PREDIGT

Liebe Gemeinde!

Wir sind heute zusammen am Festtag der Apostel Petrus und Paulus.

Dieses Fest ist eine Erfindung der Kirche.

Um es noch deutlicher zu sagen:

Die Tatsache, dass diese beiden Apostel an einem Tag gemeinsam –gleichsam im Doppelpack – gefeiert werden, ist eine Entscheidung der Kirche.

Und da drängen sich uns ja gleich mehrere Fragen auf:

Warum wurden gerade diese beiden Apostel zusammengefasst?

Ist es überhaupt legitim, diese beiden höchst unterschiedlichen Gestalten einfach nebeneinander zu stellen?

Jeder von uns, der das Neue Testament nur ein bisschen kennt, weiß, wie verschieden die Lebenswege dieser beiden Männer waren.

Jede von uns weiß, dass die theologische Ausrichtung und Prägung dieser beiden Männer gewaltig auseinander ging, und es auch zum heftigen Streit zwischen ihnen gekommen ist.

Ist es daher nicht eine bedenkliche Einebnung der Profile, wenn die Kirche diese beiden Männer einfach an einem Gedenktag zusammenfasst?

Oder ist es nicht eine zu einfache Harmonisierung, wenn die Kirche diese beiden Männer in einem „apostolischen Doppelpack“ vereint?

Nach dem Motto „Morgens Aronal, abends Elmex“: Hier ein bisschen Petrus, da ein bisschen Paulus; beides ergänzt sich gut.

Zur Stärkung und Härtung des kirchlichen Zahnmaterials etwas vom Petrusamt, für das empfindliche Zahnfleisch der christlichen Seele etwas paulinische Rechtfertigungslehre…

So leicht ist es ja nicht, die beiden Apostel zusammenzufassen!

Und so leicht hat es sich die Alte Kirche auch nicht gemacht, als sie das Fest der beiden Apostel erfand.

 

Die Anfänge dieses Festes bringen uns auf eine andere Spur; und es lohnt sich, diese interessante Spur zurückzuverfolgen.

Sie führt uns ins Rom des vierten Jahrhunderts.

Hier bei uns, in der alten Hauptstadt des Reiches, liegt der Ursprung des Peter- und Paulsfestes. Und dieses Fest nimmt seinen Ausgang nicht an der Theologie des einen oder des anderen; dieses Fest nimmt seinen Ausgang nicht an der Kathedra Petri, dem Bischofsstuhl der künftigen Päpste, oder an der Sammlung der Paulusbriefe im Neuen Testament, sondern dieses Fest beginnt an den Gräbern der beiden Apostel.

Gefeiert wurde in Rom, dass diese beiden Männer in dieser Stadt ihr Leben gelassen haben in ihrer Treue zu Christus.

Die Idee des Festes war ursprünglich das zeitgleiche Martyrium der beiden Apostel in der Christenverfolgung unter Nero.

Wenn wir also heute den Peter- und Paulstag begehen, dann soll es nicht darum gehen, die beiden zu harmonisieren oder gegeneinander auszuspielen, sondern dann geht es um eine Erkenntnis:

Diese beiden höchst unterschiedlichen Personen sind sich am Ende ihres höchst unterschiedlichen Lebensweges gleich geworden – in ihrem Tod, in ihrem konsequenten Zeugnis für Christus, ihren Herrn.

 

Die Zusammenfassung der beiden ist also weder ein reiner Willkürakt der Kirche, noch ein unzulässiges Harmonisieren.

Die Zusammenfassung lebt von der Einsicht, dass ganz verschiedene Biographien bei allen ihren Unterschieden in der einen Sache zusammenkommen und eins sind,

dass ganz unterschiedliche Lebenswege am gleichen Ziel ankommen:

Beim Tod für Christus und am ewigen Leben mit Christus.

Hier werden die beiden Apostel wirklich zusammenfasst und mit ihnen alle anderen Apostel und Zeuginnen und hoffentlich auch wir mit ihnen.

Dass wir am Ende für Jesus und mit Jesus sterben und durch diese eine enge Tür hineingehen in das ewige Leben, das haben wir alle gemeinsam und macht uns alle gleich. In dieser Hinsicht gibt es wirklich keine Unterschiede mehr.

 

Das Lebenszeugnis des Petrus sah ganz anders aus als das Lebenszeugnis des Paulus.

Sie lebten ihr Christentum ja unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen:

Der eine war einfacher Fischer, der andere hochgebildeter Pharisäer.

Der eine hatte jahrelang Jesus aus der Nähe erlebt, der andere kannte nur Erscheinungen des Auferstandenen.

