Predigt zu Markus 8,1–9

4.10. 2020 (Erntedank), Christuskirche Rom

(Michael Meyer-Blanck, Bonn)

 

1 Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: 2 Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. 3 Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. 4 Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? 5 Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. 6 Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. 7 Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. 8 Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. 9 Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.

 

Liebe Gemeinde,

wie lange können Sie es ohne Essen aushalten? Gerade so bis zur nächsten Mahlzeit, oder einen halben oder einen ganzen Tag? Ein Arzt beim Blutspenden sagte mir einmal: „Sie müssen vor der Spende erst etwas essen, denn nach drei Stunden, da ist man nüchtern.“ Wie lange man Hunger erträgt, das hängt selbstverständlich von den Umständen ab. Bei einer konzentrierten Arbeit oder bei einer langen Wanderung, da kann man das Essen schon einmal vergessen; und im großen Unglück und im seligen Glück, da wird die Ernährung zeitweise ihre Bedeutung verlieren.

„Mich jammert das Volk, denn sie haben nun drei Tage bei mir ausgeharrt und haben nichts zu essen“, sagt Jesus zu seinen Jüngern. Eine riesige Menschenmenge, irgendwo mit Jesus in der galiläischen Einöde: Wir können uns das so vorstellen wie ein großes Festival – etwa wie das legendäre Woodstock-Rockfestival vor 51 Jahren, im August 1969. Die Faszination dessen, was man da hörte und erlebte, überlagerte alles Alltägliche. Man vergaß eine Zeitlang das Essen und Trinken, die Pläne und Sorgen, die Arbeit und die Krankheiten.

„Sie haben nun drei Tage bei mir ausgeharrt, ohne etwas zu essen“. Jesus weiß: „der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ – so hatte er selbst dem Teufel bei seiner eigenen Versuchung in der Wüste geantwortet – (Mt 4,4) – der Mensch lebt nicht vom Brot allein, aber ohne Brot geht es auch nicht. Drei Tage lang hatte Jesus zu dem Volk und mit dem Volk gesprochen; und das, was er sagte, das muss nicht neu, aber irgendwie packend gewesen sein.

Die Menschen machten sich nicht auf den Heimweg, weil Jesus das Wort nicht nur sagte, sondern weil er das Wort war – und weil er nicht nur dieses Wort verkörperte, sondern weil er deutlich machte: Dieses Wort ist das Geheimnis der Welt. Es enthüllt das Tiefste des Menschseins, die Liebe, das Verzeihen, die tröstende und heilende Hand, die Liebe zum andern und zu sich selbst – oder in einem Wort: Gott.

Er hatte drei Tage lang immer wieder diese Eine erzählt: Gott ist mitten unter Euch. Sein Leben kommt nicht irgendwann, sondern sein Leben, Gottes Dasein ist mitten unter Euch. Seine Herrschaft ist nichts für die ferne Zukunft, sondern sie ist schon nahe herbeigekommen (Mk 1,14). Und Ihr müsst nichts dafür tun; Ihr sollt nur daran glauben, dann werdet Ihr Wunder sehen und erleben, Wunder an Euch selbst und mit denen, die Ihr liebt – und sogar Wunder mit denen, die Ihr hasst. Ja, könnt gar nicht mehr hassen, weil ihr in den Anderen Eure eigene Sehnsucht entdeckt. So hatte Jesus erzählt, erklärt, gepredigt; so, dass den Leuten Hören und Sehen, dass ihnen Essen und Trinken verging und sie nicht mehr wussten, warum sie bisher nicht daran gedacht hatten.

Drei Tage hatte es gedauert. Zuerst hatte Jesus Geschichten erzählt, harmlos erscheinende, einfache Geschichten wie die von dem Vater und den zwei Söhnen, die eifersüchtig waren auf die Liebe des Vaters und die lernten, dass man die Liebe nicht steigern, nicht vermehren und nicht wie einen geldwerten Vorteil behandeln kann. Beide Söhne wollten mehr und alles an Liebe und wussten nicht, dass sie beide die Liebe des Vaters schon längst hatten – die ganze, die volle Liebe ohne Abstriche: „Alles, was mein ist, das ist dein“ (Lk 15,31) – so habe es der Vater gesagt und so sei Gott zu jedem, der sein Kind sein wolle: Alles, ein Gotteskind in der Fülle der Liebe.

