Kolosser 3, 16

Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen:

Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit;

mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.

 

Wie ein Gast, liebe Gemeinde, wie ein gern gesehener Gast will das Wort Christi bei uns wohnen.

Das ist die erste Einsicht, die wir heute aus unserem Bibelabschnitt ziehen können.

Das Wort Christi will unter uns wohnen.

Es will nicht herrschen, es will nicht befehlen, es will nicht umstürzen.

Das Wort Christi will bei uns wohnen.

Es kommt wie ein Gast.

Und mit Gästen gehen wir ja unterschiedlich um.

Manche wimmeln wir an der Haustür ab. Manche laden wir nur kurz zum Kaffee oder Tee ein. Andere bleiben zum Essen.

Aber Wohnen, bei uns Wohnen, das dürfen nur ausgewählte Gäste, Gäste, die wir kennen, Gäste, denen wir vertrauen.

Das Wort Christi will reichlich unter uns wohnen.

Damit ist viel gesagt.

Es will nicht nur kurz vorbeischauen. Es will nicht an der Tür abgefertigt werden. Es will auch nicht nur bei besonderen, festlichen Momenten unsere Tafel verschönern.

Das Wort Christi will bei uns wohnen. Es verlangt Vertrauen. Es will Zugang zu unseren Räumen – auch zu unseren vor der Öffentlichkeit verschlossenen Räumen. Jesus hat auch etwas zu sagen in unseren Hinterzimmern und Abstellräumen. Er will auch Zugang zu unseren Altlasten und geheimen Winkeln.

Das alles ist gemeint, wenn es heißt: Das Wort Christi will reichlich bei uns wohnen.

Wer bei uns wohnt, der lernt uns besser kennen.

Wer uns besucht, den können wir auch täuschen.

Wer bei uns wohnt, der bleibt nicht nur für ein paar Stunden, sondern länger.

Das Wort Christi will nicht nur lange bei uns wohnen, sondern bis in die Ewigkeit.  Denn in diesem Wort kommt Gott selbst zu uns, um seine Ewigkeit mit uns zu teilen.

Das Wort Christi erzählt uns, dass wir dem ewigen Gott nicht gleichgültig sind.

Das Wort Christi widerspricht der Welt, die uns oft genug sagt: Du bist nicht wichtig. Wir kommen auch ohne dich aus.

Das Wort Christi widerspricht auch dem, der uns alle gleich macht: Dem Tod. Diesem großen Gleichmacher setzt es Gottes ewiges Interesse an uns entgegen.

Der weltlichen, tödlichen Gleichgültigkeit setzt es göttliches Interesse entgegen.

Gott hat Interesse an uns. Und „inter-esse“ ist ein lateinisches Wort und bedeutet „dazwischen oder dabei sein“.

Gott will bei uns dabei sein. Und er ist bei uns, wenn das Wort Christi bei uns wohnt.

 

Nun heißen wir Gäste, wenn sie ankommen, herzlich willkommen. Höhere und ganz hohe Gäste werden sogar mit Musik begrüßt. Staatsgäste bekommen ihre Nationalhymne zu hören.

Mit Gott kommt der höchste denkbare Gast zu uns. Kein Wunder, dass es nun um Musik geht, und dass Paulus vom Wort Christi direkt zu Psalmen und Lobgesängen übergeht: Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen!

 

Wenn der höchste denkbare Gast bei uns eintrifft, dann ist Musik gefragt.

Und das ist Grund dafür, dass wir im Gottesdienst immer Musik haben.

Das ist der Grund dafür, dass am Anfang bei uns zuerst einmal die Orgel spielt – und nicht der Pfarrer oder der Kirchenvorstand erst einmal das Wort ergreift.

Wenn dieser höchste denkbare Gast willkommen geheißen wird, dann ist erst einmal Musik gefragt.

Das ist der Grund dafür, dass unser Chor singt. Das ist der Grund dafür, dass Instrumente im Gottesdienst spielen.

Es geht nicht primär darum, dass uns die Musik gefällt oder dass sie uns in besondere Stimmung versetzt – das darf alles sein! Aber eigentlich geht es darum, den hohen Gast willkommen zu heißen in unserer Mitte.

