Offenbarung 3,1-6

Dem Engel der Gemeinde in Sardes schreibe:

Das sagt, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne:

Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot.

Werde wach und stärke das andre, das schon sterben wollte, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott.

So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße! Wenn du nicht wachen wirst, werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde.

Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind’s wert.

Wer überwindet, soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

 

 

Liebe Gemeinde,

Gemeinden innerhalb der Kirche werden immer wieder beurteilt und geprüft. Gemeinden erhalten immer wieder Rückmeldung über ihre Art und ihre Aktivitäten und ihre Schwerpunktsetzungen.

Evangelische Gemeinden werden seit der Reformationszeit immer wieder „visitiert“, wie man das nennt. Da kommt Besuch der höheren kirchlichen Ebene und schaut sich alles genau an, hört die Predigt, spricht mit dem Vorstand, prüft die Bücher und Kassen.

Auch unsere Gemeinde hier kennt das. 2020 waren die Dekane der ELKI hier, um uns zu visitieren. Und im kommenden Dezember kommt ein Vertreter der EKD aus Hannover, um unsere Gemeinde zu visitieren.

 

Nach solch eine Visitation gibt es dann einen schriftlichen Bericht, eine Art Zeugnis über das, was festgestellt wurde. Der Bericht wird natürlich vom Vorstand, aber vor allem vom Pfarrer mit Spannung und Interesse erwartet.

Welchen Eindruck haben wir gemacht? Sind wir gut? Ist alles in Ordnung?

Sind sie zufrieden mit uns? Oder hat man Mängel gefunden?

 

Zwei Beobachtungen kann ich Ihnen aus meiner persönlichen Diensterfahrung und einigen Visitationen nennen:

Erstens gibt sich eine Kirchengemeinde und ein Pfarrer immer die größte Mühe, einen guten Eindruck zu machen, wenn die Delegation da ist.

Da wird das Gemeindehaus nochmals geputzt. Da wird der Kirchenchor am Sonntag im Gottesdienst eingesetzt. Da geben sich im Gespräch alle freundlich und zufrieden. Und auch der Pfarrer versucht, eine besonders geistreiche Predigt zu präsentieren.

Nicht immer entspricht diese herausgeputzte Vorstellung dem Niveau, das sonst das Jahr über herrscht; aber man will eben „bella figura“ machen.

Sie kennen das alle auch aus Ihren Bereichen und von zu Hause, wenn bei besonderen Gästen alles besonders schön herausgeputzt wird.

Das hat alles sein gutes Recht! Wichtige Gäste verdienen auch ein besondere Gesten.

Aber es besteht immer die Gefahr, dass man mit seinem „Sonntagsgesicht“ etwas vorspielt, was es sonst nicht der Realität entspricht.

Wenn die Kinder beim Ehrengast brav und höflich am Tisch sitzen, sich aber sonst beim Essen prügeln oder auf ihr Handy starren, dann stimmt der Eindruck, den man präsentiert, nicht.

Wenn eine Kirchengemeinde bei einer Visitation lächelt und wunderbare diakonische Aktivitäten präsentiert, sich aber sonst in den Haaren liegt und die Armen das Jahr über vergisst, dann stimmt ebenfalls etwas nicht.

 

Meine zweite Erfahrung mit Visitationen ist:

Es gibt von der Kirchenleitung nie eine wirklich vernichtende Kritik. Immer wurde sehr wohlwollend und wertschätzend die Arbeit der Gemeinde und des Pfarrers gesehen. „Es ist beeindruckend, was Sie alles leisten und tun.“

Und selbst wenn ich selbstkritisch auf Herausforderungen oder Spannungen hingewiesen habe, wurde gesagt: „Das ist alles nicht schlimm. Sie machen das schon gut. Die Außenwahrnehmung Ihrer Gemeinde beim Bürgermeister oder in der Stadt ist wunderbar.“

Man ist über solche Rückmeldungen natürlich froh. Aber man kann sich ja auch fragen, ob das Ganze nicht ein Spiel der protokollarischen Höflichkeiten ist. Enge und ehrliche Freunde würde einem aufgrund ihres Vertrauensverhältnisses sicher genauere Rückmeldungen geben; und von echten Freunden kann man sie auch am besten annehmen.