Dann die andere Geschichte von den Arbeitern im Weinberg, die alles bekamen, was sie brauchten, jeder das Lebensnotwendige. Auch hier kein „Mehr“ und keine Steigerung, keine Optimierung und keine Konkurrenz. Gottes Wohlgefallen lässt sich nicht verbessern. Genieße es, was Dir gegeben ist und meine nicht, Du müsstest noch mehr davon bekommen. Mehr als Geliebtsein gibt es nicht – und wer an der Liebe Gottes herummacht, der kann sie zerstören. Keiner muss scheel dreinsehen, weil Gott zu dem Anderen gütig ist. Gott ist die Güte, Gott ist die Liebe und Gott ist euch nahe und alles, die ganze Liebe und Güte, das gehört Euch schon. Ihr müsst nicht Euer Brot mit Sorgen essen – denn den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf (Ps 127,2). Das war der Abend des ersten Tages.

Auf den Tag der Geschichten folgte der zweite Tag, vielleicht der Tag der Lebensregeln. Wenn dem Menschen alles gegeben ist, weil er das Geschöpf der Liebe ist und wenn die Liebe der Bauplan des Menschen und das Geheimnis der Welt ist, dann muss man das nur noch ernst nehmen.

Das war sie, die Lehre Jesu in der Wüste mit den viertausend Leuten, die einfach nicht auseinandergehen konnten, solange er ihnen so erklärte, was das Leben ist. Und er hatte eben nicht nur erklärt, sondern seine Worte waren eine neue Welt, das neue Leben selbst.

Seine Predigt bestand aus einfachen Sätze. Auf die hätte man auch selbst kommen können, wenn man sich getraut hätte, die Sache mit der Liebe so ernst zu nehmen. So hatte er gesagt (Mt 5,1-11): Das Glück des Lebens liegt in der Barmherzigkeit. Denn die, die barmherzig sind, die werden Barmherzigkeit erlangen. Das Glück des Lebens liegt in der Sanftmut. Denn die da sanftmütig sind, die werden alles besitzen, wofür es sich zu leben lohnt. Darüber ist nichts Höheres. Und das Glück des Lebens ist in denen, die reinen Herzens sind. Sie sind die wahren Propheten: Die Sanftmütigen, sie sind die Seher, die alles durchschauen: Sie sind es, die Gott selbst erkennen.

Das war eine lebensnahe, radikale Lehre, anders als die Theorien der Gelehrten und Frommen, wie man sie sonst kannte; das waren Sätze, die die Welt aus den Angeln heben: Sanftmut, Frieden und Gerechtigkeit sind möglich, weil sie die Kraft und das Abbild Gottes selbst sind. Sanftmut, Frieden und Gerechtigkeit sind keine Prinzipien und Maximen, sondern das Eigentliche, das Wirkliche, das Göttliche. Das war der zweite Tag – und wer Ohren hatte zu hören, der mochte bei sich denken: Es mag sein, dass die Welt noch nicht so ist, aber was kann man anderes tun, als so zu tun, als ob sie schon so wäre?

Aber am dritten Tag in der Wüste, da wurde es wohl auch schwierig. Jesus erzählte keine weiteren Gottesgeschichten und sprach auch nicht mehr von der Güte des Lebens, sondern vom Ernst eines Lebens mit ihm. Am dritten Tag predigte Jesus dem Volk in der Wüste von seinem eigenen Leiden und vom Leiden derer, die ihm nachfolgen würden. „Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden und getötet werden“ (Mk 8,31) und „wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und folge mir nach“ (Mk 8,34).

