Apg. 6,1-7

Diakonie, liebe Gemeinde, Diakonie ist das Stichwort, das die beiden Lesungen verbindet, die wir gerade gehört haben. Da ist die eine – beinahe sensationelle – vom barmherzigen Samariter und die andere – eher unaufgeregte – Geschichte von den Streitigkeiten um die Versorgung der Witwen in der Urgemeinde in Jerusalem. Die eine Geschichte kennt jeder, denn es ist ein spektakulärer Einzelfall: der Mann, der halbtot am Wegesrand liegt, die Hartherzigkeit der etablierten Eliten (Priester, Levit), die große Tat des verachteten Samaritaners: ein narratives Meisterstück. Die andere kennt kaum jemand, denn es sind eher die Mühen der Ebenen, die hier vor uns liegen: Gezänk in der Gemeinde, Verteilungskämpfe, Versuche der Konfliktlösung. Das kennen wir ja von Montag bis Freitag im Alltag: brauchen wir das auch noch am Sonntag auf der Kanzel?
Und doch ist gerade das unser Predigttext, heute nicht die allseits bekannte, schöne Geschichte vom barmherzigen Samariter. Es ist die Transformation des Hochgestimmten, Exemplarischen, ja fast schon: Heldenhaften in den Alltag. Die unaufgeregte Episode unseres Predigttextes wirft etwas Licht auf das Leben der frühen christlichen Gemeinde. Es ist ein ganz frühes Stück Kirchengeschichte, das wir hier sehen, und zwar eher nicht der spektakuläre Teil. Gerade als solcher hat er aber verschiedene Aspekte, die die Beachtung und Betrachtung lohnen, übrigens auch und gerade am Beginn eines Studienjahres, das wesentlich von ökumenischer Begegnung lebt und davon geprägt ist.
Denn ein erster Aspekt betrifft die Ökumene. Zu Beginn des Textes heißt es: „In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.“ (V. 1) Da gab es einen Konflikt in der Gemeinde. Wir hören von zwei Gruppen, die hebräische und die griechische. Die einen sprachen die eine Sprache, die anderen eine andere. Oder vielleicht noch nicht einmal das, aber sie hatten Erinnerung an verschiedene kulturelle und religiöse Wurzeln. Die einen waren eher durch die jüdische Tradition geprägt, und die anderen durch die hellenistische. Sie sagen aber nicht, dass sie der anderen Kultur misstrauen. Dass die Hebräer den Griechen nicht über den Weg trauen, dass das komische Leute sind. Sondern sie sagen, dass ihre Witwen zu kurz kommen bei der Verteilung der Lebensmittel in der Gemeinde. Wir dürfen uns also auf jeden Fall nicht vorstellen, dass die erste Gemeinde immer nur friedlich und einmütig und vereint war. Ganz im Gegenteil. Es gab Konflikte, es gab Differenzen, und die Anlässe dafür waren durchaus ganz und gar materieller Natur. Ich finde es wichtig sich das klarzumachen, weil manchmal die Urgemeinde idealisiert wird, auch in ökumenischen Zusammenhängen. Da ist davon die Rede, dass wir die Kirche heute durch Spaltungen entstellt haben (was wahr ist) und dass wir zur Einheit der Urgemeinde zurück müssen – was Unsinn ist. Spaltungen und Streit sind so alt wie die christliche Gemeinde, und die Einheit und Versöhnung zwischen den Christen in der Gemeinde liegt als Herausforderung vor uns, nicht als Mythos hinter uns.
Ein zweiter Aspekt – das eigentlich Eindrucksvolle an unserer Geschichte – betrifft die Reak-tion der Apostel. Sie riefen alle Jünger zusammen – eine Art Gemeindeversammlung also –, und da sagen sie nun nicht: Die Witwen der griechischen Gruppe bekommen zu wenig Lebensmittel. Wie können wir dafür sorgen, dass sie mehr bekommen? Oder: Die griechische Gruppe beschwert sich über etwas, aber wir finden das unberechtigt. Oder: wir brauchen einen neuen, gerech¬teren Verteilungsschlüssel für unsere Ressourcen. Wir müssen uns mehr Mühe geben, um das richtig und gerecht zu machen. All das also nicht. Sondern: „Es ist nicht recht, dass wir vor allem für die Armen sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.“ Das Gezänk droht, das Kerngeschäft zu beschädigen. Natürlich ist die tägliche Versorgung, griechisch: die tägliche diakonia wichtig, und natürlich muss das angemessen geregelt werden. Aber das Eigentliche ist der Dienst des Wortes Gottes, griechisch: die diakonia tou logou. Genau so wird in Vers 4 formuliert: „Wir wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.“
Die Apostel verstehen sofort, dass die Verteilungskonflikte bei den Lebensmitteln das Potenzial haben, das wirklich Wesentliche aus dem Blick zu verlieren. Natürlich wäre es möglich, den Verteilungsschlüssel zum Gegenstand einer großen Diskussion zu machen, den Interessen-ausgleich zum Hauptthema, die Versorgung der Armen ins Zentrum zu stellen. Doch sie sagen: Wenn das geschieht, vernachlässigen wir das Wort Gottes. Es ist leicht, tage- und wochenlang über die Verteilung von ein paar Kilo Honig und einigen Sack Mehl zu debattieren. Aber ist es wirklich das, was die Gemeinde seit dem Pfingsttag zu etwas Besonderem macht? Würden wir heute, im Jahr 2020, noch etwas wissen von einer Armenspeisung in Jerusalem im ersten Jahrhundert, wenn er sich in endlose Dis¬kussionen über die richtigen Verteilungsschlüssel zwischen den verschiedenen Interessenten verstrickt hätte? Vermutlich eher nicht.
