Evangelium: Johannes 2:1-11

Liebe Brüder und Schwestern in Jesus Christus! Es ist mir eine große Freude und ein Privileg, hier in der herrlichen Christuskirche in Rom predigen zu dürfen. Mein Aufenthalt hier hängt mit dem jährlichen Besuch der finnischen ökumenischen Delegation in Rom zusammen, der mit dem Tag des finnischen Nationalheiligen Heinrich in Verbindung steht.

Die gute ökumenische Atmosphäre in Finnland wird dadurch symbolisiert, dass der Delegation, die vom lutherischen Bischof geleitet wird, auch ein katholischer und ein orthodoxer Bischof angehören. Mit dabei ist auch ein Chor aus meinem eigenen Bistum. Morgen treffen wir Papst Franziskus in einer Privataudienz. Im Laufe der Woche nehmen wir an vielen Treffen und Gottesdiensten und Konzerten teil.

Es ist großartig, dass unsere Delegation die Woche in Rom mit einem gemeinsamen Abendmahlgottesdienst hier in der Christuskirche beginnen darf. Im christlichen Leben ist die Wechselwirkung des sonntäglichen Gottesdienstes und des Alltags von großer Bedeutung. Es ist wichtig, am ersten Tag der Woche, am Sonntag, das Wort zu vernehmen und dadurch gestärkt auf die Aufgaben und Pflichten der neuen Arbeitswoche zuzugehen. Mitten im Alltag, in der Familie, in der Arbeit und in der Freizeit leben wir unsere christliche Berufung.

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Das Evangelium dieses Sonntags ist vom Beginn von Kapitel zwei des Evangeliums nach Johannes. Es handelt sich um das erste der sieben Zeichen Jesu, von denen der Evangelist Johannes berichtet. Es geschah in einer aus menschlicher Sicht sehr wichtigen Situation, nämlich auf einer Hochzeit.

Jeder von uns war schon einmal auf einer kleineren oder größeren Hochzeit. Wir wissen, wie viel Vorbereitung dies vom Brautpaar und dessen Familien erfordert. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Ich habe nämlich die Hochzeiten meiner beiden Töchter ausgerichtet. Es werden Pläne geschmiedet, die Gästeliste überdacht, die Kirche und der Ort für die Hochzeitsfeier gebucht, das Festessen vorbereitet. Man hofft, dass es nicht regnet, sondern dass das Wetter perfekt ist. Bei den Vorbereitungen auf das Fest versucht man sich dagegen abzusichern, dass keine Überraschungen – zumindest keine unangenehmen – eintreten.

Das Hochzeitsfest war auch zur Zeit Jesu im Nahen Osten ein Ereignis, das lange erwartet und vorbereitet wurde. Manchmal konnte die Hochzeit sogar eine Woche lang dauern und oft würden sich alle Einwohner des Dorfes oder einer kleinen Stadt dort versammeln. Manchmal wurden hunderte Gäste geladen. Es handelte sich um ein Fest der ganzen Gemeinschaft, nicht nur um ein Ereignis für Familie oder Verwandte.

Auf der Hochzeit, die im Evangelium beschrieben wird, ist genau so eine unangenehme Überraschung eingetreten, die jeder, der eine Hochzeit plant, vermeiden möchte. Die Situation ist wirklich peinlich. Das Hochzeitsfest steuerte gerade auf seinen Höhepunkt zu und der Wein war zu Ende gegangen. Ich kann mir nur vorstellen, welche erbitterten Gespräche in der Küche, verborgen vor den Gästen, geführt worden waren. Wer ist schuld? Was machen wir jetzt? Wie wird die Situation ohne Skandal bewältigt, denn ein solcher wäre es auf einer Hochzeit im Nahen Osten tatsächlich gewesen, wenn der Wein zu Ende gegangen wäre.

Es folgt eine Serie an Ereignissen, die quasi auf oberflächlicher Ebene geprüft werden kann, und man kann betrachten, was dort tatsächlich geschieht. Außerdem gibt es die symbolische und geistliche Ebene, die uns noch tiefere Bedeutungen eröffnet.

Jesu Mutter und Jünger, im Gegensatz zu den anderen Gästen, waren auf den Skandal, der sich hinter den Kulissen zusammenbraute, aufmerksam geworden. Obwohl Jesus noch kein einziges Wunder gewirkt hat, vertraut Maria instinktiv darauf, dass er helfen kann. Daher wendet sie sich in ihrer Not an Jesus und teilt ihre Sorge mit Jesus: „Sie haben keinen Wein mehr“, sagt Mutter Maria in ihrer Not.

Die Antwort Jesu mag sogar ein wenig unhöflich wirken: „Was willst du von mir, Frau?“ Er ist jedoch nicht wirklich unhöflich, denn die Bedeutung seiner Worte wird im folgenden Satz deutlich. Jesus wollte noch nicht in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken, denn „meine Stunde ist noch nicht gekommen“.

Jesus möchte nur vom Himmlischen Vater gelenkt werden und jene Werke tun, die Er ihm zu tun aufträgt. Jesus macht klar, dass er kein „Zauberer“ ist, der auf Wunsch irgendwelche Wundertaten vollbringt. Alles, was er tut, hat eine tiefere Bedeutung: Sie zeugen von ihm, vom Himmlischen Vater, der ihn gesendet hat.

