1Kor 1,18-25

Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen,

die verloren werden; uns aber, die wir selig werden,

ist es Gottes Kraft.

Denn es steht geschrieben (Jes 29,14):

»Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen,

und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«

Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt?

Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?

Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben.

Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit;

denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.

 

Liebe Gemeinde,

das Kreuz Jesu ist ein Skandal!

Wir haben uns in der Kirche natürlich daran gewöhnt. Wir haben uns als kunstgeschichtlich interessierte Menschen daran gewöhnt. Wir sind das Kreuz Jesu auch in unserem italienischen Alltag gewohnt.

Aber immer wieder lesen wir oder hören wir, dass es Ärger um das Kreuz gibt.

Beim Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses als Humboldt-Forum gab es eine lange und heftige Diskussion, ob oben auf der Kuppel – so wie vor der Zerstörung des Hohenzollern-Baus – ein Kreuz thronen sollte.

Das Kreuz über einem säkularen Bau? Das Kreuz als christliches Symbol über einem prinzipielle weltoffenen „Humboldt-Forum“? Das Kreuz an so prominenter Stelle im säkularisierten Berlin?

Das Kreuz ist nun dort. Bemerkenswert war aber in der Diskussion, dass dabei wohl die historischen Argumente der Denkmalpflege und der Stifter ausschlaggebend waren, weniger die theologischen oder politischen Argumente, die es auch gab.

Das Kreuz polarisiert. Nicht nur in Berlin.

 

Auch im nahen Potsdam. Im Landtag von Brandenburg wurde in einem Fraktionsraum ein Kreuz aufgehängt.

Aber nun kam die Frage auf: Dieser Fraktionsraum wird ja auch von Besuchergruppen aufgesucht. Kann man diesen Gruppen das Kreuz zumuten? Die Landtagsverwaltung kam auf eine kluge Lösung:

Das Kreuz wird mit einem Magnet befestigt. Wenn die christlichen Abgeordneten unter sich sind, ist es dort, wenn die Besuchergruppen kommen, wird es abgenommen.

Das Kreuz flexibel mit Magnet: Wenn es passt, ja, wenn es ungelegen ist, dann nicht. Was hätte Paulus zu dieser Lösung gesagt?

Das Kreuz überall – gerade in öffentlichen Einrichtungen – wir erinnern uns auch an die Anordnung in Bayern, um das christliche Erbe sichtbar zu machen. Auch hier fehlte es nicht an scharfer Diskussion.

Das Kreuz polarisiert. Nicht nur in Bayern.

 

Nicht nur in Deutschland.

Vor einigen Jahren beschwerte sich einmal eine Studentin der Melantonini, dass wir beim Abendmahl immer an Jesus als den Gekreuzigten denken. Das Abendmahl sei doch etwas Schönes. „Können wir nicht mal an etwas Schönes denken?! Warum immer dieses schreckliche Kreuz?“

Das Kreuz polarisiert. Nicht nur heute.

 

Wer denkt, die Diskussion um Jesus am Kreuz sei ein neues Phänomen, dem muss man ja nur vor Augen führen, was wir hier aus dem 2. Jahrhundert auf dem Palatin finden: Das sogenannte Spottkreuz vom Palatin, wo der Gekreuzigte einen Eselskopf hat. Wer so einen Herrn anbetet, muss ein Idiot sein!

Wo eine derartige Schwäche sichtbar wird wie beim sterbenden Jesus am Kreuz, da kann es sich nicht um einen Gott handelt. Ein Gott siegt. Ein Gott leidet nicht.

Was für das antike römische Gemüt undenkbar war, ist auch für die Ästhetik aller Zeiten eine Zumutung.

Wie kann man denn ständig einem Sterbenden ins Gesicht schauen?

Wie kann man denn ein Hinrichtungswerkzeug in den Mittelpunkt stellen?

Heinrich Heine, tragisch deutscher Poet, hat mit Abscheu gefragt, wie man einen Galgen zum Glaubenssymbol machen kann.

