Mt 1,1-18                                                                                                               Martin Wallraff

 

Liebe Gemeinde,

ich lese den Beginn des Matthäus-Evangeliums, damit zugleich den Beginn des Neuen Testaments.

Buch von der Herkunft Jesu Christi, des Sohnes Davids, des  Sohnes Abrahams. Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nachschon. Nachschon zeugte Salmon. Salmon zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Rut. Obed zeugte Isai. Isai zeugte den König David.

Und so geht es weiter, fast eine ganze Seite lang. Das ist nicht besonders mitreißend. Die meisten Leser werden die meisten Namen nie gehört haben, und wer sonst nichts weiß über dieses merkwürdige „Buch von der Herkunft Jesu Christi“, wird es dann auch bald wieder aus der Hand legen. Mit einer langen Liste von unbekannten Namen zu beginnen, ist keine gute Methode, um Leser und Herzen zu gewinnen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und zu erhalten.

Es ist der Beginn einer guten Geschichte, aber ist es auch ein guter Beginn? Ich würde eher sagen Nein. Es ist jedenfalls kein narratives Meisterstück. „Gute Geschichte“ – das können wir als Übersetzung des griechischen Wortes Evangelium betrachten. Aber hat die gute Geschichte des Matthäus auch einen guten Beginn? Warum macht der Verfasser so etwas Merkwür­diges, ja Abstoßendes?

Ich springe ein bisschen im Text und lese Ihnen gleich das Ende der langen Liste vor:

Schealtiël zeugte Serubbabel. Serubbabel zeugte Abihud. Abihud zeugte Eljakim. Eljakim zeugte Azor. Azor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Mattan. Mattan zeugte Jakob. Jakob zeugte Josef, den Mann Marias, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus.

Alle Geschlechter von Abraham bis zu David sind vierzehn Geschlechter. Von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind vierzehn Geschlechter. Von der babylonischen Gefangen­schaft bis zu Christus sind vierzehn Geschlechter.

Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist.

Worauf also soll es alles hinaus? Warum diese lange und langweilige Liste? Was ist ihr Sinn und Zielpunkt? Es läuft auf diesen einen Satz hinaus: „Die Geburt Jesu Christi geschah so.“ Für Matthäus ist das alles Hinführung und Auftakt, um die Geburt Jesu zu berichten. Es mag ja langweilig sein, vielleicht für unvorbereitete Leser sogar abschreckend, aber man kann nicht leugnen, dass es eine feierliche Einleitung ist. Während man da einen Namen nach dem anderen liest oder hört, steigt die Spannung, festigt sich der Eindruck, dass am Ende der Liste etwas ganz Besonderes kommen muss. So redet man nicht im alltäglichen Leben, und eine solche Liste stellt man nicht zusammen für Banales.

Es geht also um die Geburt Jesu, es ist eine weihnachtliche Geschichte. Tatsächlich hat Pfarrer Jonas zuletzt in der Weihnachtszeit über diesen Text gepredigt. Warum spreche ich heute wieder über ihn? In der Ordnung unserer Kirche ist er nicht vorgesehen für heute. Es ist nicht Weih­nachten, sondern ein ganz normaler Trinitatis-Sonntag. Ich habe um diesen Text gebeten – und auch um die anderen Texte, die wir gerade als Lesungen gehört haben – aus einem ungewöhn­lichen Grund. Jedenfalls ungewöhnlich für einen evangelischen Gottesdienst. Denn ich möchte an ein Fest erinnern, das in diese Woche fällt, das aber unsere Kirche normalerweise nicht begeht: das Fest der Geburt Mariens.

Mit gutem Grund kennt unsere Kirche das nicht, denn es ist im ganz wörtlichen Sinn ein un-evangelisches Fest. Es kommt im Evangelium nicht vor. In keinem Evangelium. Und auch sonst gibt es keine historischen Nachrichten über die Geburt Mariens. Wir wissen darüber schlicht nichts. In der katholischen Kirche wird zu dieser Gelegenheit der Stammbaum Jesu gelesen, also der Text, den wir gerade gehört haben, zumindest der Anfang und das Ende.

Ich sage es noch einmal: Es geht dort um die Geburt Jesu. Die Geburt von Maria kommt da nicht vor. Und nicht nur das: Der Stammbaum Jesu ist ein Stück Männergeschichte. Ein Mann zeugt einen Mann zeugt einen Mann und so weiter. Nur ganz sporadisch werden auch ein paar Frauen genannt – so als sei die Frau in der Generationenfolge Nebensache, quasi nur Gebär­mutter. Es ist Anzeichen einer patriarchalen Gesellschaft. Das fällt uns heute vielleicht stärker auf als Generationen vor uns, die selbst in einer solchen Gesellschaft lebten.

