Liebe Gemeinde, ich wünsche Ihnen von Herzen ein gesegnetes, ein frohes Jahr 2020. Ich wünsche Ihnen viele Begegnungen mit Menschen, die Ihnen wichtig sind und mit denen Sie gerne zusammen sind. Ich wünsche Ihnen Zuversicht und Freude und ich wünsche Ihnen, dass Sie aus dem Glauben an Gott und Jesus Christus Kraft schöpfen, um das Leben mit all seinen schönen, aber auch mit seinen herausfordernden und mitunter nachdenklich oder traurig stimmenden Seiten zu bewältigen.

Es ist mir eine große Freude, am Anfang dieses Jahres mit Ihnen Gottesdienst zu feiern. Ich freue mich, dass ich diesen Gottesdienst gemeinsam mit Michael Jonas gestalten und wieder einmal hier auf dieser Kanzel stehen darf. Für mich ist das ein weiteres schönes Zeichen unserer Verbundenheit, für das ich sehr dankbar bin.

Erlauben Sie mir, meine heutige Predigt mit einer persönlichen Bemerkung zu beginnen. In meiner vorletzten Predigt zum Michaelisfest, am 29. September 2019, hier in der Christuskirche hatte ich davon erzählt, dass meine Mutter im Hospiz liegt und dort die letzten Wochen ihres Lebens verbringt. Viele von Ihnen hatten mich nach dieser Predigt angesprochen, mir gute Wünsche mit auf den Weg gegeben und mich nach meinem nächsten Gottesdienst am 3. November nach ihr gefragt. Meine Mutter ist am 8. November des vergangenen Jahres verstorben, auch da war ich hier in Rom und bin sofort, mit dem ersten Flug am Morgen, zurück nach Berlin gereist, um bei meiner Familie zu sein. Am 19. November haben wir meine Mutter beerdigt. In meiner Traueransprache habe ich über die Gewissheit gesprochen, dass nichts uns trennen kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist. Davon schreibt Paulus im Römerbrief, das war der biblische Text meiner Trauerrede. Aus der Gewissheit, in der Liebe Gottes geborgen zu sein, hat meine Mutter ihr Leben lang Kraft und Zuversicht geschöpft; diese Gewissheit hat sie auch in ihren letzten Tagen begleitet. Ich danke Ihnen allen herzlich für Ihre Anteilnahme und Ihre Begleitung in diesen Wochen, die, wie Sie sich vorstellen können, nicht immer einfach für uns waren.

 

Als Christen wissen wir, dass nichts uns trennen kann von Gottes Liebe, die in Jesus Christus erschienen ist. Das ist die Verheißung, die wir von Gott haben und die uns in Jesus Christus ganz nahegekommen ist. Paulus hat diese Gewissheit in seinen Gemeinden verkündet und sie anschließend in seinen Briefen noch einmal vertieft. Besonderen Wert hat er dabei darauf gelegt, dass das Evangelium von Jesus Christus eine Botschaft des Heils und der Rettung ist, die allen Menschen gilt, ganz gleich, woher sie kommen, welchem sozialen Stand oder welcher Religion sie angehören. Das war provozierend, schon zur Zeit des Paulus, und das ist auch heute noch eine Herausforderung.

