Besuch der evangelisch-lutherischen Gemeinde Roms

Ansprache von Benedikt XVI.

Sonntag, 14. März 2010

Liebe Schwestern und Brüder!

Von Herzen möchte ich der ganzen Gemeinde, ihren Verantwortlichen, besonders Herrn Pfarrer Kruse danken, dass Sie mich eingeladen haben, mit Ihnen zusammen Laetare zu feiern, den Tag, an dem die Hoffnung das Bestimmende ist, die auf das Licht hin schaut, das von der Auferstehung Christi her mitten in die Dunkelheiten unseres Alltags, in die ungelösten Fragen unseres Lebens hereinfällt. Sie, lieber Herr Pfarrer Kruse, haben uns die Botschaft der Hoffnung vom heiligen Paulus her ausgelegt. Das Evangelium aus Johannes 12, das ich versuchen darf auszulegen, ist auch ein Evangelium der Hoffnung und zugleich ein Evangelium vom Kreuz. Beides gehört zusammen: Weil es vom Kreuz ist, spricht es von der Hoffnung, und weil es Hoffnung schenkt, muss es vom Kreuz reden.

Johannes erzählt uns, dass Jesus nach Jerusalem hinaufgestiegen war, um das Pascha zu feiern, und sagt dann: “Es waren auch einige Griechen da, die gekommen waren, um beim Fest anzubeten.” Es waren sicher Menschen aus der Gruppe der sogenannten phoboumenoi ton Theon, der Gottesfürchtigen, die über den Polytheismus ihrer Welt hinaus auf der Suche waren nach dem wirklichen Gott, der wahrhaft Gott ist, nach dem einen Gott, dem die ganze Welt gehört und der der Gott aller Menschen ist. Und sie hatten diesen Gott, nach dem sie fragten und suchten, nach dem im Stillen jeder Mensch ausschaut, in der Bibel Israels gefunden, dort den Gott erkannt, der die Welt geschaffen hat. Er ist der Gott aller Menschen und hat sich zugleich ein konkretes Volk und einen Ort erwählt, um von dort aus unter uns gegenwärtig zu sein. Es sind Gottsuchende, und sie sind nach Jerusalem gekommen, um den einen Gott anzubeten, um dessen Geheimnis sie irgendwie wissen. Der Evangelist erzählt uns des weiteren, dass diese Menschen von Jesus hören, zu Philippus, dem Apostel aus dem halb griechisch sprechenden Betsaida, kommen und sagen: “Wir möchten Jesus sehen.” Ihre Sehnsucht, Gott zu erkennen, drängt sie dazu, Jesus sehen zu wollen, von ihm her Gott näher kennenzulernen. “Wir möchten Jesus sehen”: ein Wort, das auch uns berührt, denn wir alle möchten ihn immer mehr wirklich sehen und erkennen. Ich denke, diese Griechen gehen uns in doppelter Weise an: Auf der einen Seite ist ihre Situation auch die unsere, auch wir sind Pilgernde mit der Frage nach Gott, auf der Suche nach Gott. Und auch wir möchten Jesus näher kennenlernen, ihn wirklich sehen. Aber zugleich gilt, dass wir wie Phillipus und Andreas Freunde Jesu sein sollten, die ihn kennen und die anderen den Weg zu ihm öffnen können. Und darum, denke ich, sollten wir in dieser Stunde beten: Herr, hilf uns, Menschen unterwegs zu dir zu sein. Herr schenke uns, dass wir dich mehr sehen dürfen. Hilf uns, deine Freunde zu sein, die anderen Menschen die Tür zu dir hin auftun. Ob es zu einer Begegnung Jesu mit diesen Griechen gekommen ist, erzählt uns der heilige Johannes nicht. Die Antwort Jesu, die er uns berichtet, greift weit über den Augenblick hinaus. Es ist eine doppelte Antwort: Er spricht von der Herrlichkeit Jesu, die nun beginne. “Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird” (V. 23). Der Herr verdeutlicht dieses Wort von der Herrlichkeit mit dem Gleichnis vom Weizenkorn: “Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht” (V. 24). Das Weizenkorn muss in der Tat sterben, in der Erde gleichsam aufgebrochen werden, damit es die Kräfte der Erde in sich hineinziehen und so zu Halm und zu Frucht werden kann. Beim Herrn ist dies ein Gleichnis für sein eigenes Geheimnis. Es selber ist das von Gott gekommene Weizenkorn, das göttliche Weizenkorn, das sich in diese Erde hineinfallen lässt, das sich aufreißen, aufbrechen lässt im Tode und gerade dadurch offen wird und so in die Weite der Welt hinein Frucht bringen kann. Nun geht es nicht mehr nur um eine Begegnung mit diesem oder jenem Menschen für einen Augenblick. Nun, als der Auferstandene ist er neu und überschreitet die Grenze von Orten und Zeiten. Nun kommt er wirklich zu den Griechen. Nun zeigt er sich ihnen und spricht mit ihnen, und sie sprechen mit ihm, und so erwächst Glaube, wächst die Kirche aus allen Völkern, die Gemeinschaft des auferstandenen Jesus Christus, die sein lebendiger Leib wird, Frucht des Weizenkorns. Wir dürfen in diesem Gleichnis auch das Geheimnis der Eucharistie angedeutet finden: Er, der das Weizenkorn ist, fällt in die Erde hinein und stirbt. Und so entsteht die heilige Brotvermehrung der Eucharistie, in der er Brot wird für die Menschen aller Zeiten und aller Orte.

