Amos 5,21-24

[So spricht Gott, der Herr:]

Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen –

es sei denn, ihr bringt mir rechte Brandopfer dar –,

und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen,

und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an.

Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder;

denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!

Es ströme aber das Recht wie Wasser

und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

 

Es könnte so schön sein, liebe Gemeinde!

Dieser Gottesdienst könnte so schön sein mit diesen wunderbaren Worten unserer ersten Lesung: Das Hohelied der Liebe.

Nun bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Das hören wir immer wieder gerne, es geht uns ans Herz.

Und dann singen wir gerne: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.

Aber dann kommt das Evangelium und trübt die erhabene Stimmung ein. Jesus lenkt den Blick auf seine Passion: Der Menschensohn muss viel leiden und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.

Es könnte so schön sein, nur von Glaube, Hoffnung, Liebe zu hören und nicht von Leiden und Sterben.

Es könnte so schön sein.

Und dann kommt noch dieser Abschnitt aus dem Buch des Propheten Amos mit seinen harschen Worten aus dem Munde Gottes:

Ich hasse und verachte eure Fest. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder!

Was für eine sonderbare Zusammenstellung von Lesungen!

Es könnte so schön sein – unser Leben.

Wir erleben viel Gutes, haben Menschen, die wir lieben, freuen uns an vielen Dingen.

Aber dann kommt eine Krankheit; und es ist nichts mehr wie vorher. Oder ein Mensch verletzt uns, wird uns genommen; Sicherheiten brechen uns weg. Von der unbeschwerten Jugend, vom ungebrochenen Optimismus von ungetrübter Lebensfreude bleibt nicht viel übrig.

Es könnte so schön sein – in unserer Welt.

Gott hat uns eine wunderbare Erde überlassen. Vor dem Funktionieren und Bestandhaben aller Naturgesetze kann man nur staunen. Die Schönheit eines Sonnenaufgangs, eines Eiskristalls oder einer Blüte kann einen immer wieder erfüllen und auf die Knie zwingen. Aber dann mischt sich der Kampf ums Überleben in dieses Bild. Tiere fallen übereinander her und zerfleischen sich. Viren und andere Mikroorganismen löschen das Leben anderer aus. Und der Mensch, die leuchtende Krone der Schöpfung, bedient sich so ungezügelt an den Ressourcen der Welt, dass der Lebensraum für alle eng wird.

 

Es könnte so schön sein.

Mein Freund und Bruder Erzbischof Ian Ernest war vorletzte Woche in Pakistan. Er hat begeistert erzählt von der Herzlichkeit und Lebendigkeit der dortigen Kirche. Er war gerührt, wie liebevoll er empfangen wurde. Es war wie in einem Traum, sagte er. Aber dann haben sie auch eine Kirche besichtigt, die letztes Jahr niedergebrannt worden war und daneben die vielen Häuser der Christen, die auch niedergebrannt wurden. Da bin ich wieder in der Realität angekommen, hat er gesagt.

 

Es könnte so schön sein, liebe Geschwister, die Liebe, das Leben, die Welt; aber das ist nicht die Realität. In die mischt sich das Störende, das Bittere oder geistlich gesprochen: die Sünde.

 

Wenn wir in der Kirche nur das Hohelied der Liebe anstimmten, dann würden wir nichts Falsches sagen, aber doch in einer Traumwelt bleiben, die mit der Welt da draußen nicht viel zu tun hat.

Es ist gut und richtig und wichtig, dass wir nicht nur von der Liebe singen, sondern auch: Lasset uns mit Jesus leiden. Denn damit gehen wir auf die Realität ein.

Damit treten wir in den Kampf ein, den Gott von Anbeginn der Zeit gegen das Böse kämpft.

Christen sind keine Traumtänzer, die sich in ihren Gebeten eine rosarote Traumwelt zusammenspinnen. Die gibt es zwar und die gab es immer wieder; und viele Religionskritiker sehen das.

Aber das geht nicht mit Jesus und mit Amos. Und das geht nicht einmal mit Paulus und seinem Hohelied der Liebe.

 

Dieser Sonntag zwischen Weihnachtszeit und Passionszeit zeigt das mit seinen Lesungen sehr klug.

So weit sind alle drei Texte nämlich gar nicht voneinander entfernt.

 

Es geht Paulus nicht um Romantik, um Stimmung oder eine oberflächliche Form der Liebe. Es geht ihm um die tiefste Form der Liebe, die die Grundlage all unseres Denkens und Handeln ist.

Es geht ihm um eine Vertiefung der Liebe.

