Lukas 19, 37-40

Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war,

fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen:

Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!

Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm:

Meister, weise doch deine Jünger zurecht!

Er antwortete und sprach: Ich sage euch:

Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

 

Liebe Gemeinde,

Cantate Domino canticum novum!

Singet dem Herrn ein neues Lied!

Cantate al Signore un cantico nuovo!

 

La domenica di oggi, caratterizzata da questo versetto guida, è dedicata alla musica.

E perciò è bello avere, oggi, musica così meravigliosa: musica per violino, pianoforte e organo, ma anche la musica delle nostre voci.

 

Dieser Sonntag mit diesem Leitvers ist der Sonntag der Musik.

Dieser Sonntag ist aber auch eine gute Gelegenheit, einmal über diese Musik nachzudenken und einige Fragen zu stellen.

Warum singen wir eigentlich in der Kirche?

Wer singt eigentlich?

Und was löst dieser Gesang aus?

 

Mit diesen Fragen wollen wir jetzt auf das Evangelium zugehen, das wir heute gehört haben, und das seit der letzten Änderung der Leseordnung neu für diesen Sonntag Cantate ist.

 

Dieser Abschnitt versetzt uns nochmals in den Palmsonntag, in die Situation als Jesus auf dem Esel in Jerusalem einzieht.

 

Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war,

fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen:

Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!

Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

 

Und heute geht es nicht um den Esel oder die Karwoche oder um den Ruf „Hosianna“, der bei Lukas als einzigem Evangelisten nicht erscheint; heute geht es um das Singen und Loben der Menschenmassen.

 

Wer singt da eigentlich?

Warum singt er?

Was löst dieser Gesang aus?

 

I Wer singt da?

Es ist laut Lukas die ganze Menge der Jesus-Anhänger, die mit ihrem Helden in Jerusalem zum Passafest kommt.

Dass diese aufgedrehte Menge singt, wundert uns nicht.

Menschenmassen singen gerne.

Wir kennen das heute weniger von Pilgergruppen als von Fußballfans, die im Stadion ihre Gesänge anstimmen.

Wir kennen das, wenn bei Länderspielen die verschiedenen Nationalhymnen gesungen werden und die italienischen Spieler laut und mit der Hand auf dem Herzen mitsingen, während die deutschen Spieler oft den Mund nicht aufkriegen.

 

Wie dem auch sei: Massen singen gerne. Denn der Gesang vereint sie, gibt ihnen ein erhabenes Gefühl, erhebt ihre Seele.

Wenn wir an Weihnachten in einer vollen Kirche „O du fröhliche“ singen, erhebt uns das, versichert uns das eine gemeinsame Identität.

Als ich in meinem Leben einmal einen Glockenguss für meine damalige Gemeinde erlebt habe, waren damals in der Gießerei traditionell am Freitag zur Todesstunde Jesu verschiedene beteiligte Gemeinden dabei: Norddeutsche aus Flensburg, Katholiken aus Bayern, Lutheraner aus Estland und wir aus dem Schwarzwald.

Und dann haben wir nach gelungenem Guss das Lied „Nun danket alle Gott“ angestimmt. Und ich erinnere mich bis heute, wie die wenigen Esten, die hinter uns standen, in ihrer Sprache einstimmten und lauthals mitsangen.

Das Lied, die Melodie und das Gotteslob verband uns über die Kultur-, über die Konfessions-, über die Sprachgrenzen hinweg.

Das kann nur die Musik!

 

Aber leider haben wir diese Dynamik als Christen nicht für uns reserviert. Auch die Nationalsozialisten schafften es, mit dem Gesang der Massen Menschen zu bewegen. Gemeinsame Gesänge können Massen auch in Extremismus, in Aggression, in gefährliche Trance führen.

 

Daher gilt es bis heute immer genau aufzupassen, wenn Massen singen!

Warum singen sie und wo führt das hin? Sich einfach nur der Dynamik der Musik hinzugeben, kann gefährlich sein.

Deshalb haben die Pharisäer in gewissem Maße recht, wenn sie bei diesem Massengesang bei Jesus in Jerusalem aufmerksam werden und sich fragen: Wo führt das hin? Was wird mit dieser singenden Menschenmasse passieren? Ist der Grund ihrer Begeisterung rechtmäßig?

 

Unsere Frage nach denen, die singen, ist mit dieser Menschenmasse aber noch nicht ganz beantwortet.

Denn am Ende, als die Pharisäer Jesus auffordern, der Masse den Mund zu verbieten, da sagt Jesus, dass dann eben die Steine schreien werden.

 

Ein verrückter Gedanke! Steine können doch nicht schreien. Singen können doch nur Menschen. Schreien können womöglich noch Tiere; aber dann ist Schluss. Wie sollen hier denn Steine schreien? Sie haben doch keine Stimme!

