Liebe Gemeinde!

Zu fällen einen schönen Baum braucht’s eine halbe Stunde kaum.

Zu wachsen, bis man ihn bewundert, braucht er – bedenk es – ein Jahrhundert.

 

Mit diesem ebenso klaren wie wahren Spruch von Eugen Roth lade ich Sie heute ein, einen besonderen Baum in unserem Pfarrgarten anzuschauen und vielleicht sogar zu bewundern.

Wir sind ja dabei, nach bei der Bepflanzung unseres Gartens wertvollen Anregungen biblische Gewächse auszuwählen, die uns das vor Augen stellen, wovon die Heilige Schrift an vielen Stellen redet.

Heute geht es um den Olivenbaum, der hier vor uns steht.

Olivo oder im Deutschen oft Ölbaum, weil man gleich an sein wichtigstes Produkt denkt.

Auch das hebräische Wort Sajit, das das Alte Testament dafür verwendet, bedeutet zugleich Olivenbaum, Olive und Olivenöl: Baum, Frucht und Produkt.

Wir sehen daran schon, wie sehr diese alte Pflanze in der Mittelmeer-Kultur verankert ist.

Aber um genaue botanische Bezeichnungen und Daten soll es jetzt nicht gehen. Dazu wäre ich der Falsche.

Wir wollen uns heute vielmehr auf eine biblische Spurensuche begeben, dabei schauen, an welchen Stellen der Olivenbaum erscheint und vor allem, welche geistliche Bedeutung dabei gegeben wird.

Beginnen wir unsere Spurensuche mit der ersten Erwähnung im Alten Testament in einer Geschichte, die Sie alle kennen:

 

I.

Genesis 8, 6-11 (Die Taube mit dem Olivenzweig)

Nach vierzig Tagen der Sintflut tat Noah an der Arche das Fenster auf, das er gemacht hatte,

und ließ einen Raben ausfliegen; der flog immer hin und her, bis die Wasser vertrockneten auf Erden.

Danach ließ er eine Taube ausfliegen, um zu erfahren, ob die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden.

Da aber die Taube nichts fand, wo ihr Fuß ruhen konnte, kam sie wieder zu ihm in die Arche;

denn noch war Wasser auf dem ganzen Erdboden. Da tat er die Hand heraus und nahm sie zu sich in die Arche.

Da harrte Noah noch weitere sieben Tage und ließ abermals die Taube fliegen aus der Arche.

Sie kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, sie hatte ein frisches Olivenblatt in ihrem Schnabel.

Da merkte Noah, dass die Wasser sich verlaufen hatten auf Erden.

 

 

Die Taube mit dem Olivenzweig: Wohl eines der bekanntesten und beliebtesten Symbole der Bibel und des Glaubens.

Als „Friedenstaube“ ist sie in der ganzen Welt berühmt geworden, ist dabei aber oft weit weg geflogen aus ihrem religiösen Zusammenhang und von ihrer biblischen Verankerung.

Die Friedenstaube hat sich gewissermaßen verselbständigt.

Aber wir verstehen sie gar nicht, wenn wir nicht den biblischen Zusammenhang mit dem Olivenzweig, Noah und Gott kennen.

Meine gebildete Lateinlehrerin hat immer gesagt, dass sie es überhaupt nicht verstehe, warum gerade die Taube das biblische Symbol für den Frieden sei.

Sie habe genug wissenschaftliche Untersuchungen gesehen, die zeigen, dass Tauben ausgesprochen gierig und aggressiv seien.

Wenn wir eine Handvoll Brotkrumen auf eine römische Piazza werfen, sehen wir, was los ist.

Nichts gegen die Taube, aber es ist nicht das charakterliche Wesen, welches die Taube zum Friedensymbol macht, sondern das Olivenblatt in ihrem Schnabel.

(Unsere biblische Geschichte stellt eher die Treue und Verlässlichkeit der Taube im Unterschied zum Raben heraus, der ja nicht zu Noah zurückkehrt. Bis heute kennen wir die Intelligenz und Verlässlichkeit der Brieftauben.)

 

Es ist das Olivenblatt, das die Botschaft ausmacht.

Nachdem die ganze Erde bei der Sintflut unter Wasser stand und alle Pflanzen und Kultur untergegangen war, ist dieses grüne Olivenblatt, das Noah vorfindet, das Zeichen dafür, dass wieder Leben gedeiht, dass die Sintflut vorbei ist.

Und es ist kein Zufall, dass es gerade ein Olivenblatt ist, welches Gott als Zeichen für den Neuanfang wählt.

Der Olivenbaum ist eine Kulturpflanze der Menschen. Sie steht für Landwirtschaft, für Nahrung, für Stabilität.

Die Taube bringt keine rote Rose, keine duftende Jasmin, keine kurzlebige Mimose.

Es geht hier nicht um ein Zeichen der Schönheit oder eine freundliche, romantische Geste, es geht um einen Neuanfang Gottes mit den Menschen und seiner Kultur.

