Liebe Pfingstgemeinde,

liebe Konfirmanden!

 

Die Suche nach Gott hat schon viele Menschen in Bewegung gesetzt.

Aus religiösem Antrieb sind schon viele Menschen auf Reisen gegangen.

Die Suche nach Erlösung – vielleicht auch aus schwerer Not – setzt Menschen immer wieder in Gang.

Wer Gott finden will, muss sich auf den Weg machen, um ihn an heiligen Orten zu finden.

Und wenn dieser Weg mühevoll, riskant und teuer, dann ist es am besten; denn dann hat man damit auch noch gebüßt und die Gottheit gnädig gestimmt.

Muslime pilgern nach Mekka.

Römische Katholiken zieht es nach Rom.

Juden zieht es nach Jerusalem.

Schon Martin Luther hat das in einer Pfingstpredigt zu unserm Evangelium so festgestellt.

Und wir könnten heute noch manche anderen Wallfahrtsorte hinzufügen, katholische und andere.

Lourdes, das es erst seit 1860 gibt, die Tempel und Pagoden der buddhistischen Welt

und die Kommunen mancher Gurus, die in den 70er-Jahren auch Europa angezogen haben.

 

Was für alle gilt:

Wer Erlösung finden will, muss raus. Der muss sich ins Flugzeug setzen und in eine fremde Welt fliegen, der muss eine wohlorganisierte Busreise antreten, der muss aber zumindest seine Heimat verlassen.

Gott findet sich an heiligen Orten.

Erlösung ist dort; und wer sie will, muss hin.

Der Inhalt des Pfingstfestes geht aber genau in die andere Richtung, ein evangelisch verstandener Inhalt sowieso.

Ich zitiere Martin Luther:

„Das ist ein trefflicher Trost, dass ein Christ nicht daran denken muss, wie er in den Himmel kommen könne, ob das in Jerusalem, zu Rom oder sonst wo auf Erden sei.

Er sei auf dem Felde oder im Hause, draußen oder drinnen, da soll er schon im Himmel sein.

Denn Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist wollen bei ihm sein und bei ihm wohnen.“

 

Gott nimmt Wohnung bei uns, liebe Geschwister, das ist der springende Punkt des Heilig-Geist-Glaubens.

Nicht wir müssen nach Lourdes, Mekka, Indien oder Tibet, sondern wir dürfen getrost in Rom bleiben – religiöses Weltzentrum hin oder her!

Wir finden Gott nicht erst in Jerusalem, sondern er findet uns in unsern mehr oder weniger einladenden Häusern und Wohnungen, in unseren muffigen Stuben und anstrengen Arbeitsplätzen.

Das ist nun wirklich ein Evangelium, eine gute Botschaft.

Gott wohnt nicht an heiligem Orte und wir müssen hin, sondern Gott will bei uns wohnen und wir werden dadurch heilig.

So rum läuft’s und nicht anders rum.

Der Vater im Himmel und ich werden zu euch kommen und Wohnung bei euch nehmen.

Die religiöse Reise macht Gott und nicht der Mensch.

Und deshalb kann ich da und dort glauben und leben, wo ich bin und wo Gott mich hingestellt hat.

Gott will in uns Wohnung nehmen, nicht in fernen Heiligtümern.

Gott will uns hier und jetzt erfüllen und nicht erst nach 1000 Kilometern Reise.

 

Und wenn Gott in uns wohnen will, und nicht nur bei uns wie andere irdische Gäste, dann muss er Geist sein.

Dann muss er so sein, dass er unsichtbar unser Herz, unsern Verstand und unsere Gefühle erfüllen kann.

Und vielleicht können wir so ein bisschen davon erahnen, warum wir vom Heiligen Geist reden. In dieser Person tritt Gott uns nicht gegenüber als Schöpfer oder als historischer Erlöser, sondern in dieser Person kommt er in uns hinein und bringt Vater und Sohn gewissermaßen mit.

 

Gott ist nicht nur Schöpfer und damit der Rahmen der Welt.

