Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart,

wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art,

und hat ein Blümlein bracht

mitten im kalten Winter

wohl zu der halben Nacht. (EG 30/GL 243)

 

Liebe Geschwister,

nein, ich habe mich nicht im Kirchenjahr verirrt, auch wenn wir uns evangelischerseits noch im Weihnachtsfestkreis befinden.

Und ich versuche auch nicht, eine bereits gehaltene Weihnachtspredigt heute Abend nochmals unterzubringen.

Ich zitiere eines der verbreitetsten deutschsprachigen Weihnachtslieder:

Es ist ein Ros entsprungen.

Das Lied anonymen Ursprungs entstand im 16. Jahrhundert in den katholischen Gebieten zwischen Mosel und Rhein.

1609 nimmt es der evangelische Komponist Michael Praetorius im niedersächsischen Wolfenbüttel auf und gibt ihm einen vierstimmigen Satz, der bis heute die Vertonung des Liedes ist und in tausenden von Chorauftritten, Konzerten und CDs das Lied transportiert hat: in Millionen von Kirchen, Wohnzimmer und Konzertsäle der ganzen Welt – weit über die inneren kirchlichen Kreise hinaus.

Eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte eines katholisch-evangelischen Produktes.

Und das nicht erst im Zeitalter der ökumenischen Bewegung, sondern im Jahrhundert des Konfessionalismus vor dem 30-jährigen Krieg.

Ein lutherischer Komponist scheut sich nicht, ein marianisch gefärbtes Lied aus katholischen Reichsgebieten heranzuziehen und (mit kleinen dogmatischen Anpassungen) im evangelischen Raum zu verbreiten.

Die Katholiken hielten das Lied damit nicht für kontaminiert und für verloren, sondern sangen es munter weiter.

Katholischer Text und evangelische Komposition gehen kongenial Seite an Seite durch die Zeiten – mit großem Erfolg!

Wir könnten ins 19. Jahrhundert springen und beim Lied „Stille Nacht“ eine ähnliche Geschichte nachzeichnen. Vom katholischen Priester Joseph Mohr und seinem Volksschullehrer Franz Xaver Gruber im Salzburger Raum geschaffen und von der Tiroler Sängerfamilie Strasser an verschiedenen Orten vorgetragen, hatte ein seinen zündenden Erfolg in Leipzig, wo sich die lutherische Bevölkerung nicht scheute, dieses Lied  im Gewandhaus aufzuführen und durch protestantische Verlagshäuser drucken zu lassen.

Der fromme preußische König Friedrich Wilhelm IV. liebte es besonders und holte es nach Berlin. Startschuss für seine weltweite Verbreitung.

Ein Produkt katholischer Basisfrömmigkeit in protestantisch-effizienter Vermarktung: Der Erfolg konnte nicht ausbleiben. Es ist das bis heute weltweit bekannteste Weihnachtslied.

 

Liebe Geschwister,

ich will mit diesen hübschen musikgeschichtlichen Beobachtungen kein naives ökumenisches Modell vorgeben, und ich will schon gar keine feste Zuordnung vornehmen, etwa von katholischem Ur-Produkt und evangelischer Weiterentwicklung.

Es gibt genug umgekehrte Beispiele, wo evangelische Werke in katholischer Hand weitergeführt und zu großem Erfolg gebracht wurden. Denken wir an den Adventskranz, theologische Ansätze oder die Musik Bachs, die so oft in katholischen Kontexten meisterhaft erklingt.

Ich habe erst kürzlich gelesen, dass eine wegweisende römisch-katholische Personalentscheidung im Wirkungsraum Bachs stattfand.

Dass der Kölner Kardinal Frings bekanntermaßen den jungen Theologieprofessor Joseph Ratzinger als Berater mit zum Konzil nahm, bahnte sich an, als sich die beiden bei einem Konzert des Bach-Vereins im Kölner Gürzenich begegneten. Beide Musikliebhaber hörten den Messias des ebenfalls protestantischen Georg Friedrich Händel, und der Kardinal nutze die Konzertpause, um den jungen Ratzinger anzusprechen. (Vgl. Seewald, 382)

Evangelische Musik und katholische Rezeption, katholische Musik und evangelische Rezeption: Wir haben uns längst daran gewöhnt.

Vermutlich war die Musik die erste Sparte, in der das möglich war, und als in anderen Bereichen noch kontroverstheologisch die Fetzen flogen.

Es ist aber nicht nur die Musik. Karitative Werke, Missions-Strategie, bioethischer Diskurs, wissenschaftliche Theologie, Jugendinitiativen.

Wir haben wechselseitig vieles voneinander übernommen und gemeinsam genutzt und vorangetrieben.

Unter den wachsenden Herausforderungen eines immer säkularer werdenden Europas ist das auch geboten, ist es sinnvoll, dass wir unsere Ressourcen zusammenlegen und unsere jeweiligen Stärken teilen.

 

Nochmals: Ich will damit nicht sagen, dass Ökumene einfach nur darin bestünde, unsere Beiträge alle in einen Topf zu werfen und am besten dogmatisch einmal kräftig umzurühren.

Ich will damit nur sagen, dass sich Gott, der Herr, in den vergangenen Jahrhunderten nicht hindern ließ, unseren konfessionellen Einzelbeiträgen eine gemeinsame Wirkungsgeschichte zu gewähren.

Gott wird dadurch verherrlicht – sagt uns heute Abend der Herr im Johannesevangelium – dass wir Frucht bringen.

