Jes 1,10-17

Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unsres Gottes, du Volk von Gomorra!

Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke.

Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir – wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet?

Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht!

Meine Seele ist Feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin’s müde, sie zu tragen.

Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut.

Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen!

Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!

 

Liebe Gemeinde,

„Sodom und Gomorrha“ – meine erste Erinnerung an diese Worte führen mich zu einem Ausspruch meiner Mutter.

„Hier sieht es ja auch wie Sodom und Gomorrha!“ sagte meine Mutter – mit bösem Gesichtsausdruck – immer dann, wenn sie in mein Kinderzimmer kam und der Meinung war, dass die Sauerei, die dort herrschte, aufgeräumt werden musste.

Ich wusste damals als Kind nicht, was Sodom und Gomorrha bedeutete. Aber ich habe gut verstanden, dass es mit dieser Bemerkung meiner Mutter ernst wurde und ich besser sofort damit anfing, mein Zimmer aufzuräumen.

Vielleicht wusste meine Mutter selbst nicht genau, welche Geschichten die Bibel hinter den Städten Sodom und Gomorrha verbarg.

Das war auch egal. Sodom und Gomorrha standen für etwas sehr Schlimmes und für einen Zustand, der schleunigst geändert werden muss.

 

Genau diesen Effekt will der Prophet Jesaja erreichen, wenn er seine erwachsenen Zuhörer in Jerusalem mit Sodom und Gomorrha zusammenbringt.

Das ist etwas ganz Schlimmes.

Diese legendären Städte der Vorzeit standen nicht nur für Unordnung im Sinne meiner Mutter, sondern für eine Verkommenheit, die alle Bereiche des menschlichen Lebens umfasst.

Sodom und Gomorrha stehen für Krieg, für Tabulosigkeit, für Perversion.

Immerhin 10 gerechte Menschen wollte Abraham in Sodom finden und Gott vorhalten, aber er fand sie nicht.

Die legendären Städte Sodom und Gomorrha gingen in einem Regen von Feuer und Schwefel unter und selbst der Blick zurück, den die flüchtende Frau Lots zur Stadt wagte, war tödlich.

 

Seither stehen die beiden Städte in der Bibel für alles, was gottlos und böse ist.

Und Generationen von Menschen stellten sich unter diesen beiden Städten das Schlimmste und Perverseste vor, das ihnen einfiel.

Die Städte sind bis heute so etwas wie ein Sinnbild verkommener, perverser Gesellschaft.

Das Problem so einer krassen Vorstellung ist nur,

dass die legendären Orte weit weg sind.

 

Denn wenn Ort so schlimm sind wie diese Städte,

dann sind wir, dann ist unser Ort weit weg davon.

 

Sünden finden und benennen, das tat man nicht nur im Mittelalter gern, sondern das hat auch heute noch Hochkonjunktur.

Die Entgleisungen der anderen. Darüber regen wir uns auf.

Die Perversionen von Sexualstraftätern, das lesen wir angewidert in der Zeitung.

Sünden und Entgleisungen benennen auch wir noch gerne – und sagen gleich dazu, wie man es hätte richtig machen können.

Denn wenn unserer Gesellschaft die Leviten gelesen werden, wenn gegen die Sünde gewettert wird, dann denken wir – seien wir ehrlich! – doch in der Regel an die Sünden der anderen: an die Sünde des bösen Nachbarn nebenan oder an die Sünden derer, die ganz oben sind und viel Macht haben.

Wenn denen die Leviten gelesen werden, ja dann hören wir das gerne.

Das erfüllt uns irgendwie mit tiefer Genugtuung, wenn nicht gar mit Schadenfreude.

Aber ich – das ist, bitte sehr, eine ganz andere Sache.

Nicht, dass ich ohne Sünde wäre, sündlos wie es Jesus war.

Nein, nein, ein Sünder bin auch ich. Der „alte Adam“ ist auch in mir noch lebendig und dann und wann auch am Werk.

Doch meine Sünden, meine Fehltritte gehen niemanden was an, niemanden als mich allein!

 

Wer so argumentiert, liebe Gemeinde,

wer so argumentiert, hätte sogar Recht, wenn er nur zwei – allerdings entscheidende – Wörter hinzufügen würde:

Meine Sünden gehen niemanden was an, niemanden als mich – und Gott.

So ist es: Meine ureigenen Sünden gehen in der Tat nur Gott und mich selbst etwas an.

Vergehen gegen andere Menschen, Übertretungen des Gesetzes und erst recht natürlich schwere Verbrechen, die gehen auch andere etwas an:

Den Staatsanwalt und die Richter. Und vor allem die Opfer.

 

Doch wenn ich mein eigenes Fehlverhalten, meine eigenen Untaten, ja auch meine eigenen Verbrechen als Vergehen gegen Gottes heiligen Willen und also als Sünde erkenne, dann geht das nur Gott und mich selbst etwas an.

Dann bin ich mit meinem Gewissen ganz allein: ganz allein vor Gott.

 

Dann geht es um mich!

Und nicht um die anderen. Nicht um die Kriegsverbrecher der Gegenwart.

Nicht um die Steuer- oder Umweltsünder aus der Zeitung.

Nicht um Sodom und Gomorrha, sondern um mich.

 

Das ist Beichte.

Das ist Buß- und Bettag.

Ich erkenne meine Fehler.

Ich höre nicht, wie Gott andere Menschen schimpft oder straft.

Ich klage nicht selber an, was ich alles an Falschem sehe.

Nein, ich komme zu mir. Erst zu mir und dann zu Gott.

Und wenn das passiert, ist es ein heiliger, ein intimer Augenblick.

