Hebräer 4,14-16

Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.

Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.

Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade,

damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit,

wenn wir Hilfe nötig haben.

 

Liebe Gemeinde am Anfang dieser Passionszeit,

in unsern Firmen und Betrieben gibt es heutzutage immer eine wichtige Abteilung:

Das Marketing.

Hier werden Produkte dem Markt angepasst.

Hier wird gefragt: Was brauchen die Menschen, was sucht der Kunde?

Wie kann ich so produzieren, dass es auch richtig viel gekauft wird?

In der Lebensmittelindustrie sehen wir es – glaube ich – alle ganz gut.

Da werden immer wieder neue Produkte erfunden, die es früher gar nicht gab.

Nicht, weil sie neu entdeckt wurden, sondern weil sie ein cleveres Marketing erfunden hat und damit die Kunden kriegt.

Denken wir nur an die Kaffee-Kapseln, mit denen man in eigenen Maschinen vom Espresso bis zum Latte macchiato alles haben kann. Das gab es früher nicht.

Denken wir an Smoothies, diese gesunden frullati aus Obst, die bis vor ein paar Jahren niemand von uns kannte, und die jetzt die Kühlregale unserer Supermärkte füllen.

Andere einmal neuerfundenen Produkte fallen nach einer bestimmten Zeit wieder weg.

Solche Produkte fallen dann still und heimlich wieder weg, wenn sie vom Kunden nicht mehr so gefragt sind.

Und eine gute Marketing-Abteilung merkt das.

 

Wenn wir so fragen, liebe Mitchristen, dann fallen uns einige Themen unseres Glaubens gewaltig auf die Füße.

Und ein Bibelabschnitt wie heute aus dem Hebräerbrief ist nicht geeignet, die Bedürfnisse des Marktes zu befriedigen.

Ein Marketingberater müsste mir eigentlich sagen: Nein, das geht gar nicht. Danach fragt niemand.

 

Und jetzt fangen wir heute am Beginn der Fasten- und Passionszeit mit einer ganzen Reihe von Predigtthemen an, die zu den Ladenhütern unseres Lebensgefühls gehören werden:

Vergänglichkeit, Versuchung, Scheitern und Umkehr, Sünde und Buße – schon vom Begriff her für jeden Marketing-Chef eine Katastrophe!

Und alles gipfelt in Blut und Sühne am Karfreitag. Unter Marketing-Gesichtspunkten kein Verkaufsschlager.

Das ist gerade nicht, was die Menschen heute brauchen und weshalb sie in Massen zu euch kommen würden.

 

Unter Marketing-Gesichtspunkten würde das Gottesbild des Islam wesentlich besser ankommen:

Stärke und Allmacht Allahs, klare Forderungen des Propheten und kompromissloser, heldischer Gehorsam der Gläubigen.

Kein Gefasel von Liebe wie bei uns.

Strenge junge Gesichter, bruchlose Lebenswege und klare Rollenbilder für Männer und Frauen.

Mohammed definiert sich über gewonnene Kriege.

Unser Jesus definiert sich über sein vergossenes Blut. Der Herr hängt jämmerlich am Kreuz.

O Haupt voll Blut und Wunden: In der Tat kein Hingucker. Keine Marke.

 

 

Aber trotz Marketing-Ratschlägen sind wir durch Gottes Wort heute klar aufgefordert:

Lasst uns festhalten am Bekenntnis. Und ein Bekenntnis ist etwas anderes als ein Kaufverhalten.

Beim Kaufverhalten lasse ich mich leiten von meinen Gelüsten, von dem, was mich anmacht. Da reizt mich die Schokolade im Regal oder der süße Kaugummi an der Kasse in der Tankstelle. Das kann heute dies sein und morgen das. Im Winter ein Glühwein und im Sommer ein Eis.

 

Bei einem Bekenntnis stehe ich zu etwas – unabhängig von meinen Gelüsten und unabhängig von den Gefühlen, die ich gerade habe.

Ich mach es mal deutlich an einem Beispiel:

Zu einem Ehepartner bekennen wir uns. Zu dem stehen wir in guten und in schlechten Zeiten. Nicht nur, wenn wir mal Lust auf ihn haben, sondern bestenfalls immer, auch wenn er uns schwerfällt.

Zu einem eigenen Kind bekennen wir uns als Eltern. Zu diesem Kind stehen wir in allem, was kommt. Egal, ob es uns Freude macht oder uns auch mal gewaltig ärgert.

Zu seinen Kindern bekennt man sich, auch noch, wenn sie groß sind.

Was wären das für Eltern, die nur mal kurz Lust haben auf süßes Baby, aber nach kurzer Zeit wieder etwas anderes toll finden!

Hier ist keine spontane Lust gefragt, sondern ein festes Bekenntnis.

Sie merken, was für ein Unterschied das ist.

Bei den entscheidenden Dingen im Leben geht es nicht um Kauflaune und Gelüste, sondern um feste Bindungen.

Und es wäre für unsere Zeit wahrhaft gut, die Menschen würden ihre Partnerschaften und auch ihre Berufe wieder mehr als Bekenntnis sehen, und nicht als Wahlmöglichkeit wie im Supermarkt. Heute das und morgen das, je nach Laune.

Ich habe eine (sehr hübsche) Cousine, die wechselt nicht nur regelmäßig ihre Freunde, sondern immer auch entsprechend dem Freund das Studienfach. Sie glauben gar nicht, wie viel die schon angefangen hat, aber sie hat bis heute noch keinen Beruf.

Es ist wichtig, dass wir im Leben zu etwas stehen – unabhängig von der Marktlage.