Unsere Frucht ist notwendigerweise immer Fragment. Das Bild vom Weinstock macht ja nur Sinn angesichts der Vielzahl der Reben.

Unsere eigene, individuelle Frucht ist notwendigerweise immer Fragment.

Gott lässt sich aber durch diese vielen fragmentarischen, kleinen, vorläufigen, manchmal missratenen Früchte verherrlichen.

Gott lässt sich durch unsere Früchte verherrlichen.

Das heißt: Er hat die Wirkung, er hat die Rezeption unserer Werke in der Hand.

Anders gesagt: Er hat es in der Hand, ob unser Glaubenszeugnis ankommt oder nicht, ob es Wirkung zeigt oder nicht.

Und es hat ihm im Rückblick auf die Geschichte doch so oft gefallen, gerade die geringen und unscheinbaren Früchte zu wählen, um sich besonders verherrlichen zu lassen.

Das kann uns trösten.

Das kann uns trösten in einer Zeit, in der sich die Menschen um unser herum ihr Bild von Glauben und Christentum längst selber zusammenbasteln – und ein wenig von hier und ein wenig von dort nehmen – ohne dass wir es als Konfessionskirchen noch steuern könnten.

Ich heiße diese Entwicklung keinesfalls gut, und ich finde, wir sollten uns ihr auch nicht geschlagen geben.

Aber wir dürfen wissen: Der Herr arbeitet mit unseren Früchten. Der Herr arbeitet sogar mit den Früchten, die sich die Menschen willkürlich in ihrem religiösen Obstsalat zusammenwürfeln.

Unser fragmentarisches Zeugnis liegt in seinen Händen.

Und wir gehen mit dieser Einsicht nicht vor dem Konstruktivismus in die Knie und verzichten von vornherein auf jede Form von institutioneller Verbindlichkeit und konfessionellem Anspruch auf objektive Geltung.

Wir können, was das Ankommen bei den Menschen angeht, gerne bei Hans-Georg Gadamer stehen bleiben und anerkennen, dass die Rezeption unseres Zeugnisses durchaus auch vom Kopf der Hörer abhängt und die Horizonte beim Verstehen verschmelzen.

Der Herr lässt diesen Prozess der Rezeption in den Köpfen und Herzen der Menschen aber nicht einfach laufen, sondern er nutzt ihn, steuert ihn, segnet ihn – wann und wo er will (Joh 3,8; CA V).

Und das alles mit unseren schönen oder weniger ansehnlichen Früchten.

Die Weinstock-Worte Jesu im Johannesevangelium bewahren uns allerdings gleichzeitig davor, die individuellen Früchte der Glaubenden mit einer willkürlichen Vielfalt des Christentums zu verwechseln.

Johannes 15 spricht von „Frucht“ nur in der Einzahl; und es ist deutlich, dass alle diese individuell hervorgebrachte „Frucht“ nur in der Rückbindung an Christus gedeiht.

Der Weinstock bringt eben – um im Bild zu bleiben – nur Trauben hervor, große und kleine, helle und dunkle, süße und herbe vielleicht, aber eben nur Trauben. Nichts mit einem bunten Obstsalat nach jeweils eigenem Gusto.

Vorsicht also mit einer allzu entspannten ‚Versöhnten Verschiedenheit‘ nach dem Motto: Bleiben wir einfach alle so, wie wir sind. Es reicht, wenn Gott vom Himmel aus den Überblick behält, eine Einheit erkennt und sich an der bunten Vielfalt freut.

Das Johannesevangelium lässt das nicht zu. Das Johannesevangelium macht den Zeugnischarakter zum Maßstab für unser Wirken. (17,21) Erkennt die Welt an euch einen Zusammenhalt, eine Einheit, eine Verbindlichkeit?

Oder gibt eure konfessionelle Zersplitterung vor der Welt eher ein abschreckendes Bild ab?

Die fragmentarische Existenz unserer Gemeinschaften ist weder Wille, noch Werk Gottes. Das haben wir Menschen vergeigt.

Aber Gott gibt diese fragmentarische Existenz nicht preis.

Der Herr lässt sich offenbar nicht davon abbringen, auch diese Fragmente in der Wirkung, im Zeugnis vor der Welt, in der Rezeption der Menschen da draußen zusammenzufügen. Das ist der Trost.

Und der dispensiert uns nicht vor gewissenhafter theologischer Arbeit.

Mögen wir alle in unseren Traditionen verantwortlich und redlich vorangehen. Und wir können sicher sein, dass der Herr die Früchte dieser Mühen in der Weise segnet, dass er sie immer mehr zusammenfügt – zunächst in der Wahrnehmung unserer Zeitgenossen – und eschatologisch schließlich ganz. Deshalb sind unsere ökumenischen Bemühungen nie umsonst.

 

Der Herr hat so oft zusammengefügt, was Menschen ihm zu Ehren gemeinsam gesungen haben, ob nun „Stille Nacht“ oder Bachs Choräle.

Der Herr fügt schon jetzt zusammen, was wir im Gebet vor ihn bringen.

Und der Herr wird auch zusammenfügen, was wir in Wort und Werk vor dieser Welt bezeugen –  angesichts der Fragen unserer Zeitgenossen, in den Herzen der Menschen und zu seiner Ehre.

Predigt zur Einheitswoche 2021 – Pfr. Dr. Michael Jonas