Darum singen wir auch im Gottesdienst. Nicht, weil uns die alten Lieder so gut gefallen, nicht, weil uns Paul Gerhardt oder Jochen Klepper so ansprechen – das darf alles sein! Aber eigentlich singen wir, um den hohen Gast willkommen zu heißen.

Das darf uns – und das soll uns an diesem Sonntag der Musik wieder klar werden:

Musik in der Kirche ist keine Kulturpflege. Musik in der Kirche ist auch keine Bespaßung für die Anwesenden oder kein Hobby für musikalische Leute.

Musik in der Kirche ist ein dauerhaftes Willkommen für unseren hohen Gast. Wenn die Musik uns dabei auch noch bei Laune hält, umso besser.

Aber der erste Adressat ist Gott.

Singt Gott dankbar in euren Herzen!

 

Wenn wir einen Gast willkommen heißen und wenn wir ihn bei längerem Aufenthalt bei Laune halten wollen, müssen wir uns schon etwas einfallen lassen. Denn je länger ein Gast bleibt, desto größer wird die Gefahr, dass es langweilig wird.

Es soll ja Gesellschaften geben, die sich am Tisch nichts mehr zu sagen haben und in peinlichem Schweigen verharren.

Es soll ja Familien geben, die sich bei Besuchen der Verwandtschaft nicht mehr viel zu sagen haben. Dann wird die Zeit an der Kaffeetafel lang.

Wie ist das mit diesem Dauergast Gott?

 

Gott wäre in der Tat schon längst totgeschwiegen, längst vergessen wie die alten Götter Griechenlands oder Roms!

Doch das hängt Gott sei Dank nicht von uns ab. Es hängt Gott sei Dank von ihm, dem heiligen Gott, selbst ab, ob er in unserer Welt zu Wort kommt.

Und er weiß sich zu helfen. Er weiß, der Langeweile seiner Gastgeber abzuhelfen.

 

Gäste bringen ja in der Regel etwas mit: Irgendeine Aufmerksamkeit, ein kleines Geschenk, das die Gastgeber erfreuen soll.

Das Wort Christi bringt auch etwas mit. Und Christus ein überaus aufmerksamer Gast ist, bringt er das mit, was uns fehlt, um ihn angemessen begrüßen zu können:

Er bringt seinen Geist mit. Der versetzt uns in die richtige Stimmung.

Der belebt unsere alte, verbrauchte Sprache, so dass wir es wagen können, ihn mit alten Psalmen, Hymnen und Lobgesängen zu begrüßen.

Ja, manchmal kann die vom Heiligen Geist berührte Gemeinde gar nicht anders, als ihrer Ergriffen im Gesang Ausdruck zu geben.

Und indem sie das tut, in dem sie Gott zu loben beginnt, fängt sie an, ihre eigene Untauglichkeit und Unwürdigkeit in Gottes Namen zu vergessen.

 

Im gemeinsamen Gotteslob – da vergisst der Erfolgreiche seinen Erfolg und der Erfolglose seinen Misserfolg. Im gemeinsamen Gesang – da vergisst der Kranke seine Krankheit und der Gesunde seine Kraft. Im gemeinsamen Gotteslob – da vergisst der Reiche seinen Reichtum und der Arme seine leeren Taschen.

Im gemeinsamen Gesang werden wir alle gleich.

Mehr noch: Wenn wir Gott loben, fällt unsere ganze Unheiligkeit wie ein böser Spuk von uns ab und selbst die fragwürdigsten Menschen werden zwar einigermaßen merkwürdige Heilige, aber eben doch zumindest geheiligte Menschen.

Nichts heiligt uns so sehr, nichts verwandelt uns so sehr wie das Gotteslob.

 

Denn im gemeinsamen Lied treten wir einen Schritt zurück hinter unsere eigene Wichtigkeit.

Denn im Lied vergessen wir uns selbst und konzentrieren uns auf eine andere Realität.

