Liebe Gemeinde,
heute ist der sog. Abendmahlsonntag – das bedeutet, dass es in allen biblischen Texten um die verschiedenen Aspekte des Abendmahls geht. In der alttestamentlichen Lesung haben wir gehört, wie Gott auf wundersame Weise für das Volk Israel sorgt, das gerade in der Wüste wandert und sich über die widrigen Umstände beklagt. Sie leiden vor allem Hunger, da es in der Wüste nicht viel Essbares gibt. Und Gott erhört ihre Klage und stillt ihren Hunger, es gibt Manna und Wachteln auf dem Speiseplan.
Das Evangelium des Sonntages erzählt von 5000 Menschen, die nach Jerusalem gepilgert sind. Sie haben auch Hunger, und zwar seelischen Hunger. Sie suchen nach Gott, nach dem, was ihrer Seele guttut, dem, was ihnen etwas mehr gibt, sie suchen nach Sinn und Orientierung für ihr Leben. Deshalb sind sie nach Jerusalem gepilgert und deshalb hören sie auch Jesus zu. Aber selbst wenn man auf einer spirituelle Reise ist, muss man auch an seine körperlichen Bedürfnisse denken und das physische Hungersgefühl macht ja keinen Bogen um einen herum. So ist es verständlich, dass die Jünger Jesu sich sorgen machen – wie kann eine so große Menschenmenge mit Essen versorgt werden – und sie sind doch so knapp bei Kasse, mit dem Geld können sie ja nicht viel bewegen. Auf einmal kommt ein Junge und bringt fünf Brote und zwei Fische zu Jesus und ein Wunder geschieht – alle Menschen können satt werden und am Ende bleiben immer noch 12 volle Körbe mit den Resten.

In beiden Geschichten geht es darum, dass Gott unseren leiblichen und seelischen Hunger stillt. In der alttestamentlichen Lesung stillt Gott den physischen Hunger des Volkes Israel in der Wüste und im Evangelium stillt Jesus den seelischen und physischen Hunger seiner Mitmenschen. Dadurch kommt deutlich zum Ausdruck, dass ein wichtiger Aspekt beim Abendmahl ist, dass wir Gemeinschaft mit Gott haben. Wir könnten das auch als die vertikale Dimension des Abendmahles bezeichnen.
Der dritte Text des heutigen Sonntages, unser Predigttext, bringt den horizontalen Aspekt zum Ausdruck. Es geht beim Abendmahl auch um die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander, als Menschen, die aus der Liebe und Fürsorge Gottes leben und aus Dankbarkeit versuchen, sowohl seelische als auch leibliche Not bei ihren Mitmenschen zu lindern. So heißt es im Hebräerbrief im 13. Kapitel:
„Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.“

Liebe Gemeinde,
denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene – dieses Wort aus unserem Predigttext hat mich besonders stark angesprochen. An die Gefangenen denken – ja, das tue ich normalerweise ja nicht so oft. Ich denke an die, die in Armut leben und ein viel schlechteres Los im Leben haben als ich. Oder ich denke an die Kranken, weil ich oft Menschen begegne, die an Leib oder Seele leiden. Oder ich denke an die Trauernden, denn als Pfarrer begleite ich häufig Menschen, die einen Verlust erlitten haben. Aber an die Gefangenen denke ich eher selten. Warum denn nicht? – habe ich mir die Frage gestellt. Es könnte vielleicht auch daran liegen, dass ich nicht so viele Menschen in meinem Umkreis kenne, die davon betroffen sind. Kennen sie denn in ihrem Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis jemanden, der aktuell im Gefängnis ist? Ich bis vor kurzem kannte ja auch niemanden. Aber seit einiger Zeit beschäftigt mich der Fall eines alten Bekannten von mir. Er ist ein sehr angenehmer und freundlicher Mensch, fleißig und hilfsbereit, ein vertrauenswürdiger Mann, der sich eine gute Existenz aufgebaut hat und ein angesehener Bürger seiner Community war. Aber irgendwann ist er in den Handel mit verbotenen Substanzen geraten. Er erzählte mir, dass es alles zuerst ganz harmlos war – er musste nur ein Päckchen von A nach B mitnehmen und bekam dafür gutes Geld. Und das tat er nebenbei, da er diesem und jenem Weg sowieso mit seinem Auto gefahren wäre. Am Anfang wusste er nicht mal, was er da mitgenommen hatte. Aber irgendwann war ihm schon bewusst, was er da tat, aber das schnelle und einfach verdiente Geld, hat ihn in seinen Bann gezogen und er hat mitgemacht. Bis er eines Tages erwischt wurde und sich dann verantworten musste. Der Prozess hat sich lange Zeit hingezogen und er hat sehr gehofft, dass seine Strafe mild ausfallen würde, dass er nicht mehr als zwei Jahre bekommt und dass dann die Strafe auf Bewährung ausgesetzt werden kann. Leider kam es nicht so. Er bekam zweieinhalb Jahren. Und plötzlich ging dann alles sehr schnell, Mitte Juni musste er sich bei der zuständigen Justizvollzugsanstalt melden.
Er hat aber viel mehr verloren als seine Freiheit für eine gewisse Zeit. Seine Ehe ist in dieser Krise zerbrochen und parallel lief noch seine Scheidung und auch alles, was er sich gesellschaftlich aufgebaut hatte, ist wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Und wenn er dann das Gefängnis wieder verlassen kann, wird er sein Leben ganz neu ausrichten müssen – privat und beruflich. Es muss ein furchtbares Gefühl sein, alles zu verlieren, was man sich mühsam all die Jahre aufgebaut hat und wie mit einmal wird ihm der Boden unter den Füßen gezogen. Weil er einen großen Fehler begangen hat, weil er der Versuchung nicht widerstehen konnte. Seine Geschichte hat mich tief berührt und ich musste zuallererst an ihn denken als ich in der Bibel las: Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene.

