Mt 3,13-17

Liebe Gemeinde!
Dass wir getauft sind, verbindet uns.
Dass die meisten von uns als kleine Kinder getauft wurden, das haben wir gemeinsam.
Dass uns die Taufe auch über die Grenzen der einzelnen Kirchen hinweg verbindet, das wissen wir in der Ökumene zu schätzen.
Dass uns die Taufe hineinstellt in die Kirche, ja eine Realität der Kirche Jesu Christi, die über unseren konfessionellen Bestimmungen von Kirche steht, das dürfen wir dankbar wahrnehmen.
Dass uns die Taufe in Christus hineinsenkt, mit seiner Person auf Ewigkeit verbindet, das haben wir gelernt.

Aber wie hängt das alles zusammen mit der Taufe, die Jesus selbst von Johannes empfangen hat?
Was hat jenes sonderbare Ereignis im Jordan zu Beginn der Wirksamkeit Jesu zu sagen?
Der Sündlose unterzieht sich einem Akt der Buße.
Der Täufer weigert sich, die Taufe durchzuführen.
Und am Ende – im Neuen Testament ausgesprochen selten – erklingt die Stimme Gottes vom Himmel.

All diese Merkwürdigkeiten fallen uns nicht ein, wenn wir an unsere Taufe denken,
und wir beziehen jene Merkwürdigkeiten in aller Regel auch nicht auf unsere Taufpraxis.
Jesu Taufe – und wir?
Jenes singuläre Ereignis im Jordan – und unser allgemeines Sakrament?

In Massen sind sie damals zu ihm geströmt, die Menschen aus Jerusalem und dem ganzen Umland. Sie sind alle hinausgegangen zum Jordan durch die Wüste, um ihn zu hören.
Dabei waren seine Worte nicht schön und wohltuend, sondern hart und grausam.
Johannes der Täufer war ein klarer Bußprediger, dessen Erscheinung in allem sehr unangenehm war. Er lebte draußen in der Wüste, ernährte sich von Heuschrecken und wildem Honig. Er trug ein raues Gewand aus Kamelhaar. Haare und Bart waren nicht geschnitten und gepflegt, sondern lang und buschig.
Und doch strömten die Menschen zu ihm. Sie kamen alle, die Reichen und die Armen, die vornehmen Bürger von Jerusalem und die Bauern des Landes, die Frauen in ihren schönen Kleidern und sogar manche Männer in ihren Uniformen.
Es war das Aufsehen, was Johannes erregt hatte. Das zog sie alle an. Es war eine Sensation, die sich dort draußen am Jordan ereignete und die Nachricht davon verbreitete sich rasch. In den Städten und Dörfern sprach es sich herum. Hast du auch von diesem Johannes gehört? Bist du auch schon dort gewesen? Wir kennen das ja alle selber. Da sind die Menschen seit 2000 Jahren kein Haar anders.
Wenn es irgendwo etwas Besonderes gibt, dann müssen wir da hin, dann interessiert das alle.
Aber es war nicht nur die Sensationsgier, die Menschen zu Johannes zog. Mache vielleicht, aber nicht alle.
Denn sie hörten dort auch seine Worte, nahmen sich seine Bußpredigt zu Herzen.
Sie bekannten ihre Sünden und ließen sich von Johannes im Jordan taufen.
Und das war der wahre Reiz, der von Johannes ausging.

Was er sagte, war wahr; und die Menschen spürten, dass er Recht hatte.
Die Leute wussten doch ganz genau, was sie falsch gemacht hatten, sie kannten ihre Bosheit und ihre Fehler. Und auf diese wunden Punkte legte Johannes seinen Finger. Sie bekannten ihre Sünden und wurden dann von ihm im Jordan untergetaucht.
So wurde alles abgewaschen, was einmal war. So wurden die Menschen gereinigt. So konnten die Menschen noch einmal neu mit Gott anfangen. Sie haben sich vorgenommen, ihr Leben zu ändern.
Gut, wo das passiert. Wir können uns kaum vorstellen, wie wirkungsvoll die Bewegung für das Land war, die von Johannes und seiner Bußtaufe ausging.
Da haben sich Menschen besonnen, da haben Menschen eingesehen, wo sie etwas falsch gemacht haben und da haben sich Menschen vorgenommen, gottgefällig zu leben und ihren Mitmenschen zu dienen.
Und solche Bußbewegungen gibt es ja immer wieder auf der Welt.
Das Mittelalter war reich an Bußpredigern.
Ganze Völker lassen sich verändern und auch in so manchem persönlichen Leben gibt es immer wieder eine Umkehr.
Die große Bußbewegung im Lande Juda wäre nun wahrscheinlich nur als eine dieser Bußbewegungen als beachtenswert in die Geschichtsbücher eingegangen, wenn sich da nicht eines Tages etwas ganz Außergewöhnliches ereignet hätte.
Die Evangelien berichten alle von dieser merkwürdigen Begegnung. Wir haben heute die Fassung des Matthäus gehört.

Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe.
Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?
Jesus aber antwortete und sprach zu ihm:
Lass es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.
Da ließ er’s geschehen.

Da war nun auch Jesus aus Galiläa zu Johannes gekommen, um sich taufen zu lassen. Er hat sich mit hineinziehen lassen in die große Bewegung, die von Johannes und seiner Bußpredigt ausging.

Und jetzt weigert sich Johannes, Jesus zu taufen. Und das aus guten Gründen:
Seine Taufe war eine Taufe zur Vergebung der Sünden.
Eine Taufe für Menschen, die sich von Gott entfernt hatten und die auf Gnade hofften.
Das passte auf alle Menschen, aber nicht auf Jesus.
Aber Jesus ließ nicht locker. Er wollte auch getauft werden.
Warum? Damit alle Gerechtigkeit erfüllt werde, sagte er.
Lass es geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.
Was meinte er damit?

Hier werden wir gleichsam ins Herz des Wirkens Jesu hineingeführt, in das, was uns beim Leben Jesu immer wieder begegnen wird.
Jesus wollte nicht nur ein Lehrer und Vorbild werden,
er wollte ein Erlöser und Versöhner werden, der all das erfüllt und tut, was seine Brüder und Schwestern versäumt und gebrochen haben, und der all ihrer Schuld auf sich nahm, um an ihrer Stelle zu leiden.
Er erfüllt die Gerechtigkeit. Er erfüllt sie voll und ganz, nicht nur für sich, sondern auch für uns.
Als vollkommen Gerechter stellt er sich nicht über uns und blickt auf uns herab, sondern er stellt sich an unsere Seite.
Er beobachtet die Taufe des Johannes nicht von weitem und schüttelt den Kopf über die vielen Menschen, die sich der Schuld ihres Lebens bewusst werden, sondern er stellt sich dazu.
Er stellt sich mit an in der Reihe derer, die nach Erlösung verlangen.
Er stellt sich mit in die Reihe der Menschen, die immer wieder schuldig werden vor Gott und den Menschen.
Das ist Gottes Solidarität. In der Buße und in der Umkehr steht Jesus an unsrer Seite.
In den Selbstzweifeln und in der Zerknirschung unseres Lebens ist er bei uns, nicht über uns, sondern neben uns.
Wenn sie Kinder haben, werden Sie ihre Kinder, als sie noch klein waren, nicht allein zum Arzt geschickt haben, sondern Sie werden mit hineingegangen sein zum Arzt oder Zahnarzt, um die Angst des Kindes zu mindern. Und Sie werden wissen, wie viel das ausmacht, wenn da jemand Vertrautes dabei ist und einem womöglich die Hand hält, wenn es schmerzhaft wird.
So begleitet uns Jesus mit hinein in die Arztbehandlungen unseres Lebens. In die Operationen und Krisen, in die Zweifel und Sackgassen.

Es ist schwer für uns, umzudenken, es tut weh, eigene Schuld einzugestehen und es fällt uns allen schwer, uns auf neue Lebensumstände einzustellen. Das kann so sein, wenn uns jemand weggestorben ist oder wenn wir uns mit einer Krankheit abfinden müssen oder sich unser Berufsleben verändert. Diese Umbruchsituationen gibt es. Und schmerzhafte Zeiten gibt es auch – für jeden von uns.
Der Bericht von der Taufe Jesu will uns nicht sagen, dass es bei uns keinen Jordan gäbe, in den wir dann und wann tauchen müssen, sondern er will uns sagen:
Jesus stellt sich an deine Seite. Er taucht mit dir in die Tiefe, in die Tiefe deiner Schuld und deiner Selbstzweifel, in die Tiefe deiner Ängste in der Nacht und, was das Wichtigste ist: in die Tiefe deines Todes, in die dich kein Mensch begleiten kann.
Wenn dich die Angst übersteigt wie die Fluten des Wassers, wenn sie dir die Luft zu atmen nimmt und du das Gefühl hast, zu ertrinken, dann denke an Jesus. Er ist damals mit untergetaucht in den Jordan.
Es gibt keine Tiefe, in der er nicht bei uns wäre.

