Jesaja 42,1-4

So spricht Gott, der Herr, durch den Propheten Jesaja:

 

Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte,

und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat.

Ich habe ihm meinen Geist gegeben;

er wird das Recht unter die Heiden bringen.

Er wird nicht schreien, noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

In Treue trägt er das Recht hinaus.

Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Verheißung.

 

Liebe Gemeinde,

dieser Knecht macht keinen Lärm.

Mit diesem einfachen und einfach wahren Satz kann man diesen gar nicht einfachen Abschnitt aus dem Prophetenbuch zusammenfassen und einer sehr lauten Welt beibringen.

Dieser Knecht macht keinen Lärm.

Das muss heute vor allem auch unsere Kirche wieder begreifen lernen, die viel zu laut, viel zu geräuschvoll von sich reden macht,

während es in ihr immer stiller wird um den, der uns auch heute hier zusammenführt: um Gott.

Die Diskrepanz ist groß zwischen der kirchlichen Selbstinszenierung und dem armseligen Stottern, in das wir geraten, wenn von Gott die Rede ist.

Doch der Knecht macht keinen Lärm.

Damit ist in aller Einfachheit das Entscheidende gesagt über alle Mitarbeiter Gottes auf Erden:

über den geheimnisvollen Gottesknecht aus dem Jesajabuch ebenso wie über die bekannten und unbekannten menschlichen Mitarbeiter Gottes.

Mitarbeiter, die es nicht als eine Herabsetzung, sondern als eine Auszeichnung verstehen, wenn man sie Knechte nennt, Knechte Gottes wohlgemerkt!

Denn das versteht sich ja nicht von selbst, dass es eine Auszeichnung ist, ein Knecht zu sein.

Man kann das Wort nicht nur im guten, sondern vielmehr noch in einem bösen, üblen Sinn gebrauchen.

Man denkt an den geknechteten unfreien Menschen, der nicht frei sein soll.

Im öffentlichen Sprachgebrauch gibt es keine „Knechte“ mehr, es sei denn als Schimpfwort.

 

Es gibt heute Arbeitnehmer, Beauftragte und im schlimmsten Fall Bedienstete. Aber „Knechte“ – die gibt es nur heimlich, die werden nur „hintenrum“ so genannt.

Aber so gibt es sie, nämlich überall dort, wo Menschen ihre Macht über andere ausnutzen.

Knechte entstehen dort, wo man die Abhängigkeit anderer missbraucht, sei es die Gutmütigkeit von Bekannten, sei es die Arbeitskraft von Angestellten, sei es die Hilflosigkeit von Pflegebedürftigen.

Da werden Menschen wie Rohre geknickt, angeknickt, damit sie sich nicht von selber aufrecht halten können, und dann erst recht abhängig sind von dem, der sie stützt und aufrecht hält, solange er will.

Er kann sie aber auch jederzeit fallen lassen.

Leider gedeihen auch heute noch Knechte – im übelsten Sinn des Wortes. Und es ist zu befürchten, dass viele scheinbar freie Menschen in Wirklichkeit betrogene Knechte sind – von wem auch immer.

Diese Sorte Knecht macht allerdings Lärm. Sie muss ja jammern, sie muss ja auf sich aufmerksam machen, sie muss ja die Achtung der Großen – sei es in der Firma, sei es in der Öffentlichkeit auf sich ziehen.

Die moderne üble Form der Knechtschaft spielt „hintenrum“, uneingestanden oder ganz im Verborgenen, weil heute niemand mehr Knecht sein will und niemand so genannt wird.

 

Frühere Zeiten haben uns das voraus, dass man den Knecht beim Namen nannte. „Knecht“ musst keinesfalls ein Schimpfwort sein. Ein guter und treuer Knecht konnte sich sehen lassen.

Er blieb jedoch – und war er noch so gut und treu – ein Knecht.

Ein Knecht war also etwas anderes als ein Erwählter.

Nicht so der Gottesknecht.

Wenn Sie aufmerksam zugehört haben, dann wird Ihnen nicht entgangen sein, dass Gott in unserm Text heute seinen Knecht als den Erwählten vorstellt:

Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte,

und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat.

Merkwürdige Zusammenstellung!

Was da von ein- und derselben Gestalt gesagt wird, das hat, wenn man die Wort ernstnimmt, noch zueinander gepasst.

Knecht und Erwählter – wie verträgt sich das?

Einen Knecht ließ man arbeiten. Er hatte seine Pflicht zu tun. Hatte er seine Aufgabe erfüllt, konnte er gehen.

Hatte er seine Schuldigkeit getan, musste er wie der berühmte Mohr gehen, weil er ersetzbar und entbehrlich ist.

 

Einen Erwählten aber lässt man niemals gehen. An einem erwählten, geliebten Menschen hat man Gefallen und will ihn gerade nicht mehr gehen lassen; nicht weil er etwas für mich tut, sondern weil er etwas für mich ist.

Deshalb erwählt man ihn. Und man will, dass er niemals geht.

Vielmehr: Wo du hingehst, da will auch ich hingehen, und wo du bleibst, da bleibe auch ich: Das ist die Sprache von Menschen, die sich erwählt haben.

Sie wollen zusammenbleiben, weil der eine für den anderen unentbehrlich und unersetzlich geworden ist.

 

Knecht und Erwählter – das sind also zweierlei, das sind zwei Welten, die sich widersprechen.