Aber das eigentlich Erstaunliche ist, dass der Stammbaum auf Josef zuläuft, nicht auf Maria. Denn Josef wäre ja gar nicht der Vater, wenn man die Jungfrauengeburt biologisch versteht. Die Ahnenreihe Jesu wird männlich konzipiert, obwohl die männliche Zeugungsreihe gerade hier unterbrochen erscheint. Den Evangelisten stört das offensichtlich nicht – wahrscheinlich weil ihn die biologische Zeugungsfrage weniger interessiert.

Ihn interessiert die Frage, wie es sich mit der Geburt Jesu Christi verhielt. Also wie es sein kann, dass Gott Mensch wird. Wie es sein kann, dass Gott von einem Menschen geboren wird. Genauer: dass Gott von einer Frau geboren wird. Das ist ja das Eigentümliche an diesem Text: in der patriarchalisch konzipierten Ahnenreihe liegt am Schluss doch der Akzent auf einer Frau, auf dieser Frau, auf Maria.

Natürlich ist es eine Verlegenheitslösung, wenn die katholische Kirche diesen patriarchalen Text an einem marianischen Fest liest. Es hat etwas Peinliches, aber es hat auch etwas Sinn­volles. Denn für das Fest ist der gleiche Gedanke ausschlaggebend wir für den Text. Es geht darum, Weihnachten zu verstehen, und es geht darum, die Vorgeschichte dieser wunderbaren Geburt auszuleuchten.

Aus diesem Grund habe ich den Text heute auch für unseren evangelischen Gottesdienst ausge­wählt. Wir haben im Sommerkurs des Centro Melantone eine Woche lang über Maria und Mariologie nachgedacht. Nicht nur in diesem Kurs gilt: Es kann uns Evangelischen gar nicht schaden, wenn wir öfters einmal über Maria nachdenken. Maria ist nicht katholisch. Natürlich auch nicht evangelisch, sondern sie ist jüdisch. Was bedeutet es, dass Jesus von einer jüdischen Frau geboren wurde, von dieser jüdischen Frau, von Maria aus Nazareth?

Man kann darauf zwei verschiedene Antworten geben. Die eine geht so, und sie wird oft eher von Evangelischen gegeben, wenn sie überhaupt einmal über Maria nachdenken: Es bedeutet nicht viel. Das Wunderbare der Menschwerdung ist ja gerade, dass Gott in der „Niedrigkeit seiner Magd“ Mensch wird. Dass Gott eine ganz normale Frau aussucht, eine Frau aus dem Volk. (Wäre ich Frau, würde ich sagen: eine Frau wie du und ich.) Das Besondere an Maria ist, dass sie nichts Besonderes ist. Je gewöhnlicher, je normaler Maria, desto größer das Wunder der Menschwerdung Gottes.

Die andere Antwort geht so, und sie wird oft eher von Katholiken gegeben: Die Mensch­werdung ist Teil einer Geschichte, der Geschichte Gottes mit den Menschen. Maria ist eine Frau aus dem Volk, oder ich sollte betonen: Frau aus dem Volk, dem einen erwählten Volk Gottes. Ihr Jüdisch Sein stellt sie in diese Geschichte. Wer nach Maria fragt, fragt zurück nach der Vorgeschichte Jesu. Da erscheinen plötzlich Joachim und Anna am Horizont, die Eltern von Maria, also die Frau, die ihrerseits Maria geboren hat. Da wird die Zeugung Mariens auf einen besonderen Sockel gehoben. Heute vor neun Monaten wird das gefeiert, am achten Dezember, neun Monate vor der Geburt Mariens. Selbst gute Katholiken sind oft im ersten Moment nicht so ganz sicher, was für eine unbefleckte Empfängnis da gemeint ist. Der achte Dezember liegt im Advent und erscheint schon im weihnachtlichen Licht. Aber um Weihnachten geht es dabei nur indirekt.

Es ist Vorgeschichte, im besten Sinn des Wortes. Maria ist ein wichtiger Teil dieser Vorge­schichte, ebenso wie es die lange Reihe von Ahnen im Stammbaum ist. Es geht darum zu sagen: Ja, an Weihnachten treffen sich Gottheit und Menschheit. Ja, die Geburt Gottes aus einem Menschen ist etwas Wunderbares, Staunenswertes, Unerwartetes.

Aber zugleich: Nein, es ist kein Bruch, keine Kehrtwende, kein Strategiewechsel Gottes. Es ist kein coup de foudre, kein Blitz aus heiterem Himmel. Es ist Teil der Geschichte Gottes mit den Menschen. Es zeichnet sich ein in eine Reihe von Heilstaten. Es gibt eine Vorgeschichte, und es gibt eine Nachgeschichte. Maria spielt dabei eine wichtige Rolle. Ohne sie säßen wir alle heute nicht hier. Wir haben es im Evangelium gehört: Gott hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unseren Vätern, Abraham und seinen Nachkommen. Gott hat die Niedrig­keit seiner Magd angesehen. Daher werden Maria selig preisen alle Kindeskinder. Das wollen auch wir tun. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

14. Sonntag nach Trinitatis – Prof. Dr. Wallraff