Unsere Kirchenväter haben einen tiefen Zusammenhang gesehen.
Jesu Taufe ist die Vorwegnahme seines Todes und seiner Auferstehung.
Am Anfang seiner Wirksamkeit auf Erden steht schon das Zeichen des Endes.
Die Bedeutung von Jesu Taufe im Jordan haben sie verstanden von Kreuz und Auferstehung her.
„Hinabgestiegen in die Wasser, hat er gebunden den Starken.“, schreibt Cyrill von Jerusalem.
Hinab in den Jordan, das heißt: Hinab in die Tiefe der Not und der Angst des Menschen.
Hinab in den Jordan, Seite an Seite mit bußwilligen Sündern, das heißt: Hinab in die Abgründe menschlicher Schuld.
Die Ikonen der Ostkirche haben diesen Gedanken bei dieser Szene bewahrt, wenn sie den Jordan wie ein Grab darstellen, tief zwischen zerklüfteten Felsen.
Es sind die gleichen Felsen, die das Grab Jesu auf der Auferstehungsikone umgeben.
Und so ist die Stimme des Vaters im Himmel nach dem Auftauchen Jesu ein Zeichen der Auferstehung, jener neuen Anrede Gottes nach dem Tod:
„Du bist mein geliebtes Kind! Ich lasse dich nicht.“

Deshalb wurde Jesus damals getauft: Es war eine Taufe, die völlig ohne Parallele war.
Es war nicht die Taufe der Vielen, die zu Johannes kamen, und es war auch nicht die Taufe, die Jesus später einsetzte, mit der wir getauft sind.
Mit dieser Taufe wurde Jesus zu seinem Erlösungswerk geweiht.
Hier beginnt er sein Wirken damit, sich auf unsere Seite zu stellen, vollkommen einzutauchen in die Tiefen und Abgründe des Menschseins.
Hier beginnt er das, was er am Kreuz vollendete, als er unseren Tod starb.

Die Taufe Jesu ist nicht allein historisch zu verstehen, als individuelles Berufungserlebnis Jesu, sondern voll und ganz soteriologisch, auf die Erlösung bezogen. Hier geht es nicht um ihn allein, sondern um uns.
Bevor wir durch unsere Taufe hineintreten in die Gemeinschaft mit Christus, tritt er hinein in unsere Welt.
Bevor wir uns regen können, tritt er in den tiefen Jordan unserer Angst, tritt er zwischen die spitzen Felsen unseres oft schwierigen Zusammenlebens und unseres Versagens.

Jesus steigt in seiner Taufe hinab, um unseretwillen.
Aus unserer Tiefe holt er uns ab, indem er uns an sich bindet, indem wir eintauchen können in sein Geheimnis.
„Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben.“, so beschreibt Paulus dieses Geheimnis.
„Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein.“

Jesu Taufe – und unser Sakrament?
Die Taufe Jesu kann uns den Blick dafür öffnen, wie Gott in Christus gleichsam eine Tür in unserer Jordantiefe errichtet und an Ostern aufstößt – und wir nur hineingehen müssen.

Noch einmal Cyrill von Jerusalem:
„Seltsames und sonderbares Erlebnis!
Wir starben nicht wirklich, wir wurden nicht wirklich begraben,
wir sind auch nicht wirklich als Gekreuzigte auferstanden,
sondern die die Nachahmung geschah im Bild,
das Heil aber in Wirklichkeit.
Christus wurde tatsächlich gekreuzigt, tatsächlich begraben und ist wirklich auferstanden – und all das hat er uns gnädig geschenkt,
damit wir, die wir durch Nachahmung Anteil an seinem Leiden empfangen haben,
in Wirklichkeit das Heil gewinnen.
O Überfluss der Menschenliebe Gottes!
Christus empfing an seinen reinen Händen Nägel und litt.
Und mir schenkt er ohne Leiden und ohne Mühe,
nur durch meine Anteilnahme gnädig das Heil.“ (Cyrill, Myst. Kat. 2.5)

Liebe Gemeinde,
wir haben es gehört:
Als Jesus aus dem Wasser wieder herausstieg, siehe, da tat sich der Himmel auf.
Die Abgründe und das Hinuntertauchen sind kein Untergang. Sie führen wieder hinauf ans Licht.
Gehen wir diese Wege in der Begleitung Jesu und folgen wir seinen Schritten.
Dann hören wir auch einmal das Wort seines Vaters im Himmel:
„Du bist mein liebes Kind, an dem ich Wohlgefallen habe. Willkommen im Leben.“