Jes 12

Zu der Zeit wirst du sagen:

Ich danke dir, Herr! Du bist zornig gewesen über mich.

Möge dein Zorn sich abkehren, dass du mich tröstest.

Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht;

Denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm

und ist mein Heil.

Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils.

Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem Herrn, rufet an seinen Namen!

Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist!

Lobsinget dem Herrn, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen! Jauchze und rühme, die du wohnst auf Zion;

denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

 

Liebe Gemeinde!

So lange es noch Quellen gibt, wird es auch singende Menschen geben.

So lange es auf unserer Erde noch Quellen gibt, aus denen man mit Freuden frisches, sauberes Wasser schöpfen kann, werden Menschen auch dankbar sein.

Ja, solange es noch Quellen gibt, werden Lob- und Danklieder ganz von selber aus uns heraussprudeln – genau wie das Wasser aus einer Quelle

Der Mensch des alten Israel kennt den Wert einer sprudelnden Quelle aufgrund der Wüstenerfahrung und der Trockenheit mancher Gegend

Der zeitgenössische Mensch in Europa kennt den Wert einer reinen, sprudelnden Quelle, weil wer weiß, wie viele Quellen durch den Menschen verschmutzt und verdorben sind. Und er weiß zunehmend auch, dass genügend Wasser bei uns nicht automatisch gegeben ist.

Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils.

Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem Herrn, rufet an seinen Namen!

Man muss nicht erst die Wüste durchwandert haben, um in unserer grauer werdenden Welt seine helle Freude daran zu haben, wenn man eine sprudelnde Quelle entdeckt.

Doch heute geht es natürlich nicht um wirkliche Wasserquellen oder um die problematische Trockenheit, mir der uns der Klimawandel neu konfrontiert.

 

Der Prophet verwendet die Quelle als treffsicheres Gleichnis für Gott selbst.

Und in der Tat: Kann man von Gott schöner und treffender und wahrer reden als so? Als lebendige Quelle? Als Quelle des Heils?

 

An der Quelle – da ist alles noch frisch und neu. Da sprudelt alles noch rein und klar, was später trübe und abgestanden dahinfließt.

An der Quelle, da ist das Leben ursprünglich – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wer an der Quelle sitzt, braucht sich um die Zukunft keine Sorgen zu machen. Wer an der Quelle sitzt, wird unmittelbar und unbegrenzt versorgt.

 

An der Quelle tritt nicht unser altes, eingetrübtes, ganz bestimmt nicht mehr frisches Leben vor uns, sondern ein neues ursprüngliches Leben.

 

Doch wer von uns lebt schon ursprünglich? Wer von uns sitzt wirklich an der Quelle? An einer Geldquelle vielleicht. Das ist beruhigend. Aber es löscht den Durst nicht: Jenen Durst, von dem Psalm 42 (mit oder ohne Mendelssohns Musik) so symbolträchtig spricht: Wie der Hirsch schreit nach frischen Wasser, so schreit meine Seele, Gott zu dir?

 

Je weiter sich unser Leben von seinem Ursprung entfernt hat, desto quälender wird dieser Durst. Und mit dem Lebensdurst wächst die Sehnsucht nach dem Ursprung, nach dem ursprünglichen Leben, nach dem Leben wie es sein soll, nach dem Leben, das mit sich selbst übereinstimmt.

Authentisch leben sagen wir heute. Dafür muss man zurück zu den Quellen.

 

Ad fontes: Bekanntermaßen nicht nur ein Lebensmotto, sondern auch ein Wissenschaftsstil, ein besonders protestantischer Wissenschaftsstil.

Liebe Melantonini, liebe Studierende unter uns, man könnte auch das ganze Theologiestudium so definieren: Als Suche und Freilegung und Erforschung der entscheidenden Quellen. Historische Quellen natürlich für den gelebten Glauben aller Zeiten – davon gibt es in Rom bekanntlich überdurchschnittlich viel – , literarische Quellen für die Offenbarungen Gottes und deren Bezeugung in der Heiligen Schrift und schließlich das Ringen und Streiten darum, welches die richtigen, besser: die lebendigen Quellen sind, die zum lebendigen Gott führen.

Man könnte die ganze Dogmatik beschreiben als Ringen darum, welche Zugänge wirklich von der einen, ursprünglichen sprudelnden Quelle Gott herkommen, und welche nicht. Die Suche nach den richtigen, nach den dauerhaften, sicheren, verlässlichen Wasserquellen ist nicht nur das lebenswichtige Bemühen eines Wanderers in der Wüste, sondern eigentlich auch das Metier jedes Menschen, der Theologie treibt.

 

Und meine Aufgaben auf der Kanzel ist nicht etwa, selbst Quelle der Inspiration oder der Erkenntnis zu sein oder mich als solche zu verkaufen, sondern auf die Quelle hinzuweisen, von der wirklich frisches Wasser kommt. Meine Aufgabe ist es, mit Ihnen zusammen die Quellen offenzulegen und zu erschließen, aus denen frisches Leben quillt.

Und wie wunderbar entlastend ist es – nicht nur für den Prediger, sondern für uns alle, nicht selbst die Quelle sein zu müssen, sondern aus dieser anderen Quelle schöpfen zu können.

Wie beglückend ist es in der Seelsorge, wenn man gemeinsam vielleicht in einem Bibelwort so eine Quelle erschlossen hat, aus der dann Trost und Kraft kommen und einen erfüllen.

