Lukas 10,38-42

Als Jesus und seine Jünger aber weiterzogen, kam er in ein Dorf.

Da war eine Frau mit Namen Martha, die nahm ihn auf.

Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.

Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen.

Und sie trat hinzu und sprach:

Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!

Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr:

Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe.

Eins aber ist Not.

Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

 

Liebe Gemeinde!

Herzlichen Glückwunsch Berlin!

Die deutsche Bundeshauptstadt hat einen neuen Feiertag.

Am 8. März begeht sie von jetzt an jedes Jahr unter staatlichem Schutz den Weltfrauentag.

Berlin hat einen weiteren Feiertag verdient. Die Stadt hatte bislang nur neun Feiertage. Das Bundesland Bayern hat dagegen 13. Italien hat 12 Feiertage.

Also gönnen wir auch den Berlinern diesen weiteren arbeitsfreien Tag!

Schon länger beriet man über einen weiteren Feiertag für die Berliner.

Der 8. Mai als Tag des Kriegsendes von 1945 stand hoch im Kurs oder der 17. Juni als Tag des Volksaufstandes in der DDR.

Musste es unbedingt der Weltfrauentag sein, den bis dahin kein deutsches Bundesland feierte?

Mir persönlich – das wird Sie nicht wundern – wäre freilich der Reformationstag am 31. Oktober lieber gewesen, den inzwischen ganz Nord- und Ostdeutschland begeht. Aber das tut jetzt nicht zur Sache.

 

Was hat es aber mit diesem Weltfrauentag auf sich?

Entstanden ist er in sozialistischen Kreisen. Clara Zetkin, Mitstreiterin von Rosa Luxemburg, hat ihn gefordert.

1911 – im Jahr, als der Grundstein dieser Kirche gelegt wurde, wurde der Weltfrauentag zum ersten Mal in Deutschland begangen.

Er hatte damals noch den programmatischen Namen „Frauenkampftag“, der seinen revolutionären Charakter ausdrückte.

Man kämpfte für das Selbstbestimmungsrecht der Frau, für das Frauenwahlrecht, das uns heute als selbstverständlich erscheint, für bessere Arbeitsbedingungen der Frauen, die nun ja auch in der Industrie arbeiteten.

Die Vereinten Nationen erkoren ihn dann im Laufe der Zeit als „Tag für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“.

In Italien wird er seit 1946 begangen und bekam durch das Verschenken von Mimosen-Zweigen seine besondere Prägung.

 

 

Die Nationalsozialisten in Deutschland hatten diesen Frauenkampftag im März wieder verboten. Dabei ging es nicht allein um dessen sozialistische Herkunft, sondern auch um ein anderes Frauenbild.

Für die Nationalsozialisten stand das Ideal der Mutter im Zentrum. Und so stärkten sie den Muttertag im Mai als Feiertag, um ihrem Frauenbild Geltung zu verschaffen.

Nicht wenige Frauen ließen es sich aber nicht nehmen, am 8. März still für ihre Recht zu protestieren, in dem sie rote Wäsche zum Trocknen aus den Fenstern hingen.

 

Ein Kampftag für die Rechte der Frau oder ein Danktag für die treusorgende Mutter: Beide Feiertage haben nicht nur ihren parteipolitischen Stallgeruch, sondern sie transportieren auch ganz unterschiedliche Frauenbilder.

 

Selbstlose Mutter, die sich der Familie, dem Manne, dem traditionellen Rollenbild unterwirft, oder:

Selbstbestimmte Frau, die ihre vollen Rechte und ihren gleichberechtigen Rang in Familie, Gesellschaft und Arbeitswelt einfordert.

 

Sind wir da schon bei Maria und Marta aus dem Lukasevangelium?

Bei der einen, die dient und ganz selbstverständlich den Haushalt macht?

Und bei der anderen, die sich ganz selbstverständlich zu Jesus setzt und über seine religiösen Themen mitdiskutiert?

 

Dieser Sprung wäre viel zu schnell vollzogen. Wir müssen hier noch einmal einige Schritte zurückgehen, wenn wir unseren Abschnitt aus dem Lukasevangelium richtig verstehen wollen, und wenn wir vom Evangelium aus einen Blick auf die Rolle der Frauen wagen.

 

Das Eine ist schon einmal ganz klar:

Mit einem Feiertag ist es nicht getan.

Egal ob wir den Weltfrauentag favorisieren, Mimosen verschenken, oder uns am Muttertag engagieren: Mit einem Tag ist es nicht getan,

weder, um die Rechte der Frau ernst zu nehmen, noch um unsere Mütter wertzuschätzen.