Und Theodor Storm, norddeutscher Realist, hat seine tiefe (ästhetisch begründete) Abscheu vor dem Gekreuzigten sogar in Verse gefasst:

„Am Kreuz hing sein gequält Gebeine,

Mit Blut besudelt und geschmäht;

Dann hat die stets jungfräulich reine

Natur das Schreckensbild verweht. […]“

[Es ragt] herein in unsre Zeit;

Ein Bild der Unversöhnlichkeit.“

 

Jesus am Kreuz: Ein Bild der Unversöhnlichkeit. Ein Streitfall. Eine Provokation. Oder wie Paulus geschrieben hat, eine Torheit, „Blödsinn“ würden wir heute sagen.

 

Und wir können, nein wir müssen uns ernsthaft fragen, warum wir Jesus als den Gekreuzigten so sehr in den Mittelpunkt stellen!

Warum legen wir uns dabei so fest?

Warum verkünden wir ihn ständig, wie Paulus das getan hat (1Kor 1,23; 2,2; Gal 3,1)?

Warum stellen wir ihn in unseren Kirchen dar?

Warum steht er auch im Mittelpunkt unserer schönen Lieder mit seinem „Haupt voll Blut und Wunden“?

 

Hat nicht doch die Studentin recht, die lieber an etwas Schönes denken will?

Sollen wir nicht lieber einen Sonnenaufgang in unsere Kirchen malen, oder daran denken, was Jesus gesagt und Schönes getan hat, als immer an sein Sterben am Kreuz zu denken?

Ist das nicht pathologisch, also psychologisch höchst auffällig, dass die Christen, angefangen bei Paulus, sich so auf den Gekreuzigten fixieren?

Ergötzen wir uns gar an dem Leiden? Zeigt sich da etwa ein verkappter Sadismus oder eine Verharmlosung des Leidens oder eine krankhafte Verklärung des Todes?

Und wenn nicht das, ist es nicht doch zumindest ästhetisch ein gewaltiger Fehlgriff, dauernd um das Kreuz zu kreisen, einen Sterbenden anzubeten statt eines Lebenden, einen Verlierer statt eines Siegers, ein Opfer statt eines abgeklärten Philosophen?

 

Liebe Geschwister,

der Verweis auf die Tradition kann dabei nicht ausreichen!

Wir müssen uns schon fragen, warum der Gekreuzigte so wichtig, so zentral, so unverzichtbar für uns ist.

Warum beißt sich denn der Apostel Paulus daran so fest, und betont an mehreren Stellen, dass wir Christus gerade als den Gekreuzigten predigen?

Warum hat den in der christlichen Symbolik – im Osten wie im Westen – das Kreuz einen zentralen Platz eingenommen und nicht der Gute Hirte oder das leere Grab oder der Fisch?

 

Entweder ist das alles falsch oder zumindest tendenziell gefährlich,

oder aber darin zeigt sich eine tiefe Wahrheit.

Entweder steht Paulus hier am Anfang einer pathologisch einseitigen Frömmigkeit, in die dann Bernhard von Clairvaux und Luther und Paul Gerhardt und viele andere eintreten, oder aber er trifft den Nagel auf den Kopf und bezeugt in der Heiligen Schrift das, was Gott im Sinn hatte.

 

Paulus ist sich sicher, dass Letzteres stimmt.

Das Wort vom Kreuz ist Gottes Kraft. Das Kreuz ist Gottes Wahl.

Die Tatsache, dass das Kreuz Jesus im Mittelpunkt des Glaubens steht, ja nicht nur des Glaubens, sondern der ganzen Weltgeschichte, das ist Gottes Entscheidung.

Er hat das Kreuz aufgestellt – mitten in der Welt.

Er hat seinen Sohn geschickt, nicht nur um zu predigen und zu heilen, sondern auch um jämmerlich zu sterben an diesem Galgen der menschlichen Abgründe.

