Liebe Gemeinde!

„Einfach mal nichts müssen“ – das war die Überschrift über einen Artikel in der „Zeit“ – in der Online-Ausgabe. Einfach mal nichts müssen. Und ich finde, das passt gut jetzt in den Sommer und in die Urlaubszeit. Mir geht es immer im Sommer so, wenn wir nach Rom kommen: Dann weiß ich: Jetzt liegen zwei oder drei Wochen vor mir, in denen ich einmal nichts „müssen muss“. Nicht, dass ich hier gar nichts tun würde – im Gegenteil! Aber alles was ich hier mache, das tue ich, weil ich Spaß daran habe, weil ich es will – nicht aus Pflichtgefühl oder weil jemand das erwartet. Deshalb ist der Urlaub für mich immer eine Kraftquelle.

Einfach mal nichts müssen. In dem Zeitungsartikel ging es genau darum. Beziehungsweise dass es oft ganz anders ist. Es ging um den enormen Druck, unter dem die meisten Menschen heute leiden. Dieses Gefühl: Das ist nicht gut genug! Das reicht nicht! Um diesen inneren kritischen Antreiber (den inneren Säbelzahntiger), diese Stimme, die immer irgendetwas will: Ich müsste mich besser um meine Familie kümmern! Du solltest engagierter bei deiner Arbeit sein! Du musst selbstbewusster werden! Du hättest nicht so viel essen sollen! Du solltest mehr Sport treiben! Und das Schlimmste von allen: Du sollst es allen recht machen!

Einfach mal nichts müssen – als ich darüber nachdachte, kam mir der Gedanke: Ist das nicht in einfachen Worten auch die Botschaft, die Martin Luther hatte? Du bist innerlich frei von diesem ganzen „Müssen“, den ganzen vermeintlichen Ansprüchen und dem ganzen Optimierungsdruck. Du musst nicht perfekt sein. Vor Gott bist du genug.

Einfach mal nichts müssen? Wie würde sich das anfühlen, wenn man das probeweise einmal ausprobiert? Sich einfach ab und zu mal nicht über die eigenen Fehler und die der anderen zu ärgern? Sich probeweise immer mal wieder zu sagen: Es ist genug, es ist gut so, wie es jetzt ist, auch wenn es nicht perfekt ist?

Ich denke, hinter den ganzen Ansprüchen, die wir uns ja meistens selber stellen, hinter dem ganzen „ich muss noch und ich muss noch und ich muss noch…“ steckt die Sehnsucht nach „gelingendem Leben“, wie man heute so schön sagt. Die Bibel sagt, es ist wie ein Durst – dass das Leben gut sein soll, dass da irgendetwas Unerfülltes doch noch kommen muss – dass es so, wie es jetzt ist, doch noch nicht alles sein kann. Aber die Bibel weiß auch, dass das, was wir durch unser „Müssen“ versuchen zu erreichen, eigentlich etwas ist, was wir geschenkt bekommen. Erfüllung, Sinn, Wertschätzung. Das kann man sich nicht einfach so selbst geben.

„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“.

Ich glaube, dass es diese Orte und Zeiten gibt, wo wir einfach mal nichts müssen. Diese Kraftquellen. Wo ich sein kann, wie ich bin. Wo ich Wertschätzung erfahre für das, was ich bin. Mit meinen Fehlern und Schwächen. Wo ich „einfach mal nichts müssen“ muss. Was sind Ihre Kraftquellen? Wo und wie tanken Sie auf? Haben Sie einen Lieblingsplatz in Ihrer Wohnung, wo Sie nach einem anstrengenden Tag abschalten und zur Ruhe kommen können? Einen Lieblingsweg durch einen Park oder Wald? Ist es ein bestimmter Mensch? Oder eine bestimmte Kirche oder Kapelle? Oder die Stille, in der Sie auf Gott hören? Gebet oder Meditation? Beim Sport? Oder bei kreativer Arbeit, wo Sie in einen Flow kommen und ganz konzentriert sind und die Welt um sich herum vergessen? Lesen? Theaterbesuche? Konzerte? Eine Lieblingsbeschäftigung?

Die Jüdin Rachel Naomi Remen erzählte in der folgenden Geschichte einmal von so einer Kraftquelle aus ihrer Kindheit. Wo Durst gestillt wird – nicht nur der körperliche, sondern auch der seelische.

Der Segen meines Großvaters
Wenn ich an den Freitagnachmittagen nach der Schule zu meinem Großvater zu Besuch kam, dann war in der Küche seines Hauses bereits der Tisch zum Teetrinken gedeckt. Mein Großvater hatte seine eigene Art, Tee zu servieren. Mein Großvater trank seinen Tee nicht so, wie es die Eltern meiner Freunde taten. Er nahm immer ein Stück Zucker zwischen die Zähne und trank dann den ungesüßten heißen Tee aus dem Glas. Und ich machte es wie er. Diese Art, Tee zu trinken, gefiel mir viel besser als die Art, auf die ich meinen Tee zu Hause trinken musste.

Wenn wir unseren Tee ausgetrunken hatten, stellte mein Großvater stets zwei Kerzen auf den Tisch und zündete sie an. Dann wechselte er auf Hebräisch einige Worte mit Gott. Manchmal sprach er diese Worte laut aus, aber meist schloss er einfach die Augen und schwieg. Dann wusste ich, dass er in seinem Herzen mit Gott sprach. Ich saß da und wartete geduldig, denn ich wusste, jetzt würde gleich der beste Teil der Woche kommen.

