Matthäus 28,16-20

Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg,

wohin Jesus sie beschieden hatte.

Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.

Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen:

Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.

Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker:

Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes

und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.

Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

 

Liebe Gemeinde,

zweimal im Jahr denken wir der Kirche an die Taufe – auch wenn wir sie nicht feiern: In der Osternacht und heute, an diesem 6. Sonntag nach Trinitatis.

Das ist gut so. Denn so steht nicht nur ein Täufling im Mittelpunkt oder die Familie mit ihrem Baby, das getauft wird, sondern so stehen wir im Mittelpunkt mit unserer Taufe, die wahrscheinlich schon einige Zeit zurückliegt, aber unser Leben bis heute prägen will, auch wenn uns das vielleicht gar nicht so bewusst ist.

 

Warum taufen wir eigentlich?

Was bringt die Taufe?

Was verändert sich durch die Taufe?

 

Auf diese Fragen antwortet das Evangelium dieses Sonntags, das wir gehört haben. Es ist der Abschluss des Matthäusevangeliums.

Jesus, der Auferstandene, ruft seine Jünger auf einen Berg in Galiläa.

Er gibt ihnen den Auftrag zur Weltmission und zur Taufe:

Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker:

Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes

und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.

Und er versichert ihnen seine Gegenwart:

Ich bin bei euch alle Tage.

 

Ein schöner, ein bekannter Bibeltext. Ich möchte Ihnen heute an drei Stellen zeigen, was die Taufe für uns bedeutet.

 

  1. Ort: Berg

Jesus bestellt seine Jünger auf einen Berg. Das ist kein Zufall.

Im Matthäusevangelium hat der Berg eine große Bedeutung. Sie alle kennen die Bergpredigt, die große Rede, die Jesus auf einem Berg gehalten hatte.

Vielleicht auf demselben Berg in Galiläa, auf den er seine Jüngerschar jetzt bestellt hat.

Auf einem Berg wurde Jesus einst vor den Augen von drei ausgewählten Jüngern verwandelt und erstrahlte in göttlichem Licht. Wir erinnern uns an die Episode der Verklärung Jesu.

Auf einem Berg begegnete Mose einst Gott und empfing die zehn Gebote, während das Volk unten im Tal um das Goldene Kalb tanzte.

Berg und Tal: Sie haben hier immer eine tiefere Bedeutung. Oben auf dem Berg ist der Ort der Gottesbegegnung, der Offenbarung, des Abstands vom Alltag, der Ort der Ruhe und der Ort der existentiellen Fragen:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt meine Hilfe?

Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat! (Psalm 121)

Jesus ruft seine Jünger auf diesen Berg. Er spricht zu ihnen nicht zu Hause, nicht in den vollen Gassen Jerusalems und auch nicht auf dem See im Fischerboot. Er ruft sie auf einen Berg, hinaus aus ihrer normalen Welt, heraus aus ihren alltäglichen Fragen und Sorgen, aber auch heraus aus ihren familiären Bindungen.

Der Berg hat in allen Religionen eine gewisse Bedeutung. Und auch areligiöse Menschen erleben auf Berggipfeln ein Hochgefühl. Dem Himmel so nah, sagt man. Vielleicht ist es auch der Ausblick auf die weite Landschaft, der das Herz weit macht.

Aber um emotionale Hochgefühle soll es hier gar nicht gehen.

Es ist die Distanz zum Alltag. Es ist das Heraustreten aus dem Gewöhnlichen. Es ist der höhere Blick auf unser Leben – eben der aus Gottes Perspektive.

Die meisten Menschen besteigen solch einen Berg nie.

Auch wenn sie den Ätna, den Gran Sasso oder den Mount Everest bestiegen haben, so sind sie dennoch stets auf dem sogenannten Boden der Tatsachen geblieben, sind ganz bei sich geblieben, in ihren Fragen und eigenen Antworten, in ihren eigenen Urteilen über andere Menschen und den Urteilen anderer Menschen über sie.

 

Sehen Sie, das ist schon der erste Effekt der Taufe: Jesus ruft Menschen heraus aus der Talsohle ihres Lebens.

Jesus kommt nicht mit hinein in unser ohnehin schon übervolles Leben.

Jesus tritt nicht hinzu zur Gesellschaft und tanzt mit um das Goldene Kalb oder treibt jede Kuh durchs Dorf, sondern er ruft Menschen hinaus – auf einen Berg, einen Ort der Ruhe, der Distanz zu sich selbst und zu den anderen, einen Ort der höheren Perspektive.