Ich habe an ihn gedacht, mir vorgenommen ihn zu besuchen und nach Kräften ihm zur Seite zu stehen. Denn diesen Auftrag haben wir von Jesus bekommen. Und Jesus ging uns mit gutem Beispiel voran, er setze sich zu Tisch mit Menschen, deren Ruf ruiniert war, die gesellschaftlich verachtet waren und die zwar physisch in Freiheit lebten, aber ihr Umfeld hatte sie schon längst isoliert, keiner wollte mit ihnen gesehen werden – also sie hatten schon ihre Strafe und ihr Gefängnis gefunden.
Und darum geht es auch beim Abendmahl – Gott lädt alle zu seinem Tisch ein, alle sollen aus der Vergebung Gottes leben, nicht nur die braven und korrekten, sondern auch die, die es wirklich vermasselt haben, die sich schuldig gemacht haben, die alles verloren haben, die echten Sünder – wie es Bonhoeffer mal formuliert hat.

Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene. Als wären wir selbst mitgefangen. Wie es sich anfühlt, gefangen zu sein – auch ohne je in einem echten Gefängnis gewesen zu sein, das dürfte uns weltweit nach den vergangenen Monaten nicht wirklich schwerfallen. Denn nicht nur unsere Reisefreiheit fiel weg, sondern auch unseren Bewegungsradius mussten wir häufig nur auf die Wohnungsfläche begrenzen. Unsere sozialen Kontakte waren auf einmal auch weg, keine Begegnungen mit Familienangehörigen, guten Freunden oder Bekannten, keine Zusammenkünfte, kein Restaurantbesuch und nichts, was nicht unbedingt notwendig ist. Bei Vielen blieb sogar der Weg zur Arbeit aus. Die ersten Tage konnte man vielleicht sogar noch genießen, den ungewöhnlichen Umständen etwas Gutes abgewinnen: Mal zur Ruhe kommen, manches im Haushalt erledigen, das schon lange liegen blieb oder Zeit für Bücher lesen und Serien schauen. Aber irgendwann fällt einem die Decke auf den Kopf – wie es so schön heißt – und der Drang sich zu bewegen und mal aus den eigenen vier Wänden auszubrechen wird immer größer. Also es dürfte uns nicht schwer fallen nach solchen Erfahrungen mit den Gefangenen mitzufühlen als wären wir selbst gefangen.

Und die Erfahrung hat gezeigt, dass die Solidarität mit „den Gefangenen“ – zu Corona-Zeiten auch die „besonders Gefährdeten“ genannt – sehr groß war. Während die älteren Menschen und diejenigen mit Vorerkrankungen sich besonders schützen mussten, ging eine große Welle der Hilfsbereitschaft los. Überall halfen sich Menschen gegenseitig, die Nachbarschaftshilfe wurde wieder ganz groß geschrieben sei es für Einkäufe, auf Kinder aufpassen oder mit Hunden Gassi gehen. Aber nicht nur für die leibliche Not gab es Hilfe, sondern auch für die Seele – unzählige Kunst- und Kulturangebote wurden online zugänglich gemacht, sei es Konzerte, Theater, Oper oder Museen. Auch an Andachten und Gottesdiensten hat es im Netz nicht gemangelt. Rücksicht nehmen auf die Mitmenschen und verantwortungsvoll Handeln – das geht, haben uns die vergangenen Monate gezeigt.
Und auch das findet sich im Abendmahl wider: Denn wenn Gott uns im Leben reichlich beschenkt hat, mit guter Gesundheit, genügend Einkommen und lieben Menschen an unserer Seite, dann werden wir aus Dankbarkeit unseren Mitmenschen davon auch etwas weitergeben wollen, etwas von der Liebe Gottes, die wir zeichenhaft jedes Mal auch im Abendmahl erfahren.

Und so werden die beiden Dimensionen im Abendmahl miteinander verbunden. Denn in der vertikalen Dimension erfahren wir Gottes Liebe, Fürsorge und Vergebung für das eigene Leben. Und aus Dankbarkeit für die uns zuteil gewordene Güte, wollen wir auch unseren Nächsten, unseren Mitmenschen etwas von dieser Liebe und Fürsorge Gottes weitergeben, sei es mit dem Besuch von echten Sündern in den echten Gefängnissen, sei es mit Einkäufen für die Nachbarn oder Baby-Sitten für Freunde in Zeiten der Not. Deshalb jedes Mal, wenn wir im Abendmahl Gemeinschaft mit Gott haben, soll es uns helfen bewusst wahrzunehmen, wieviel wir von Gott bekommen und was er uns alles schon geschenkt hat, wofür wir nichts getan haben. Und wenn wir uns für Gottes Wirklichkeit geöffnet haben, dann können wir nachher nicht anders als das an unsere Mitmenschen weiterzugeben, also die horizontale Dimension des Abendmahles in unserem Alltag selbstverständlich zu leben. Oder wie es mal Papst Franziskus zusammengefasst hat: „Flüsse trinken nicht das eigene Wasser. Bäume essen nicht ihre eigenen Früchte. Die Sonne scheint nicht auf sich selbst und auch die Blumen duften nicht für sich. Für andere zu leben ist eine Gesetzmäßigkeit der Natur. Das Leben ist gut, wenn du glücklich bist, aber noch besser, wenn andere glücklich sind, dass es dich gibt!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.