Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext wirkt tröstend und ermutigend, in dieser Zeit der Unsicherheit. Schon in üblichen Umständen neigen wir dazu, im Herbst die Bilanz des Jahres zu ziehen. Vielleicht ist das eine Erinnerung an die Zeit, wo die Wirtschaft auf den bebauten Feldern ruhte und noch nicht auf Finanzen. Schon diese Zwischenbilanzen, die gezogen werden, sorgen für etwas Unruhe. Dazu kommt jetzt die Pandemie, mit allen seinen negativen Wirkungen. Es ist keine Überraschung, wenn wir uns manchmal etwas ängstlich fühlen. Was müssen wir tun? Ok: Mund-Nasen-Schutz tragen, Hände waschen und Abstand halten. Und dann?

Der heutige Predigttext ist wegweisend nicht nur für den heutigen Tag, sondern für jede Zeit des Lebens. Ich lese, aus dem 5. Buch Mose, Kapitel 30, Verse 11-14:

11 Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. 12 Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest:

Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? 13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? 14 Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.

„Das Wort ist ganz nahe bei dir“ – Wir müssen nicht in die Ferne schauen, um Orientierung zu finden. Was uns trösten, begleiten kann liegt nicht außer uns.

Auch nicht ist es etwas, das in uns liegt. Das Wort Gottes überschneidet sich nicht mit unserem Gewissen. Doch es kommt zu Verhältnis, es kommt ins Gespräch mit unserem Gewissen. Und  dieses Gespräch kann auch unbequem werden, wie im Fall des jungen reichen Mannes, der zu Jesus fragte, was er tun sollte, um das ewige Leben zu erwerben. Dieser junge Mann meint es Ernst mit dem Glauben. Doch ist enttäucht von der Antwort Jesu, er solle alles dem Armen geben und ihm folgen.

Das Wort Gottes fällt nicht zusammen mit unserem Gewissen; aber es ist ganz nahe bei uns. Das ist ein Trost für uns. Das lässt uns daran hoffen, das das Wort Gottes uns den Weg weist, wenn wir unsicher unterwegs sind. Das macht uns zuversichtlich, dass wir von Gott neue Kraft gegeben wird, als wir müde sind. Das macht uns zuversichtlich, einfach dass wir die Gegenwart Gottes spüren, die uns völlig lebendig fühlen lässt und uns selig macht. Einfach so.

Anderseits, dass das Wort Gottes ganz nah bei uns ist, das lässt keinen Raum für Ausreden.

Wäre das Wort Gottes etwas, das in aller Ferne liege und sehr schwer zu erreichen, dann könnten wir so sagen: ich bin doch kein Superman; ich kann dorthin nicht gehen, das Wort Gottes zu holen.

Wenn ich nicht das Wort holen kann, weil es sehr fern liegt, dann bin ich nicht dafür verantwortlich, dass ich es nicht umsetzen kann.

Doch sagt der heutige Text so: das Wort Gottes ist ganz nah bei dir, „dass du es tust.“

Die Leidenschaft des Textes macht uns verständlich, was im Text nicht ausdrücklich gesagt wird: dass das Wort Gottes sofort umsetzen muss.

Dieser Dringlichkeit drückt Paulus aus, wie wir aus dem Epheserbrief gehört haben: „So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus, denn die Tage sind böse.“

„Kauft die Zeit aus, denn die Tage sind böse“: Es gibt keine Zeit zu verlieren; es gibt keine Zeit zu verschwenden um das Wort Gottes ins Leben umzusetzen. Das heisst, um das Reich Gottes zu verwirklichen. Die Stelle aus dem 5. Buch Mose sowie die Stelle aus dem Epheserbrief drücken das aus, indem sie sich an verschiedenen Adressaten sprechen.

Im 5. Buch Mose wechselt man von „wir“(„Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun?“) zu m „du“ („Das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“).

„Wir“ ist manchmal das Wort um eine Verantwortung zu vermeiden. In der Menge kann man sich wirksam verstecken. Vor allem, wenn es darum geht, ein Ausrede zu finden damit von etwas umständlich los wird.

Das „Du“ ruft zur Verantwortung. „Du“ muss das Gebot, das Wort Gottes in Praxis umsetzen. „Du“: nicht ein Anderer oder ein Dritter. „Bei dir“ ist der Herr nahe mit seinem Gebot, mit seinem Wort, damit „du“ es umsetzest. Es gibt keine Ausrede. Man kann sich  nicht verstecken. Der Herr ist wirksam zum Verhältnis zu uns und er erwartet von uns, dass jeder von uns als Einzelne im in diesem Verhältnis namens Glauben Antwort geben; dieses Verhältnis, dieser Glaube ruht auf Vertrauen.

Paulus dagegen schreibt „ihr“: führt euer Leben „nicht als Unweise“, „versteht, was der Wille des Herrn ist“, „sauft euch nicht voll Wein“, „lasst euch vom Geist erfüllen“, „Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern“.

„Ihr“ die Pluralform vom „du“. Jeder von uns ist dazu berufen, seine Antwort dem Herrn zu geben und sie ins Leben umzusetzen. Nicht, dass man allein ist, indem dass man tut. Nicht nur deswegen, dass der Herr ihm, ihr beisteht mit seinem Wort und Geist. Sondern auch darum, dass jedem von uns ist gegeben, den eigenen, erhaltenen Glauben praktisch zusammen mit den Geschwistern in Christus zu leben.

Als Gemeinde und als Evangelisch-Lutherische Kirche in Italien. Heute geht nämlich zu Ende die Synode der ELKI, die ausnahmenweise in dieser Pandemiezeit nicht im Frühling sondern im Herbst stattfand.

Die Sachen des Glaubens zu verstehen kann und soll man nicht nur einzeln tun, sondern auch als Gemeinschaft von Glaubenden. Im Kleinen als Gemeinde und im Großen als ELKI.

Das gilt auch für alles andere, das Paulus uns anspornt, damit wir es tun: „Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern“, „sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Predigt 11. Oktober DT