Wo das eine beginnt, hört das andere auf.

Und dennoch heißt es bei Jesaja:

Das ist mein Knecht, mein Erwählter.

Wie passt beides zusammen?

 

Die Kirche hat dieses Wort vom Gottesknecht auf Jesus bezogen.

Denn hier stimmt genau zusammen, was sonst nur als schroffer Gegensatz erscheinen kann:

Erwählt und dennoch Knecht.

Gottes Sohn und doch in die Futterkrippe geboren.

Heilig und doch wie die Sünder im Jordan getauft.

Erwählt und dennoch Knecht.

 

Das trifft nicht nur auf Jesus zu, sondern für alle Mitarbeiter Gottes.

Das gilt – so darf ich dann doch wohl folgern – auch für uns zu. Wir sind erwählt und dennoch Knechte.

Und wir müssen, wenn wir das verstehen wollen, liebe Geschwister, auf den Herrn achten, der seinen Knecht erwählt hat.

Was ist das für ein Herr, der erwählt und zum Knecht macht?

Wir kriegen das heraus, wenn wir sehen, was der Knecht tut.

Er bringt Gottes Recht unter die Völker.

Und er tut das, ohne das geknickte Rohr zu zerbrechen und ohne den glimmenden Docht auszulöschen.

Wie soll das gehen?

Recht kann doch immer nur mit Macht, mit Gewalt durchgesetzt werden.

Irdische Gerechtigkeit verlangt, dass der Schuldige verurteilt wird.

Das Recht verlangt, dass man über dem Schuldigen den Stab bricht.

Im Altertum hat man wohl auch symbolisch ein für den Angeklagten brennendes Licht gelöscht, wenn er schuldig gesprochen wurde.

Jesus, der Gottesknecht, spricht eben anders Recht.

Das geknickte Rohr, also den schon angebrochenen Stab, zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.

Die vom Gericht und vom Leben Gezeichneten – er richtet sie nicht hin, er begnadigt sie.

So bringt er das Recht unter die Völker, dass er einen gnädigen Gott unter die Menschen bringt, einen um sein elendes Geschöpf tief bekümmerten Gott, der gerade mit denen, mit denen wir nichts mehr anfangen können, wieder anfangen will.

Wenn die anderen nichts mehr mit uns anfangen kann, aber auch – liebe Brüder und Schwestern – wo wir selbst nichts mehr mit uns anfangen können, wenn wir selbst am Ende sind,

dann ist da immer noch der Gott, der nicht am Ende ist.

Denn glimmenden Docht will er nicht auslöschen, sondern mit seinem schwachen Licht in eine menschliche Zukunft leuchten.

 

Und jetzt, liebe Gemeinde, begreifen wir vielleicht, was es heißt, Gottes Knechte und zugleich Gottes Erwählte zu sein.

Einen Menschen erwählen, das heißt Gefallen an ihm zu haben, bei ihm bleiben zu wollen, komme, was da will.

Gott kann und will auf jeden Fall, zu jeder Zeit und in jeder noch so aussichtslosen Lage etwas mit uns anfangen.

 

Und wie Jesus, sein erwählter Knecht bis heute für die Erwählung der Welt arbeitet, so sind wir auch erwählt für die Arbeit an dieser erwählten Welt.

 

Das ist allerdings eine Arbeit mit geknickten Rohren und glimmenden Dochten. Geknicktes Rohr und glimmender Docht – das sind sehr anschauliche Bilder für sehr unansehnliche Existenzen.

Nach dem Leistungsprinzip haben sie keinen Wert.

Ein geknicktes Rohr, ein zerbrochener Stab ist unnütz. Man sich weder darauf stützen, noch damit schlagen. Man bricht ihn lieber gleich ganz durch und wirft ihn weg. Das gebietet die Logik des Verbrauchs – und vielleicht auch die Logik ihres Arbeitsplatzes.

Die Logik der Erwählung aber gilt den angeknackten Existenzen. Sie dürfen um Gottes Willen nicht zerbrochen werden.

 

Und so ist es auch mit dem glimmenden Docht. Ein nur noch glimmendes Teelicht wärmt keine Kanne mehr. Man löscht es lieber gleich aus und ersetzt es durch ein neues Licht.

Das gebietet die Logik des Gebrauchs.

Doch ein glimmendes Lebenslicht, eine schwache Gesundheit und auch die vielen resignierten Menschen – sie fallen unter die Logik der Erwählung. Da gilt es, mit dem glimmenden Docht in Gottes Namen noch etwas anzufangen.

 

Wer damit beschäftigt ist, liebe Gemeinde, macht keinen Lärm.

Gottes Knechte machen keinen Lärm, weil sie nicht von sich selber reden machen.

Nicht wir sind hier interessant; interessant ist aber der erwählende Gott, der das erwählt was vor der Welt töricht und schwach, unedel und wertlos, so gut wie nichts ist, eben glimmende Dochte und geknickte Rohre.

Und mit geknickten Rohren und glimmenden Dochten, mit angeknackten und ausgebrannten Personen kann man keinen Staat machen,

können wir uns – auch als Kirche – nicht interessant machen.

Man muss um ihrer selbst willen bei ihnen sein.

Wenn man das aber tut, dann ist Gott mitten unter seinen Knechten.

Amen.

1. Sonntag nach Epiphanias – Pfr. Dr. Jonas