Predigt über Hesekiel 18,1-4. 21-24. 30-32

 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, Jesus Christus, unser auferstandener Herr! Amen.

 

Je länger ich mich, liebe Gemeinde, mit der Heiligen Schrift beschäftige – und das tue ich nun schon ein paar Jahrzehnte herzlich gern, recht intensiv und dazu auch von Berufs wegen –; je länger ich mich also mit der Heiligen Schrift beschäftige, desto mehr fällt mir ihre Vielstimmigkeit auf. Natürlich gibt es bei aller Vielstimmigkeit ganz grundlegende Gemeinsamkeiten, ein paar davon haben wir eben im Apostolischen Glaubensbekenntnis gemeinsam gesprochen. Aber es gibt eben bei aller grundlegenden Gemeinsamkeit biblischer Schriften auch mancherlei Unterschiede, Differenzen – eben Vielstimmigkeit. Daran ist gar nichts problematisch, im Gegenteil: Wir treten, wenn wir die Bibel aufschlagen, in einen lebendigen Dialog von Menschen, die vor uns lebten und glaubten. Und eben bei aller Gemeinsamkeit auch unterschiedlich glaubten, gerade so, wie das heute auch noch ist, unter uns, in dieser Gemeinde, zwischen den christlichen Kirchen und Gemeinschaften.

 

An manchen Sonntagen, liebe Gemeinde, wird man nun mitten hineingenommen in diese biblische Vielstimmigkeit, in den lebendigen Dialog der Menschen, die lange vor uns gelebt und geglaubt haben. Und so ein Sonntag ist heute. Zu Beginn des Gottesdienstes haben wir einen Psalm gebetet, den einhundertdritten Psalm. Er ist von der Zuversicht getragen, dass uns Schuld und Sünde vergeben werden von Gott, aus lauter Gnaden (fast möchte man meinen, hier hat schon vor langer, langer Zeit ein evangelischer Christenmensch Psalm gedichtet): Gott, so heißt es im Psalm und so haben wir gemeinsam gebetet, „wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben. / Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. / Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten“. Und in genau diese Kerbe haben auch die biblischen Lesungen geschlagen: Gott hat Gefallen an Gnade, Gott ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, Gott will nicht, dass Menschen verloren gehen, er steht mit ausgebreiteten Armen da und nimmt den Verlorenen wieder auf in seine Gemeinschaft, aus lauter Gnade. So der Psalm des Eingangs und die beiden biblischen Lesungen, Epistel und Evangelium. Unser Predigttext allerdings schlägt nun einen ganz anderen Ton an, nichts ist mit lauter Gnade, es wird nun genau umgekehrt mit uns nach unseren Sünden gehandelt und uns nach unserer Missetat vergolten. Ich lese den Predigttext aus dem Buch Hesekiel im Alten Testament, der für den heutigen dritten Sonntag nach Trinitatis vorgeschlagen ist, im achtzehnten Kapitel.

Und des Herrn Wort geschah zu mir: Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«? So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben. … Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben. Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat. Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der Herr, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? Und wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Gräueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern wegen seines Treubruchs und seiner Sünde, die er getan hat, soll er sterben. … Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der Herr. Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt. Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? Denn ich habe kein Gefallen am Tod dessen, der sterben müsste, spricht Gott der Herr. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.

Nicht wahr, liebe Gemeinde, durch diesen biblischen Text weht ein anderer Wind als der, der durch Eingangspsalm und die beiden biblischen Lesungen geweht ist: „Jeder, der sündigt, soll sterben“. „Wegen Treuebruchs und Sünde soll er sterben“. Das meint doch: Gott handelt offenbar doch mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nach unsrer Missetat, ganz anders, als es im Psalm stand. Was gilt denn nun? Woran sollen wir uns halten? Biblische Vielstimmigkeit kann ganz schön anstrengend sein!