Wer seine Mutter nur an einem Sonntag im Mai mit Blumenstrauß und Besuch beehrt und an das denkt, was man ihr verdankt, wird ihr nicht gerecht.

Sagt doch die Bibel schon seit uralten Zeiten mit ihrem 4. Gebot:

„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.“ – und das nicht nur an einem Tag, sondern alle Tage deines Lebens.

Und ganz dieser Einsicht entsprechend kritisierte selbst eine prominente deutsche Feministin zu Recht die Idee des Weltfrauentags:

„Schaffen wir ihn […] endlich ab, diesen gönnerhaften 8. März! Und machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer.“ (Alice Schwarzer, Frankfurter Rundschau, 8. März 2010.)

 

Es geht letztlich nicht um Feiertage, sondern um Haltungen.

Und wir sind heute auch nicht hier, um den einen oder anderen Feiertag zu begehen, sondern um auf Gottes Wort zu hören.

Und das gilt bekanntlich nicht nur für einen Tag, sondern für alle Tage bis an der Welt Ende.

Was wäre das für ein fatales Missverständnis, wenn wir die Weihnachtsbotschaft nur am 25. Dezember ernstnähmen, oder wenn das Wort vom Kreuz nur für den Karfreitag Geltung hätte.

Nein, diese Botschaften haben Geltung und Bedeutung für die Ewigkeit!

Nein, unsere Botschaft, unsere Bibel, die uns Sonntag für Sonntag, Feiertag für Feiertag in Einzelteilen zum Wort Gottes werden will, hat Geltung für jeden Tag.

 

Wir sollen keine Feiertagschristen sein, die sonntags besonderer, origineller Ideen gedenken, sondern Menschen, die sich von Jesu Worten prägen lassen, sodass man das an uns ablesen kann, im Alltag, an unserer Haltung den Menschen gegenüber, Frauen wie Männern, Kindern wie Alten.

 

Und wenn wir diese ganz grundsätzliche Botschaft des Evangeliums heute hören wollen, dann müssen wir genau hinschauen, wie Jesus mit diesen beiden Schwestern Maria und Marta umgeht:

 

Wenn ein Zeitgenosse Jesu damals den Bericht von Jesus im Haus von Maria und Marta gehört hat, dann hat er sich nicht an den Äußerungen der beiden Frauen aufgehalten, dann hätte er nicht zwei Rollenbilder für die Frau bedacht, sondern dann hat er sich zu allererst über eine Sache gewundert:

Dieser Jesus lässt zu, dass Maria ihm zuhört.

Es war vollkommen normal, dass ein jüdischer Rabbi sich mit seinen Zuhörern zusammensetzte und religiöse Lehrgespräche führte.

Es war auch denkbar, dass diese Männerrunde im Hause von zwei Sympathisantinnen des Rabbi stattfand.

Aber es war vollkommen unvorstellbar, dass eine Frau sich in diese Gesprächsrunde begab, denn religiöse Lehrgespräche waren Männersache.

 

Und eine Frau hätte immer nur das gemacht, was Marta tat, sie hätte diese Männerrunde bewirtet und umsorgt.

 

Nichts gegen diesen wichtigen Dienst! Das muss ja auch gemacht werden.

Jesus wertet diese Mühe der Marta ja überhaupt nicht ab!

 

Es geht nicht darum, Hausarbeit als unwichtig oder zweitrangig darzustellen.

Es geht darum, dass Jesus es zulässt und es gutheißt, dass mit Maria eine Frau ihm zuhört.

Religionsgespräche sind bei Jesus keine Männersache.

Mit diesem Rabbi sprechen nicht nur andere Männer.

Mit Jesus sprechen ganz selbstverständlich auch Frauen.

Was dieser Mensch zu sagen hat, geht alle an.

Das Evangelium ist kein Thema nur für vorgebildete Personen, für volljährige jüdische Männer, wie das damals üblich war, sondern für alle – auch für die kleinen Kinder – wir kennen auch deren Geschichte.

 

Der gewöhnliche Leser der damaligen jüdischen Kultur hätte erwartet, dass Jesus diese zuhörende Maria in ihre vorgeprägte Rolle zurückweist.

„Liebe Maria, ich schätze es in deinem Haus zu sein. Aber dein Platz ist nicht hier in meiner Gesprächsrunde, sondern dein Platz ist in Küche. Deine Schwester Marta macht es richtig!“

 

Und genau diese Antwort will Marta hören, als sie sich bei Jesus über ihrer Schwester beschwert:

„Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!“

 

Aber Jesus reagiert ganz unerwartet:

„Maria hat es richtig gemacht.