Mit seiner Verkündigung des Evangeliums hatte Paulus in wenigen Jahren eine ganze Reihe von Gemeinden im Mittelmeerraum gegründet. Rastlos war er im Einsatz, immer unterwegs in Sachen des Evangeliums. Verschiedene Städte hatte er aufgesucht, Philippi, Korinth, Athen, schließlich war er bis hierher nach Rom gelangt. Und er schaffte es, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie Gemeinschaften bilden, in deren Zentrum der Glaube an Jesus Christus steht; die sich trafen, um miteinander auf das Wort Gottes zu hören und Abendmahl zu feiern; die in ihrem Alltag nach dem Evangelium lebten, so, wie Paulus es gelehrt hatte. Die Einladung in die Gemeinschaft der Glaubenden richtete sich dabei an alle: an Wohlhabende und Habenichtse, Einflussreiche und Nobodys, Männer und Frauen, Gelehrte und einfache Leute. Und was zur Zeit des Paulus besonders ungewöhnlich war: die Einladung richtete nicht nur an Juden, was man eigentlich erwartet hätte, denn schließlich war Paulus selbst Jude und er erklärte den Glauben an Jesus Christus immer wieder aus den Schriften Israels, die wir Christen heute „Altes Testament“ nennen. Dass Christen keine Juden sind, mag uns heute wenig spektakulär vorkommen. Das war es zur Zeit des Paulus ganz und gar nicht. Dass zur Gemeinde Jesu Christi auch Menschen gehören sollten, die bislang gar nicht an den Gott Israels geglaubt hatten, war vielmehr äußerst ungewöhnlich und erregte Aufsehen und Widerspruch. Paulus aber insistierte darauf, dass christliche Gemeinde eine offene Gemeinde ist. Die Botschaft vom Heil Gottes gilt allen, dieses Erbe verdanken wir vor allem dem Wirken des Paulus und seiner Theologie.

Nach dem Tod des Paulus haben seine Schüler sein Werk fortgesetzt. Sie haben seine Verkündigung weitergedacht und sie an neue Situationen angepasst. Die Nachfolger des Paulus haben auch Briefe im Namen des Paulus verfasst, die nicht von ihm selbst stammen. Dazu gehört auch der Epheserbrief des Neuen Testaments. Dieser Brief ist eigentlich eher eine Abhandlung eines gelehrten Paulusschülers über ein zentrales Thema: nämlich die Kirche. Den Verfasser beschäftigen wichtige Fragen, die seither nichts von ihrer Bedeutung verloren haben: Was ist christliche Kirche, woran orientiert sie sich, nach welchen Grundsätzen lebt sie, und vor allem: wer soll dazugehören? Zu der Zeit, in der der Epheserbrief entstand, gegen Ende des 1. Jahrhunderts, war diese Frage drängend. Sollten Heiden einfach so dazugehören, ohne Unterschied zu den Juden? Was aber wird dann aus dem besonderen Status von Israel, Gottes auserwähltem Volk? Wie soll eine Gemeinschaft aus Juden und Nicht-Juden leben, woran soll sie sich ausrichten, wie sollen sie gemeinsam Gottesdienst feiern, wenn sie sich doch an unterschiedliche Regeln halten? Wie steht es um das Verhältnis der Kirche zur nicht-christlichen Gesellschaft?

Diese und viele andere Fragen waren offen, als Paulus nicht mehr da war. Sie mussten beantwortet werden, damit die Kirche leben konnte mitten in der nichtchristlichen Gesellschaft, damit sie eine Ordnung hatte und sich auf eine Tradition berufen konnte. Den Verfasser des Epheserbriefes beschäftigt die Frage, wie die Kirche aus ganz verschiedenen Menschen dennoch eine Gemeinschaft sein kann; eine Gemeinschaft, in der die Unterschiede in der Herkunft, dem sozialen Stand und der Rangordnung nicht mehr gelten; zu der alle dazugehören können, weil allen die Verheißung Gottes in Jesus Christus gilt.

Im Predigttext für das heutige Epiphaniasfest liest sich das so:

 

1 Deshalb sage ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden – ihr habt ja gehört von der Ordnung der Gnade Gottes, die mir für euch gegeben wurde: Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich es zuvor kurz geschrieben habe. Daran könnt ihr, wenn ihr es lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen.

Dies war in früheren Generationen den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist; dass  dass die Heiden Miterben und Mit-Leib und Mit-Teilhaber der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium, dessen Diener ich geworden bin durch das Geschenk der Gnade Gottes, die mir gemäß dem Wirken seiner Kraft gegeben wurde.

