Lukas 17,5-6

Ich grüße Sie herzlich, liebe Gemeinde, zum heutigen Sonntag. Ich freue mich, dass wir wieder gemeinsam Gottesdienst feiern können, ich freue mich über unsere Begegnungen und Gespräche und ich freue mich besonders, dass es trotz der Pandemie, die ja leider immer noch nicht vorbei ist, wieder möglich ist, hier bei Ihnen zu sein. Vielen Dank an Michael Jonas, mit dem ich wieder sehr gerne gemeinsam diesen Gottesdienst gestalte.

Was vermag unser Glaube? Wozu bewegt er uns – und was können wir mit unserem Glauben bewegen? Können wir die Welt verändern, sie wenigstens ein wenig besser machen? Dem heutigen Predigttext zufolge vermag der Glaube ganz Erstaunliches. Erzählt wird ein kurzes Gespräch zwischen den Jüngern und Jesus über den Glauben, im 17. Kapitel des Lukasevangeliums.

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.

Einen bemerkenswerten, einen irritierenden Dialog haben wir hier vor uns. Und eine Antwort Jesu, die sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Die Jünger bitten Jesus darum, ihren Glauben zu stärken, ihnen zu helfen beim Wachsen in ihrem Vertrauen zu Gott – und Jesus entgegnet ihnen, dass es auf die Größe und die Stärke des Glaubens gar nicht ankomme. Schon ein winzig kleiner Glaube würde genügen, um Erstaunliches, ja schier unmöglich Scheinendes zu vollbringen. Das wird sich für die Jünger verstörend angehört haben, und auch uns ergeht es nicht anders. Gibt es nicht auch den schwachen Glauben, der es durchaus gebrauchen kann, bestärkt und ermutigt zu werden?

Zudem: Ausgerechnet die Jünger – hatten sie nicht schon eine ganze Menge Glauben bewiesen? Sie waren Jesu Ruf in die Nachfolge gefolgt, ohne lange zu zögern. Sie hatten Familie und Beruf hinter sich gelassen und waren in eine unsichere Wanderexistenz aufgebrochen, ohne Einkommen, ohne festen Wohnsitz. Sie hatten Entbehrungen auf sich genommen, um die Menschen davon zu überzeugen, dass das Heil Gottes jetzt, im Wirken Jesu, nahegekommen ist. Klein kann ihr Glaube, gering kann ihr Vertrauen auf Gott und auf Jesus wohl kaum gewesen sein. Ausgerechnet ihnen hält Jesus jedoch vor, sie hätten noch nicht einmal einen Glauben so groß – oder besser: so klein – wie ein Senfkorn. Denn anders kann man die Antwort Jesu ja wohl nicht verstehen: Schon ein winzig kleiner Glaube ist ausreichend, um große Dinge zu tun. Aber, so muss man wohl ergänzen, ihr habt ihn nicht.

Was soll diese merkwürdige Antwort, ausgerechnet an die Jünger? Und was soll das plastische Bild von dem ins Meer verpflanzten Maulbeerbaum? Jesus zeichnet in übersteigerter Weise einen Kontrast zwischen kleiner Ursache und gewaltiger Wirkung. Die Bilder stammen, wie häufig bei Jesus, aus dem ländlichen Galiläa und seiner Pflanzenwelt. Ein Senfkorn ist winzig, darum ist es in jüdischer Tradition zur Veranschaulichung besonders kleiner Dinge sehr beliebt. Wir kennen das aus dem Gleichnis vom Senfkorn: Aus dem kleinen Senfkorn, das in den Acker fällt, wird eine große Pflanze – will sagen: der unscheinbare, kaum wahrnehmbare Anfang der Verkündigung Jesu und die große Bedeutung, die sie hat – die Aufrichtung der Gottesherrschaft –, stehen in einem krassen Gegensatz zueinander. So ist es offenbar auch beim Glauben: wenn er nur klein und unscheinbar ist wie ein Senfkorn, kann er Erstaunliches bewirken.

Das macht das zweite Bild vom Maulbeerbaum anschaulich. Besser bekannt ist das Bild vom Berge versetzenden Glauben, das sich auch im Neuen Testament findet: Glaube kann Berge versetzen, das ist sogar sprichwörtlich geworden. Der ins Meer versetzte Maulbeerbaum sagt das Gleiche. Ein Maulbeerfeigenbaum hat besonders starke Wurzeln. Er ist fest im Boden verankert und trotzt allen Stürmen. Der Glaube aber, klein wie ein Senfkorn, kann ihn dem Boden entreißen und ins Meer versetzen – so ungefähr, als würde ein kleines Kind mit schwachen Ärmchen eine dicke Eiche einfach umwerfen. Ein starkes Bild, eindrücklich und einprägsam. Was sagt Jesus damit über den Glauben?

