2Kor 9,6f.

Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten;

und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.

 

Liebe Gemeinde,

das Erntedankfest einmal im Jahr bringt uns nicht nur dazu, zu merken,

dass wir genug zu essen haben und dass wir das dem Schöpfer dieser Welt zu verdanken haben.

Die Bibeltexte des Erntedankfestes bleiben nie bei diesem Thema stehen – so als ginge es nur um Mund und Bauch.

Die Bibeltexte des Erntedankfestes nehmen vielmehr das Geschehen der Natur, vom dem wir alle satt werden, zum Symbol für Größeres,

für unser geistliches Leben.

Schon Jesus – Sie wissen es – deutete Naturphänomene auf unser Leben hin:

Seht die Lilien auf dem Felde; wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass selbst Salomo in all seiner Pracht nicht gekleidet war wie eine von ihnen. (Mt 6,28)

 

Und auch Paulus wendet heute so ein Naturphänomen auf unser Leben an:

Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten.

Und wer da reichlich sät, der wird auch reichlich ernten.

 

Das können wir alle beobachten. Das können wir alle merken, wenn wir auf das Getreide auf dem Acker oder die Früchte im Garten schauen.

Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten.

 

Menschen, die die Landwirtschaft kennen, steht das deutlich vor Augen.

Wo Menschen mit der Natur leben und arbeiten, da ist das auch im Leben gegenwärtig und es macht die Menschen vielleicht auch dankbarer.

 

Aber selbst hier in der Großstadt, wo Dienstleistung und Tourismus uns prägen, können wir die Beobachtung, die Paulus uns vorstellt, nachvollziehen.

Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten.

 

Dieser Mechanismus gilt ja nicht nur für den Bauer und das Korn.

Er gilt für jedes Geschäft und ganz besonders für die Geschäftsführer in der Wirtschaft – nur mit anderem Vokabular:

Wer kärglich investiert, der wird auch wenig Gewinn machen.

 

Und wir können das ja fast auf alle Bereiche unseres Lebens anwenden:

Wer wenig lernt, der wird keine guten Noten in der Schule haben.

Wer andern Menschen gegenüber geizig ist, wird kaum reich beschenkt werden.

Wer mit Liebe geizt, wird wenig Freunde gewinnen.

 

Dieser Mechanismus der geschaffenen Welt ist uns eigentlich klar.

Dazu bräuchte es keinen Paulus und gar kein Wort aus der Heiligen Schrift.

Um das zu hören, müsste man eigentlich überhaupt nicht in die Kirche kommen.

Das hört, oder besser, das erlebt man sowie draußen im Alltag.

Wenn du viel investierst, wirst du viel Gewinn haben.

Wenn dich reinhängst in deine Aufgaben, dann wirst du Erfolg haben.

Wenn du aber nur das Nötigste tust, dann brauchst du dich nicht zu wundern, wenn du nicht viel erreichst.

 

Das ist schon wahr!

Aber sind wir hier heute in festlicher Runde nur zusammen,

um diese Weisheit zu hören, auf die jeder kluge Mensch früher oder später von selbst kommt?

 

Wie immer hat das Wort Gottes und die Gemeinschaft in der Kirche einen Mehrwert.

Denn wenn wir hier nur das sagen würden, was andere in Wirtschaft und Politik auch sagen, müssten wir den Laden hier ja ehrlicherweise dichtmachen.

 

Aber Gott gibt uns auch heute mehr als nur die Beobachtung eines natürlichen Mechanismus.

Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten.

Und jetzt geht es eben bei Paulus nicht so weiter, wie wir denken, sondern es heißt:

Und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.

 

Das beantwortet uns die Frage:

Was ist denn, wenn das alles nicht aufgeht?

Wenn das Verhältnis von Investition und Gewinn nicht passt?

Das kennen wir doch auch alle!

 

Immer gesund gelebt, aber trotzdem schwer krank geworden.

Liebe in die Kinder gesteckt und trotzdem sind sie ganz anders geworden, als man das wollte.

Das Leben lang hart gearbeitet, aber dann bricht das aufgebaute Geschäft doch zusammen.