Aber trotz seiner Widerrede wirkt Jesus ein Wunder, das den Bräutigam und seine Familie vor öffentlicher Schande und das Hochzeitsfest vor peinlichem Scheitern rettet. Jesus wandelt Wasser zu Wein, und sogar zu Qualitätswein. Und so bewundern die Gäste und der Speisemeister, die nicht über die Weinkrise im Hintergrund Bescheid wissen, die Großzügigkeit des Bräutigams, der den besten Wein bis zum Ende des Festes aufgehoben hat. Für gewöhnlich wurde nämlich das Gegenteil getan: Zu Beginn wurde der beste Wein serviert, um einen guten ersten Eindruck zu machen, und danach war auch ein etwas gewöhnlicherer Wein gut genug.

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Wir können diese Erzählung aus dem Evangelium natürlich auf viele verschiedene Arten – oder sollte ich sagen, auf vielen verschiedenen Ebenen – interpretieren. Wir können uns hartnäckig darauf fixieren, uns über die Details des Geschehenen zu wundern. Über die Wandlung hunderter Liter von Wasser zu Wein. Wesentlicher ist jedoch zu fragen, was dieses erste Wunder Jesu für eine Bedeutung hatte? Wesentlich ist es auch zu fragen, was die geistliche Botschaft der Erzählung über die Hochzeit in Kana an uns Christen im Januar 2022 ist.

Erstens ist es kein Zufall, dass Jesus ausgerechnet auf einer Hochzeit an die Öffentlichkeit getreten ist. Aufmerksamkeit erregt also der Ort, an dem Jesus sein erstes Wunder gewirkt hat. Jesus tat dies nicht in einem feierlichen Tempel, nicht einmal in einer bescheidenen Synagoge. Er wirkte sein erstes Wunder auch nicht wie sein Wegbereiter Johannes der Täufer in der Wüste.

Nein, sondern Jesus beginnt sein Wirken mitten unter den Menschen. Er kommt dorthin, wo die Menschen versammelt sind. Dort, wo sie in Freude und in Trauer ihr Leben leben. Er vollbrachte sein erstes Wunder mitten unter gewöhnlichen Menschen, auf einer Hochzeit, in einem Moment, als Familie, Verwandte und Menschen aus der Umgebung versammelt sind.

Es ist von großer Bedeutung, dass Jesus der Einladung zur Hochzeit Folge leistete. Die Botschaft ist klar. Der Heiland möchte die Freuden und Sorgen des Lebens teilen. Gott ist am Verlauf unseres Lebens interessiert, auf Festen ebenso wie im Alltag. Er kommt dorthin, wo die Türen geöffnet sind. Er erwartet nicht, dass die Menschen zu ihm in die Wüste kommen, sondern er geht zu den Menschen hin und mitten in das sprudelnde Leben hinein.

Was können wir Christen und Gemeinden von heute daraus lernen? Jesu Beispiel ist klar: Zieht euch nicht in euren engsten Freundeskreis und in die vier Wände der Kirche zurück. Isoliert euch nicht vor anderen Menschen, sondern tragt die Freudenbotschaft des Evangeliums und das Ideal der christlichen Nächstenliebe dorthin, wo die Menschen ihr Leben leben.

Genau wie Jesus es uns mit seinem Beispiel sagen wollte: Geht dorthin, wo die Menschen in Freude und in Trauer ihr Leben leben. Ganz besonders denke ich, dass es die Aufgabe des christlichen Dienstes, also der Diakonie ist, jene Menschen zu suchen, die allein geblieben sind; die keine Hilfe in ihren Schwierigkeiten erhalten und die keine Unterstützung in ihrer Bedrängnis finden.

Zweitens wird im Evangelium Aufmerksamkeit darauf gerichtet, dass Jesus den Menschen mit ihren konkreten Bedürfnissen zu Hilfe kommt. Jesus hätte den Menschen einen bedeutungslosen Zaubertrick oder eine fantastische Show vorführen können, um seine übernatürlichen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Dies hätte jedoch nicht das eigentliche Problem gelöst, dass der Wein zu Ende gegangen war.

Jesus bringt seine göttliche Kraft mitten in diesem Leben, in den alltäglichen Bedürfnissen und Taten der Liebe zum Ausdruck. Derselbe Gedanke wiederholt sich in vielen anderen Erzählungen der Evangelien. Wenn Jesus einen Menschen trifft, so fragt er ihn oft: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Die Kraft Gottes kommt mitten in das Leben des Menschen, in dessen alltäglichen Sorgen und Momente.

Der Glaube an Gott ist keine Sache, die von diesem Leben und von dessen konkreten Bedürfnissen losgelöst ist. Die Erzählung von der Hochzeit zu Kana fordert dazu heraus, die Hilfsbedürftigkeit anderer Menschen zu erkennen. Wir müssen nicht unbedingt Wasser zu Wein wandeln, viele Menschen auf dieser Welt wären schon allein für Wasser dankbar.

Als Nachfolger Christi können wir die Größe und die Kraft Gottes mit unserer eigenen praktischen Hilfe erstrahlen lassen. Dabei erfüllt sich eine alte Weisheit der Christen: Christus hat keine anderen Hände als unsere Hände. Wir sind seine Füße, seine Hände, sein Mund und sein Herz. In der Diakonie der Kirche und in jeder Tat der Liebe wird die Ankunft Christus mitten im menschlichen Leben verwirklicht.

 

 

 

 

2. Sonntag n. Epiphanias – Bischof J. Keskitalo