Matthäus 8,5-13
Dr. Karl-Hinrich Manzke
Landesbischof der Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schaumburg-Lippe

Liebe Gemeinde,
zunächst sage ich von Herzen Dank für die freundliche Einladung, den Gottesdienst heute mit Ihnen feiern zu dürfen. Seit 2016, als ich für einige Woche an der päpstlichen Hochschule zu Gast war, fühle ich mich Ihrer Gemeinde verbunden. Das ist etwas Schönes, sich ab und zu zu treffen – und an gute Erfahrungen wieder anknüpfen zu können. Da bekommt man eine Ahnung davon, was es bedeutet, über Länder und Strecken, Zeiten und besondere Gelegenheiten trotzdem verbunden zu sein. Ich freue mich sehr, heute wieder dabei zu sein im sonntäglichen Gottesdienst. Und nun tun wir das, was zu einer christlichen Gemeinde am Sonntag gehört – wir lauschen einem biblischen Text und versuchen uns, mit unserer Lebensgeschichte in ihn hineinzuversetzen und unser Leben in ihn einzutragen. Damit unser Leben möglichst dadurch milde und schön beleuchtet und dadurch bereichert wird.
Die heutige Erzählung ist wie eine jener Figuren, mit denen Bildhauer bis heute in Griechenland Karriere machen können. Man kann in der Altstadt in Athen solche Figuren auch noch heute erwerben. Kleine, in Alabaster oder Holz gearbeitete Figuren, auf den ersten Blick unscheinbar oder unschön aussehend. Ein Satyr oder eine Fratze zuweilen. Und dann öffnet man die Figur an einem kleinen Druckknopf und sieht ein ganz wunderbares und schönes Bild darin. Eine Göttin wie Aphrodite und Athene. Die Geschichte des Matthäus: Von vorne also erst einmal unscheinbar, eine der üblichen Heilungsgeschichten, die gar keine richtige Heilung erzählt. Eine flüchtige Begegnung beinahe – und daraus wird etwas sehr Kostbares, wenn man die Geschichte wie jene Figuren öffnet und sich die Zeit dafür nimmt, sie sich anzuschauen. Also –tun wir das!