Wachsen und Gedeihen, Bebauen und Bewahren, Zusammenwirken von Menschen, Tieren und Pflanzen wird auf eine neue Grundlage gestellt.

Der Olivenzweig, bei dem jeder alte Mittelmeermensch sofort an die Landwirtschaft dachte, steht für eine neue Kultur.

Und wir sollten die Taube dieser Geschichte nicht einfach als Friedenstaube verstehen, sondern vielmehr als Zeichen des Neuanfangs.

Gott fängt nach der Bosheit des Menschen, nach seiner radikalen Strafe mit der Sintflut wieder neu mit der Menschheit an und traut ihnen etwas zu.

Das ist die Aussage des Olivenzweiges im Schnabel der Taube.

 

Ich bin mir sicher, wir nehmen mit dieser Deutung der Vorstellung vom Frieden nichts, sondern wir vertiefen sie.

Frieden ist nicht da, weil die Taube so lieb ist und alle Menschen auch so lieb sind, sondern Frieden heißt Neuanfang – nach schrecklichen Zeiten.

Wir hätten alle für den Frieden viel gelernt, wenn wir das beherzigen:

Frieden heißt Neuanfang, auch wenn Schuld und Wut und Zerstörung hinter uns liegen.

Genau das will uns das kleine Blatt vom Ölbaum sagen.

 

Wir hören eine weitere Geschichte aus dem Alten Testament:

 

II.

1.Könige 6,14.23-28 (Die Engel im Tempel aus Olivenholz)

Und Salomo baute das Haus des Herrn und vollendete es.

Er bedeckte die Wände des Hauses innen mit Brettern von Zedernholz.

Vom Boden des Hauses bis an die Decke täfelte er es innen mit Holz, und den Boden des Hauses täfelte er mit Brettern von Zypressenholz.

Und er baute zwanzig Ellen von der Rückseite des Hauses entfernt eine Wand aus zedernen Brettern vom Boden bis an die Decke und baute so im Innern einen Raum, das Allerheiligste.

Er machte im Allerheiligsten zwei Cherubim, zehn Ellen hoch, von Ölbaumholz.

Fünf Ellen hatte ein Flügel eines jeden Cherubs, sodass zehn Ellen waren von dem Ende seines einen Flügels bis zum Ende seines andern Flügels.

Und er überzog die Cherubim mit Gold.

 

Zedernholz und Olivenholz: Der Verfasser des Könige-Buches lässt keinen Zweifel daran, dass König Salomo die besten und teuersten Materialien verwendet, als der Tempel des Herrn in Jerusalem gebaut wird. Alles ist groß und edel und vergoldet.

(Wenn jemand sich an den vielen goldenen Mosaiken unserer Kirche stört, müsste man ihm diesen Bericht vorlesen.)

Nun gilt im Alten Orient tatsächlich das Zedernholz als edelstes Gehölz.

Die hohen Zedern, vor allem die des Libanon, gelten als Luxusgut.

Ihr Holz ist rötlich und duftet. Zedernholz gilt als Duftstoff und wird beim Räucheropfer verbrannt.

Ausfühlich wird beschrieben, dass Salomo den ganzen Tempel mit dem edlen Zedernholz täfeln lässt.

Die Cherubim, zwei große Engelsfiguren mit Flügeln, die im Allerheiligsten stehen, sind allerdings aus Olivenholz.

Warum?

Im Vergleich zu dem teuren Holz der hohen Zedern wirkt das verbreitete knorrige Olivenholz ziemlich billig und plump.

Das Holz der knorrigen Oliven ist fest, relativ nass und ölig, marmoriert und gelblich.

Es muss die Härte und Stabilität des Olivenholzes gewesen sein, die notwendig waren, um die riesigen Figuren und ihre Flügel zu schnitzen.

 

Manchmal, liebe Geschwister, geht es nicht um den äußeren Wert, den Duft und den hohen Preis, manchmal sind es die einfachen, die inneren Werte auf die es ankommt.

Bei den Engelsfiguren brauchte man kein duftendes und kein edles Holz, sondern Holz, das hält.

Und das einfache Olivenholz, das in jedem Winkel Israels wächst und das jeder einfache Bauer als Nutzpflanze kennt, kommt hier – im Tempel des Herrn – zu hohen Ehren.

Edles Zedernholz, einfaches Olivenholz: Beides kommt im Tempel zum Einsatz.

Gott braucht nicht nur die Hochgewachsenen, Edlen, die Berühmten.

Gott baut auch mit den Einfachen, mit den Kleinen, den Gebückten.

Denn er braucht ihre Substanz, ihre Treue

Auch das kann uns der Olivenbaum sagen:

Wie klein, wie gewöhnlich, wie gebückt du dich fühlst:

Gott braucht dich trotzdem.

Und wir hören in dieser schönen Geschichte von Salomo:

Auch dein Werk wird von Gott am Ende mit Gold überzogen.