Und natürlich ist das schräg und sonderbar und schwer zu verstehen.

Natürlich widerspricht das der Ästhetik feiner Menschen und dem Gerechtigkeitsempfinden kluger Leute.

Tun wir doch nicht so, als hätte das den Nachfolgern Jesu gefallen, als hätten sie das alles sofort verstanden, oder als hätten sie sich das gar noch selber ausgedacht!

Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit, ein Skandal, ein „Blödsinn“, der alles menschliche Denken auf den Kopf stellt.

Aber so hat es Gott gefallen! So wollte er die Weisheit der Weisen zur Torheit machen, wie Paulus schreibt.

Warum?

 

Weil wir darin zwei tiefe Grundzüge des Wesens Gottes zum Ausdruck kommen.

  1. Gott erwählt das Schwache und das Elende.

Wer die Bibel nur ein bisschen kennt, weiß von diesem Wesenszug Gottes.

Er stellt sich nicht zu den Starken und Großen, sondern immer zu den Schwachen und den Verachteten.

Nicht die Hochkultur Ägypten wird erwählt, sondern das kleine Häuflein Israel.

Nicht der starke Krieger Goliath gewinnt, sondern der kleine David.

Nicht in Jerusalem oder Rom wird der Messias geboren, sondern im verschlafenen Bethlehem.

Nicht den Gesunden wendet sich Jesus zu, sondern den Kranken.

Ich könnte noch hunderte andere Beispiele nennen. So ist der Gott Israels.

 

Und so zeigt sich der allmächtige Gott nicht – wie in anderen Religionen – durch mächtige Sieger auf dem Schlachtfeld, sondern im grausamen Sterben unter den Opfern dieser Welt.

Gott überlässt diese Welt nicht der letzlich grausamen Regel von Darwins Evolutionstheorie „Survival of the fittest“ – Der am besten Angepasste überlebt -, sondern er ist „dying with the weakest“, er stirbt mit den Schwächsten.

Das alles kommt im Kreuz Jesu zum Ausdruck.

 

Unsere Welt präsentiert uns bis heute die Schönen, Reichen, Gesunden, moralisch Überlegegenen als Ideale. Und wir alle versuchen doch, zumindest teilweise dem nachzustreben. Aber wo das nicht gelingt, wo wir auf der Strecke bleiben, mit oder ohne eigene Schuld, da haben wir bei ihm eben nicht verloren. Gerade da, wo wir zusammenbrechen, da steht der Gekreuzigte wie kein anderer an unserer Seite.

Der leidende Gott ist ein Skandal für die aufstrebende Menschheit.

Aber der leidende Gott am Kreuz ist das größte Zeichen seiner Verbundenheit mit der leidenden Kreatur. So jämmerlich es Mensch und Tier auch gehen kann – so sehr kennt er es und steht auf dieser Seite!

 

Das ist kein Skandal, das ist ein tiefer Trost.

Denen, die sich darauf einlassen, denen, die wir selig werden, wird es zu einer großen Kraft.

 

  1. Und das Zweite, das sich in Gottes Wahl des Kreuzes zeigt:

Er will das Starke irritierten. Gott will die Weisen verunsichern. Gott will die vermeintlich Sicheren erschüttern.

Auch das ist eine uralte Erkenntnis der Bibel: Nichts ist Gott so zuwider wie der Hochmut und die Selbstgenügsamkeit des Menschen.

„Wir kommen auch ohne dich klar.“ Das ist die Ursünde des Menschen; und schon Adam und Eva sind an ihr gescheitert und haben das Paradies verloren.

„Wir bauen uns selber einen Turm.“ haben die Menschen von Babel gesagt und wurden erschüttert.

„Wir wissen schon selbst, wie wir regieren.“, sagten Israels Könige und verloren ihr Land.

„Wir würden den Messias schon erkennen.“, sagten die Schriftgelehrten und verkannten den König mit der Dornenkrone.