Also noch einmal gefragt: An welche der biblischen Stimmen in diesem Gottesdienst sollen wir uns denn nun halten, liebe Gemeinde? Die Antwort fällt in einer evangelischen Kirche mitten im ach so katholischen Rom scheinbar nicht schwer. Natürlich halten wir uns als evangelische Christenmenschen am liebsten an die biblischen Texte, in dem uns aus lauter Gnaden und ganz ohne unser Zutun vergeben wird als an diejenigen biblischen Texte, in denen dem Sünder das Gericht und der Tod angedroht wird, wenn er sich nicht bekehrt. Also lieber Psalm und Evangelium als der Predigttext? Vorsicht, liebe Gemeinde! Ich stelle mir gerade vor, wie es in unserem Straßenverkehr zugehen würde, wenn die Polizei immer ein Auge zudrücken würde und der Staatsanwalt alles als Bagatelle einstellen würde. Geschwindigkeit überschritten? Macht nichts, man fährt ja schnell mal zu schnell. Rote Ampel überfahren. Nicht schlimm. Passiert auch dem aufmerksamsten Menschen. Mag sein. Aber wie ist das mit dem Fußgänger oder Radfahrer, der bei grün herüberläuft und angefahren wird, weil da einer über die rote Ampel fährt? Im Buch der Propheten Hesekiel geht es, wenn von Sünde die Rede ist, nicht um Bagatellen. Es geht um Menschen, die Blut vergießen, Frauen vergewaltigen, Arme und Elende bedrücken, widerrechtlich Besitz anderer an sich bringt, Wucherzinsen nimmt – und sollen solche Menschen wirklich auch vor Gott davonkommen, wenn schon Polizei und Staatsanwalt alle Augen zudrücken? Sollen die Übeltäter triumphieren im Himmelreich, weil alles vergeben und vergessen ist, aus lauter Gnade alle Fünfe gerade sind? Treffen wir nach unserem Tode Hitler und Stalin, Pol Pot und Saddam Hussein an Gottes langer Tafel und die sitzen da und feixen sich eins?

 

Es ist gut, liebe Gemeinde, dass es in unserer Bibel nicht nur Texte über die Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnaden, ohne menschliches Zutun und aus lauter Güte Gottes gibt, sondern auch die anderen Texte, in denen Gottes Zorn über das Unrecht steht, das Menschen aneinander begehen. Es geht ja bei Sünde nicht um eine mal unglücklich überfahrene Ampel oder um eine übersehene Geschwindigkeitsbegrenzung, es geht um die bewusste Abwendung von Gott und dem, was Gott für recht und billig hält. Es geht um die, die schamlos nach den eigenen Gesetzen, zum eigenen Vorteil und auf Kosten anderer leben. Um die, die ihre Soldaten zu einer Übung einziehen und dann plötzlich, ehe sich die Soldaten es versehen, in einen verbrecherischen Angriffskrieg gegen ein Nachbarvolk befehlen. „Wir schützen russische Kunst vor russischen Soldaten“, sagte die Direktorin des Museums im ukrainischen Charkiw jüngst im deutschen Fernsehen. Solche Sünde wie die eines verbrecherischen Angriffskriegs gegen unschuldige Menschen kann Gott nicht einfach mal so vergeben, die muss vor Gericht gezogen werden und gehört bestraft. Vor menschliches, aber auch vor göttliches Gericht.

 

Es ist gut, liebe Gemeinde, dass unser strenger Predigttext die milden anderen biblischen Lesungen ergänzt; es ist auch ein Text für die Opfer, für die Entrechteten, Verfolgten, Vertriebenen, Vergewaltigten. Denen wird gesagt: Gott steht für euer Recht auf und lässt nicht Gnade vor Recht, vor dem Recht dieser Armen ergehen. Unser Predigttext verhält sich zu den anderen Lesungen des Gottesdienstes wie ein Wechselgesang, wie ein Musikstück, dessen Stimmen aufeinander antworten. Unser Predigttext ruft: „Irrt euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten. Er ist ein Anwalt der Armen und Elenden und kämpft für ihr Recht. Er lässt die Sünder nicht einfach davonkommen“. Die anderen Lesungen unseres Gottesdienstes halten dagegen: „Gott will Leben und wenn der Sünder kommt, dann wird er wieder aufgenommen. Wenn er sich bekehrt, wie der verlorene Sohn, dann wird er in die ausgebreiteten Arme des Vaters geschlossen“. Und beide biblische Stimmen passen ja insofern ungeachtet aller Unterschiede auch darin gut zusammen, dass sie die Bekehrung des Sünders für möglich halten, ja für von Gott gewollt, und vielleicht doch sogar auch von Gott bewirkt. In allen unseren biblischen Texten dieses dritten Sonntags nach Trinitatis steht: Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehrt und lebt, lebt bei Gott. Und wir wissen als Christenmenschen, dass sich Gott diese Liebe zum Sünder (nicht zur Sünde) etwas kosten lässt. Das Leben seines Sohnes kosten lässt.

