Mt 25,1-12

Jesus sprach:

Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Brautjungfern,

die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen.

Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug.

Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit.

Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen.

 

Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.

Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!

Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig.

 

Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen.

Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zum Kaufmann und kauft für euch selbst.

 

Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen.

 

Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf!  Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.

Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.

 

Liebe Gemeinde,

es gibt kaum einen größeren Gegensatz:

Würden wir zwei Ereignisse gegenüberstellen, die die ganze Familie zusammenbringen, die aber emotional ganz weit auseinander liegen,

kämen wir auf Hochzeit und Beerdigung.

Das passt nicht zusammen. Das eine Fest ist heiter und fröhlich; das andere traurig.

Was ist da passiert, wenn wir heute – am Totensonntag – im Evangelium von einer Hochzeit hören?

Hochzeit und Trauer, junge Liebe und Tod, das liegt doch meilenweit auseinander.

Das passt nicht. Und wenn das im Leben zusammenkommt, dann ist es für uns nicht angenehm.

 

Als Pfarrer kann ich das manchmal erleben. Manchmal muss ich das ganz nah zusammen erleben. Eben noch auf dem Friedhof, dann im Gespräch mit einem jungen Paar. Eben noch am Sterbebett, dann in einer jubelnden Hochzeitsgesellschaft.

Aber das liegt für uns emotional ganz weit auseinander.

 

Die Hochzeit als das Fest, an dem das junge Leben pulsiert und die Beerdigung als das kalte Fest des Abschieds.

Das weckt bei uns Gefühle, die ganz unterschiedlich sind.

 

Diejenigen von Ihnen, die verheiratet sind oder waren, werden sich wohl gerne an Ihre Hochzeit erinnern. An den kalten Schmerz der Trauer nur ungern. Wie taub ist man in den Momenten, in denen einem erst klar werden muss, dass der geliebte Mensch wirklich tot ist. Wie in Watte gepackt fühlt man sich in den Momenten vor dem Sarg und am offenen Grab.

 

Was für uns meilenweit auseinanderliegt, bringt das großartige Evangelium des Totensonntags zusammen.

Hier ist von einer ganz besonderen Hochzeit die Rede, von einer Hochzeit, die nicht in unser Fotoalbum gehört, sondern von einer Hochzeit, die alles verändert: unser Leben und das Leben unserer Toten auch.

Deshalb ist es nicht unpassend, gerade heute von dieser Hochzeit zu reden, mit allem, was dazugehört:

Von einem Bräutigam, von 10 Brautjungfern, von einem rauschenden Fest.

 

Aber: Diese Hochzeitsgeschichte ist nicht leicht zu verstehen:

Während wir heute vielleicht vom schönen Brautkleid, vom guten Essen und vom feucht-fröhlichen Junggesellenabschied erzählen würden, können wir diese Hochzeitsgeschichte nur begreifen, wenn wir uns die damaligen orientalischen Hochzeitsriten klar machen.

Dann erst verstehen wir, was die Jungfrauen sollen, die Lampen in der Nacht und das ausgehende Öl.

Und dann kann auch erst klar werden, was die provokativen Elemente in der Geschichte sollen: Dass der Bräutigam zu spät kommt, dass die klugen Jungfrauen nicht teilen wollen und dass die Tür zum Festsaal am Ende verschlossen ist.

In diesen Tagen las ich in der Pfarrerzeitschrift von einem Kollegen, der meinte, diese Geschichte sei so provokativ, dass er die empörenden Züge bei der Predigt weglassen müsse und – Zitat: „das Gleichnis im Sinne des Ethos der Nächstenliebe“ umdeuten wolle, weil diese bösen Jungfrauen ihr Öl nicht mit den anderen teilen wollen, und schon macht er den Vergleich mit den raffgierigen amerikanischen Ölkonzernen auf.

Dieser Kollege hätte wohl erstens einmal gründlicher das Neue Testament studieren sollen und sich zweitens darüber klar sein, dass das Wort Gottes über dem Prediger steht. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder umdeutet und weglässt, was ihm nicht passt?

 

Wenn diese seltsame Hochzeitsgeschichte provoziert und aufrüttelt, dann soll sie das tun, und dann ist es der lebendige Gott selbst, der uns in unserer todesgezeichneten Welt ein wenig aufweckt, nicht nur unsere Toten, sondern auch uns, die wir die Mehrheit der Zeit doch so leben, als wäre der Tod eine ferne Realität und als wären die Probleme unseres Alltags die einzigen Sorgen.

