1. Mose 33,17-23

Der HERR sprach zu Mose:

Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.

Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!

Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN:

Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig,

und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.

Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen;

denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.

Und der HERR sprach weiter:

Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen.

Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten,

bis ich vorübergegangen bin.

Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

 

Liebe Gemeinde,

Mose will Gott sehen. Mehr nicht. Und auch nicht weniger.

Mose will Gott sehen, will mit den Augen abtasten,

will wahrnehmen, begreifen, erkennen.

Er will wissen, wer das ist, der ihn da treibt und drängt.

Wer ihn da ruft und quält und nicht in Ruhe lässt. Er will es endlich wissen.

 

Mose ist mutlos, erschöpft, resigniert. Längst ist ihm alles zu viel geworden. Der Auftrag erdrückend, das Volk störrisch, die Wüste endlos.

Er hätte damals gleich ablehnen sollen, als die übergroße Aufgabe

auf seine Schultern gepackt wurde. Ein Volk in die Freiheit zu führen – was für ein Größenwahn!

Eine Richtung vorzugeben, gewiesen nur von einer Stimme, die aus einem brennenden Dornbusch sprach.

Am Anfang ging alles wundersam wie von selbst.

Die ägyptischen Verfolger wurden mit aller Macht aufgehalten,

man entkam durchs Rote Meer.

Im Herzen dieses Versprechen: Ein eigenes Land:

Ein Land, in dem Milch und Honig fließt, so hatte es geheißen.

Aber stattdessen:

Wüstenwanderung, Tag für Tag, Jahr um Jahr.

Die Füße schwer, das Essen immer karger, die Tiere fußlahm. Man irrte umher. Es kam, wie es kommen musste.

Das Murren begann, zunächst noch im Untergrund.

Heimliches Gerede, Unzufriedenheit, Kompetenzgerangel, dann deutliche Kritik, zuletzt offene Meuterei.

 

Und der zornige Gott droht mit Vernichtung.

„Hat das alles überhaupt noch einen Sinn?“, fragt Mose sich.

Als ihm die Aufgabe übertragen wurde, war das ein besonderer Moment gewesen.

Doch inzwischen hatte der Alltag ihn aufgerieben. Er fühlt sich allein gelassen.

Wenn er überhaupt noch weitermachen soll, muss etwas passieren.

Mose braucht Bestätigung. Mose will Gott sehen. „Lass mich

deine Herrlichkeit sehen!“

 

Liebe Gemeinde, Gott sehen.

Das ist kein dummer Wunsch!

Das wäre schon mal dran.

Gott sehen.

Einmal von Angesicht zu Angesicht.

Endlich Klarheit erlangen darüber,

woran man sich im Glauben geklammert hat all die Jahre.

Oder woran man gezweifelt hat, ohne doch ganz davon lassen zu können. Endlich herausgeholt werden aus all den Zweideutigkeiten und

Widersprüchen des Glaubens, die sich nicht klären lassen.

Die Unschärfen, die sich einstellen, kaum meint man einen klaren Blick gewonnen zu haben.

 

Es bleibt bis heute das erste Argument gegen Gott:

Man kann ihn nicht sehen.

Auch bei den Schülern und Konfirmanden:

Man kann ihn nicht sehen!

 

Und das gilt ja nicht nur für unser Gedankenspielchen oder frommen Wünsche.

Das gilt ja schmerzhaft da, wo wir Gott dringend sehen wollen:

Wo Naturkatastrophen über Mensch und Tier kommen und massenhaft Leben zerstört wird.

Aber auch da, wo Menschen gegen Menschen anrennen und ganze Landstriche für Jahre ins Verderben stürzen.

 

Wenn sich Gott da doch sehen ließe! Stark und mächtig.

Wenn wir auf all die Fragen nach dem Warum endlich eine Antwort bekämen!

Wer bist du, Gott?

Wer bist du, der du dem Grauen auf der Welt kein Ende setzt,

sondern lässt es so oft geschehen?

 

Wir verstehen dich nicht angesichts unserer Erfahrungen.