Jesus steht hier aber in guter Tradition des Alten Testaments. Und das gönnte nicht nur Menschen oder Tieren eine Stimme, sondern auch der unbeseelten Natur.

Wir haben heute mit Psalm 98 gebetet:

Das Meer brause und was darinnen ist,

der Erdkreis und die darauf wohnen.

Die Ströme sollen in die Hände klatschen,

und alle Berge seien fröhlich

Es sollen alle Bäume jauchzen im Walde!

 

Ja, liebe Psalmdichter, kann das ernstgemeint sein?

Ist da mit euch nicht die Begeisterung durchgegangen?

Ist die Musik zu Gottes Ehre wirklich etwas, das auch Pflanzen und Tiere, Berge und Steine einschließt?

 

Wir können diese Frage nicht beantworten, ohne den nächsten Gedanken zu klären.

 

II Warum wird gesungen und gejubelt?

Es kommt auf den Auslöser an. Ich habe schon gesagt, dass es wichtig ist, auf den Inhalt der Gesänge und auf die politische Motivation zu achten.

Die Menschen in Jerusalem singen, weil Jesus kommt, und weil sie von diesem Kommen etwas erwarten.

Dieses Kommen Jesu in die Heilige Stadt versetzt sie in Begeisterung, weil sie von diesem Jesus große Sachen zutrauen.

Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn, denn dieser König wird etwas bewegen!

 

Wir können diese erwartungsfrohe Begeisterung bei den Menschen nachvollziehen.

Und bei den Steinen?

Gut, dass wir auf die genannten Psalmen zurückgreifen können, die begeistert davon reden, dass Bäume und Meer, Berg und Tal jubeln.

 

Die Psalmen (96; 98) nennen uns auch den Grund dafür:

Alle Berge seien fröhlich vor dem Herrn;

denn er kommt, das Erdreich zu richten.

 

Der Herr kommt! Das ist der Grund für diesen umfassenden Gesang.

Und der Herr, das ist nicht einfach ein König oder ein wichtiger Mensch; der Herr – das ist für die Bibel der Schöpfer, der, der alles gemacht hat, die sichtbare und die unsichtbare Welt, die Menschen, aber auch die Steine.

Und jetzt verstehen wir auch, warum da alle möglichen Geschöpfe singen sollen!

Es ist die Reaktion auf die Begegnung mit ihrem Schöpfer.

Die Bibel ist nicht verrückt. Natürlich weiß sie, dass nur Menschen musikalisch singen, dass nur Tiere noch Laute geben können, dass Pflanzen und erst recht Steine stumm sind.

Aber in der Beziehung zu ihrem Schöpfer gibt es eine Kommunikation.

Und wenn dieser Schöpfer ihnen nahekommt,

wenn der Grund alle Dinge auftritt, dann reagiert selbst der tote Stein.

 

Bäume können unter Lasten ächzen, Steine können unter Spannung platzen;

aber hier sollen sie jubeln!

Der Grund ist klar:

Der Herr kommt, um das Erdreich zu richten.

Hier kommt der Schöpfer, der für Gerechtigkeit sorgt.

Hier kommt der Herr, der die Verlierer unter den Geschöpfen aufrichtet.

 

Wir müssen uns das immer wieder klar machen: Wenn Gott diese Welt erlöst, dann gilt das nicht nur dem Menschengeschlecht, sondern der ganzen Kreatur. Am Ende soll alles heil werden.

 

So stellt sich die Bibel das Kommen Gottes vor. Und deshalb reagieren auch alle möglichen Geschöpfe.

Der Herr kommt, um das Erdreich zu richten.

 

Und wenn wir jetzt sehen, dass die Menschen damals diese Vorstellung mit dem Kommen Jesu zusammenbrachten,

dann merken wir, wie ungeheuerlich dieser Gedanke ist:

In diesem Jesus von Nazareth kommt der Schöpfergott zu seiner Schöpfung.

In diesem Jesus kommt nicht nur ein interessanter Prophet oder Rabbi, sondern hier erscheint Gott, um seiner Schöpfung Recht zu schaffen, hier kommt der Herr, um die Erde zu richten.

Sie zu richten – nicht im Feuersturm, sondern am Kreuz!

Nicht in der Vernichtung, sondern in der Übernahme der begangenen Schuld und im Tragen der Wunden aller Kreatur.

Wer könnte das denn? Kein Mensch. Das kann nur Gott.

Und dann heißt das im Umkehrschluss:

Dieser Jesus muss Gottes Sohn sein.

Und dann ist klar, warum Jerusalem ausflippt, wenn er kommt.

Dann ist klar, dass selbst die Steine reagieren werden, wenn den Menschen der Mund verboten wird. Und in der Tat sind bei Jesu Kreuzigung laut Evangelienbericht die Steine geplatzt und die Felsen zerrissen (Mt 27,52).