Wir singen vom Mond, der aufgegangen ist und von den goldenen Sternen am Himmel hell und klar – und schon sind wir nicht mehr bei uns, sondern stehen vor dem schwarzen, schweigenden Wald und sehen, wie „aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar“. Und dann kommen wir vielleicht auch bei unserem kranken Nachbarn an.

 

Wir singen von der Krippe Jesu und dass wir an ihr stehen und Jesus voll Freuden ansehen und uns nicht sattsehen können – und schon sind wir als Menschen als Menschen des 21. Jahrhunderts nicht mehr bei uns, sondern bei diesem Jesuskind.

 

Wir singen „O Haupt voll Blut und Wunden“ und wollen bei dem stehen, der dort am Kreuz hängt und sein Leben für uns aushaucht – und schon sind wir nicht mehr bei uns und unseren Sorgen und Schmerzen, sondern bei dem, der unser Ende in der Hand hat.

 

Wir singen „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ und betrachten die Einzelheiten von Gottes schöner und bunter Schöpfung – und schon sind wir herausgetreten aus trüben Regentagen oder der Frustration darüber, dass wir für die Natur nichts machen können.

 

Sehen Sie: Wer singt, der tritt aus sich heraus in eine andere Realität.

Wer singt, der vergisst sich für einen Augenblick selbst.

Selbstvergessenheit ist eine herrliche Erfahrung: Ganz bei der Sache, ganz bei Gott zu sein – und gerade so vom mir selbst frei und ledig zu werden – das, liebe Gemeinde, ist eine selige Erfahrung.

Höher können wir unser Leben nicht steigern als in den Augenblicken, in denen wir uns selber vergessen!

 

Aber Vorsicht!

Selbstvergessenheit kann auch gefährlich sein. Wer selbstvergessen ist, kann ohne Orientierung durch die Straßen streifen. Wer selbstvergessen ist, kann verloren gehen.

Tiefer kann unser Leben nicht fallen, als dass wir uns selbst vergessen!

 

Es kommt alles darauf an, bei wem wir uns selbst vergessen!

Wenn ein spielendes Kind sich bei seinen liebevollen Eltern vergisst – kein Problem!

Wenn ein liebender Mensch sich in den Armen seines vertrauensvollen Gegenübers verliert – kein Problem!

 

Deshalb kommt beim selbstvergessenen Singen und Musizieren alles darauf an, für wen wir das tun.

Deshalb kommt alles darauf an, wer dieser Gast ist, den wir mit unseren Hymnen willkommen heißen!

Es muss ein Gast sein, dem wir in jedem Falle vertrauen können!

Es muss ein Gast sein, der unsere Selbstvergessenheit nicht ausnutzt, sondern uns durch das Vergessen des Gewesenen ganz neu zu uns kommen lässt!

Es muss ein Gast sein, der uns etwas gibt, bevor er nimmt!

 

Jesus Christus, liebe Gemeinde, ist so ein Gast.

Sein Wort hat etwas zu geben, bevor es fordert.

Sein Leben hat er für schon uns gegeben, bevor er uns in Anspruch nimmt.

Seine Geschichte ist eine „unendliche Geschichte“, nicht weil sie unendlich langweilig ist, sondern weil sie uns mithineinzieht in sein ewiges Leben.

Sein Wort, das bei uns wohnen will, seine Geschichte kommt erst dann an ihr Ziel, wo wir nicht mehr ihn bei uns wohnen lassen, sondern wo der ewigreiche Gott uns bei sich willkommen heißt: Als seine gern gesehenen Gäste!

 

Als Vorgeschmack dessen sind wir heute wieder an seinen Tisch eingeladen, um unter Brot und Wein seine Gegenwart bei uns, sein Interesse an uns zu erleben.

„Wess Brot ich ess“, dess‘ Lied ich sing.“ Dieser oft bittere Satz dieser Welt, der wird am Altar in einem viel tieferen und hoch erfreulichen Sinn wahr! So sei es:

„Wess Brot ich ess, dess‘ Lied ich sing“. Amen.

Cantate – Pfarrer Dr. Jonas