 

Von einem „Geheimnis“ ist da die Rede, denn es war ja keineswegs selbstverständlich, was der Verfasser des Briefes da im Namend es Paulus mitzuteilen hatte. Die Heiden sollten in gleicher Weise an Gottes Verheißungen teilhaben, Mit-Erben und Mit-Teilhaber sollten sie sein, sogar „Mit-Leib“, wie es der Verfasser mit einem eigenwilligen Wort ausdrückt. Keine Fremden sollten sie mehr sein, sich nicht als Bürger zweiter Klasse fühlen, die gleichen Rechte haben, voll und ganz dazugehören. Diese neue Ordnung war alles andere als selbstverständlich.

Der Epheserbrief ermuntert und ermutigt uns dazu, unsere Gemeinde, unsere Kirche unser persönliches Christsein, so zu leben, dass sich andere Menschen eingeladen fühlen. Eine Gemeinschaft soll die Kirche sein, in der Grenzen überwunden werden und sich keiner ausgeschlossen fühlen soll. Am Epiphaniasfest steht diese Botschaft im Mittelpunkt: das Licht, das mit dem Erscheinen Jesu Christi in die Welt gekommen ist, leuchtet allen Menschen. Das hieß damals, bei den ersten Christen: es leuchtet Juden und Heiden, Sklaven und Freien, Reichen und Armen. Heute können wir sagen: es leuchtet Christen und Nichtchristen, Wohlbestallten und Ausgegrenzten, denen auf der Sonnenseite des Lebens und denen, die im Dunkel wohnen. Zu Epiphanias blicken wir hinaus über die Geburt Jesu und schauen darauf, was diese Geburt bewirkt hat in unserer Welt und was sie auch heute noch bewirken soll.

Damals, so erzählt es das Matthäusevangelium, haben sich Weise aus dem Morgenland auf den Weg gemacht, weil sie einen Stern gesehen hatten, der ihnen die Geburt des neuen Königs der Juden anzeigte. Sie haben alles stehen und liegen gelassen und sind losgezogen, um diesem König zu huldigen. Die Geburt Jesu strahlte schon damals aus, weit über die Grenzen von Betlehem hinaus. Sie erreichte damals und erreicht heute Menschen in anderen Ländern, macht vor Kultur- und Sprachgrenzen nicht halt, wendet sich auch und gerade an die, auf die sonst keiner achtet.

Am Anfang eines neuen Jahres ruft uns die Bibel: Lehnt euch nicht zurück, richtet euch nicht ein in der kleinen, gemütlichen Stube eures Glaubens, wo ihr nur die trefft, mit denen ihr euch ohnehin einig seid. Geht hinaus, wagt euch mit eurem Glauben zu den Menschen auf den Straßen und Plätzen dieser Stadt, geht zu den Hilflosen, den Armen, den Traurigen und Verzweifelten. Seid achtsam auf die Menschen neben euch, geht nicht gleichgültig vorüber an denen, die eines tröstenden Wortes bedürfen.

Diese Botschaft trifft uns am Anfang eines neuen Jahres in einer Zeit, in der Ausgrenzung wieder an der Tagesordnung ist, Verachtung und Hassreden Konjunktur haben. Rechte Parteien haben in vielen Ländern Europas an Einfluss gewonnen, auch hier in Italien, auch in Deutschland. Es gehört inzwischen zum normalen Umgangston, sich in Internetforen zu verunglimpfen und zu schmähen, nur die eigene Meinung zählt, andere Sichtweisen werden verunglimpft. Die gemeinsame Suche nach der Wahrheit ist nicht mehr populär. Die Gefahr, dass viele nur noch in der Blase ihrer eigenen Überzeugungen leben, ist dagegen besonders groß.

