Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Haben wir die Pandemie schon hinter uns, liebe Gemeinde? Haben wir die Pandemie schon hinter uns, die mich persönlich verschont hat, die mich nur daran gehindert hat, so wie sonst nach Rom zum Gottesdienst in die Christuskirche zu kommen? Haben wir die Pandemie schon hinter uns, an der viele Menschen im Unterschied zu mir erkrankt sind, schwer erkrankt sind? Oder werden wir alle miteinander in den nächsten Wochen und Monaten noch einmal wieder mit der Frage konfrontiert, ob wir gesund bleiben, wieder gesund werden, eine schlimme Krankheit überleben? Und manche unter uns fragen vielleicht bang: Stehen wir vor einer dritten Welle, herrscht bloß Ruhe vor dem nächsten Sturm?

Wir alle kennen in Zeiten einer nach wie vor bedrohlichen globalen Pandemie Menschen, die sehr schlimm erkrankt sind in den letzten neunzehn Monaten und doch wieder gesund geworden sind; vielleicht sitzen auch einige unter uns. Da trifft es sich gut, liebe Gemeinde, dass an diesem Sonntag im Oktober Predigttext ein Psalm ist, den ein Mensch gebetet hat, der sehr schlimm erkrankt war und doch wieder ganz gesund geworden ist. Im Alten Testament ist dieser Psalm dem König Hiskija zugeschrieben, einem ebenso politisch aktiven wie persönlich frommen Monarchen in schwieriger Zeit. Aber dieser ursprüngliche historische Kontext muss uns heute Morgen gar nicht interessieren – haben doch zu allen Zeiten kranke Menschen diesen Psalm gebetet und ist er doch zu allen Zeiten gesungen worden, wenn man sich in jüdischen und christlichen Gemeinden an Kranksein, Gesundwerden, Sterben müssen und noch Leben dürfen erinnert hat. Hören wir also den Psalm, das Gebet des Hiskija, wie es aufgezeichnet steht beim Propheten Jesaja im achtunddreißigsten Kapitel, die Verse 9-20:

Dies ist das Lied Hiskias, des Königs von Juda, als er krank gewesen und von seiner Krankheit gesund geworden war:

Ich sprach: In der Mitte meines Lebens muss ich dahinfahren,

zu des Totenreichs Pforten bin ich befohlen für den Rest meiner Jahre.

Ich sprach: Nun werde ich nicht mehr sehen den Herrn, ja, den Herrn

im Lande der Lebendigen,

nicht mehr schauen die Menschen,

mit denen, die auf der Welt sind.

Meine Hütte ist abgebrochen

und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt.

Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber;

er schneidet mich ab vom Faden.

Tag und Nacht gibst du mich preis;

bis zum Morgen schreie ich um Hilfe;

aber er zerbricht mir alle meine Knochen wie ein Löwe;

Tag und Nacht gibst du mich preis.

Ich zwitschere wie eine Schwalbe

und gurre wie eine Taube.

Meine Augen sehen verlangend nach oben:

Herr, ich leide Not, tritt für mich ein!

Was soll ich reden und was ihm sagen?

Er hat’s getan!

Entflohen ist all mein Schlaf

bei solcher Betrübnis meiner Seele.

Herr, davon lebt man,

und allein darin liegt meines Lebens Kraft:

Du lässt mich genesen

und am Leben bleiben.

Siehe, um Trost war mir sehr bange.

Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen,

dass sie nicht verdürbe;

denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.

Denn die Toten loben dich nicht,

und der Tod rühmt dich nicht,

und die in die Grube fahren,

warten nicht auf deine Treue;

sondern allein, die da leben, loben dich so wie ich heute.

Der Vater macht den Kindern deine Treue kund.

Der Herr hat mir geholfen,

darum wollen wir singen und spielen,

solange wir leben,

im Hause des Herrn!