 

Die Gemeinde in Sardes in unserem Bibelwort heute bekommt nun auch so eine Rückmeldung – nicht nach einer kirchenamtlichen Visitation, nicht nach einem Besuch von ehrlichen Freunden, nicht nach einer selbst angeleierten Evaluation, wie das heute Mode ist, sondern sie bekommt die Rückmeldung direkt vom auferstandenen Herrn.

Das alles ist der Sinn dieser sonderbaren Beschreibung der Botschaft, die an den Engel der Gemeinde ausgerichtet wird, und die von dem stammt, der der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne in der Hand.

Wer die Johannesoffenbarung kennt, weiß, dass damit Jesus gemeint ist, der dem Johannes in einer Vision vom Himmel her erscheint und eben so beschrieben wird: Mit sieben Sternen in der Hand und von sieben Leuchtern umgeben.

 

Die Gemeinde in Sardes bekommt nun ihren Bericht – nach einer Visitation, die nicht angekündigt und nicht wahrnehmbar war, und für die man deshalb auch nicht das Sonntagsgesicht aufsetzen und sich besonders herausputzen konnte.

Der Herr sucht seine Gemeinde nicht dann und wann zu einem Kontrollbesuch auf, sondern er kennt sie durch und durch, weil er immer da ist.

 

Wir sind nicht die Gemeinde in Sardes; deshalb kann und will ich auf die Rückmeldungen des Herrn an diese Gemeinde nicht einfach auf uns als Gemeinde und als Einzelne übertragen.

Aber wir sehen an dieser Rückmeldung an Sardes, wie der Herr denkt und vorgeht.

 

Er kennt seine Gemeinden. Er kennt seine Schäfchen. Nicht weil er ständig im Kontroll-Modus wie ein allmächtiger Spion alles beobachtet und auf Fehler aus ist, vielmehr weil er aus Liebe und Verbundenheit ganz nah bei seiner Familie ist.

Eine gute Mutter kontrolliert ihre Kinder auch nicht; sie liebt sie, und deshalb ist sie nah an ihren Kindern dran, interessiert sich für sie und bekommt selbstverständlich mit, was jeden Tag los ist.

Einer richtigen Mutter kann man nichts verheimlichen. Sie spürt auch bei allen geschickten oder ungeschickten Vertuschungsversuchen des Teenagers, was Sache ist.

Sie kontrolliert nicht, sondern sie ist präsent.

Das ist ein feiner Unterschied.

Jesus kontrolliert uns nicht. Er ist präsent. Und allein deshalb kann man ihm nichts vormachen.

 

Der Gemeinde in Sardes ist es damals wohl gelungen, einen guten Eindruck nach außen zu machen. “Du hast den Namen, dass du lebst“, stellt Jesus fest. Die Gemeinde muss also als ganz lebendig und aktiv wahrgenommen worden sein. Du hast den Namen, dass du lebst“, sagt Jesus, „aber du bist tot.“ Selbstinszenierung und Außenwahrnehmung stimmen nicht mit Gottes Sicht überein.

Gott lässt sich nicht täuschen. Vor ihm können wir nichts vorspielen. Er erkennt, welche Aktivitäten echt sind, und was bloßes Schauspiel ist. Er lässt sich nicht von den Fassaden beeindrucken, die wir tagtäglich aufbauen. Er schaut dahinter.

Er sieht nicht nur das, was wir nach außen hin tun, sondern er kennt unsere Motivation.

Manches freundliche Lächeln auf unserem Gesicht entsteht nicht aus wahrer Sympathie und Liebe, sondern ist Teil unserer Beherrschung und Berechnung.

Dieses Spiel klappt vor den Menschen; aber nicht vor Gott.

 

Die Rückmeldung Jesu an die Gemeinde in Sardes ist hart, aber keine Verdammung in Bausch und Bogen.