Der Epheserbrief setzt uns da auf eine andere Spur. In der eindrücklichen Trias „Mit-Erben, Mit-Leib, Mit-Teilhaber“ stellt er das Wort „mit“ pointiert ins Zentrum. Mithineingenommen zu werden, ist das Gegenteil von Ausgrenzung. Teil einer Gemeinschaft zu werden, in der Zugewandtheit, Liebe und Achtung für den anderen und die andere Maßstab für den Umgang miteinander sind: so lautet das Angebot, das wir als Christen den Menschen machen dürfen und sollen. Christlicher Glaube macht so die Welt freundlicher und heller. Gemeinsam können wir die Welt zum Besseren verändern, wenn wir nicht das Trennende und Abgrenzende in den Vordergrund stellen, sondern das Gemeinsame und Verbindende. So kann Gottes Frieden in die Welt Einzug halten, von dem die Weihnachtsbotschaft spricht: Friede auf Erden, bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Natürlich kann man sofort einwenden: Wo ist denn dieser Friede? Seit 2000 Jahren wird er verkündigt, und doch ist herzlich wenig von ihm zu sehen. Sind denn etwa Krieg und Gewalt nicht mehr? Seht doch auf all das Leid, auf die die Missgunst und das kleinliche Gieren nach Vorteilen – wo bleibt da Gottes Friede für diese Welt? Sind denn die Kirchen glaubwürdige Sachwalter der Botschaft von Gottes Heil für alle Menschen? Verkünden sie in authentischer Weise das nun offenbar gewordene Geheimnis der Liebe Gottes zu dieser Welt? Sind die Kirchen nicht vielmehr selbst verstrickt in die großen und kleinen Skandale, die die Welt regelmäßig erschüttern, von unlauteren Finanzgeschäften über verklemmte Sexualmoral bis hin zu autoritärem Gebaren und lächerlichem Postengerangel? Heißt es nicht im Evangelium „Unter euch soll es nicht so zugehen wie in der Welt. Wer unter euch der erste sein will, sei euer aller Diener“? Hat die Menschwerdung Gottes, von der das Evangelium kündet, nicht die Maßstäbe von Macht und Unterdrückung beendet und das Unterste nach oben gekehrt?

Ja, das alles ist richtig und es stünde der Kirche Jesu Christi nicht gut zu Gesicht, wollte sie ihre Verfehlungen leugnen, wollten wir bestreiten, dass wir immer wieder zurückbleiben hinter der großen Botschaft, die zu Weihnachten in der Welt erklingt. Aber man kann diese Botschaft auch anders hören denn als Geschichte des großen Scheiterns der Kirche am überwältigenden Anspruch des Evangeliums.

Man kann diese Botschaft auch hören als die Zusage der Vergebung der Schuld und von einem neuen Anfang. Man kann sie hören als die revolutionäre Ankündigung einer anderen Werteordnung. Es soll nicht mehr sein, sagt diese Botschaft, dass Macht und Geld die Welt regieren. Es wird Leute geben, sagt diese Botschaft, die sich nicht abfinden damit, dass alte und kranke Menschen keinen würdigen Platz in unserer Gesellschaft haben; Menschen, die sich einsetzen dafür, dass wir Gottes Schöpfung nicht weiter geschunden wird durch einen achtlosen Lebensstil und ungebremsten Konsum; Menschen die dafür einstehen, dass Europa auf die Millionen von Flüchtlingen nicht mit einer besseren Absicherung seiner Grenzen reagiert, sondern sich dessen bewusst ist, dass die Menschlichkeit einer Gesellschaft daran erkannt wird, wie sie mit den Schwachen und Hilfebedürftigen umgeht.

Seitdem die Botschaft des Evangeliums, die Botschaft von der Liebe Gottes, die allen Menschen gilt – seitdem diese Botschaft in der Welt ist, ist sie nicht mehr zum Schweigen zu bringen. Die Verheißungen Gottes für sein Volk Israel, sie gelten fortan allen Menschen. Allen ist Heil Gottes zugesagt. Diese Botschaft ist revolutionär, damals wie heute.

Seit die Botschaft des Evangeliums in der Welt ist, hat sie immer wieder Menschen in Bewegung gesetzt, hat ihnen Kraft gegeben und Mut, sich nicht abzufinden mit Ungerechtigkeiten; aufzustehen, wenn die Würde von Menschen verletzt wird. Ja, es ist wahr: Seit die Botschaft des Evangeliums in der Welt ist, hat sich Vieles verändert. Seit dem Kommen Jesu Christi ist die Welt berührt vom Zauber der Liebe Gottes zu dieser Welt. Das verleiht Hoffnung und Zuversicht, auch im Jahr 2020. Amen.