Predigt

 

Liebe Gemeinde,

 

ich habe vor kurzem eine wunderbare Fotoausstellung angeschaut. Eine ganze Wand voll Porträtfotos von Menschen: Junge, Alte, Kinder, Jugendliche, Männer, Frauen – von unterschiedlichen Kontinenten – also sehr sehr unterschiedlich. Aber das Besondere war: Die Fotografin hatte von jedem Menschen zwei Porträtfotos gemacht – und diese immer direkt nebeneinander gestellt. Das erste Foto jeweils zeigt die Menschen so, wie Menschen eben kucken, wenn Sie wissen, dass sie fotografiert werden. Ganz normal halt. Und das zweite Foto zeigt sie, nachdem die Fotografin ihnen gesagt hatte, dass sie wunderschön seien. Ich habe mir diese Fotos sehr lange angeschaut – weil ich so fasziniert war. Auf dem ersten Foto sahen alle irgendwie so aus, wie man aussieht, wenn man eine gute Figur machen will. Aber auf dem zweiten Foto sieht man in jedem Gesicht so ein richtiges Strahlen – so als ob eine Last angefallen wäre – als ob das wahre Wesen dieser Menschen plötzlich aus ihnen herausstrahlen würde. Ich fand diese Fotos unglaublich faszinierend.

 

Und ich musste an den schönen Bibelvers denken: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an“

 

Und ich glaube, das ist wie in unserem Leben. Oft versuchen wir so zu sein, wie wir glauben, sein zu müssen – wie wir glauben, dass es erwartet wird – und dann gibt es Momente, in denen wir plötzlich mal einfach nur wir selbst sind – wo unser wahres Wesen strahlt. Und das fühlt sich dann echt an – so als ob eine Last abgefallen wäre. Vielleicht, weil jemand zu uns gesagt hat: Du bist wunderschön oder: Ich liebe dich oder weil uns jemand gelobt hat für etwas, was wir richtig gut gemacht haben. Oder weil uns jemand etwas zutraut, was wir uns selbst gar nicht zugetraut hätten.

 

Diese Momente sind so wichtig – wo wir mal nicht mehr funktionieren, sondern einfach nur wir sind. Weil jemand etwas Wahres über uns gesagt hat oder uns auf etwas angesprochen hat, was wirklich in uns ist.

 

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an. – Künstler haben schon immer diesen tieferen Blick gehabt.

 

Ich lese grade ein Buch über den Maler Vincent van Gogh aus Holland. Das ist ganz spannend. Am Anfang, als Vincent noch ganz jung ist und noch nicht Maler, da geht er in die Borinage. Das ist eine Region in Belgien. Dort leben nur ganz arme Leute, die in den Bergwerken arbeiten und Kohle abbauen. Vincent will dort als Seelsorger arbeiten. Irgendwann beginnt er, die Leute zu malen. Mit Bleistift. Wie sie arbeiten. Wie sie ganz schwarz im Gesicht zu Hause am Tisch sitzen und Kartoffeln essen. Wie sie am Herd stehen, Wie sie abends müde vor ihrer Hütte sitzen. Er versucht alles zu malen, was die Leute dort charakterisiert. Was sie von irgendwelchen x-beliebigen Menschen sonst unterscheidet. Einmal fährt er nach Hause zu seinen Eltern. Früh sitzt er mit seiner Mutter am Küchentisch. Er zeigt ihr die Skizzen. Sie guckt sich die Bilder an und fragt: „Vincent, was ist denn mit den Gesichtern los?“ „Wieso?“ „Die Proportionen stimmen doch gar nicht!“ „Ich weiß.“ Mich hat nur ihre Gestalt und ihre Haltung interessiert. Ich wollte das Wesentliche malen.“ „Aber du kannst doch auch richtig malen? Ich bin sicher, es gibt viele Damen hier, die würden sich gerne von dir malen lassen. Dann kannst du die Bilder verkaufen und hättest dein eigenes Einkommen.“ „Aber Mutter, die Frauen in einer Teegesellschaft haben nichts Persönliches an sich.“ „Aber du zeichnest doch jeden Arbeiter und Landmann auf dem Feld“ „Ja, Arbeiter und Landleute…“ „Aber was nützt dir das? Sie sind alle arm und können doch nichts kaufen.“ Vincent legt den Arme um sie. Ihre blauen Augen waren so klar. Warum verstand sie ihn nicht?