Was hier der Herr über sich selber mitteilt in diesem christologischen Gleichnis, das wendet er dann in zwei weiteren Sprüchen auf uns an, indem er sagt: “Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt hasst, wird es bewahren bis ins ewige Leben” (V. 25). Wenn wir das hören, gefällt es uns nicht, glaube ich, im ersten Augenblick. Wir möchten zum Herrn sagen: Was sagst du denn da, Herr? Sollen wir unser Leben, uns selbst hassen? Ist nicht unser Leben eine Gabe Gottes? Sind wir nicht nach deinem Ebenbild geschaffen? Sollen wir nicht dankbar und froh sein, dass du uns das Leben geschenkt hast? Aber das Wort Jesu hat eine andere Bedeutung. Selbstverständlich hat uns der Herr das Leben gegeben, damit wir dankbar sind. Dankbarkeit und Freude sind Grundhaltungen der christlichen Existenz. Ja, wir dürfen froh sein, weil wir wissen: Dieses mein Leben ist von Gott. Es ist nicht sinnloser Zufall. Ich bin gewollt und ich bin geliebt. Wenn Jesus sagt, ihr sollt euer eigenes Leben hassen, meint er etwas ganz anderes. Er denkt hier an zwei Grundhaltungen. Die eine ist die, dass ich mein Leben für mich haben möchte, dass ich mein Leben gleichsam als meinen Besitz, mich selbst als meinen Besitz betrachte. Dass ich das Leben, das es gibt, möglichst ausschöpfen möchte, um viel gelebt zu haben, für mich selbst zu leben. Wer dies tut, wer in sich hineinlebt und auf sich schaut und nur sich will, der findet sich nicht, der verliert sich. Gerade umgekehrt ist es: Leben nicht nehmen, sondern geben. Das sagt uns der Herr. Und nicht, indem wir das Leben uns nehmen, empfangen wir es, sondern indem wir es geben, indem wir uns überschreiten, indem wir nicht umschauen nach uns selbst, sondern in der Demut der Liebe uns dem anderen zueignen, unser Leben an ihn und an die anderen übergeben. So werden wir reich im Weggehen von uns selbst, im Freiwerden von uns selbst. Im Schenken des Lebens und nicht im Nehmen empfangen wir wirklich Leben.