 

Denn hier trat der Schöpfer auf den Plan.

Hier gibt es nicht nur menschliche Reaktionen, sondern hier reagiert alles.

Unser Osterlied, das wir nach der Predigt singen, nimmt diesen Gedanken auf. Da singen nicht nur die Menschen, sondern da reagiert die ganze Schöpfung auf die Auferstehung Jesu (EG 110).

 

III

Was löst dieser Gesang nun aus?

Der Jubel der Menschen beim Kommen Jesu löst wie jedes echte Bekenntnis zu einem Glauben auch Widerstand aus.

Die Pharisäer kennen ihre Bibel gut und begreifen die ungeheuerliche Tragweite, wenn dieser Gesang, der eigentlich nur dem einen und einzigen Gott zukommt, nun Jesus zugerufen wird.

Und sie pfeifen Jesus zurück:

Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Wissen die eigentlich, was sie da singen?!

 

Aber Jesus lässt seine Anhänger nicht nur weitersingen. Er bekennt sich auch zu dieser ungeheuerlichen Interpretation:

In ihm kommt der Schöpfer zu seinen Geschöpfen. Und wenn die Menschen das nicht sagen dürfen, dann werden es die Steine tun.

Es ist klar, dass ein Jubel, der sich eindeutig zu Jesus bekennt, bis heute immer scharfen Widerspruch und Einspruch ernten wird.

Es gibt auch die Tendenz in den Kirchen, dann unsere Lieder und Gesänge etwas zu „entschärfen“ und gegebenenfalls auch den Namen Jesu oder Gottes zu streichen.

Dann kommen Lieder raus, wie Sie sie auch in unserem blauen Liedheft finden, etwa unter Nr. 29: „Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen und neu beginnen, ganz neu, da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.“ Ein hübsches Lied, sicher: Es kommt ganz ohne Gott aus und kann auf dem Kirchentag auch mit Atheisten und Andersgläubigen gesungen werden, ohne jemandem auf den Schlips zu treten.

Eine gut gemeinte Strategie. Aber die Haltung unseres Evangeliums heute ist das jedenfalls nicht!

Wenn die Menschen Jesus als ihren Herrn erkennen und ihm zujubeln, dann werden sie von ihm jedenfalls nicht zurückgepfiffen.

Sondern dann lässt Lukas erkennen, dass in diesem Jubel und diesem Bekenntnis zu Jesus sich in der Tat Himmel und Erde berühren.

Aber nicht, weil Menschen irgendetwas tun, sondern weil Gott Himmel und Erde zusammenbringt:

Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!

Und dann folgt: „Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“

 

Die Formulierung, die Lukas wichtig ist, kennen wir ähnlich aus seiner Weihnachtsgeschichte aus dem Mund der Engel:

Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. (Lk 2,14)

 

Gottes Ehre und Frieden auf Erden: Das gehört zusammen.

 

Das eine gibt es nicht ohne das andere.

Gottes Ehre im Himmel kommt nicht zustande, wenn Menschen hier gedemütigt und gequält werden.

Das haben wir oft schon gehört, und das ist die wahre Grundlage jeder Humanität, die unserer Kultur so oft genannt, aber genauso so selten richtig begründet wird.

 

Das Andere ist aber auch wahr:

Frieden auf Erden kommt nicht zustande, wenn Gott im Himmel nicht die Ehre erwiesen wird.

Die Menschen denken doch immer:

Wir schaffen das alleine: Frieden auf Erden, Ruhe zwischen den Völkern und Ausgleich zwischen den Schichten.

Und dann gibt es Parteiprogramme und Friedensverträge und Entwicklungs-Pakete. Und wir Menschen müssen uns nur mal richtig anstrengen.

 

Das Lukasevangelium lässt keinen Zweifel:

Ohne Gott geht das nicht.

Wo man dem Schöpfer nicht die Ehre gibt, die ihm zusteht, wird man auch seinem Geschöpf nicht gerecht.

Wo man den tiefen Wert jedes noch so erbärmlichen Geschöpfs nicht im Willen und in der Liebe seines Schöpfers sieht, da wird er Verfügungsmasse von Menschen.

 

Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden!

Zum Glück gehört das zusammen!

Zum Glück lässt sich Gott im Himmel nicht allein von den Engeln vorspielen, sondern will er auch unsere Klänge hören, unsere schönen und musikalischen, unser gemeinsamen und aufgekratzten,

aber auch unsere matten, leisen und manchmal auch zaghaften Töne.

Gott will sie hören. Gott will dich hören.

Du bist Teil seiner Welt-Komposition. Und ohne dich würde ihr etwas fehlen. Amen!

Cantate – Pfr. Dr. Jonas