1. Die Kraft des Wortes
„Sprich nur ein Wort und mein Knecht wird gesund!“. So direkt spricht der Soldat. Er rechnet in verblüffender Weise mit der Macht des Wortes Jesu über die Kräfte der Zerstörung. Und 2 er tut das in der Gepflogenheit seines eigenen Lebensbereiches, so stellt er sich auch die Wirksamkeit Jesu vor. Wenn ich einem meiner Leute sage, geh dahin – dann geht er auch dahin. So hast du auch Befehlsgewalt, sprich nur ein Wort und mein Knecht wird gesund. Bisweilen trauen wir dem Wort und dem gegebenen Wort so viel nicht zu. Da muss schon viel Vertrauen im Hintergrund sein, wenn ich dem Wort eines Menschen, ohne dass er auch noch etwas tut, um die Glaubhaftigkeit seines Wortes zu beweisen, so viel zutraue. Blindes Vertrauen auf ein Wort hin? Kommt nicht so oft vor. „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, ich muss es anders übersetzen, wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin…- am Anfang ist die Tat!“ So spricht Goethes Faust, wenn man´s auf den Punkt bringt.
Hier aber, bei Matthäus und seiner Erzählung, das ganz andere Konzept. „Die Welt hebt an zu singen, sprichst du nur das Zauberwort!“ Aus dem Rumpelstilzchen-Märchen kennen wir das auch, welche Macht Worte haben können. Rumpelstilzchen, der die Macht des Wortes fürchtet und sich nur so lange wohlfühlt, so lange das Zauberwort nicht gesprochen ist. Wir sehnen manches Mal ein Wort herbei, dass uns aufrichtet oder mit dem wir andere aufrichten können. Am Krankenbett zu stehen, nichts sagen zu können angesichts einer entsetzlichen Diagnose und es doch zu wollen – da ringen wir manches Mal verzweifelt um ein Wort. Manchmal fehlt uns ein rechtes Wort zur rechten Zeit. Der Hauptmann traut diesem Jesus das zu, dass er das tun kann: Ein lösendes Wort sagen, böse Mächte bannen, eine Lähmung beenden. Davon ist die Rede, von der heilsamen Überwindung der Lähmung eines Menschen.
Der meisterhafte Erzähler jener Begegnung zwischen Hauptmann und Jesus, zwischen einem Mann, der Befehl zu geben gewohnt ist, und seinem Gott, weiß davon: eine Lähmung kann einen Menschen niederdrücken. Seelische Lähmungen sind viel gravierender und schwerer zu heilen als gebrochene Beine oder Arme. Lähmungen führen zu Ängsten und essen die Seele auf. Ach, wie viel Lähmungen gibt es wohl, die so gelöst werden müssten! Durch ein befreiendes Wort. Wir wissen in unseren modernen Gesellschaften viel von Heilungskräften, eine Menge von der Kunst der Medizin. Krankheiten, denen frühere Generationen machtlos gegenüber standen, können heute geheilt werden durch der Ärzte Kunst. Jede Ärztin und jeder Arzt weiß aber auch, dass seelische Lähmungen viel schwieriger zu heilen sind. Wie oft ersehnen wir das selbst, das Vertrauen und den Glauben – im griechischen übrigens das
3
gleiche Wort – und entbehren es. Dass wir Lähmungen und Bedrückungen überwinden können, ist oft viel schwieriger zu erreichen als einen Beinbruch zu überstehen. Von außen gesehen ist ein solch fester Glaube eine geheimnisvolle Gabe, aus sich selbst heraus eine befreiende Kraft, die unerklärbar in mir wirkt, wenn ich sie erfahre.
In einer Missionsstation im Hochland in Äthiopien begegnete ich vor vielen Jahren einem Arzt aus Nordamerika. Er berichtete mir von folgendem Ereignis. Eines Tages seien zu ihm vier Männer gekommen, die einen schwer erkrankten Freund zu ihm mit der Bitte um Hilfe brachten. Sie trugen ihn auf einer Bahre und waren den ganzen Tag unterwegs gewesen. Er, der Arzt, wollte ihn operieren –der Mann litt an schlimmen Leibschmerzen. Der Arzt öffnete den Bauch –und schloss ihn gleich wieder. Er hielt den Tumor für völlig inoperabel. Er sagte das den Freunden des Erkrankten. Die baten ihn, das dem Erkrankten nicht zu sagen –das würde ihn seelisch zerstören. Sie schlugen vor, der, der Arzt, solle dem leidenden Freund sagen, er habe eine Schlange im Bauch gehabt, die sei nun entfernt. Er könne Hoffnung haben. Der nordamerikanische Arzt erzählte mir nun folgende Begebenheit. Ein Jahr später kam zu ihm dieser Mann, dessen Erkrankung er für völlig unheilbar gehalten habe, in die Missionsstation, um sich am Jahrestag der vermeintlichen Operation mit der entfernten Schlange bei ihm, dem Arzt, zu bedanken. Der hatte das Ereignis von vor einem Jahr nicht vergessen, aber den Erkrankten längst für tot gehalten. Er selbst, so der Arzt, sei religiös eher unmusikalisch: Dieses Ereignisse verblüffe ihn nachhaltig, es gebe ihm zu denken. Vor allem, was sein bisherige Praxis im Umgang mit aufklärenden Worten betrifft.
Solcher Glaube kann wirklich Berge versetzen, wie ihn der Hauptmann zum Ausdruck gibt. Bis in die katholische und lutherische Liturgie hat sich dieses Wort prägend ausgewirkt, das der Hauptmann spricht. „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach eingehst, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ So sprechen katholische und evangelische Christenmenschen, seitdem dieser Hauptmann von Kapernaum so gesprochen hat, beim Abendmahl, bevor sie die Gabe des Brotes entgegen nehmen. Es ist ein Grundgebet aller Christenmenschen geworden.