Der Herr fährt dann fort und sagt uns in einem zweiten Spruch: “Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren” (V. 26). Dieses Sich-Geben, das in Wirklichkeit einfach das Wesen der Liebe ist, ist mit dem Kreuz identisch. Denn Kreuz ist nichts anderes als eben dieses Grundgesetz des gestorbenen Weizenkorns, dieses Grundgesetz der Liebe: dass wir nur im Schenken unserer selbst wir selbst werden. Aber nun fügt der Herr hinzu, dass dieses Sich-Schenken, dieses Annehmen des Kreuzes, dieses Weggehen von uns selber, ein Mitgehen mit ihm ist, dass wir ihm nachgehend und ihm nachfolgend diesen Weg des Weizenkorns, den Weg der Liebe finden, der zunächst ein Weg der Drangsal und der Mühe scheint, doch gerade so der Weg der Erlösung ist. Zum Weg des Kreuzes, der der Weg der Liebe ist, des Sich-Verlierens und Schenkens, gehört die Nachfolge, das Mitgehen mit ihm, der selbst der Weg ist und die Wahrheit und das Leben. In diesem Begriff der Nachfolge ist zugleich eingeschlossen, dass sie im Wir geschieht, dass nicht jeder seinen Christus, seinen Jesus hat, dass wir ihm nur nachfolgen können, wenn wir miteinander mit ihm gehen, indem wir uns in dieses Wir hineingeben und mit ihm zusammen seine schenkende Liebe erlernen. Nachfolge geschieht im Wir. Zum Christsein gehört das Wir-Sein in der Gemeinschaft seiner Jünger. Und da steht die Frage der Ökumene in uns auf: die Trauer darüber, dass wir dieses Wir zerrissen haben, dass wir doch den einen Weg in mehrere Wege zerteilen, und so das Zeugnis verdunkelt wird, das wir damit geben sollten, und die Liebe selbst nicht ihre volle Gestalt finden kann. Was sollen wir dazu sagen? Wir hören heute viele Klagen, die Ökumene sei zum Stillstand gekommen, Vorwürfe gegenseitig; ich denke aber, zu allererst sollten wir doch dankbar werden, dass es soviel Einheit gibt.

Es ist doch schön, dass wir heute, an Laetare, hier miteinander beten, miteinander die gleichen Lieder singen, miteinander das gleiche Wort Gottes anhören, es miteinander auszulegen und zu verstehen suchen dürfen, dass wir auf den einen Christus hinschauen, den wir sehen und dem wir gehören wollen, und dass wir so doch Zeugnis davon geben, dass er der Eine ist, der uns alle gerufen hat und dem wir im Tiefsten alle zugehören. Ich glaube, wir sollten vor der Welt vor allem dies sichtbar machen: nicht allerlei Zank und Streit, sondern die Freude und die Dankbarkeit dafür, dass der Herr uns dies schenkt und dass es wirkliche Einheit gibt, die immer tiefer werden kann und die immer mehr auch zum Zeugnis für das Wort Christi, für den Weg Christi werden soll in dieser Welt. Natürlich dürfen wir uns damit nicht zufrieden geben, auch wenn wir voller Dankbarkeit sein sollen für diese Gemeinsamkeit. Dass wir dennoch in wesentlichen Dingen, in der Feier der heiligen Eucharistie nicht den gleichen Kelch trinken können, nicht am gleichen Altar stehen, muss uns mit der Trauer erfüllen, dass wir Schuld auf uns laden, dass wir das Zeugnis verdunkeln; es muss uns innerlich unruhig machen, auf dem Weg zu mehr Einheit zu sein in dem Wissen, dass zuletzt nur er sie schenken kann, denn eine Einheit, die wir selbst aushandeln würden, wäre menschengemacht und so brüchig, wie alles, was Menschen machen. Wir geben uns ihm, suchen ihn immer mehr zu kennen und zu lieben, ihn zu sehen, und überlassen ihm, dass er uns damit wirklich ganz zur Einheit führt, um die wir in dieser Stunde in aller Dringlichkeit zu ihm beten.

Liebe Freunde, noch einmal möchte ich Ihnen danken für die Einladung, die Sie mir hierher geschenkt haben, danken für die Herzlichkeit, mit der Sie mich empfangen haben – auch für Ihre Worte, liebe Frau Dr. Esch; danken, dass wir miteinander beten und singen durften. Beten wir füreinander, beten wir miteinander, dass der Herr uns Einheit schenke und dass er der Welt hilft, dass sie glaube. Amen.

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