Der eine lebte und wirkte, solange es ging, im semitischen Umfeld, der andere zog hinaus zu den Heiden.

Die Martyria, das Zeugnis ihres Lebens sah ganz unterschiedlich aus.

Die Martyria ihres Sterbens aber, ihr Martyrium, sah gleich aus, stellte sie nebeneinander.

 

Und die junge Kirche konnte erkennen:

Verschiedene Biographien dienen dem einen Zeugnis Gottes.

Verschiedene Arbeitsweisen dienen der einen Ausbreitung des Evangeliums.

Verschiedene Charaktere dienen der einen Kirche.

 

Und genau in dieser Hinsicht sind die beiden Apostelfürsten für uns heute Kronzeugen dafür, dass Gott seine Kirche mit verschiedenen Charakteren baut und dass Christus ganz verschiedene Lebenswege mit uns gehen kann.

 

In einem Zusammenhang wie hier in unserer Stadt und unserer Gemeinde mag das besonders wichtig sein.

Wir leben alle unter einer großen gemeinsamen Zielsetzung.

Wir wollen alle, dass unser eigenes privates Leben gelingt und dass unser Zusammenleben funktioniert und möglichst viele Menschen einschließt.

Und wir gehen dorthin vergleichbare Wege, stehen vor denselben Herausforderungen, müssen die selben Hürden überwinden.

Und diese Vergleichbarkeit macht es uns schwer.

Es kann schier unerträglich sein, zu sehen, wie ich mich selber schwertue und dem andern neben mir die Sache leicht fällt.

Warum sind andere beruflich erfolgreich und haben mehr als genug Geld?

Warum macht mir die Gesundheit zu schaffen, während andere schon viel älter sind und fit sind?

Warum haben sich meine Kinder so entwickelt und nicht so wie die meiner Nachbarn?

Es ist schwer, verschiedene Biographien in vergleichbarem Kontext auszuhalten.

Es verlangt einen langen Atem, zu spüren, dass auch meine Begabungen ihren Raum und ihre Anerkennung finden.

Das Schicksal von Petrus und Paulus, über das wir heute nachdenken, erinnert uns immer wieder an die alte vertraute, aber so schwer gefühlte Wahrheit:

Gott plant mit uns Menschen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Dinge.

 

Gott treibt sein Reich mit unterschiedlichen Begabungen und Charakterzügen voran.

Mit jeder individuellen Biographie hat Gott etwas vor.

Und meine eigene Biographie, so eigenartig und so mangelhaft sie mir im Vergleich zu anderen auch vorkommt, hat ihre Berechtigung.

 

Und noch einen Aspekt möchte ich hinzufügen:

 

Zu den Lebenswegen von Petrus und Paulus gehörten nicht nur unterschiedliche Gaben und Stärken, sondern auch ihr individuelles Scheitern.

Wir haben in den Lesungen davon gehört.

Der eine hatte Jesus trotz enger Freundschaft und heißen Treueschwüren dreimal verleugnet.

Der andere hatte seine ganze Energie in blindem Wahn dafür eingesetzt, Christus zu verfolgen.

Und mit dem einem wie mit dem anderen hat Jesus seinen individuellen Weg der Vergebung und Veränderung gefunden.

Was ist das für ein Herr, der nicht nur die verschiedenen Stärken seiner Diener einsetzt und koordiniert, sondern auch ihre Schwächen und ihr Versagen heilt und in sein großes Werk integriert?

Wir sehen: Keine Biographie ist zu kantig oder zu verkorkst, um von Gott gebraucht zu werden.

 

Die römische Kirche feierte am diesem Tage nicht die individuellen Errungenschaften der Apostel, weder die persönliche Autorität des Petrus, noch die theologiegeschichtliche Wirkung der Paulusbriefe. Sie feierte den Tod der beiden Apostel und ihr Glaubensstärke bis ans Ende. Und sie konnte das nur tun, weil sie in diesem Tod den Sieg sah, der am Ende eines Christenlebens steht.

Ein Sieg, der alles hinter sich lässt, was einmal war, und alles von Christus her empfängt.

Das Leben des Petrus und des Paulus lässt sich von diesem Ende her tatsächlich im Doppelpack betrachten, und es lehrt uns noch nach 2000 Jahren:

 

Es kommt nicht darauf an, was wir im Vergleich zu anderen können und leisten, sondern es kommt darauf an,

dass Christus, der uns kennt, wie wir sind, seinen Weg mit uns geht.

Amen.

 

LETTURE

 

Gal 1,11-24 (Die Berufung des Paulus)

 

Mt 16,13-19 (Das Petrusbekenntnis)