Gott ist nicht nur Erlöser und menschgewordene Gestalt in Raum und Zeit.

Gott ist auch Geist, der alles durchweht und dort Wohnung nimmt, wo er will,

wie es Leandro in seinem Glaubensbekenntnis gesagt hat.

 

Unser Herz lässt sich im Laufe unseres Lebens von allerlei Besitzern erobern. Von Menschen, die uns bezaubern, und die vielleicht einen dauerhaften Platz in unserm Leben bekommen.

Von Menschen, für die wir Verantwortung übernehmen, und für die wir sorgen.

Wir lassen uns aber auch erobern von allen möglichen Leidenschaften und Hobbies.

Von Sportarten und Youtube-Kanälen, von denen mir Julian viel erklärt hat,

von schönen Autos oder guten Weinen.

Jeder unter uns weiß, wovon sein Herz sich schon erobern ließ.

 

Ich erinnere mich, wie Valerio auf unserem Ausflug in Assisi von den Katzenbabys begeistert war.

 

Aber dann erobern uns aber auch noch manche Wettbewerbe, bei denen wir mitmachen, ohne dass wir uns das immer bewusst machen.

Wer hat die meisten Freunde? Wer hat am meisten Geld? Wer bleibt am längsten jung und schön? Wer hat die erfolgreichsten Kinder?

Wenn wir ehrlich sind, geben wir zu, dass wir mindestens einen solchen Wettbewerb in unserm Herzen beherbergen und dass er manchmal ganz schön viel Wohnraum beansprucht.

 

In unserm Herzen wohnen also allerhand Gäste.

Gott will einer davon sein.

Und nicht nur einer unter vielen, sondern der wichtigste.

Wenn wir uns bewusst machen, wie uns andere Personen, die wir im Herzen haben, umtreiben, verunsichern und manchmal auch bleibend verletzen können, dann wird uns vielleicht klar, dass Gott ein sinnvoller, ja ein heilsamen Gast wäre.

Ein Dauergast, der unserm mitunter armen Herzen, wirklich gut täte.

Ein Dauergast, der ein bisschen Ruhe reinbringt, in die Regungen und Schwankungen unseres Gefühlslebens.

Und genauso beschreibt Jesus den Heiligen Geist:

 

Der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

 

Der Heilige Geist ist in unserm Herzen zuerst einmal ein Tröster.

Nach außen würden wir es wahrscheinlich ungern zugeben, aber wir brauchen immer wieder jemanden, der uns tröstet.

 

Und „trösten“, das heißt von seiner Wortgeschichte her zuerst einmal „festmachen“ (confortare: stark machen).

Wer tröstet, der macht uns in all dem, was uns bewegt und umtreibt, fest.

Getröstet werden muss ja nicht erst die Person, die in Tränen aufgelöst ist.

Getröstet werden müssen wir alle, in deren Herzen nicht immer alles stabil und am richtigen Platz ist.

Es ist ein köstliches Ding, dass das Herz fest werde, sagt der Hebräerbrief an einer Stelle. Und das ist in der Tat richtig.

Wir brauchen Menschen, deren Herz fest ist, nicht wankelmütig, nicht heute so und morgen so. Wir brauchen solche Menschen in unseren Familien, Freundschaften, in unsern Betrieben und Gemeinden.

Wir brauchen Menschen, die Herr sind über ihre Emotionen – und nicht umgekehrt.

Wir können heute zwar zum Mond fliegen und Herzen transplantieren; aber fester sind die Herzen der Menschen nicht.

Man könnte fast auf die Idee kommen, dass sie in unserm vermeintlichen Wohlstand verwirrter sind als je zuvor.

Wie sonst lassen sich viele von fixen Ideen gewinnen und stellen ihr Leben und ihre Berufswahl auf wackligen Boden?

Es ist nicht nur köstlich, es ist notwendig, dass Menschen ein festes Herz gewinnen und behalten können, bei alldem, das selbst auf die einströmt, die aus gutem Haus stammen und eigentlich guten Willens sind.