Psalmen stehen, liebe Gemeinde, nicht nur im biblischen Buch der Psalmen. Denn was wir gerade gehört haben, ist ein biblischer Psalm, der im Buch des Propheten Jesaja überliefert ist. Der Psalm des erst todkranken und dann wieder gesund gewordenen Königs ist so konkret, so mitten aus dem Leben gegriffen, wie es alle Psalmen der Bibel sind. Natürlich verwendet auch unser Psalm Bilder, Metaphern. So wie alle Psalmen. Niemand bekommt einen kleinen Campingtisch im Angesicht seiner Feinde hingestellt und ein gefülltes Glas Wein dazugestellt, wie es im dreiundzwanzigsten Psalm heißt. Aber mit diesem herrlich konkreten Bild aus dem dreiundzwanzigsten Psalm kann man beschreiben, wie es ist, wenn Gott einem schenkt, über bösartige Menschen triumphieren zu können und ihnen nicht hilflos zu unterliegen. Und solche schlimmen Nachstellungen bösartiger Menschen würden wir heute vielleicht als Mobbing bezeichnen; der Psalm dieses Sonntags, den wir zu Beginn gebetet haben, spricht von Wasserfluten, die über uns hereinzustürzen drohen und uns doch – Gott sei Dank – nicht erreichen. Solche biblischen Bilder und Metaphern stehen natürlich auch im Psalm des Königs Hiskija, unserem Predigttext. Das Leben als ein wunderschönes Webstück am Webstuhl, dessen Lebensfaden irgendwann zu Ende ist und abgeschnitten wird und dann hat’s ein Ende mit dem leben und weben und wirken. Andere falten zusammen, was Leben war, räumen es in Schränke der Erinnerung, da verstaubt es dann und geht irgendwann verloren. Ist es schon zuende mit meinem Lebensfaden? Fragt der kranke König. Fragt jeder Kranke, jede Kranke.

Biblische Psalmen, liebe Gemeinde, sind bedrängend konkret in der Schilderung des Unglücks, selbst wenn sie Bilder und Metaphern verwenden: „Meine Hütte ist abgebrochen und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt“. Betet der König in unserem Predigttext. Denken aber auch viele Kranke im Krankenhaus. Steht die Wohnung noch? Komme ich da jeder wieder hin und zurück in mein gewohntes Leben? „Meine Hütte ist abgebrochen“ meint aber auch: das Leben, wie es mich getragen hat, Routinen wie mein berufliches Leben, die Unterbrechungen der Routine, Feste mit Freunden, Besuche der Kinder. Piepsig wie ein Vogel rufe ich nach der Krankenschwester und niemand hört mich. Und genauso steht es in unserem Psalm: Piepsig wie eine Schwalbe, zwitschernd. „Bis zum Morgen schreie ich um Hilfe“ – ich werde wohl nie im Leben die dünne Stimme meiner Mutter vergessen, die in diesem Sommer in einem Berliner Krankenhaus um Hilfe rief, weil sie vor Schmerzen nicht aus noch ein wusste und niemand kam, um ihr ein Schmerzmittel zu geben. „Entflohen ist all mein Schlaf bei solcher Betrübnis meiner Seele“. Und dann nicht schlafen können ist ohnehin vielleicht das Schrecklichste in solchen Situationen schlimmer Krankheit. Keine Ruhe. Nirgends.

Biblische Psalmen, liebe Gemeinde, sind bedrängend konkret in der Schilderung des Unglücks, selbst wenn sie Bilder und Metaphern verwenden. Mir helfen sie gerade deswegen, wenn ich sie in schwierigen Momenten bete. Allein bete. Oder in einer Gemeinschaft bete. Mit anderen Menschen im Gottesdienst. In einem Chorgestühl eines Klosters. Mir helfen diese konkreten Schilderungen, weil ich dann Worte für meine eigene Situation finde, auch wenn ich eigentlich viel zu erledigt zum Aussprechen meiner Lage bin, zu müde zum Beten. Da legen mir die Psalmen Worte in den Mund und trösten mich, da gibt mir ein biblischer Psalm wie der des Hiskija aus dem Jesaja-Buch etwas zu sagen in die Hand und das hilft mir. Ich kann nicht sprechen, ich muss aber auch nicht sprechen. Hiskija und Jesaja sprechen für mich. Generationen um Generationen von jüdischen wie christlichen Betenden sprechen für mich. Das hilft. Das tröstet.

Biblische Psalmen schenken uns aber noch etwas anderes, liebe Gemeinde. Sie sind wie ein sanftes Schieben einer großen unsichtbaren Hand. Wie ein sanftes Schieben, das uns aus Kummer und Klage, aus Verzweiflung und Schweigen in eine andere Stimmung bringen will. Und biblische Psalmen bringen uns in eine andere Stimmung, weil in vielen Psalmen die Stimmung umschlägt. Die Hälfte besteht aus Kummer und Klage, aus Verzweiflung und Schweigen, die andere Hälfte aus Lob und Dank, aus Trost und Freude. Auch in unserem Psalm, dem Psalm des kranken Königs Hiskija, dem Predigttext dieses Sonntags.