Wer bist du, der du die Menschen zurücklässt in dieser Welt voller ungelöster Fragen, die keine Antworten finden?

 

Diese Unsichtbarkeit Gottes kann doch auf Dauer kein Mensch aushalten. Die Unsichtbarkeit Gottes macht uns doch kaputt.

So hat Dietrich Bonhoeffer einmal drastisch formuliert.

 

„Lass mich dich doch sehen!“, hat Mose Gott angefleht.

Er wollte schauen, und erhoffte sich damit Antworten auf seine Fragen, Stärkung im Ungewissen, Kraft für den weiteren Weg.

 

 

Um das Negative gleich zu sagen:

Mose bekommt seinen Willen nicht.

Und alle, die angesichts der Fragen ihres Lebens oder in ihren schweren Gedanken Gott endlich sehen wollen und Klarheit verlangen:

Sie alle bekommen – oder soll ich sagen: wir alle – bekommen unseren Willen nicht.

Und das hat seinen Grund:

Könnten wir Gott auf Wunsch herbestellen, sein ganzes Wesen sehen, dann wäre er nicht mehr Gott, sondern Teil unserer Welt.

Ein Gott – ohne Risiko.

Ein Gott – berechenbar wie das Winterwetter.

Ein Gott – uns zur Verfügung wie die Bedienung in einem guten Restaurant.

 

Gott ist anders, und er muss anders bleiben.

„Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig,

und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“

So nennt Gott dem Mose sein Wesen.

„Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig,

und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.

Ich bin souverän. Ich entscheide, was ich tue.

Die Gnade Gottes ist aus nichts anderem herzuleiten als aus seinem eigenen freien Willen. Sonst wäre es keine Gnade, sondern, wie man so schön neudeutsch sagt, ein Deal.

Wenn wir nur lange genug jammern müssten oder möglichst viele gute Taten anhäufen und Gott würde springen: Das wäre doch ein Kuhhandel und keine Gnade Gottes.

Die Gnade Gottes ist aus nichts anderem herzuleiten als aus seinem eigenen freien Willen.

Gnade ist durch keinen Rechtsanspruch der Gegenseite bedingt – nach dem Motto:

Wenn das oder jenes eintritt, dann muss Gott doch reagieren.

Und jeder Mensch hat darauf einen Rechtsanspruch – so wie auf einen Kitaplatz in der Stadt.

Welches Gesetz sollte Gott denn binden?

Gott ist frei.

Und in seiner freien Entscheidung lässt er den Mose etwas sehen.

Aber Gott behält alle Trümpfe auf der Hand.

So, wie Mose sich das gedacht hat, gibt sich Gott nicht.

Wir müssen es uns schon gefallen lassen, dass Gott es ganz allein in der Hand hat, mit uns Kontakt aufzunehmen.

 

Die Tür zu ihm geht nur von innen auf!

Aber: Sie geht auf!

Überall da, wo Gott sich finden lässt.

 

„Lass mich deine Herrlichkeit schauen!“, bat Mose.

Und Gott gibt ihm drei Antworten.

Die erste: „Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen“. All meine Güte.

Eigentlich müsste man übersetzen „all mein Gutes und Schönes“.

Die hebräischen Worte, die hier stehen, meinen all das, was das Leben reich macht und erfüllt.

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

Die Schönheit der Schöpfung, die Vielfalt der Pflanzen und Tiere, die Früchte, die uns die Erde schenkt.

Die Bewahrung in so viel Not. Die Gesundheit trotz manchem Einschlag.

Aber auch die Güte zwischen den Menschen, die Barmherzigkeit, liebevolle Zuwendung, wo wir sie gar nicht erwartet haben.

All die Schönheit des Lebens, der Natur und der Kultur, all das, was das Herz springen lässt und die Seele froh macht.

 

Die zweite Antwort Gottes besteht in einer Einschränkung.

„Mein Angesicht kannst du nicht sehen;

denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.

Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen.

Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine

Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin.“

Die Begegnung zwischen Gott und Mensch kann sich nur unter größten Sicherheitsvorkehrungen vollziehen.