 

Wie können wir dieses Missverhältnis von Saat und Ernte aushalten, das wir alle doch an der einen oder anderen Stelle erlebt haben?

 

Liebe Gemeinde,

ich bin mir sicher:

Gott sammelt alles Korn ein, das wir vergeblich ausgeworfen haben.

Der Herr der Ernte geht und sammelt Garben und Körner ein, die starben.

Das ist ein wunderbares Bild, das ich Ihnen heute im Rückgriff auf eine andere Paulusstelle mitgeben will (1Kor 15,42-44):

Die eigentliche Ernte am Ende der Zeiten ist Gottes Sache.

Gott schreitet durch die Zeiten und sammelt all das ein, was uns vergeblich erschien.

Jedes gute Wort, das nicht erwidert wurde.

Jede gute Tat, für die kein Mensch Danke gesagt hat.

Jede schmerzhafte Regung der Liebe, auf die hin nichts zurückkam.

Jeder Einsatz für Ideale, die sich nicht erfüllt haben.

 

Liebe Gemeinde,

wir investieren uns nicht umsonst!

Nicht, weil alles gelingt und spürbar zurückkommt, sondern weil Gott unsere Investitionen annimmt.

Oder nochmal im Bild gesprochen:

Weil Gott unsere vielen, vielen Samenkörner auffängt, die nicht auf fruchtbaren Boden fallen.

Und wenn wir das Bild ernstnehmen, dann wissen wir, dass das die Mehrheit der Körner ist.

 

Im Unterschied zu einem gelingenden Management in der Wirtschaft werden wir in unserem persönlichen, seelischen und emotionalen Leben immer mehr geben, als wir bekommen.

Jeder Lehrer und jede Erzieherin weiß das, der Pfarrer sowieso und im Grunde ja jeder Mensch, der liebt.

Da gibt man sich hin, da investiert man sich; und damit macht man sich verletzlich, weil nicht immer das zurückkommt, was man gerne hätte.

 

Das Wort Gottes sagt uns heute nicht:

Investiere, denn die Rechnung geht immer auf.

Das Evangelium sagt uns heute:

Investiere, denn Gott sorgt dafür, dass die Rechnung am Ende aufgeht.

Nicht nur, dass zurückkommt, was du gegeben hast, sondern dass noch viel mehr kommt, als du dir vorstellen kannst.

 

Bleiben wir am Erntedankfest nicht stehen bei der Beobachtung der Natur!

Investieren wir!

Unser Geld, unsere Arbeitskraft, aber noch viel mehr unsere Liebe, investieren wir uns selbst.

Geben wir uns hinein in unsere viel gescholtene Stadt.

Wie sollte sie denn besser werden ohne Menschen, die sich investieren?

Geben wir uns hinein in unsere Umgebung, in unsere Familien, Schulklassen und Nachbarschaften.

Nicht, weil unser Engagement sich nach dem Gesetz der Meder und Perser eins zu eins auszahlen wird,

sondern weil der Herr unsere Liebe sieht und belohnt.

Kein Körnchen unseres Einsatzes wird verloren gehen.

Wenn es die Menschen draußen auf der Straße auch zertreten, Gott hat es schon längst aufgesammelt!

 

Auch unsere Glocken streuen ihren Schall weit über dieses Stadtviertel.

Viele können Sie hören. Wenige kommen deshalb zum Gottesdienst.

Unsere Glocken wollen den Frieden künden, aber in so vielen Häusern bleibt der Streit.

Unsere Glocken wollen die Menschen an Jesus Christus erinnern, aber die meisten denken nur an sich selbst.

Und trotzdem sollen sie läuten und verkünden:

Groß ist der Herr! Sein Nam‘ ist heilig und alle Welt ist seine Ehre voll.

Ob sie sich dessen bewusst ist, oder nicht.

 

Es gibt eine Saat, die immer größer ist als der Ertrag.

Es gibt eine Investition, die nie vergeblich ist.

Und dann zu wissen, gibt uns Kraft zu geben, uns immer wieder zu investieren.

Denn mit Gott geschieht nichts, was wir geben, umsonst.

Amen.

Erntedankfest – Pfr. Dr. Jonas