Was für wunderbare Momente sind das im Glauben, wenn einen plötzlich ein Bibelwort beim Lesen trifft oder beim Hören einer Musik im Inneren ergreift. Immer dann haben wir aus der sprudelnden ursprünglichen Quelle getrunken.

 

Zu viele Quellen unserer Welt sind trügerisch. Sie versprechen frisches Wasser und enttäuschen uns, oder schlimmer noch: Sie vergiften uns mit falschen Versprechen, gefährlicher Ideologie oder eindrücklicher Manipulation.

Wir sind alle sind ständig gefordert, die richtigen Quellen zu suchen und die falschen Quellen zu vermeiden – für unsere Gesundheit, unseren Seelenfrieden unser Zusammenleben.

Wohl dem, der hier wirklich Quellen des Heils findet und nicht scheinbaren Quellen auf den Leim geht.

 

 

Nun redet das Wort Jesajas nicht nur im Rückblick auf den Ursprung in der Vergangenheit, sondern stellt die Quellen in der Zukunft in Aussicht.

Zu jener Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, Herr!

Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils.

 

Eigentlich paradox: Ihr werdet den Ursprung, von dem alles kommt, in der Zukunft finden. Der Ursprung, die Quelle von allem muss doch in der Vergangenheit liegen!

Liebe Gemeinde, unser Gott ist nicht nur der Schöpfer, der am Anfang steht, sondern auch der Richter am Ende, auf den alles zuläuft.

Wir glauben nicht nur an den Schöpfer des Himmels und der Erde, sondern auch an den, der kommen wird zu richtig die Lebenden und die Toten.

Das kann nur der sagen, der von einem Gott ausgeht, der alles umfängt.

Um es wieder mit einem Psalmwort (139) zu sagen:

Von allen Seiten umgibst du mich: nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich. Anfang und Ende bist du!

 

Die Quelle, aus der alles kam, wird auch an jedem letzten Tag noch die einzige Quelle sein, die unverdorben sprudelt, nachdem wir vermutlich alle Quellen verstopft oder vergiftet haben.

 

Man kann diesen ewigen Quellbrunnen göttlicher Güte zwar zuschütten. Man kann die Liebe Gottes mit Füßen treten. Man kann Jesus verleugnen.

Wir tun das immer wieder, weil wir mit der ewigen Quelle genauso barbarisch umgehen wie mit unseren natürlichen Wasserquellen und Ressourcen.

Aber Gottes Lebenskraft versickert nicht unter all dem Schutt und Geröll, wie wir im Bild heute einmal unsere Sünden wollen.

Zur Lebenskraft der Liebe Gottes gehört vielmehr auch der Zorn, von dem Jesaja auch redet. Gottes Zorn, mit dem die ewige Quelle mächtig hindurchbricht durch die maßlosen Mengen von Schutt und Geröll, die wir aufschütten und anhäufen, und alles mitreißt.

Das, liebe Gemeinde, und nur das ist der Zorn Gottes: ein mächtiger Strom, der alles erfasst und mitreißt, was das Strömen des ewigen Lebens behindert und stört. Und es gibt nichts, was dieser leidenschaftliche Strom Gottes nicht erfassen und fortreißen kann und ins äußerste Meer fortspült.

 

Liebe Gemeinde,

dieser Sonntag der Dankbarkeit fordert uns ja immer wieder dazu auf:

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Danket dem Herrn! Dienet dem Herrn mit Freuden!

Wie kann man das befehlen? Wie kann man echten Dank, nicht nur fromme Worte und Gesten, überhaupt anordnen?

Wie kann man daran arbeiten? Kann man Dankbarkeit denn einüben?

 

Unser Bibelwort gibt uns die Antwort:

 

Ja, im Freilegen der wirklichen, echten, lebendigen Quellen.

Wer sie findet, wer an ihnen verweilt, der muss nicht angestrengt dankbar werden, sondern in dem wächst die Dankbarkeit ganz von selbst.

Wir kennen alle diese Momente, in denen uns im Herzen von selber ganz warm wird, und wir gar nichts dagegen tun können.

Genau das sind die Augenblicke, von denen Jesaja sagt:

Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils.

 

Eine Kirche, die so nah bei Jesus ist, dass sie an dieser Quelle schöpft, muss Dankbarkeit und Gotteslob nicht einüben oder zwanghaft sonntags als Pflichtübung durchführen, sondern wird von sich aus gerne Gott loben in Wort und Werk.

 

Ein Mensch, der sich nicht selbst als Quelle seines Glückes und Erfolges versteht, der auch andere Menschen nicht als Quelle seines Glückes missbraucht und überfordert, sondern dieses Lebensglück von der Quelle bezieht, die auch nach dem Tod noch sprudelt, der kann gar nicht anders als eine tiefe Dankbarkeit und Stabilität zu empfinden.

 

Ein Mensch, der die lebendige wirkliche Quelle kennt, der weiß auch, dass nicht nur er allein davon trinkt und zehrt, sondern eigentlich alle: Menschen, Tiere, Pflanzen.

Aus den Quellen des Heils schöpft man nie allein, sondern automatisch immer in einer wunderbaren Gemeinschaft, der Gemeinschaft aller Geschöpfe, die sich dem einen Ursprung verdanken.

Gott sei Dank!

Amen.

 

14. Sonntag nach Trinitatis – Pfr. Dr. Jonas