Die Apostel fragen sich: Was ist das Besondere an unserer Gemeinde? Was haben wir, was alle anderen nicht haben? Warum ist unsere Gemeinde nötig, was hält sie im Innersten zusammen? Und das ist eben nicht die Lebensmittelverteilung oder der Interessenausgleich zwischen verschiedenen ethnischen und religiösen Lobby-Gruppen. Es ist das Wort Gottes, es ist der Dienst an Gebet und Predigt, die diakonia tou logou. Es ist der Auftrag, den die Kirche hat und der sich von allen andern unterscheidet.
Und das ist es auch heute. Natürlich ist es gut, wenn wir ein Frühstück für die poveri anbieten, wenn wir einen Bazar organisieren, wenn wir Geld für den servizio migranti geben und so weiter. Natürlich ist es gut, wenn unsere Gemeinde diakonisch tätig ist, nach innen und nach aussen. Sie könnte und sie sollte das noch viel mehr tun, als sie es ohnehin schon tut. Durch finanzielles und zeitliches und menschliches Engage¬ment. Und doch ist es im letzten nicht das, was das Besondere bei uns ist. Unsere Aufgabe ist der Dienst an Gebet und Predigt. Das nimmt uns sonst keiner ab, und es macht uns auch so schnell keiner nach. Dafür sind wir da, und dafür werden auch weiterhin gebraucht. Der große Markt der Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts hat viele Anbieter. Wir machen Kirchenkonzerte, aber andere machen sie genauso gut oder besser. Wir organisieren Ausflüge, aber andere organisieren genauso schöne oder schönere. Wir laden zu Vorträgen und Dis¬kussionsabenden ein, aber andere haben auch solche oder sogar tief-sinnigere. Wir besuchen die Alten in der Gemeinde oder gehen zu den Kranken im Spital, aber andere können das auch, oder könnten es zumindest. Aber die Predigt des Wortes Gottes und das Gebet – das macht uns so schnell keiner nach, und das nimmt uns keiner ab. Und das braucht das 21. Jahrhundert nicht weniger als das erste.
Und zum Schluss noch ein dritter Aspekt, denn ich will ja nicht, dass Sie nach Hause gehen und sagen: Der Pfarrer hat über Diakonie gepredigt, und er hat gesagt, das ist alles gar nicht so wichtig. Das Gegenteil ist der Fall. Die Apostel ziehen sich nicht einfach aus dem Geschäft zurück und sagen: Euer Bier. Vielmehr soll die Gemeinde Personen auswählen, „Männer voll Glaubens und Heiligen Geistes“, und die „stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie“. Es ist die erste Ordination, von der wir in der Kirchengeschichte wissen, das erste Mal, dass Ämter eingesetzt werden. Die sieben Diakone, die hier ordiniert werden, sind die ersten kirchlichen Amtsträger.
Altkirchlich – und katholisch bis heute – sprechen wir von einem Weihegrad. Der Diakonat ist in der Alten Kirche zum niedrigsten Weihegrad geworden, gefolgt von Presbyterat und Episkopat. Das alles ist hier noch nicht im Blick, und es ist auch nicht so wichtig. Wirklich wichtig ist nur, dass das Diakonische zum Wesen der Kirche gehört, ja eine Grundaufgabe ist. Was beim barmherzigen Samariter spektakulärer Einzelfall war und uns allen einzeln zum Vorbild gereichen kann, ist zugleich auch Amt und Auftrag im Alltag. Nicht alle können alles machen, aber wir sind dafür Kirche, dass wir füreinander und für die anderen da sind. Wollen wir das eine Weihe nennen? Ja, es ist die erste und vielleicht die höchste Weihe der Kirche.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.