Der Blick des Herrn auf seine Menschen ist differenziert. Er sieht das Gute und das Schlechte. Er steckt nicht alles in einen Topf.

Er sieht die Guten und die Schlechten – in jeder Gemeinde.

Er sieht das Gute und das Schlechte – in jedem Leben.

 

Auch da ist der göttliche Beobachter anders als wir Menschen. Wir tendieren dazu, zu verallgemeinern. Wenn einer einmal etwas Böses sagt, ist er immer böse. Wenn eine Gemeinde einmal durch einzelne Mitglieder einen schlechten Eindruck gemacht hat, ist sie eine schlechte Gemeinde.

Wenn ich in einem Restaurant einmal schlecht bedient wurde, gehe ich nicht mehr hin.

Wir neigen zur Verallgemeinerung.

Der Herr nimmt in Sardes diejenigen wahr, die weiße Gewänder haben, die also rein vor Gott dastehen. Er verwirft nicht gleich die ganze Gemeinde, weil vielleicht sogar die Mehrheit mit ihrem Lebenswandel ihre Gewänder besudelt haben.

 

Gott nimmt differenziert wahr: Sowohl unsere Gemeinschaften als auch unser Leben.

Wir können uns also nicht einfach hinter unseren Gemeinschaften verstecken. Ich glaube nur mit der Kirche mit. Oder im negativen Falle: Der Staat tut ja nichts; deshalb kann ich auch nichts machen.

Gott nimmt differenziert war. Zum Glück!

Es wäre schlimm, wenn er alle und alles in einen Topf stecken würde!

 

Und der letzte Punkt:

Was macht Jesus denn mit den Bösen? Was passiert denn mit denen, die ihre weißen Gewänder besudelt haben, deren Werke nicht als vollkommen erachtet werden?

Sie sollen Buße tun und das festhalten, was sie empfangen und gehört haben!

Das ist keine Verdammung, sondern ein auch psychologisch wunderbarer Ratschlag:

Ändere in deinem Leben das, was du ändern kannst.

Aber halte dich an dem fest, was bisher gut und sicher war.

Schmeiß nicht alles über den Haufen!

Halte das fest, was du im Glauben empfangen hast:

Also das Evangelium, das Stärkende und Tröstende, das du von Gott erfahren hast, die Grundlage, auf der du stehen kannst, die Grundlage und die Würde, die dir niemand nehmen kann.

Halte das fest, was du empfangen und gehört hast!

 

Wir sehen hier auch wunderbar eine evangelisch-reformatorische Erkenntnis:

In der Situation der Buße und der Umkehr – und auch der Selbstzweifel -zählt nicht das, was wir selber tun und getan haben.

Da können wir uns nicht festhalten an dem, was wir getan und geleistet haben.

Jesus sagt nicht:

Tue Buße und halte fest, was du in deinem Leben an Gutem getan hast!

Jesus sagt:

Halte fest, was du von Gott her gehört und empfangen hast!

Seine Annahme, seine Liebe, seine offenen Arme – darauf kann man sich verlassen, nicht auf unsere noch so großen Taten, die im Licht Gottes ganz schnell zerschmelzen.

 

Halte fest, was du gehört und empfangen hast!

Das ist die Zusage mitten in der Kritik, die Hoffnung mitten in der Verurteilung, der Anker mitten im Wechselbad unserer Gefühle.

Buße tun heißt nicht, das ganze Leben auf den Kopf zu stellen.

Buße tun heißt, das Leben wieder auf die richtige Grundlage zu stellen.

 

Wir werden weiterhin als Kirche Visitationen erleben.

Wir werden weiterhin als einzelne Menschen verschiedene Rückmeldungen von anderen bekommen, gute und auch vernichtende.

 

Aber die Rückmeldung Jesu sollte uns die Wichtigste sein.

Er kennt uns am besten, weil er uns liebt, wie einen die Mutter liebt.

Er nimmt kein Blatt vor den Mund, weil er unser Freund ist.

Und von einem guten Freund lässt man sich bekanntlich ja etwas sagen.

Vom besten allzumal.

Amen.

Bußtag – Pfr. Dr. Jonas