24.07 2022

Gottesdienst 6. nach Trinitatis

Predigt Über Mt 28, 16-20 – Pfarrerin Patrizia Müller

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem

Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

Abschiede sind besondere Momente. Etwas wird zum Abschluss gebracht, eine Begegnung, ein Lebensabschnitt, ein ganzes Leben. Abschiede haben etwas Endgültiges an sich, das oft ein Gefühl der Leere oder der Trauer auslöst. In der Rückschau wird noch einmal Vergangenes vergegenwärtigt. Der Bogen schließt sich.

Letzte Worte, die gesprochen werden, bekommen besonderes Gewicht. Diesen Worten wird so viel Bedeutung zugemessen, dass sie bei berühmten Persönlichkeiten sogar aufgeschrieben werden.

Mark Twain hat es einmal so zusammengefasst:

Ein Mann, der etwas auf sich hält, sollte seine letzten Worte beizeiten auf einen Zettel schreiben und dazu die Meinung seiner Freunde einholen. Er sollte sich damit keinesfalls erst in seiner letzten Stunde befassen und darauf vertrauen, dass eine geistvolle Eingebung ihn just dann in die Lage versetzt, etwas Brillantes von sich zu geben und mit Größe in die Ewigkeit einzugehen.“

Uns ist eine ganze Reihe von letzten Worten bedeutender Personen überliefert.

Es gibt da die knappen Ausrufe wie z.B. Goethes „Mehr Licht“ oder die Fehlannahme H.G. Wells: „Mir geht es gut.“

Es gibt die Zyniker, die ihren letzten Atemzug noch für eine bittere Bemerkung oder einen Scherz verwenden. So sagte Churchill: „Alles langweilt mich.“ Oder Bertolt Brecht: „Lasst mich in Ruhe!“

Berühmt sind auch die Worte des zum Tode verurteilten Matthias Kneißl, der kurz vor seiner Hinrichtung an einem Montag seufzte: „Die Woche fängt gut an.“ Es gibt auch die Heldenhaften wie Konrad Adenauer: „Da gibt es nichts zu weinen. “ Oder Kaiser Augustus: „Das Spiel ist zu Ende, Applaus!“

Und schließlich gibt es jene, die noch einmal Vertrauen und Liebe äußern. So sagt der Sherlock-Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle als letztes zu seiner Frau: „Du bist wunderbar!“ Und Martin Luther: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“

Das waren einige Beispiele, deren Liste sich noch beliebig fortführen ließe. Doch eines ist klar: Letzte Worte haben Gewicht, weil es eben die letzten Worte sind. Sie atmen Endgültigkeit – man kann sie nicht mehr erklären und auch nichts mehr davon zurücknehmen.

Denn letzte Worte sind wie ein kleines Vermächtnis der Person, die sie spricht – nicht umsonst haben Wünsche und Versprechen am Sterbebett eine besonders hohe emotionale Bedeutung.

 

Liebe Gemeinde, unser Predigttext für den heutigen Sonntag überliefert auch letzte Worte in gewissem Sinne. Es sind die letzten Worte des Matthäusevangeliums. Zugleich sind es die letzten Worte Jesu. Ich lese aus Matthäus 28 die Verse 16-20: Und Jesus sprach zu seinen Jüngern:

Mir ist gegeben alle Gewalt Im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes 20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Ein fulminanter Schluss des Evangeliums, der Jesu Botschaft noch einmal auf den Punkt bringt und sie ins Absolute steigert. Es geht um alles, 4x: alle Gewalt im Himmel und auf Erden, alle Völker, lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe, ich bin bei euch alle Tage. Jesus lässt keinen Zweifel daran, dass er der Herr über alles ist, sei es im Himmel oder auf Erden. Danach beauftragt er seine Jünger, im Namen des dreieinigen Gottes zu taufen und seine Botschaft zu bezeugen und in alle Welt zu tragen.

Und schließlich spricht er seinen Beistand zu, der über alle Zeiten hinaus gilt.

Es sind großartige letzte Worte. Aber doch gibt es einen Unterschied zwischen den letzten Worten der Prominenten, die ich anfangs zitiert habe, und den „letzten Worten“ Jesu.

Denn die Worte, die hier im Matthäusevangelium überliefert sind, spricht Jesus nach seinem Tod. Es sind die Worte des Auferstandenen. Die Berühmtheiten haben Worte gewählt, die zu ihrem Leben einen guten Abschluss bildeten. Jesus spricht diese Worte, nachdem er den Tod überwunden hat. Der Auftrag zu Taufe und Mission ist eigentlich nicht wirklich Jesu letztes Wort.