Es kommt beim Glauben offenbar nicht auf viel oder wenig an, nicht auf groß oder klein, stark oder schwach. Die Bitte, den Glauben zu stärken, ihn groß zu machen und kräftig, geht darum am Eigentlichen vorbei. Beim Glauben geht es um anderes: um die feste, beharrliche Überzeugung, der nichts hinzugefügt werden muss. Um das Vertrauen zu Gott, das so stark ist, dass es zu Erstaunlichem befähigt. „Glaube“ – man kann das griechische Wort auch als „Vertrauen“ übersetzen, als „Treue“ oder „Zuverlässigkeit“ – ist das Sich-Einlassen auf Gott, der selbst glaubwürdig ist, zuverlässig und treu. Gott ist der Fels, auf den ich das Haus meines Lebens bauen kann; zu dem ich fliehen kann in der Not; der zu mir steht, egal, was kommen mag. Wenn ich einen solchen Halt im Leben habe, dann kann mich keine Macht dieser Welt schrecken. Mit einer solchen Gewissheit kann ich Dinge bewirken, zu denen ich nur darum in der Lage bin, weil ich weiß: Ich bin getragen in den Stürmen des Lebens; ich bin beschützt, auch in der größten Angst; mir wird nichts mangeln, denn Gott, der Herr, sorgt für mich. Das Leben auf Gott zu gründen, verleiht Mut und Standfestigkeit, die auch dann nicht zu erschüttern sind, wenn mir der Wind ins Gesicht bläst und ich mit Widrigkeiten zu kämpfen habe. Einem solchen Glauben muss nichts hinzugefügt werden.

„Glaube“ ist dann auch das Gegenteil davon, mein Leben heute an diesem und morgen an jenem auszurichten, je nachdem, wie es gerade passt und Vorteile verspricht. Wer an Gott glaubt, ist sich seiner Sache gewiss. Geradlinigkeit und Aufrichtigkeit zeichnen den Glauben aus, damit setzen wir Christen Ausrufezeichen in der Welt.

Wenn Jesus seinen Jüngern auf ihre Bitte nach mehr Glauben die erstaunliche Kraft des Glaubens entgegenhält, dann meint er offenbar genau dies: Das Sich-Verlassen auf Gott, dessen heilvolle Nähe und verändernde Kraft in seinem eigenen Wirken erfahrbar geworden ist – unter den Menschen zu Jesu Zeit und in der Gemeinschaft der Glaubenden bis heute. Wenn wir unser Leben darauf gründen, uns darauf verlassen, können wir tatsächlich Dinge in Bewegung versetzen, sie festgefügt erscheinen, wie der sprichwörtliche Berg, wie der fest verwurzelte Maulbeerbaum. Sie stehen für Strukturen und Verhältnisse, an denen man manchmal schier verzweifeln kann, die sich aber dennoch in Bewegung versetzen lassen.

In Deutschland schauen wir in diesen Wochen gespannt auf die Bundestagswahl, auf die Parteien und ihre Repräsentanten. Auch als Christen haben wir eine Verantwortung für das Land und die Gesellschaft, in der wir leben. Die christliche Kirche hat zwar keine Wahlempfehlung auszusprechen, und der christliche Glaube lässt sich nicht in Parteiprogramme fassen. Darum sollten wir auch zurückhaltend damit sein, die eine oder andere politische Überzeugung zu derjenigen zu erklären, die als einzige mit der Bibel oder dem christlichen Glauben in Übereinstimmung zu bringen sei. Dennoch sollten wir als Christen mit klaren Worten Stellung beziehen und uns einmischen. Christlicher Glaube ist nicht nur eine private Angelegenheit, das wird in diesen Zeiten auch durch die Ereignisse bewusst, die uns in Angst und Schrecken versetzen.

Wir brauchen nur auf die Naturkatastrophen zu schauen, die unsere Welt in den zurückliegenden Monaten erschüttert haben. Hier in Italien waren es die verheerenden Brände, die auch anderswo in Südeuropa und an der amerikanischen Westküste gewütet haben und es zum Teil noch immer tun. In Deutschland hat uns die Flutkatastrophe im Westen des Landes schwer zu schaffen gemacht, uns die Verletzlichkeit unserer Existenz, aber auch die Unachtsamkeit drastisch vor Augen geführt, mit der wir Menschen die Schöpfung behandeln als wäre sie reine Verfügungsmasse.

In den letzten Wochen sind wir auch Zeugen davon geworden, wie in Afghanistan zusammengebrochen ist, was mehr als zwanzig Jahre lang aufgebaut werden sollte. Ein Urteil darüber, was falschgelaufen ist, fällt nicht leicht, und manchmal möchte man nicht in der Haut derer stecken, die verantwortlich sind für das Leben von Tausenden, mitunter Millionen von Menschen. Feststehen sollte für uns als Christen aber jedenfalls, dass Menschen nicht im Stich gelassen werden dürfen, die in Not geraten sind. Feststehen sollte, dass religiöse Überzeugungen niemals Gewalt und Unterdrückung rechtfertigen dürfen. Und feststehen sollte auch, dass wir als Christen niemals gutheißen können, wenn anderen Menschen Leid angetan, sie erniedrigt und entwürdigt werden.