Wachet auf, ruft uns die Stimme!

Es geht auch um uns!

 

Schauen wir uns das Gleichnis also an:

 

Die 10 Brautjungfern mit ihren Lampen gehören dazu. Denn im damaligen Israel beginnen die mehrtägigen Hochzeitsfeierlichkeiten schon am Vorabend. Der Bräutigam kommt aus seinem Elternhaus und zieht zum Haus der Braut, um sie dort abzuholen. Wenn er in Sichtweite ist, gehen ihm vom Brauthaus her die Brautjungfern entgegen. Mit ihren brennenden Lichtern geben sie dem Zug einen festlichen Glanz und geleiten den Bräutigam in das Haus seiner Braut.

Ganz schön peinlich, wenn dann nicht alles parat ist.

Solch einen wichtigen Tag der engen Freundin will man nicht vermasseln. Jeder Trauzeuge, der heutzutage schon einmal die Ringe vergessen hat, ahnt das Gefühl.

 

Aber beginnt die Peinlichkeit nicht schon damit, dass der Bräutigam so lange auf sich warten lässt? Auch solche Peinlichkeiten kennen wir aus verschiedenen Filmen. Warum kommt er so spät? Ist das nicht eine große Unverschämtheit, das erste Anzeichen dafür, dass es sich um keinen zuverlässigen Ehepartner handeln wird?

Ganz im Gegenteil: Im Orient wurde vorher um den Brautpreis gehandelt. Der Bräutigam hatte zuvor in seinem Elternhaus mit dem Brautvater zu feilschen, welche Geschenke die Brauteltern für die Freigabe ihrer Tochter erhalten. Und Feilschen ist im Orient ein Akt der Höflichkeit. Je länger gefeilscht wird, desto ehrenhafter ist der Bräutigam. Im Haus der Braut würde man einen schnell ausgehandelten Ehevertag als schwere Kränkung empfinden.

In unserem Gleichnis muss der Bräutigam ein überaus höflicher Mann gewesen sein. Denn sein Zug zu Braut lässt lange auf sich warten. Die Verzögerung zeigt umso mehr, welch großartiger Partner da zu erwarten ist.

 

Nun wird es nicht nur dunkel, sondern auch spät. Kein Wunder, dass die Jungfrauen schließlich einschlafen, und zwar alle zehn.

Und während sie schlafen, brennen ihre Öllampen und brennen und brennen… Wer könnte sie dafür tadeln? Das Gleichnis tut es jedenfalls nicht.

Ein gesunder Schlaf ist notwendig. Nur wenn im Schlaf entspannen kann, vermag nachher auch wieder hellwach zu sein. Wir brauchen den Schlaf, um Kraft aufzubauen für das wache Leben.

Es gibt allerdings auch eine überangestrengte Frömmigkeit, die meint allezeit wachen zu müssen. Doch wer immer und überall wacht, der wird niemals hellwach, sondern allenfalls misstrauisch und nervös und nörgelnd: eine mit sich selbst und mit der Welt unzufriedene Person.

Der Teufel liebt eine solche Frömmigkeit, die sich in ihrem Willen zum pausenlosen Wachsein hoffnungslos übernimmt und nicht anerkennen will, dass Gott es den Seinen auch im Schlaf gibt.

Auf den Schlaf lassen wir nichts kommen! Gegen den ist nichts zu sagen.

 

Entscheidend ist, dass man im richtigen Augenblick wach ist!

Entscheidend ist, dass man dabei ist.

Und wenn es um Gott geht, dann ist Dabeisein alles.

Doch dazu ist allerdings noch ein bisschen mehr nötig als ein gesunder Schlaf zuvor.

Dazu muss man vor dem Einschlafen seine eigene Lebenswelt halbwegs in Ordnung gebracht haben. Es gibt Dinge, die kann man hinterher überhaupt nicht mehr in Ordnung bringen.

Und dann sieht man plötzlich die traurigen Konsequenzen über sich hereinbrechen und steht blöd da. So wie jene fünf Jungfrauen, die Jesus die Törichten, die Dummen nennt, weil sie durch ihr verantwortungsloses Verhalten ausgesprochen trostlose Konsequenten heraufbeschworen haben. Sie verpassen die traumhaft schöne Chance den Hochzeitszug anzuführen. Und die Konsequenz: Sie bleiben ausgeschlossen vom Fest. Selbstverschuldete Einsamkeit.