Wo haben Sie diesen Berg? Wo sind in ihrem Leben die Augenblicke, an denen Sie einmal innehalten und nachdenken? Wann sind bei Ihnen die Momente, in denen sie das Hamsterrad der Erwartungen und Pflichten einmal, kurz zumindest, verlassen und eine heilsame Distanz gewinnen?

Sie haben mich gut verstanden: Wir müssen nicht zu Bergsteigern werden.

Aber wir brauchen Momente, in denen wir einmal heraustreten aus allem, was uns beeinflusst, und auch heraustreten aus uns selbst.

Wer ständig nur um sich selbst kreist: Wie soll der sich verändern?

 

Jesus ruft seine Nachfolger auf diesen Berg.

Das kann für uns die Stunde Gottesdienst sein am Sonntag: Eine Stunde, in der sich eben nicht alles um uns selbst, um die Politik und um Corona dreht, sondern um ihn, den lebendigen Gott. Eine Stunde mit Blick aus einer anderen Perspektive. Ich bin mir sicher, diese andere Perspektive täte unserer ganzen aufgeregten Welt gut!

Das kann für Sie aber auch eine Zeit sein, die Sie sich zu Hause oder in der Natur nehmen. Zeiten, in denen Sie ruhig werden und ihre Gedanken vor Gott bringen, Zeiten, in denen Sie still werden und vielleicht manchen Eindruck im Herzen gewinnen.

Jesus ruft Menschen heraus. Nicht für immer, aber wenigstens für Augenblicke.

Es ist kein Zufall, dass Jesus den Auftrag zur Taufe gerade in so einem Augenblick gibt: oben auf dem Berg.

Taufe ist so etwas wie ein bleibender Ruf Jesu: Komm zu mir! Bleib nicht gefangen in deinem Alltag, bleib nicht stecken in deinen eigenen Stärken und Kräften, sondern tritt heraus. Dein Leben kennt noch eine höhere Perspektive:

Fürchte dich nicht,

denn ich habe dich erlöst;

ich habe dich bei deinem Namen gerufen: Du bist mein!

Du gehörst nicht deinen Mitmenschen, du gehörst nicht deinem Chef oder deinem Staat, du gehörst nicht einmal dir selbst.

„Du bist mein!“, spricht der Herr – und legt in der Taufe sichtbar seine Hand auf dich – als Zeichen seines Besitzanspruchs.

Ja, die Taufe ruft uns heraus. Das ist das Erste.

 

  1. Zeitpunkt: Ostern

Und dann dürfen wir nicht vergessen, dass es Jesus als der Auferstandene ist, der seine Jünger auf den Berg ruft und zur Taufe beauftragt.

Die Einsetzung der Taufe ist eine Ostergeschichte. Das fällt oft weg, wenn wir sie isoliert lesen wie heute. Sie steht im selben Kapitel wie das leere Grab und Frauen, denen Jesus als der Lebendige begegnet:

Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.

In der Taufe begegnen wir Jesus als dem Auferstandenen.

 

Wir haben letzte Woche in der Predigt viel vom Kreuz Jesu gehört, heute geht es um Ostern:

In der Taufe begegnen wir Jesus als dem Auferstandenen.

Es ist nicht der Jesus, der auf den Straßen predigt, es ist nicht der Jesus, der durch das Land zieht, es ist nicht der Jesus, der unter dem Kreuz zusammenbricht, der die Taufe anordnet: Es ist der Jesus, der auferstanden ist, der Jesus, der gewissermaßen aus dem Jenseits, aus Gottes Sphäre spricht: Tauft alle Völker und verbindet sie mit mir.

 

Jesus ruft uns heraus, nicht nur aus dem Alltag auf einen Berg, sondern auch aus diesem Leben in ein anderes, neues, ewiges Leben.

Der Ruf zur Taufe ist kein Ruf zu einer bestimmten Lebensführung.

Taufe ist kein Bündel von Geboten und Idealen.

Taufe ist eine Verbindung mit Jesus – und damit die Basis und die Motivation und die Kraft für seine Ideale.

 

Die Taufe verbindet uns nicht mit einem beeindruckenden Prediger von Nazareth, sondern mit dem Sohn Gottes, der den Tod erlitten und überwunden hat und die Ewigkeit in Händen trägt.

 

Taufe ist kein Entwurf für das Leben. Taufe ist ein Vertrag für die Ewigkeit.

Wenn wir genau hinschauen, dann sehen wir bei Matthäus, dass der eigentliche Auftrag zu Taufe umschlossen ist von zwei entscheidenden Sätzen.

Davor steht:

Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.

Und direkt danach folgt:

Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Getauft Sein heißt umschlossen Sein von Jesu Macht und Gegenwart.