Und dadurch bekommen seine Worte einen ganz neuen Glanz: Es geht Jesus überhaupt nicht darum, einen guten Abschluss zu finden, sondern es geht um einen Aufbruch, um einen neuen Anfang. „Geht hin“ ist der erste Auftrag.

Die Jünger werden in Bewegung gesetzt und sollen gerade nicht in Abschiedsschmerz und Trauer, Lähmung und Betroffenheit verharren.

Die neuen Ideen vom Reich Gottes müssen in die Welt, dass die Welt anders aussehen wird, wenn Gottes Wille geschieht. Die Menschheit soll erfahren, was es heißt, Liebe zu verschenken und Barmherzigkeit: Dass dann ungeahnte Kräfte aufbrechen, die Lahme gehen macht und Blinde sehen und Geschlagene heil und Hungernde satt und Taube hören und die Gekrümmte aufrichten. Jesus beschließt seinen Auftrag mit einer großen Verheißung. Für Matthäus war dieser Satz aus dem Mund des Auferstandenen so wesentlich, dass er Ihm sichtbar Bedeutung verlieh, Indem er Ihn ganz ans Ende seines Evangeliums stellte.

Die Leser des Matthäusevangeliums haben im Ohr, wie der Engel im ersten Kapitel Jesaja zitiert: „Siehe eine Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn geboren, und sie werden Ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“ Da ist es schon erklungen, das Gott-mit-uns, wie eine Klammer umfasst es das ganze Evangelium des Matthäus. „Und siehe,“ sagt Jesus jetzt und beginnt sein Versprechen mit der Prophetenformel, die seine Worte als göttliche Verheißung kennzeichnen.

„Und siehe, Ich bin bel euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Über sein irdisches Leben hinaus verspricht Jesus, den Menschen nah zu sein.

 

Liebe Gemeinde,

Churchill kann heute nichts mehr ausrichten. Auch Augustus ist Geschichte. Mögen Brecht und Luther noch so bedeutende Menschen gewesen sein – ihre Botschaft ist abgeschlossen. Jesu Botschaft hingegen ist lebendig.

Seine letzten Worte weisen über die Lebzeit Jesu hinaus bis in unsere Gegenwart heute. Sie haben von ihrer Gültigkeit und ihrer Wirksamkeit nichts verloren.

Die damalige Aufforderung an seine Jünger, seine Botschaft zu verkündigen, hören wir als unseren Auftrag.

Die Überwindung des Todes wird auch heute in der Taufe symbolisiert. Wir taufen noch heute Kinder und Erwachsene im Vertrauen darauf, dass diese Worte Jesu nicht seine letzten gewesen sind. Denn Jesus hat uns heute noch etwas zu sagen. Unsere Verbundenheit mit ihm zeigen wir in unserer Taufe.

Jesu letzte Worte sind kein Ende, sondern ein Anfang. Kein endgültiger Abschied, sondern ein Aufbruch. Dadurch werden die Worte Jesu nicht weniger kräftig. Im Gegenteil.

Sie zeigen uns vielmehr, dass es bei Gott keine letzten Worte gibt. Dass Gottes Beziehung zu uns kein Ende nimmt. Auf Erden hatte Jesus übrigens „letzte“ Worte. Er sprach sie am Kreuz. Zu seinen Lebzeiten haben sie sich tief in das Gedächtnis seiner Jünger eingebrannt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Jesus hat die absolute Verlassenheit und Verzweiflung des Todes leibhaftig erfahren. Am Kreuz hat er sein Leben beendet. Er starb unter Qualen und sein Leben war Geschichte. Wäre es bei diesen letzten Worten geblieben, so wäre Jesus für uns heute vielleicht noch ein Vorbild an Tugend oder ein weiser Lehrer, der durch die Landen zog. Dann hätte sein Leben für uns heute 2000 Jahre später kaum noch Bedeutung.

Das Kreuz war nicht das letzte Wort Gottes zu Jesus. Er hat seinen Sohn von den Toten auferweckt und uns damit die Hoffnung gegeben, dass wir durch die Taufe und die Liebe Gottes nicht mit unserem Tod unser letztes Wort vor Gott sprechen.

Christus ist noch heute in unserer Gemeinschaft lebendig und gegenwärtig. „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

An diese Zusage halten wir uns. Und so haben auch die letzten irdischen Worte des Religionskritikers Karl Marx etwas für sich: „Hinaus! Letzte Worte sind für Narren, die noch nicht genug gesagt haben.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

6. Sonntag nach Trinitatis – Pfr.in Patrizia Müller