sein kein,

oder besser:

Auf dem Weg Jesu, auf dem wir uns nicht hinter allerlei eigenen Kleidern verstecken müssen, sondern wo wir so gesehen werden, wie wir sind.

Schmutzflecken hin oder her.

Amen.