Jesus zeigt mit seinem Worten vom Leiden und Sterben, was die Liebe kostet. Sie ist – zumindest für Gott – keine Stimmung, sondern tiefste Leidenschaft, Passion: Liebe, die alles auf sich nimmt, Liebe, die alles gibt. Niemand hat größere Liebe, sagt Jesus an anderer Stelle, als der, der sein Leben gibt für seine Freunde (Joh 15,13). Wer unter Liebe nur Verliebtsein in guten Tagen versteht, wird früher oder später enttäuscht.

Und schließlich rechnet Amos radikal  ab mit aller Oberflächlichkeit von Liebe oder Religion.

Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen. An euren Speisopfern habe ich kein Gefallen,

und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an.

Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder;

denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!

Das Problem für Gott sind weder die Festtage noch die Gottesdienste, weder das Opfer noch die frommen Lieder.

Das Problem ist, wenn alles nur oberflächlicher Schein ist und eingeübte Heuchelei. Das Problem ist, wenn das Herz nicht dabei ist, und der Alltag ganz anders aussieht.

Fehlt im Alltag die Liebe, wird das Opfer zum widerlichen Spiel und der fromme Gesang zum lästigen Gejaule.

Gott fordert Gerechtigkeit ein:

Es ströme aber das Recht wie Wasser

und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

 

Man hat es sich in der evangelischen Theologie mit der Kritik am Opferkult oft leicht gemacht. Überbordende Rituale, Opfergedanken, Weihrauch: Das sei ja alles katholisch. Die harsche Kritik der Propheten treffe die veräußerlichte Form katholischer Religion, nicht aber den vergeistigten nüchternen evangelischen Glauben.

Doch der genaue Blick auf die Worte des Amos zeigt, dass ja nicht nur Opfer, sondern auch die Gesänge angegriffen werden.

Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder;

denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!

Wie viel bildet sich die evangelische Kirche auf ihre Choräle, Kantaten und Oratorien ein. Wie viel machen im Gemeindeleben Chöre, Posaunenchöre und Orgelmusik aus?

Soll das alles weg?

Kirchenmusik ist wertloser Schein, wenn sie eine äußerliche Übung bleibt oder gar ein ganz und gar menschlicher Wettbewerb um Anerkennung.

Gott will auch hier das Herz. Wer „Lobe den Herren“ singt, muss den Herrn auch loben – mit Herz und Hand, mit Tat und Leben.

Gott will auch hier das ganze Herz.

Gottesdienst, Kult und Musik muss mit der Haltung im Alltag zusammengehen.

Es ströme aber das Recht wie Wasser

und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Sonst strömt gar nichts – weder die Liebe noch das Lob!

 

Wie soll das gehen?

 

Bernhard von Clairvaux (1090-1153) macht eine wichtige Unterscheidung zwischen Kanal und Schalenbrunnen:

 

 

In beiden strömt das Wasser reichlich.

Der Kanal lässt das Wasser einfach durchströmen.

Der Kanal gibt alles Wasser weiter.

Doch kommt nichts nach, dann ist er leer. Der Kanal kann nichts speichern und nichts halten.

Der Brunnen speichert das Wasser in seinen Schalen und er gibt es erst weiter, wenn es überläuft.

 

Bernhard schreibt:

„Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie erfüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.

Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott.“

 

Ein schönes Bild für die Liebe:

Nimm die Liebe von Gott und speichere sie in deiner Schale! Gib sie erst weiter, wenn du erfüllt bist und deine Speicher voll.

Lieben kann nur, wer gleichzeitig empfängt und gibt.

Sonst brennt er aus oder bleibt ganz bei sich selbst.

 

 

Niemand hat dieses Bild schöner ins Wort gesetzt als

Conrad Ferdinand Meyer in seinem Gedicht über den römischen Brunnen (1887):

 

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

 

Also, liebe Gemeinde am Scharnier zwischen Weihnachten und Passion, zwischen Freude und Ernst, zwischen Winter und Frühling:

Sei nicht Kanal, sondern Brunnen!

So kann deine Liebe echt und tief sein. So kann Gottesdienst und Alltag, Begegnung und Barmherzigkeit zusammenpassen.

So könnte unser Leben nicht nur schön sein, sondern so bleibt es auch schön, wenn die harte Realität uns einholt, weil uns das Wasser aus der göttlichen Quelle nicht ausgeht, sondern ewig strömt, weil unsere Liebe nicht oberflächliche Stimmung ist, sondern Schöpfen aus der Quelle, die nie versiegt. Amen.

Estomihi – Pfr. Dr. Jonas