Eine gute Erziehung ist wichtig, aber sie ist keine Garantie.

 

Wir brauchen jemanden, der unser Herz fest macht.

Der Tröster, der Heilige Geist, ist dafür gekommen.

Nicht nur nach Jerusalem, sondern zu uns und er will in unser Herz.

Wenn er dort wohnt, wird er uns fest machen, uns Stabilität geben, je länger desto mehr.

Klare Gedanken, souveräner Umgang mit Emotionen, gesunde Psyche – wer braucht das nicht? Der Tröster will uns das geben.

 

Und jetzt bedeutet das griechische Wort, das Johannes für den Heiligen Geist verwendet, nicht nur Tröster, sondern auch „Anwalt“.

Das ist ein Tröster nicht nur nach innen, in unser Herz hinein, sondern auch ein Verteidiger nach außen, gegen die Angriffe von dort.

Und wie oft hätten wir das nötig, dass uns einer verteidigt, dass uns einer ins Recht setzt gegenüber berechtigen und unberechtigten Anklage von außen.

Wie oft fühlen wir uns angegriffen oder zumindest missverstanden!

Dieser Anwalt verteidigt uns vor Gericht. Nicht vor den Gerichtshöfen dieser Welt, sondern vor dem Gericht des eigenen Gewissens und vor dem ewigen Gericht Gottes.

Was wir können und dürfen, was wir als Bürger dieser Welt müssen und was nicht, welcher Anspruch an uns gerechtfertigt und welcher nicht, das alles sagt uns dieser göttliche Anwalt, das gibt uns der Heilige Geist zu verstehen.

Wohl dem Menschen, der sich von dieser inneren Stimme leiten und entlasten lässt.

Wohl dem, der sich von dieser inneren Stimme auch korrigieren und manchmal bremsen lässt, wenn der eigene Gaul mit einem durchgeht.

Diese innere Stimme ist kein diffuses Gefühl, sondern ist immer gebunden an Gottes Wort und das, was die Kirche lehrt.

So bewahrt uns Gott als einzelne immer davor, auf eigenen Wegen unseres Egos abzudriften.

 

 

Liebe Konfirmanden,

wir haben manchmal über die Ferien in Italien und Deutschland geredet und über deren Unterschiede.

In Deutschland gibt es im Augenblick Pfingstferien.

Pfingsten gilt in Deutschland als Reisezeit.

Inzwischen verreisen immer mehr Deutsche an Pfingsten statt im Sommer.

Wir sitzen heute hier und ihr habt keine Pfingstferien.

Aber wichtig ist nicht, dass wir auf Reisen sind,

sondern dass Gott schon längst zu uns gereist ist,

egal, wo wir sind, ob in den Bergen oder am Meer.

Egal, ob wir Weltbürger sind oder nie über unsere Stadt rauskommen.

 

Gott hat die entscheidende Reise gemacht. In seine Welt hinein bis hin ans Kreuz.

Und diese Reise kommt erst ans Ziel, wenn er in unserm Herzen angekommen ist und dort seine Wohnung nimmt.

Bleiben wir nicht staunend vor Bethlehem und Golgatha stehen, sondern lassen wir den Herrn von dort in unser Herz ziehen.

 

Dann können wir immer noch verreisen.

Dann können wir immer noch Reisekataloge wälzen.

Dann können wir auch heilige Stätten besuchen.

 

Dann leitet uns aber nicht die Rastlosigkeit und die Suche nach Erlösung,

dann treiben uns nicht ferne Ziele und falsche Sehnsüchte um,

sondern dann fühlen wir uns am richtigen Platz, wo immer wir sind,

dann können wir mit den Menschen leben, die um uns sind,

weil Gott in uns wohnt und damit unser Herz fest wird.

 

Und ja: Pfingsten ist ein Reisewochenende.

Und der, der Raum und Zeit durchschreitet, der Erde und Himmel verbindet, der möge bei uns ankommen.

Amen.