Wenn wir ein Kind taufen, dann hoffen wir nicht nur, dass es den Eltern und Paten und allen anderen gelingt, dem kleinen Menschen einigermaßen durchs Leben zu helfen, sondern dann übergeben wir dieses Kind in die mächtigen Hände Jesu, denen es niemand mehr entreißen kann.

 

Wer getauft ist, der kann mit Paulus sagen: Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. (Gal 2,20)

Es ist nicht mein kleines flackerndes Lebenslicht, das kleine Flämmchen, was mich ausmacht, und das ich mit aller Kraft am Brennen halten muss, bis es einmal ausgeht: Nein, es ist sein Leben in mir, das nicht einmal der Tod auslöschen kann, sondern nur verwandeln.

Da brennt ein Feuer in mir, das niemand löschen kann.

Das ist der Grund, von dem wir unsere Kraft und unsere Hoffnung nehmen können.

Ostern feiern wir nicht jedes Jahr einmal im Frühling.

In das Ostergeschehen treten wir ein, wenn wir mit Jesus verbunden werden. Und dann geht es nicht nur um seine, sondern auch um unsere Auferstehung. Wie und wann, das ist seine Sorge!

 

 

III. Art und Weise: Im Namen des dreieinigen Gottes

Und dann steht da noch diese bekannte prägende Taufformel:

Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Sie hat in der Kirche eine gewaltige Wirkungsgeschichte entfaltet, denn wir verwenden sie ja nicht nur bei der Taufe, sondern zu Beginn jedes Gottesdienstes und bei vielen Segenshandlungen. Viele Christen bekreuzigen sich dazu.

Es ist gut, wenn wir den Bezug dieser Formel zur Taufe sehen.

Alles, was wir „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ tun, jede Feier, die wir so eröffnen, ist Tauferinnerung, ist Einkehr in die Realität der Taufe, ist Steigen mit Jesus auf den Berg.

Immer wenn wir sagen „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“; dann ist das so etwas wie eine Vergewisserung unserer Taufe: „Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist.“ Alles, was wir tun, mit Worten oder mit Werken, das geschieht alles im Namen dieses Gottes, in seiner Autorität und unter seinem Schutz.

 

Man hat in der Forschung lange überlegt, wie diese dreiteilige Taufformel mit Vater, Sohn und Heiligem Geist denn ursprünglich gemeint war.

Man dachte daran, dass diese drei göttlichen Personen vielleicht als „Zeugen“ für den Taufakt gesehen wurden – freilich ohne, dass sich darin schon eine durchdachte Vorstellung der Dreieinigkeit zeigte.

Man hat auch versucht, die Formel juristisch zu deuten: „Im Namen…“ drücke die Legitimation aus – so, wie ein Richter etwa „im Namen des Volkes“ das Urteil spricht.

Aber es heißt ja ganz genau „tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

Das ist ein dynamischer Akt mit einer Richtung.

Es ist kein menschlicher Akt im Namen Gottes, sondern es ist ein göttlicher Akt, der die Getauften in einen realen Zusammenhang mit dem dreieinigen Gott stellt,

mit dem Schöpfer, der uns geschaffen hat, mit dem Sohn, der Weg, Wahrheit und Leben ist, mit dem Geist, der uns das klar macht.

 

In der Taufe treten wir gewissermaßen heraus aus unserer rein irdischen Existenz und gewinnen Anteil an der unendlichen Macht des Vaters, an der Vollmacht des Sohnes und an der Kraft des Heiligen Geistes.

Und indem wir das „halten, was Jesus uns befohlen hat“, verwirklichen wir in unserm Leben, dass wir in die Wirklichkeit des dreieinigen Gottes eingesenkt sind, dass wir nicht mehr nur einen Platz auf dieser Erde haben, sondern einen eigentlichen Ort oben bei ihm.

 

Die Taufe versetzt uns in eine andere Realität.

Jesus ruft auf den Berg, Jesus ruft in sein Leben, Jesus stellt uns hinein das Leben Gottes.

 

Liebe Geschwister,

auch wenn jetzt der Sommer, die Ferien, mancher Urlaub vor uns liegt.

Die Probleme sind ja nicht weg.

Viele von Ihnen schieben Sorgen und Fragen wie einen Berg vor sich her.

Und auch wenn wir bis September manches aufschieben können, so holen uns doch die Gedanken um manches Problem auch im Urlaub ein, und mancher Sorgenberg wird noch größer, je länger wie ihn vor uns herschieben.

Wie dem auch immer sei:

Der Berg, auf den Jesus uns gerufen hat, ist höher als alle Berge, die sich vor uns auftürmen.

Mit dieser Berggeschichte Jesu stehen wir über jedem anderen Berg.

Amen.

6. Sonntag nach Trinitatis – Pfr. Dr. Jonas