2. Ein erwachsener Glaube riskiert alles .
Der Hauptmann ist kein Hochleistungssportler in Sachen des Glaubens. Er ist gewohnt, problemorientiert zu denken. Nicht problemverliebt, wie manche uns Protestanten nachsagen, sondern eher problemlösend denken. Er hat vermutlich alles versucht. Er deutet das an. Er hat gute Ärzte konsultiert, mit den Krankenkassen über Therapiemaßnahmen gesprochen. Er glaubt nun an Jesus und seine Möglichkeiten. Er gibt dafür keine Gründe an, er spürt es einfach. Er spricht von der Krankheit seines Sohnes oder Burschen, als wäre es seine eigene Not. Und er ist sich sicher, Jesus habe dem nun etwas entgegenzusetzen. Vor der Krankheit, vor der alle Expertinnen und Experten sich als machtlos erwiesen haben, will er nicht in die Knie gehen. Er ist mir sympathisch, dieser Mann. Er ist nicht großspurig, er ist nicht in falsche Bescheidenheit verstrickt, die ihn daran hindern würde, überhaupt zu reden. Nüchtern, korrekt, dienstlich knapp.
Auf den Hinweis Jesu nach einem Besuch antwortet er höflich. Du sollst dich nicht verunreinigen, es genügt ein befehlendes Wort. Er ist ganz auf Jesus konzentriert. Er ist auch nicht stolz auf seine Zweifel oder sein Anderssein. Er ist bereit, dieses Vertrauen zu testen und testen zu lassen. Sein Glaube ist wie die Wette von Blaise Pascal. Für alle Zweifler hat Blaise Pascal aufgeschrieben, wie man die Sache mit dem Gottesglauben vielleicht auch sehen könnte. Sich vornehmen, an Gott zu glauben, ist wie der Einsatz in einem Spiel. „Wir wägen Verlust und Gewinn ab. Setzt du auf den Glauben an Gott, dem nichts unmöglich ist, gewinnst du alles, wenn du es tust. Wenn du verlierst –wenn es ihn nicht gibt- verlierst du nichts. Also sagt dir die Vernunft: Setze und glaube!“ Glaube wie ein vernünftiger Einsatz in einem Spiel. Diese Perspektive ist uns –ich ahne es- seit Blaise Pascal das vorgetragen hat, fremd. Wir leben eher in Zeiten, da nur schlüssige und stichhaltige Beweise gelten! Wie in
der Pascalschen Wette verhält sich der Hauptmann. Ein sehr erwachsener Glaube, den der Hauptmann uns hier vorführt. Man findet ihn in modernen Kontexten auch bei Albert Camus – wenn er die Lebenshaltung des die Gerechtigkeit suchenden Menschen mit den Glücksmomenten eines Sisyphus beschreibt. Eines Menschen, der die Absurdität und das Geheimnis des Lebens annimmt und dennoch freudig jeden Tag hinausgeht, um seine Arbeit zu tun, deren bleibenden Ertrag er doch kaum erkennen und beschreiben kann.
Ich will euch kurz von Lisa Huolainen erzählen. Ich traf sie in Kabul im Jahre 2015. Dem Einsatz für Mädchen in Kabul hatte sie sich verschrieben. Sie beschrieb mir ihre Arbeit in großartigen Zügen – voller Hingabe, jungen Mädchen gegen die Tradition des Landes Bildung zu vermitteln, gegen den Widerstand der Väter. In dem Wissen, dass es möglicherweise zwecklos sein könne – aber seinen Zweck in sich habe und behalte, arbeite sie. Dafür habe
sie eine sichere Anstellung in Helsinki verlassen. Ob sie fromm sei, wisse sie nicht. Aber es sei ein Glaube in ihr wach, der sie dazu zwinge, das tun zu wollen – nicht als Opfer, sondern als Auftrag, dem sie sich gar nicht hätte entziehen können. Wie eine Wette: lass uns mal schauen, was daraus werden kann. Es wäre doch gelacht, wenn sich Dinge nicht zum Guten wenden lassen!

3. Der Glaube überspringt kulturelle Voraussetzungen und Grenzen.
An zwei Stellen im Neuen Testament wird erzählt, dass Jesus sich gewundert hat. Hier und an der Stelle, wo er aus Nazareth gejagt wird. An dieser Stelle wundert er sich über den unverstellten Glauben und das Vertrauen eines Mannes, der der jüdischen Religion und den rituellen Vorzügen der jüdischen Religion fremd gegenüber steht. In diesen Zeiten wundere ich mich bisweilen über das Interesse am Christentum bei Menschen, die sich ihrer Kirche nicht verbunden fühlen oder denen ihre Kirche fremdgeworden ist. Das gehört ja unbedingt zum Protestantismus, darauf zu vertrauen, dass der Geist Christi nicht nur innerhalb der Kirchenmauern, sondern manchmal auch sehr weit außerhalb der Kirchenmauern seine Wirkung nicht verfehlt. Das einzige Kriterium für die Teilnahme am Reich Gottes ist die Beziehung auf Jesus Christus und den Geist, den er in die Welt gebracht hat. Eine Weite, zu sprechen und zu werben –um alle Menschen guten Willens.
So ähnlich wird uns der Hauptmann von Kapernaum beliebt gemacht. Als jemand, der entschlossen ist, sich nicht unter einem dunklen Schicksal zu wissen, sondern sich dem persönlichen Herrn anzuvertrauen. Dazu ist er entschlossen. Das trägt ihn und erfüllt ihn mit einer ungeheuren Lebenskraft und Lebenslust. Wenn ich nur dich habe, du Sohn Gottes, so frage ich nicht nach Himmel und Erde!
Das müsste jetzt eigentlich sein, das am Leben und Wirken Jesu von Nazareth ansichtig zu machen, warum es heilsam ist und schön, an ihn und seinen Weg sich zu hängen und auf ihn zu vertrauen –im ganzen Leben und im Sterben. Das wäre eine neue Predigt –meine Zeit für heute ist verbraucht. Wenn ihr mich noch mal einladen solltet, würde ich an dieser Stelle weiter machen.
Ich schließe mit der Strophe aus dem so vertrauten Lied von Matthias Claudius, in Bückeburg gedichtet:

„Gott, lass dein Heil uns schauen, auf nichts Vergänglich trauen, nicht Eitelkeit uns freuen. Lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein“.
Amen.

3. Sonntag nach Epiphanias – Bischof Dr. Manzke