 

Und was haben aber diese beiden Positionen, diese beiden biblischen Stimmen, unterschiedlich und doch nicht radikal getrennt, mit uns heute Morgen hier in dieser Kirche zu tun, liebe Gemeinde? Vor vielen, vielen Jahren studierte ich in Jerusalem in einem Studienhaus im Garten eines katholischen Benediktinerklosters. Und weil ich so beeindruckt war vom Leben der Mönche, von ihrem Gebeten und Gottesdiensten, aber auch von der intensiv miterlebten Passionszeit und den Kartagen, beschloss ich, vor Ostern eine Generalbeichte abzulegen. Ich wollte einmal auf mein damals zwanzig Jahre währendes Leben zurückschauen und alles vor Gott bringen, was mich beschwerte, womit ich nicht glücklich war, was ich nicht für nach Gottes Maßstäben gelebt hielt. Ich bereitete mich sorgfältig vor, las alte Tagebücher, dachte viel nach und schrieb schließlich einen langen Zettel, dem ich dem Benediktiner, der mir die Beichte abnahm, auswendig vortrug. Als ich fertig war, sagte zu meiner grenzenlosen Überraschung dieser inzwischen gestorbene Pater: „Manchmal beschweren uns auch die kleinen Fehler, Versäumnisse und Übertretungen ganz entsetzlich, obwohl sie es gar nicht müssten“. Und dann sprach er eine liturgische Formel der Sündenvergebung und ich weiß heute noch, wie befreit und erleichtert ich mich fühlte. Wie fröhlich ich dann Ostern feierte. In einer anderen Situation meines Lebens habe ich einem Menschen sehr wehgetan und musste dagegen leider erst von anderen daran erinnert werden, dass ich mich zu entschuldigen hatte und meine Fehler wenigstens versuchen musste wieder gut zu machen. In dieser Situation war es gut, dass mir niemand gesagt hat, dass auch kleine Fehler beschweren können, sondern mir ein Freund schroff widersprochen, mich hart kritisiert hat und meine Fehler klar benannt hatte.

 

Wir alle brauchen, liebe Gemeinde, beide Positionen, die wir heute im Gottesdienst aus der Bibel gehört haben, auch für unser eigenes Leben: Wenn wir unsere Fehler und Versäumnisse Gott und den Menschen gegenüber zu ernst nehmen, dann muss uns einer aufrichten mit freundlichen biblischen Worten. Dann muss uns jemand an den Gott erinnern, der uns unendlich lieb hat und aus lauter Gnaden annimmt, in seine weit geöffneten Arme nimmt. Wenn wir unsere Fehler und Versäumnisse gegenüber Gott und den Menschen nicht ernst genug nehmen, zu leicht nehmen oder gar vollkommen verdrängen, dann muss uns jemand hinweisen darauf, dass Gott nicht alle Fünfe gerade sein lässt und ihm egal ist, wie die Menschen leben und was sie einander antun. Dann brauchen wir die biblischen Texte, die kritisch über Sünder und Sünde reden. Wenn wir dann ganz betrübt sind über das, was wir angerichtet haben – ja, dann, liebe Gemeinde, dürfen wir uns aber auch trösten lassen durch so wunderbare Geschichten wie die vom verlorenen Sohn. Schlimmer kann es ja nicht mehr kommen, auch für uns nicht, als mit dem gekommen ist, der in ein fernes Land zog und dort sein Erbteil durchbrachte mit Prassen.

 

Ich war in den letzten vierzig Jahren nicht mehr bei einer Generalbeichte. Ich habe auch nicht auf einer Couch mein ganzes Leben vor einem Therapeuten Revue passieren lassen. Natürlich nicht deswegen, weil ich alles so getan habe und immer so gehandelt habe, wie mein Gott von mir will, dass ich handle. Nein, ich finde in den biblischen Texten so wie heute gerade das, was ich brauche: Was mich ermahnt und was mich tröstet, je nach dem, was ich nötig habe, Gottes Zuspruch und Gottes Anspruch, Gottes kritisches Urteil über Sünde und Schuld, aber auch Gottes Zuspruch für die Sünder und die, die sich schuldig gemacht haben. Kein Wechselbad der Gefühle, keine irritierende Vielstimmigkeit, sondern gerade das, was ich nötig habe, was wir alle nötig haben – genau dies schenkt uns Gott, heute Morgen in diesem Gottesdienst und alle Tage unseres Lebens. Amen.

 

3. Sonntag nach Trinitatis – Prof. Dr. Markschies