Auf die Liebe des ersten und die Sanftmut des zweiten Tages folgten das Kreuz und der Ernst der Nachfolge des dritten Tages. Die Realität war wieder da und die packende Predigt der ersten beiden Tage wurde auf die Probe gestellt. Die Härte des Lebens, die Angst und die alltägliche Mühe und Not waren zurück – einschließlich des bohrenden Hungers. Auf einmal gab es viertausend Hungernde. Am dritten Tage war es so weit, dass Jesus handelte und die Menschen zu essen bekamen. Anders hätten sie das Gewicht seiner Worte nicht mehr ertragen.

Die meisten von uns, liebe Gemeinde, werden in Gedanken gerne den ersten Tag und den zweiten Tag der Predigt Jesu mitgehen – und viele werden mit dem dritten Teil, mit dem Leiden und dem Kreuz, ihre liebe Not haben. Warum muss das sein? Ich weiß es nicht. Es gibt auch auf diese Frage keine Antwort; und die Bibel weiß keine außer der Antwort, dass gerade die klugen Antworten danebengehen – so schon das alttestamentliche Buch Hiob.

Das Evangelium der Speisungsgeschichten aber liegt in der Tatsache, dass Gott keinen Hunger und kein Leiden will und dass es genug für alle gibt. Die viertausend Menschen, die so lange bei Jesus ausgeharrt haben, werden satt. Sanftmut, Frieden und Gerechtigkeit sind keine bloßen Theorien. Sie sollen Wirklichkeit werden. Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt. Denn wenn es anders wäre, dann würden die Worte von Barmherzigkeit und Sanftmut zur frommen Heuchelei und wir müssten uns schämen, sie in den Mund zu nehmen.

Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt: Das ist das Eine, das eine Wunder am Evangelium des heutigen Tages. Das zweite Wunder aber ist dies: Jedes Stück Brot, jeder Löffel Öl, jedes Stückchen Fisch und jedes Glas Wasser wird uns das Zeichen jener drei Tage, die Jesus mit den viertausend in der Wüste zugebracht hat: Zeichen der Liebe und Güte des Schöpfers, Zeichen der wachsenden Sanftmütigkeit und Gerechtigkeit unter uns, die wir auf Jesu Namen getauft sind und Zeichen der Liebe Jesu, „der es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, sondern gehorsam wurde bis zum Tode am Kreuz“ (Phil 2,5.8).

Und das Dritte und Letzte dazu ist eine Art von realistischer Fußnote zu den beiden ersten Punkten. Nicht jeder von uns muss alles begreifen und alles glauben. Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, sagt Jesus, dann ist alles gut. Es gibt Menschen des ersten Tages, die die ungeteilte Liebe Gottes zu glauben versuchen, die aber zweifeln an der Möglichkeit der Barmherzigkeit, Güte und des Friedens unter den Menschen. Und es gibt Menschen des zweiten Tages, die dennoch ratlos bleiben vor dem dritten Tag, vor dem Schrecken des Kreuzes und dem Ernst der Nachfolge.

Nur wenige sind Menschen der unbedingten Nachfolge und des Kreuzes. Ein solche radikale Christin war die französische Philosophin Simone Weil (1909–1943), die um der Hungrigen willen selbst hungerte: So lange Kinder auf dieser Erde hungern, kann ich nichts essen – so ihr radikales Prinzip. Bekannter ist Albert Schweitzer, der das harte Nachfolgewort Jesu zu seinem Lebensmotto machte: „Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.“ (Mk 8,35). Nicht jeder kann, nicht jeder muss so sein.

Erntedank bedeutet auch: für die Menschen danken, die Jesus Christus ganz nachfolgen und uns den Weg zeigen, dem wir wenigstens nicht widersprechen sollen, wenn wir ihn auch nicht selbst in aller Konsequenz gehen können.

Es mag oft schon reichen, die richtigen, die menschlichen Fragen zu stellen. Die Jünger in unserer Geschichte fragen Jesus: „Wie kann sie jemand hier in der Wüste mit Brot sättigen?“ Und die Antwort unseres Herrn kann nur lauten: „Alle Dinge sind möglich, dem, der da glaubt.“ (Mk 9,23).
– Amen.

Erntedankfestpredigt 4. Oktober 2020 Deutsch