„Piccioni heiße ich, das bedeutet Tauben. Come i piccioni chi sono senza casa!“ sagt Sandra und zeigt auf einen Schwarm Tauben, der vorbeifliegt. Die Tauben sind heimatlos geworden, nachdem das Beben ihr Zuhause zerstört hat: Von der kleinen Kirche in Illica ist nur noch ein Trümmerhaufen übrig geblieben. Jetzt fliegen die Vögel über den Hof und suchen eine neue Bleibe. Sandra Piccioni geht es wie diesen Tauben: Illica ist ihre Heimat, aber ein Zuhause hat sie hier nicht mehr.

Das Erdbeben hat ihr Haus unbewohnbar gemacht. Zwar steht es noch, aber die Wände haben sich verschoben, Fenster und Türen sind aufgesprungen und schließen nicht, die Bewohner dürfen nicht mehr hinein.  Gemeinsam mit den anderen von der landwirtschaftlichen Kooperative schläft Sandra in Wohnwagen, die ihnen die Protezione Civile zur Verfügung gestellt hat. In der ehemaligen Lagerhalle haben sie sich eine Küche eingerichtet,  ein kleiner Ofen spendet etwas Wärme. Draußen sind es 5 Grad.

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„Rinascita ´78“ heißt ihre Kooperative, 9 Menschen, zwei Familien und drei Mitarbeiter. Sie alle leben und arbeiten zusammen auf ihrem Hof. 300 Hektar Land gehören ihnen, dazu 90 Kühe, 60 Schweine, 500 Schafe und 320 Ziegen. Sie züchten Vieh, stellen Wurst, Käse und Milchprodukte her und verkaufen diese in ihrem eigenen Agriturismo. Auf diesen waren sie besonders stolz. Es ist ein kleiner Palazzo aus dem 16. Jahrhundert, Aushängeschild und Herz des Betriebes: Im Erdgeschoss der Verkaufsraum, darüber die Küche,  die Molkerei, die Käserei und die Metzgerei und oben einige Zimmer für Gäste. Fünf Touristen schliefen im Palazzo, als das Beben kam und alles veränderte.

Wie alle Häuser in Illica so war auch der Palazzo traditionell gebaut, aus runden Feldsteinen. Das erste Beben am 24. August überstand das Gebäude noch ohne Schäden. Zur Sicherheit brachte die Kooperative Stützen für die Mauern an. „Nach dem Beben im August haben wir gedacht, wir können einfach so weitermachen.“, sagt Sandra. Doch es kam anders. Dem zweiten Beben im Oktober hielt das Gebäude nicht mehr stand: Die Seitenwände brachen heraus, eine Decke stürzte ein. Aus der klaffenden Wand ragen Herd und Spüle heraus, das Erdgeschoss ist voller Trümmer. Auch auf dem Hof hat das Beben die Anlagen zerstört: Die Trümmer sind auf die Maschinen der Käserei gefallen, die Bottiche haben Löcher und sind völlig verzogen, unbrauchbar.

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Mit viel Elan hatten sie damals angefangen, 1978: „Rinascita ´78“ stand für ein anderes, ein besseres Leben, ein Leben mit der Natur. „Die Liebe zur Natur war unser Antrieb“, sagt Sandra. „Ich bin mit der Natur groß geworden. Ich habe der Natur immer vertraut. Aber plötzlich hat mich diese Natur verraten. Seit dem Erdbeben bin ich voller Misstrauen.“

Ihr ist buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Sie geht unruhig ins Bett, schläft schlecht. Mitunter verlässt sie der Mut. Und dennoch: Es gibt keine Alternative. „Rinascita ´78“ ist ihre Lebensgrundlage, Illica ihre Heimat. Sandra erklärt, wie sie und die anderen die Kraft finden, weiterzumachen: „Wir konzentrieren uns auf das nächste Projekt. Heute sind es die Ziegen, die wir nach Rom bringen müssen, morgen sind es die Schweine.“

Für die Tiere wird es langsam zu kalt. Einige Ziegen lahmen schon, die Hufe sind faulig geworden, weil sie den ganzen Tag im Matsch stehen. Jetzt sollen die Tiere ins Latium gebracht werden, wo es wärmer ist. Die Regierung hat ihnen Holzhäuser und provisorische Ställe versprochen. „Però quando?“ fragen sie sich und zucken mit den Schultern. Die Zeit drängt: Der Winter steht vor der Tür. Wie sollen die Laster den Berg hochkommen wenn Schnee liegt? Sofort nach dem Beben haben sie so viel Vieh wie möglich schlachten lassen, die einzige Möglichkeit, noch etwas zu verdienen. Aber diese Idee hatten viele, die Preise sind verfallen, sie bekommen nur noch wenig Geld für die Tiere. Im Moment haben sie keine Einnahmen. „La vita commerciale è finita“, sagt Sandra Piccioni.

Die Spenden aus der Gemeinde sind da eine dringend benötigte Soforthilfe, die ihnen hilft, durchzuhalten. Mit dem Geld können sie Essen für sich und Futter für die Tiere kaufen. „Unser einziger Gedanke ist, den Winter zu überstehen.“, sagt Sandra Piccioni. „Dann sehen wir weiter. “

Nina Bewerunge