Und es gilt von diesem Olivenholz wie von uns, was Psalm 23 am Ende sagt:

Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar – weil ich einen Sinn und eine Würde habe.

 

Springen wir ins Neue Testament, wo Paulus auf das Bild des Olivenbaums zurückgreift.

 

III.

Römer 11,16b-18 (Der Olivenbaum als Bild für Israel und die Kirche)

Paulus schreibt:

Ist die Wurzel heilig, so sind auch die Zweige heilig.

Wenn nun einige von den Zweigen ausgebrochen wurden, du aber, der du ein wilder Ölzweig bist, in den Ölbaum eingepfropft wurdest und Anteil bekommen hast an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums, so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen.

Rühmst du dich aber, so sollst du wissen: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.

 

So schlecht der niedrige und gedrungene Olivenbaum im Vergleich mit den hohen und schlanken Zedern oder Zypressen auch wegkommt.

Er wird hier als Bild für das Volk Gottes verwendet.

Es wird ja immer wieder deutlich: Der Olivenbaum hat kein spektakuläres Aussehen. Seine Höhe ist begrenzt. Seine Blüten sind klein und weiß.

Seine silbergrünen Blätter sind einfach geformt.

Andere Bäume werden höher, andere Blätter sind grüner, andere Blüten sind schöner und duften stärken.

Aber dieser Olivenbaum ist unglaublich resistent.

Seine Wurzeln und sein gedrungener knorriger Stamm überdauern alles.

Ein Olivenbaum kann tausende Jahre alt werden.

Zweige können ausgerissen oder eingesetzt werden, aber die Wurzel bleibt bestehen.

Was für ein schönes Bild für Israel, für die Kirche, ja auch für unser Leben:

Da kann vieles kommen und gehen; da kann vieles schmerzhaft abgerissen werden; da können sich die Umstände vollkommen ändern.

Die Wurzel, der Stamm, der Kern bleibt gleich.

Und es ist wichtig, dass wir so eine Wurzel, so einen festen Stamm haben.

Wer so eine feste Lebensgrundlage hat, wer solche eine unzerstörbare Verankerung im Glauben hat, der kann in der Zeit bestehen.

Rühmen wir uns auch als Kirche nicht unserer Blätter, unserer neuen dünnen Zweige, sondern rühmen wir uns der Wurzel, die uns trägt.

Es ist immer noch Gott selbst, von dem wir sicher leben und Jesus, an dem wir hängen.

Nochmals:

Wer so eine feste Lebensgrundlage hat, wer solche eine unzerstörbare Verankerung im Glauben hat, der kann in der Zeit bestehen.

Oder wie Psalm 1 sagt:

Der ist wie ein Baum gepflanzt an Wasserbächen und seine Blätter verwelken nicht.

Unser Weg durch die Bibel endet jetzt im Evangelium.

 

IV.

Evangelium nach Matthäus 26,30.36- 41 (Jesus betet auf dem Ölberg)

 

Nach dem Abendmahl und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen Jesus und die Jünger hinaus an den Ölberg.

Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern:

Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete.

Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen.

Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir!

Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!

Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?

Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.

 

Liebe Gemeinde,

in diesem bekannten Ausschnitt aus der Passionsgeschichte Jesu kommt der Olivenbaum ja gar nicht explizit vor, werden Sie sagen.

(Außer dem Namen des Ölbergs, der natürlich von den dort vorhandenen Olivenbäumen kommt.)

Und sie haben Recht: Diesem Bericht geht es um Jesus und sein Schicksal, um die Jünger und ihr Versagen.

Aber die Olivenbäume sind dabei.

Wer schon einmal auf dem Ölberg war, wer den Garten Gethsemane kennt, der weiß das.

Ich erinnere mich gut daran, als ich dort war und uns der Führer sagte, dass die Olivenbäume dort tausende Jahre alt seien, und dass einige davon also wirklich Zeugen jenes letzten dramatischen Abends Jesu vor seinem Tod waren.

Ob das nun stimmt oder nicht, Jesus hat im Schatten oder besser im Schutz von Olivenbäumen gebetet und mit seinem Vater gerungen.

Die stillen, gar nicht erwähnten, die einfachen, die knorrigen Olivenbäume sind gewiss nicht die Stars dieser Geschichte; aber sie kommen vielleicht sogar besser weg als die schlafenden und fliehenden und versagenden Jünger.

Wenn Jesus uns sagt: „Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!“ und uns nach diesem Gang durch die Bibel der Olivenbaum vor Augen steht mit seiner Treue, mit seiner Standhaftigkeit und mit seiner Demut, dann kann das nicht ganz falsch sein.

In einer Welt von allen möglichen Riesen, die in den Himmel wachsen wollen und andere mit ihrer Größe und ihrem Ruhm in den Schatten stellen, schadet es jedenfalls nicht, auf diese sympathische, einfache und knorrige Nutzpflanze zu schauen.

Der Schöpfer und der Heiland haben es jedenfalls getan.

Amen.