Der geht wirklich nur Gott und mich selbst an.

 

Meine Sünden interessieren natürlich auch die bösen Nachbarn – und manchmal auch die lieben Nachbarn. Doch mag es auch alle Welt in den Ohren jucken – es geht sie nichts an.

Aber das gilt dann eben genauso für die Sünden der bösen Nachbarn.

Und es gilt ebenso für die Sünden der ganz Großen.

Sie gehen mich nichts an.

Das unterscheidet die Kirche von der Welt.

Wenn in der Kirche von Sünden die Rede ist, dann nicht,

um den Sünder oder die Sünderin bloßzustellen,

sondern im ihnen ihre Sünden zu vergeben,

auf dass sie – befreit von ihrer Schuld – wieder richtig leben können.

Deshalb werden doch im Namen Gottes Sünden vergeben: damit „von Sünd und Fehl befreit“ wir wieder leben, mit Freude und Lust leben können, schon jetzt und dann in Ewigkeit.

 

Wir sind heute Abend hier zusammen, um uns von Gott treffen zu lassen.

Nicht, um über die Menschen von Sodom und Gomorrha zu schimpfen.

Hört des Herrn Wort, ihr Herrn von Sodom und ihr Volk von Gomorrha.

Wenn wir das nicht auf uns beziehen, wenn wir uns das nicht sagen lassen,

dann läuft etwas falsch.

Sicher, das ist eine Zumutung.

Das grenzt an Unverschämtheit.  Das war schon so, als Jesaja diese Worte an die Menschen in Jerusalem richtete.

Aber wir sind doch sofort raus aus dem Spiel, wenn wir die Beobachterrolle einnehmen und sagen: „Schau, wie schlimm, diese Menschen in diesen Städten waren.“

„Schau, wir ungerecht das historisch war.“

Damit biegen wir den Pfeil um, der auf uns zeigt, der unser Herz treffen will. Nicht um uns zu töten, sondern um uns zu treffen, anzurühren, um uns zu packen und zu verändern.

Religion ist dann falsch, wenn sie nur die Sünden der anderen aufzeigt. Das muss der Prophet Jesaja den Priestern mitten in ihrem florierenden Tempelkult sagen.

 

Religion ist dann falsch, wenn sie von mir ablenkt.

Die Jerusalemer haben massenhaft Opfertiere in den Tempel gebracht. Gott wollte sie nicht sehen.

Sie haben massenhaft Räucheropfer entzündet. Gott will sie nicht riechen.

Sie haben massenhaft Feiertage veranstaltet. Gott hat das nur genervt.

 

Und bevor wir uns als moderne Christen über den alten Opferkult erheben:

Sie haben massenhaft gesungen und musiziert. Gott konnte es nicht mehr hören.

Wir können tausendmal das Weihnachtsoratorium aufführen und alle Kantaten, wir könnten mehrere Orgeln bauen und Kirchenfenster restaurieren, wenn wir davon nur von uns ablenken, ödet das Gott nur an.

 

Gott will unser Herz treffen.

Wenn das nicht dabei ist, hat alles keinen Wert.

 

Wascht euch, reinigt euch. Ändert euer Leben.

Das ist Gottesdienst.

Sich immer wieder von Gottes Anspruch treffen lassen und das Leben ändern. Nicht einmal, sondern immer wieder neu.

Wenn unser Herr Jesus Christus gesagt hat „Tut Buße!“, dann hat er gewollt, dass das ganze Leben der Christen Buße sein soll.“

So Martin Luther in seiner 1. der 95 Thesen.

Nicht nur einmal, sondern immer wieder.

Lasst euch von Gottes Anspruch berühren und verändern.

Lernt Gutes tun.

Diese Formulierung schließt ja ein, dass man es nicht von Anfang an kann.

Unsere guten Taten gleichen ja oft mehr Versuchen als Bilderbuch-Lösungen.

Aber wir sollen eben nicht aufhören, es immer wieder zu versuchen.

 

Gottes Zumutungen an uns werden wir nicht gerecht, wenn wir Ihnen ausweichen.

Nicht, wenn wir auf die größeren Sünden der anderen oder des Systems verweisen.

Und auch nicht, wenn wir uns mit religiösen Äußerlichkeiten ein reines Gewissen schaffen wollen. Als ließe sich Gott mit Räucherwerk einnebeln…

 

Hört mein Wort!

Zerreißt euch nicht das Maul über Sodom und Gomorrha, sondern fragt euch, wo ihr Anteil habt an den Verfehlungen, die unsere Städte in den Abgrund stürzen.

Ändert euch! Jeden Tag wieder!

 

Und, liebe Gemeinde,

es bleibt dabei:

Unsere Sünde vor Gott geht nur uns selbst und ihn etwas an.

Was hält uns also davon ab, sie vor ihm zu bereuen?

Unser Ego, unsere moralischen Leistungen, die ihn wie Räucherwerk beeindrucken sollen,

unser Wissen, dass andere noch viel schlimmer sind?

Es geht um uns!

 

Als erwachsener Mensch weiß ich, dass nicht nur mein Kinderzimmer aussehen kann wie Sodom und Gomorrha, sondern dass manch anderer Bereich meines Lebens in eine Unordnung geraten kann, die Gott noch weniger gefällt als meiner Mutter.

Eines haben die Situationen aber gemeinsam:

Sie sind ernst. Hier helfen keine Ablenkungen, sondern nur wirklich Aufräumen.

Meine Mutter war danach immer zufrieden.

Gott ist es mit unseren stets kindlichen Versuchen auch.

Amen.

 

predigt_BußundBettag_18.11.2020