Achtung: Lebensgefahr!

Nur in einer Schutzhöhle, unter Gottes Schutzhand darf Mose die Nähe Gottes erfahren.

 

Mehr ist dem irdischen Menschen nicht möglich.

Mehr wäre nicht auszuhalten, mehr wäre zu viel, nicht zu ertragen,

nicht zu verkraften, ein Übermaß an Eindruck und Schau, eine Überflutung und Überwältigung, das Ende von Menschenherz und Menschenverstand.

So wie man im Hochgebirge eine sehr dunkle Gletscherbrille tragen muss, um die Augen nicht zu schädigen, so muss man uns Menschen vor dem Lichtglanz Gottes schützen.

Das hält keiner aus!

 

Aber dann, die dritte Antwort:

„Du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht

sehen.“

Mose darf Gott hinterher blicken. Nur so kann Gott geschaut werden. Im Nachher.

Im Wahrnehmen seiner Spuren, die er hinterlässt.

Im Gehen hinter ihm her. Erst im Nachhinein kann Gott anschaulich werden.

In dem, was er wirkt, indem, wie er an uns handelt.

Erst im Nachhinein vermögen wir zumindest gelegentlich Spuren Gottes in unserem Leben zu erkennen.

Mögen wir zu erahnen, wo er uns begegnet sein könnte, welche Wege er uns wies, wovon er uns abhielt, was er uns zugemutet hat.

Im Nachhinein versuchen wir zu verstehen, und entdecken ihn, manches Mal sogar dort, wo wir dachten, er habe uns verlassen.

 

Erst im Nachhinein wird bei der Hochzeit in Kana klar:

Das Wasser wurde ja zu Wein, merkt der Küchenmeister.  Und dieser Wein ist besser als jeder davor, merken die Gäste.

 

Gott lässt sich oft erst im Nachhinein erleben, aber dafür umso wärmer:

Wo wir nur seine Abwesenheit zu spüren glaubten und der Zweifel an ihm die einzige Weise war, ihn zu denken.

Aber Mensch, er war da!

 

Ein Schauen, das kein Sehen war.

Ein Erkennen, obwohl er nicht zu greifen war.

Eine Blindheit, die sehend macht.

 

Sichtbar wird Gott nur in einer Beziehung.

Mose ging so eine Beziehung zu Gott ein.

Und Mose erlebt, was Gott versprochen hatte:

„Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.“

Keine spektakuläre Schau, keine Bilderflut, keine Vision, die alles Fragen beendet.

Eine Beziehung. Ein „ich bin da“. „Ich kenne dich.“ „Ich sorge für dich“.

 

 

Liebe Kirchgänger, ist das, was wir hier an Mose vorgeführt bekommen, für uns als Christen nicht überholt?

Wir kommen von Weihnachten her.

Noch steht die Krippe, noch singen wir die Lieder von Jesu Geburt.

Wir gehen davon aus, dass sich Gott inzwischen noch ganz anders gezeigt hat:

In dem Menschen Jesus von Nazareth.

„Wer mich sieht, sieht den Vater.“, sagt Jesus (Joh 14,9).

„Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit.“, sagen seine Apostel.

 

Sind damit unsere Fragen verstummt?

Ist die Sehnsucht danach, Gott zu schauen, zur Ruhe gekommen?

 

Vermutlich nicht.

So sicher sich Gott in Jesus zeigt, so verhüllt zeigt sich da seine Herrlichkeit.

In Windeln gewickelt, von Menschen verschmäht und ans Kreuz geschlagen.

Diese Seite Gottes, die den Lichtglanz und alle himmlische Majestät verbirgt, ist aber die Seite Gottes, an dir wir immer rankommen.

An sein geschriebenes Wort, an die unansehnliche Hostie, an den schlichten Wein im Kelch.

Jedes Mal sollen wir begreifen:

Gott verhüllt sich, aber er entzieht sich nicht.

Amen.

2. Sonntag nach Epiphanias -Pfr. Dr. Jonas