Später – als van Gogh in Den Haag wohnt, besucht er einen befreundeten Maler, um sich Geld zu borgen. De Bock heißt der Freund. Er malt viele Landschaften und alle lassen sich hervorragend verkaufen. Vincent lässt sich von ihm ein paar Bilder zeigen. Dann sitzt er vor ihnen und sieht sie sich an – diese „verkäuflichen“ Bilder. „Meine sind besser“, sagte er sich, „meine sind echter, tiefer. Mit einem groben Tischlerbleistift drücke ich mehr aus als er mit seinem ganzen Farbkasten. Seine Bilder sagen das, was jeder sehen kann: Banalitäten. Lieber will ich hungern und entbehren – aber dafür male ich wenigstens wirkliches Leben.

 

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.

 

Und ich denke, genau dieser Blick auf Menschen – auf das wahre Wesen in jedem, auf das Große, was in jedem steckt – genau dieser Blick ist es, der uns auch in der Bibel überall begegnet. Dieser Blick, der mehr sieht als die Oberfläche. Jesus hat mit diesem Blick Menschen angesehen. Und Menschen, die von sich selber nicht viel hielten, groß gemacht. Ihnen gezeigt, was in ihnen steckt. Was Gott für ein Bild von ihnen hat. So wie in der Geschichte vom Fischzug des Petrus, die wir gerade gehört haben. Petrus und seine Kollegen hatten die ganze Nacht nichts gefangen. Und am nächsten Morgen sind sie völlig erschöpft am Ufer. Und dann kommt Jesus vorbei. Und er sagt zu Petrus: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.

 

Das ist ja eine hochsymbolische Geschichte. Für mich heißt das: Jesus sieht nicht nur unsere Oberfläche. Nicht nur all die erfolglosen Versuche. Dass wir vielleicht gar nicht mehr an uns selber glauben.

Sondern Jesus macht – ähnlich wie die Fotografin – von uns ein zweites Foto. Er sieht die zweite Version. Die echte Version von uns. Er weiß, was in uns steckt, er kann das stark machen, er traut uns was zu. Für mich ist es bei solchen Geschichten immer gar nicht so wichtig, ob sie sich jetzt wortwörtlich so zugetragen haben, sondern was sie aussagen: Dass überall dort, wo Jesus Menschen begegnet, diese zu strahlen beginnen, weil sie als das gesehen werden, was sie wirklich – hinter der Oberfläche – sind: wunderbare und einzigartige Kinder Gottes. Und dass sich dann auch die äußere Realität ändert. Alles erscheint dann plötzlich in einem neuen Licht. Und es ist plötzlich viel mehr möglich als wir glaubten.

 

Am Ende sagt Jesus zu Petrus: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“

 

Und ich denke mir: Wenn wir Jesus nachfolgen wollen – vielleicht besteht das ja eben ganz oft darin, dass wir – so wie Jesus – von unseren Mitmenschen dieses zweite Foto machen. Das, was hinter die Fassade blickt. Dass wir das auch so machen – das Gute und das Echte in anderen zum Strahlen zu bringen! Menschen groß machen und aufrichten.

 

Die Fotografin hat das gemacht, indem sie einfach nur sagte: Du bist wunderschön. Vincent van Gogh macht das, indem er das Wesentliche in Menschen zeichnet. Jesus hat das gemacht, indem er Menschen mit den Augen der Liebe anblickt, indem er das sieht, was in ihnen steckt und ihnen etwas zutraut.

 

Petrus Ceelen – auch ein Petrus – hat das mal ganz schön in einem Gedicht formuliert. Er schreibt:

 

Manche Menschen wissen nicht,
wie wichtig es ist,
dass sie einfach da sind.

 

Manche Menschen wissen nicht,
wie gut es tut,
sie nur zu sehen.

 

Manche Menschen wissen nicht,
wie tröstlich
ihr gütiges Lächeln wirkt.

 

Manche Menschen wissen nicht,
wie wohltuend
ihre Nähe ist.

 

Manche Menschen wissen nicht,
dass sie ein Geschenk des Himmels sind.

Sie wüssten es,
würden wir es ihnen sagen.

 

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

 

Evangeliumslesung Lk 5,1-11

 

1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth.

2 Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.

3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!

5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.

6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.

7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.

8 Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.

9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten,

10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.

11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

 

Epistel 1. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 1 

18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen,

die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.

19 Denn es steht geschrieben (Jes 29,14): »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«

20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?

21 Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben.

22 Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit,

23 wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit;

24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

25 Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.

 

 

5. Sonntag nach Trinitatis – Pfr.in Patrizia Müller