„Ich werde mit dieser neuen Sekte schon aufräumen.“ sagte Saulus und brach vor den Toren von Damaskus zusammen.

„Ich werde so tadellos leben, dass mich Gott einfach annehmen muss.“, dachte Martin Luther und merkte, dass das nicht gelingen kann.

»Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen,

und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«

Gott wird bis zum Ende der Zeiten die selbstgemachte Sicherheit des Menschen irritierten und erschüttern.

 

Wohlgemerkt: Nicht die Weisheit oder Klugheit oder der Verstand sind dabei das Problem, sondern die Arroganz und Selbstsicherheit des Menschen.

Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. Klug sind alle, die danach handeln: Das sagt die Bibel (Psalm 111,10)!

 

Gott wird bis zum Ende der Zeiten die selbstgemachte Sicherheit des Menschen irritierten und erschüttern.

Deshalb das Kreuz, an dem Ästheten und Erfolgsmenschen und Rationalisten abprallen.

Mit dem Kreuz Jesu wird jeder menschlichen Selbstüberschätzung und Eitelkeit der Boden entzogen.

 

Liebe Geschwister,

Sie haben hoffentlich gemerkt, dass das Kreuz ein Skandal und eine Provokation bleibt, dass es aber gute Gründe gibt, dieses Symbol hochzuhalten, eben weil Gott dieses Symbol gewählt hat.

Ob der christliche Blick auf das Kreuz pathologisch ist oder heilsam, das mögen Sie nun selbst entscheiden.

 

Aus der Untergrundkirche in China kann ich zum Schluss Folgendes erzählen. Ein Stuttgarter Kollege traf in Peking vor einigen Jahren so einen Untergrund-Christen. Der war 23 Jahre im Straflager. Das können wir uns ja kaum vorstellen. Und das Schlimmste war, wie er sagte, nicht der Hunger und die Schikane und die Folter. Er sagte: „Das Schlimmste war, dass ich keine Bibel hatte, und ich hatte keinen Bruder, mit dem ich beten konnte.“

Und dann fragte man ihn: „Wie haben Sie das durchgehalten? Warum haben Sie den Glauben nicht verloren? Warum sind Sie nicht verrückt geworden?“

Und dann leuchten seine Augen und er zitiert ein altes amerikanisches Missions-Lied „On a hill far away, stood an old rugged Cross.“ (George Bennard, 1873–1958) – „Dort auf Golgatha stand einst ein Kreuz…“

Allein dieses innere Bild, allein die Vorstellung dieses alten Kreuzes, wurde diesem Chinesen eine Kraft, ein Anker, ein Halt, der ihn auch ohne Bibel, ohne Gemeinde bei Gott gehalten hat.

Es sind gerade die gedemütigten, die gebeugten Menschen, die diese Kraft des Kreuzes erkennen.

Und wir erinnern uns vielleicht an die vielen wunderbaren Lieder der versklavten Afroamerikaner, die darin ihre Hoffnung und ihre Kraft ausdrückten; und gerade die Leidensgeschichte Jesu berührte sie.

„Nobody knows the trouble I’ve seen, nobody knows but Jesus.“ –  Niemand kann mein Leid verstehen, keiner außer Jesus.

Ihnen war gerade der Gekreuzigte eine Kraft und eine Weisheit Gottes!

 

Die Rede vom Kreuz soll überhaupt kein Leid und kein Unrecht auf dieser Welt verharmlosen oder relativieren.

Eins aber muss man dem Wort vom Kreuz lassen:

Nirgends zeigt sich die Solidarität eines Gottes so wie im Gekreuzigten.

Und ich jedenfalls wünsche mir, dass mir in den Augenblicken meiner Schwäche dieses Bild vor Augen steht – und damit Jesus an meiner Seite. Amen.

5. Sonntag nach Trinitatis – Pfr. Dr. Jonas