 

Und so will auch unser Verhältnis zu Gott ein Bekenntnis zu ihm sein. Und keine spontane Wahl im Supermarkt der Religionen, auch wenn sich viele Zeitgenossen heute so bedienen.

Ein bisschen Weihnachten vom Christentum, dann aber doch lieber Meditation aus dem Buddhismus und die Zukunft von der Wahrsagerin.

 

Wenn wir so mit einem Partner umgehen würden, würden wir ihn sehr verletzen. Aber mit Gott gehen wir Menschen so um.

 

Glaube ist keine Eistruhe, aus dem wir uns gerade das rausholen, nach was uns gerade ist, sondern Glaube ist ein Bekenntnis.

So fest und so treu, wie es auch unsere Liebesbeziehungen sein mögen.

 

In der Kirche bekennen wir uns. Und deshalb sprechen wir auch bis heute dieses uralte – und sprachlich zugegebenermaßen schwierige – Glaubensbekenntnis.

Das kreieren wir nicht jedes Jahr ein neues.

Da halten wir fest an der Ur-Marke, die uns schon immer ausgemacht hat.

Wir richten uns doch nicht nach dem Markt.

Wir können uns doch nicht leiten lassen von Angebot und Nachfrage.

Wir müssen doch festhalten an dem, was Gott uns gegeben hat,

an dem Bekenntnis, das wir nicht anbieten, sondern das wir selber übernommen haben.

Wir Christen sind keine Marktwirtschaft.

Wir sind eine Bekenntnisgemeinschaft.

 

Und zu diesem Bekenntnis gehört dieser ganze Lebensweg Jesu:

geboren von der Jungfrau Maria, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, aufgefahren in den Himmel…

Oder so wie es der Hebräerbrief sagt, aus dem ich vorgelesen habe:

Jesus hat die Himmel durchschritten:

Jesus hat die Himmel und damit die Grenzen zwischen unserer Welt und Gottes Welt und der Welt des Todes durchbrochen.

 

Hier werden uralte Rollenbilder durchbrochen. Hier werden Unterschiede zwischen Gott und Mensch erschüttert.

Gott ist nicht nur unantastbar oben im Himmel.

Die Menschen sind nicht nur – glücklich oder nicht – auf dieser Erde.

Die Toten sind nicht einfach nur vergessen – wo auch immer, aber auf jeden Fall weg.

Nein, da ist durch Jesus Bewegung drin und: Durchlässigkeit.

Wir fallen nicht nur einmal notwendigerweise ins Untergeschoss, wenn wir sterben.

Es gibt auch die Möglichkeit, mit Jesus ganz nach oben zu kommen.

 

Jesus hat die Himmel durchschritten und sich dabei ganz schon die Finger schmutzig gemacht.

Hier werden Heldenbilder besudelt:

Wir haben einen Hohepriester, heißt es im Hebräer, der der leiden musste.

 

Unser Jesus ist kein makelloser Held, der nur als Siegertyp durch die Welt ging.

Der ging in die Knie, der hat Spucke und Schläge abgekriegt.

Wir haben nicht einen Hohenpriester,

der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit,

sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.

Jesus ist auf dem Ölberg zusammengebrochen und hat geweint wie ein kleiner Junge.

Was ist das für ein Gottesbild?

 

Aber wenn unser Gott Gefühle zeigen kann.

Wenn er eine Schwäche für uns hat,

dann heißt das auch etwas für unser Menschenbild,

dann bedeutet das auch etwas für uns:

Du darfst Schmarren in deinem Image haben,

du darfst Brüche in deinem Lebenslauf haben,

du darfst auch mal zusammenbrechen und weinen!

Du musst nicht in jedem Schulfach gut sein.

Dein Kind muss sich nicht in jedem Bereich perfekt entwickeln.

Du musst nicht besser aussehen als alle anderen in der Klasse und du musst nicht mehr leisten als alle anderen an deinem Arbeitsplatz.

 

Dann bist du dem perfekten Gott nicht fern, sondern gerade dann ist der dir besonders nah.

Christentum ist kein ständiger Kampf um heldischen Gehorsam.

Christentum ist Mitgehen mit diesem Jesus, der durch alle Stockwerke kommt und der alles kennt:

Den Keller der Angst und des Alleinseins.

Die Hölle des Todes und die Höhenflüge unserer guten Tage.

Aber vor allem: den Fahrstuhl zum Himmel.

Und so frage ich Sie heute zum Schluss:

 

Ist unser Jesus ein Ladenhüter?

Sind unser Themen Sünde und Umkehr Ladenhüter?

Sollen wir an diesem Jesus vorbeigehen, weil in anderen Regalen buntere Packungen locken oder lautere Werbung läuft?

Sollen wir einfach nur das in die Hand nehmen, wonach uns gerade ist?

 

Es gibt die Marken, die Gemeinde, die – unabhängig von jedem Marketing – die Zeiten überdauern.

Nivea-Creme, Kinderschokolade oder Nutella.

Die haben seit Jahrzehnten ihr Design und ihre Strategie nicht geändert, weder in Italien noch in Deutschland. Die sind einfach gut.

Oder noch älter: Das tägliche Brot. Das braucht keine Werbung, das braucht keine neuen Zielgruppen. Das ist einfach gut und das macht einfach satt.

 

So ist unser Herr. Er hat seit 2000 Jahren seine Strategie nicht geändert, auch wenn seine Kirche manches an die Wand gefahren hat.

Er hat seit 2000 Jahren niemanden enttäuscht, der sich wirklich zu ihm bekannt hat.

Und noch mehr als Nutella, Nivea oder Barilla kann er unser Leben schön machen.

Und wenn es uns nicht gut geht, dann ist sein Kampf unser Sieg.

Amen.