Wenn Großvater damit fertig war, mit Gott zu sprechen, dann wandte er sich mir zu und sagte: „Komm her, Neshumele.“ Ich baute mich dann vor ihm auf und er legte mir sanft die Hände auf den Scheitel. Dann begann er stets, Gott dafür zu danken, dass es mich gab und dass Er ihn zum Großvater gemacht hatte. Er sprach dann immer irgendwelche Dinge an, mit denen ich mich im Verlauf der Woche herumgeschlagen hatte, und erzählte Gott etwas Echtes über mich. Jede Woche wartete ich bereits darauf zu erfahren, was es diesmal sein würde. Wenn ich während der Woche irgendetwas angestellt hatte, dann lobte er meine Ehrlichkeit, darüber die Wahrheit gesagt zu haben. Wenn mir etwas misslungen war, dann brachte er seine Anerkennung darüber zum Ausdruck, wie sehr ich mich bemüht hatte. Wenn ich auch nur kurze Zeit ohne das Licht meiner Nachttischlampe geschlafen hatte, dann pries er meine Tapferkeit, im Dunkeln zu schlafen. Und dann gab er mir seinen Segen und bat die Frauen aus ferner Vergangenheit, die ich aus seinen Geschichten kannte – Sara, Rahel, Rebekka und Lea – auf mich aufzupassen. Diese kurzen Momente waren in meiner ganzen Woche die einzige Zeit, in der ich mich völlig sicher und in Frieden fühlte. In meiner Familie von Ärzten und Krankenschwestern rang man unablässig darum, noch mehr zu lernen und noch mehr zu sein. Da gab es offenbar immer noch etwas, was man wissen musste. Es war nie genug. Wenn ich nach einer Klassenarbeit mit einem Ergebnis von 98 von 100 Punkten nach Hause kam, dann fragte mein Vater: „Und was ist mit den restlichen zwei Punkten?“ Während meiner gesamten Kindheit rannte ich unablässig diesen zwei Punkten hinterher. Aber mein Großvater scherte sich nicht um solche Dinge. Für ihn war mein Dasein allein schon genug. Und wenn ich bei ihm war, dann wusste ich irgendwie mit absoluter Sicherheit, dass er Recht hatte.

Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. (Off 21,6)

So eine ähnliche Kraftquelle habe ich auch mal erlebt – im Vikariat. Wir Vikare mussten Gottesdienst üben. Und zwar in Einrichtungen der Diakonie. Ich war eingeteilt in einem Wohnbereich für geistig behinderte Menschen. Alle saßen im Kreis. Und wir feierten eine Andacht oder einen Gottesdienst zusammen. Am Ende bin ich im Kreis langgegangen und habe jedem einzeln die Hand aufgelegt. Und einen Segen gesprochen. „Gott segne dich“. Und dann zum nächsten „Gott segne dich“ Und so weiter. Und dann war ich bei einer jungen Frau. Sie hatte den Gottesdienst über immer runtergeschaut und ich war mir nicht sicher, wieviel und was bei ihr ankam. „Gott segne dich.“ Sagte ich, als ich bei ihr war. Und dann hob sie plötzlich ihren Kopf in die Höhe und sagte: „Du auch Segen.“ Ich war erstmal ganz perplex – damit hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet – aber es ging mir durch und durch. Und hat mich tief drinnen berührt. Mit diesem Segen habe ich dann gelebt.

Vielleicht wäre das eine gute Idee: Sich auf die Suche zu begeben nach meinen eigenen Kraftquellen. Und zu schauen, welches überflüssige Gepäck ich einfach ablegen kann. Obwohl ich es schon so lange rumschleppe.
Und vielleicht wäre das ja eine gute Übung:
Probehalber lassen wir manche alltägliche Gewohnheit (von der wir dachten, dass wir sie machen müssen) fort, machen etwas ganz bewusst anders als sonst und bringen damit langsam aber sicher gewohnte Ordnungen durcheinander.
Vielleicht läuft alles nicht mehr ganz so rund und vorhersehbar wie sonst. Vielleicht kommt man auf einmal durcheinander im gewohnten Takt. Der Tagesablauf verschiebt sich, Zeit ist da, wo Hetze war. Vielleicht können wir uns selber wieder hören – und Gott. Es geht um Veränderung und Erneuerung.

Manchmal ist es nur ein kleiner Schritt zur Seite und es zeigt sich auf einmal etwas anderes, Unerwartetes, lange Übersehenes. Dann finden wir danach den Weg in die Gewohnheit vielleicht gar nicht wieder zurück – und gehen einen neuen.

Und vielleicht beherzigen wir dann jetzt schon das, was der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges am Ende seines Lebens aufgeschrieben hat:

„Wenn ich mein Leben noch einmal leben dürfte,
würde ich versuchen mehr Fehler zu machen.
Ich würde nicht so perfekt sein wollen – ich würde mich mehr entspannen.

Ich wäre ein bisschen verrückter als ich es gewesen bin,
ich wüsste nur wenige Dinge, die ich wirklich sehr ernst nehmen würde.
Ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen,
Ich würde mehr Berge besteigen und mehr Sonnenuntergänge betrachten.
Ich würde mehr Eis und weniger Salat essen.

Ich war einer dieser klugen Menschen,
die jede Minute ihres Lebens vorausschauend und vernünftig leben,
Oh ja, es gab schöne und glückliche Momente, aber wenn ich noch einmal anfangen könnte,
würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.
Falls Du es noch nicht weißt,
aus diesen besteht nämlich das Leben;
nur aus Augenblicken, vergiss nicht den Jetzigen!

Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst hinein barfuß gehen.
Ich würde vieles einfach schwänzen,
ich würde öfter in der Sonne liegen.
Ein bisschen verrückter, ein bisschen mutiger, ein bisschen entspannter – ein bisschen mehr ich selbst – und bisschen weniger das Bild, dem ich hinterherrenne. Amen.