Du lässt mich genesen

und am Leben bleiben.

Siehe, um Trost war mir sehr bange.

Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen …

Der Herr hat mir geholfen,

darum wollen wir singen und spielen,

solange wir leben,

im Hause des Herrn!

Natürlich haben die, die diesen Psalm vor langer, langer Zeit gedichtet haben, diese Verse aus der Rückschau gedichtet, sei es nun der König gewesen, seine Hofdichter oder spätere Poeten, liebe Gemeinde. Aber sie haben auch wieder ganz konkret gedichtet, so wie die Verzweiflung der Krankheit ganz konkret beschrieben ist, ist auch der Stimmungswechsel hin zum Trost ganz konkret beschrieben. Wo Luther vom herzlichen Annehmen der Seele des Kranken durch Gott spricht, steht in der griechischen Übersetzung, dass Gott den inneren Schmerz, den Schmerz der Seele, der zu allen körperlichen Schmerzen kommt, fort nimmt. Gott nimmt unser Inneres in seine Hände und räumt sozusagen auf. Kummer und Schmerz fort, Trost und Zuversicht und Freude hinein. Ganz plötzlich. Wunderbarerweise. Meine Mutter strahlte mich eines Morgens im Krankenhaus an, wies mit der Hand auf einen stolzen Apfelbaum vor dem Fenster und sagte: „Schau mal an der schönen Gärten Zier und wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben“. Und war dazu noch ganz stolz, den Paul Gerhardt parat zu haben.

Auch diesen in den Psalmen so konkret nachgedichteten Stimmungsumschwung können wir nachbeten, liebe Gemeinde. Biblische Stimmungsumschwünge nachzubeten hilft uns dabei, selbst Stimmungsumschwünge zu erleben, Umschwünge von Klage in Trost, von Weinen in Lachen, von Kummer in Freude. Nicht immer und nicht automatisch, aber öfter, wenn wir den Psalmen eine Chance geben und sie öfter beten. Gemeinsam und alleine.

Manchmal, liebe Gemeinde, hilft beim Stimmungsumschwung, wenn wir wie der König Hiskija oder andere Dichter in seinem Namen selbst einen Psalm dichten. Nach dem Vorbild der Psalmen selbst einen Psalm schreiben. Der Dichter Robert Gernhardt, dem so viele eindrückliche Variationen biblischer Formulierungen gelungen sind – „Ich sprach: Wasser werde Wein! / Doch das Wasser ließ dies sein. … Da ward auch dem Dümmsten klar, / daß ich nicht der Heiland war“ – der Dichter Robert Gernhardt also hat, als er 2006 lebensbedrohlich an Krebs erkrankt war und daran auch im selben Jahr starb, einen nachbiblischen Psalm von Paul Gerhardt selbst nachgedichtet: „Geh aus mein Herz oder Robert Gernhardt liest Paul Gerhardt während der Chemotherapie“.

Die Lerche schwingt sich in die Luft.

Der Kranke bleibt in seiner Kluft

und zählt die dunklen Stunden.

Die hochbezahlte Medizin

tropft aus der Flasch‘ und rinnt in ihn.

Im Licht gehen die Gesunden.

Heute, liebe Gemeinde, am neunzehnten Sonntag nach Trinitatis, sei es nun vor einer neuen, dritten großen Welle der Pandemie, sei es zu ihrem allmählichen Abklingen, heute weist uns Gott ganz freundlich darauf hin, welchen Schatz er uns mit den Psalmen in der Bibel schenkt. Sie helfen uns, weil sie uns Wort und Stimme geben, wenn wir im Kummer nicht einmal sprechen können, keine Worte in der Angst finden. Sie helfen uns, in dem sie uns sanft in Richtung eines Stimmungsumschwungs schieben wollen, uns die Worte in den Mund legen, die zum Stimmungsumschwung helfen. Nutzen wir diesen großen biblischen Schatz. In dem wir diese Texte beten. Nach ihrem Vorbild neue Texte schreiben, wenn wir das können. Und auch die beten. Alte und neue Psalmen singen und beten. Nicht nur, nicht erst, wenn es uns wirklich ganz schlecht geht. Sondern gerade auch dann, wenn wir Grund zum Loben und Danken haben. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

19. Sonntag nach Trinitatis – Prof. Dr. Markschies