Eins ist notwendig: Meine Worte zu hören! Mich wahrzunehmen! In meiner Nähe zu bleiben!

Das hat deine Schwester getan. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll man ihr lassen.“

 

Unser Abschnitt aus dem Lukasevangelium zeigt einmal mehr, dass Jesus Frauen grundsätzlich annimmt und als Nachfolgerinnen und Gesprächspartnerinnen an sich ranlässt.

Das war damals unüblich.

 

Das Lukasevangelium lässt an vielen Stellen erkennen, welchen herausragenden Rang die Frauen bei Jesus und in der frühen Kirche hatten.

Da waren nicht nur die armen Sünderinnen, denen Jesus gnädigerweise vergeben hatte und die ihm dann nachfolgten.

Da waren auch wohlhabende und einflussreiche Frauen, die Jesus unterstützten. (Lk 8,1-3)

Da war die Purpurhändlerin Lydia, die Paulus hörte und ihn dann unterstütze (Act 16,14f.)

Da waren dann auch die vielen wohlhabenden Frauen in Rom, die der jungen Kirche ihrer Häuser und Grundstücke zur Verfügung stellten, und deren Namen wir bis heute in den Ortbezeichnungen bewahrt haben hören: Lucina, Domitilla, Prisca, Sabina.

 

Jesus gab den Frauen einen selbstverständlichen Rang und Ort in seiner Nähe. Nicht in einem eigenen Frauen-Kult wie bei den Vestalinnen in Rom. Nicht auf einer eigenen Frauenempore wie in der Synagoge.

 

An diesem Zuhörerkreis im Hause von Maria und Marta wird deutlich:

Vor Jesus und seiner Botschaft, seiner Gegenwart, seiner Wirkung werden alle gleich, sind alle gleich bedürftig.

„Eins ist notwendig“, sagt Jesus, „dass man ihn hört, dass man zu ihm kommt, dass man sich auf ihn verlässt.“

 

Und in dieser erlösenden Nähe verschwimmen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, den Lebensaltern, den Armen und den Reichen.

 

Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus.

Was Paulus im Galaterbrief (3,28) so schreibt, wird hier an diesem Zuhörerkreis im Haus von Maria und Marta sichtbar.

 

Alle sind gleich unmittelbar zu Jesus.

Das gibt uns eine innere, eine unverlierbare, eine im Glauben verankerte Würde, die unabhängig ist von dem Geschlecht, von der Rolle, von den Bedingungen, in denen wir uns vorfinden.

 

Gewiss müssen wir uns dann dafür einsetzen, dass in den äußeren Lebensbedingungen diese Würde für alle umgesetzt wird.

Und die Kirche hat es in ihrer Geschichte nicht immer geschafft, die selbstverständliche Bedeutung der Frauen hochzuhalten.

 

Aber die Motivation für diese Mühe ist eine andere als beim alten „Frauenkampftag“.

Wir reißen keine Bastionen ein, die die jeweils anderen aufgetürmt haben. Sondern wir nehmen die Würde ernst, die wir bei Gott haben und die wir bei Jesus finden, und gehen von ihr aus.

 

Es geht nicht um verschiedene Frauenbilder oder bestimmte Rollen, in die wir uns fügen sollen.

Es geht diesem Bericht des Lukasevangeliums letztlich auch nicht um Frauen oder Männer.

Es geht um die Beziehung zu Jesus – und damit zu Gott.

 

Eines ist notwendig:

Dass du dir für diesen Gott Zeit nimmst, dass du ihm zuhörst, dass du sich zu seinen Füßen setzt.

 

Eines ist wunderbarerweise möglich,

dass er dich an sich heranlässt, egal in welcher sozialen Rolle du steckst,

als naives Kind oder als weiser Pensionär,

als gestresste Geschäftsfrau wie als Mutter, die zu Hause bei den Kindern bleibt,

als Student, vor dem das Berufsleben offen liegt, wie als Mann, den sein Beruf fest im Griff hat.

 

Jesus wertet nicht diese Rollenbilder.

Jesus will, dass alle zu ihm kommen!

Er will, dass alle bei ihm die Ruhe und die Annahme und die Würde finden, die ihrem Leben Sinn gibt: Halt in diesem Leben und Perspektive über den Tod hinaus.

Selbst dann, wenn andere Menschen unseren Lebensentwurf als Frau, als Mann, als Kinder oder als Ältere nicht würdigen.

 

Das ist das, was wir hier in der Kirche feiern.

Das ist das, was es wert ist zu bedenken.

Heute, am 8. März und am 31. Oktober und an jedem Tag unseres Lebens.

Staatlicher Feiertag hin oder her…

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.