Ein Glaube, der diesen Namen verdient, eine feste Überzeugung, die sich nicht abbringen lässt von der Hoffnung auf eine Welt, in der Friede und Gerechtigkeit regieren, in der die Schöpfung bewahrt wird, steht zuerst und vor allem an der Seite derer, die die Leidtragenden sind der Kämpfe in Afghanistan und in anderen Ländern; an der Seite derer, die verfolgt sind, entrechtet und vertrieben; an der Seite derer, die als erste und am meisten unter den Klimakatastrophen zu leiden haben, die wir Menschen über die Erde gebracht haben. Für sie alle müssen wir im Namen des Glaubens an den Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, einstehen.

Was aber können wir tun? Sind unsere Möglichkeiten nicht viel zu begrenzt, unser Einfluss nicht viel zu gering? Jesus sagt uns im Bild vom Berge und Maulbeerbäume versetzenden Glauben, dass es nicht darauf ankommt, nach der großen, spektakulären Aktion Ausschau zu halten. Glaube beginnt im Kleinen und kann doch Großes bewirken. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, bekannte und weniger bekannte.

Dietrich Bonhoeffers Briefe aus dem Tegeler Gefängnis, verfasst in den Jahren 1943 bis 1944, sind das Zeugnis eines Glaubens, der Berge oder Maulbeerbäume versetzen kann, weil er auch gegen den Augenschein und in scheinbar auswegloser Lage nicht daran zweifelt, dass Gott stärker ist als das Böse und das Leben auch dann in Gott geborgen ist, wenn Menschen danach trachten, es zu vernichten. Bonhoeffer hatte die Vision einer Welt, die sich nicht an einem jenseitigen Gott orientiert, der mit dem Leben im Hier und Jetzt nichts zu tun hat. Die mündige Welt richtet sich aus an dem leidenden Gott, der mitten im Diesseits der Welt zur Wirkung kommen will. Für diese Überzeugung hat Bonhoeffer gelebt, für sie ist er in den Tod gegangen. Mit seinem starken Glauben, mit seinem hohen Ethos hat er entscheidend dazu beigetragen, dass der christliche Glaube Akzeptanz und Würde wiedergefunden hat nach der Barbarei des Faschismus. Menschen wie Bonhoeffer können Berge versetzen und Maulbeerbäume im Meer versenken.

Martin Luther King ließ sich nicht davon abbringen, dass alle Menschen vor Gott gleich sind und jedem Menschen die gleiche Würde zukommt. Er hatte den Traum, dass diese Überzeugung einmal Realität wird, dass Sklaven und Sklavenhalter am Tisch der Brüderlichkeit sitzen werden. Für diesen Traum hat er gelebt, für ihn hat er mit dem Leben bezahlt. Der Traum von Martin Luther King hat Berge versetzt, Maulbeerbäume im Meer versenkt.

Die Menschen in der DDR haben im Oktober und November 1989 mit Kerzen und Liedern für Frieden und Freiheit demonstriert und damit ein System von Unterdrückung und Bespitzelung zum Einsturz gebracht. Sie haben in den Kirchen in Leipzig und anderswo gebetet, sie haben gehofft und vertraut, ihr Glaube hat Berge versetzt.

Noch vor gar nicht langer Zeit wurden Menschen, die sich für den Schutz des Klimas einsetzen, belächelt oder sogar verspottet. Aber sie haben viel erreicht. Sie haben den Blick auf unsere Welt verändert, uns achtsamer und aufmerksamer werden lassen dafür, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen.

Wie sieht der Glaube aus, den Jesus von seinen Jüngern erwartet? Der Wochenspruch aus dem 1. Petrusbrief und die Evangeliumslesung aus dem Matthäusevangelium sprechen von unnötigen Sorgen, die uns beschweren und uns vom Wesentlichen abhalten: „All eure Sorge werft auf ihn“; „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht, was ihr anziehen werdet“. Die Sorge um das tägliche Auskommen, die Sicherung unserer Lebensverhältnisse soll nicht unser Denken und Handeln bestimmen. Es gilt, sich einzusetzen für die Vision einer friedlichen Welt, für die Achtung der jedem Menschen zukommenden Würde, für einen verantwortungsvollen Umgang mit der uns anvertrauten Schöpfung.

Wenn ihr Glauben habt, so groß wie ein Senfkorn, dann könnt ihr Erstaunliches bewirken. Jesus verweist uns auf die Kraft, die aus dem festen Vertrauen auf Gott erwächst. Lassen wir uns stärken von dieser Zusage, nehmen wir sie mit hinein in unser Leben, damit wir unser Sorgen darauf richten, was gut ist und dem Leben dient. Amen.

15. Sonntag nach Trinitatis- Prof. Dr. Jens Schröter