 

Was war ihr Fehler? Das Einschlafen kann es nicht gewesen sein. Das Warten fiel allen schwer.

Das Problem der fünf törichten Jungfrauen war: Sie hatten zu wenig Öl.

Sie nahmen deshalb kein Ersatzöl mit, weil sie ganz genau zu wissen glaubten, wann der Bräutigam kommt. Ihr Warten ist ganz genau kalkuliert: Dann und dann muss er kommen. Und dieses Verhalten ist verantwortungslos.

Wer so auf Gott wartet, dass er ihn und sein Kommen im Griff hat, dessen Frömmigkeit ist berechnend.

Wer so auf Gott wartet, macht sich selbst zum Herrn des Verfahrens. Der ist in all seiner Frömmigkeit ein berechnender Egoist.

Doch da, wo er sich um die ganz und gar weltlichen Dinge kümmern soll, da, wo er wirklich berechnen soll, da versagt er kläglich.

Und eben deshalb versagt er auch vor Gott. Denn wer seinen irdischen Aufgaben nicht gerecht wird, wer nicht mit allem Fleiß seinen Aufgaben auf der Erde treu bleibt, der verfehlt auch das Himmelreich.

Und umgekehrt: Wer Gottes Souveränität bejaht, wer ihm den Zeitplan für Leben und Sterben überlässt, der bleibt ganz von selbst der Erde treu.

Klug nennt die Bibel die Menschen, die die Augen aufmachen und genau hinsehen. Wer der Erde treu bleibt, der macht die Augen auf in unserer Welt und sieht genau hin.

Die Törichten tun das Gegenteil. Sie lassen sich weder von den Notwendigkeiten der Welt, noch von Gottes Möglichkeiten beeindrucken. Der Törichte verlässt sich auf sich selbst. Und gerade deshalb scheitert er.

 

Doch zurück zu den klugen Brautjungfern: Warum geben sie nicht von ihrem Ersatzöl ab? Hat uns Jesus nicht gelehrt zu teilen?

 

Dieses Öl, liebe Gemeinde, kann nicht geteilt werden. Es ist der persönliche Glaube. Das Öl, das unsere Lampen vor Gott brennen lässt, ist der persönliche Glaube und keine Sache, die wir teilen oder abgeben könnten.

Ich kann nicht sagen: „Ich glaube für dich mit.“ Glauben kann man nicht für andere. Glauben wie Lieben kann man nur selbst; das kann man nicht an andere delegieren.

Hier steht jeder für sich alleine vor Gott. Und auch das ist eine wichtige Information für den Moment, in dem wir vor unseren ewigen Richter treten.

Da kann ich nicht sagen: „Meine Mutter hat an dich geglaubt.“ Oder: „Meine Kinder zünden immer eine Kerze für mich an.“ Oder: „Mein Pfarrer hat so und so geglaubt.“

Nein: Hier stehst du allein. Und hier kommt es ganz auf dich und deinen Glauben an.

Stehst du mit brennendem Licht vor Jesus? Oder ist dein Glaubenslicht schon lange ausgegangen?

 

Am Ende unserer Geschichte heißt es den törichten Jungfrauen gegenüber hart und unmissverständlich: Ich kenne euch nicht.

Er kennt sie ja wirklich nicht. Sie waren nicht dabei, als man ihn empfing und im festlichen Schein der Lampen zum Hochzeitshaus geleitete.

Sie waren nicht dabei, als es darauf ankam, dabei zu sein. Sie waren nicht dabei, als nun wirklich galt. Dabeisein ist alles. Sie standen sich selber im Wege – vielleicht das schlimmste aller Hindernisse. Sie haben sich in ihrer unsäglichen Dummheit selber ausgeschlossen. Sie sich selbst.

 

Doch dieses Ende, liebe Gemeinde, wird uns von Jesus nur erzählt, dass wir uns von Anfang an anders verhalten: nämlich so, dass der Teilnahme an Gottes Fest nichts im Wege steht – auch wir selbst nicht.

Und so lenkt dann das Gleichnis am Ende unseren Blick wieder auf den Anfang zurück, also zu der Einladung, den kommenden Jesus zu dem Fest, das er für uns bereitet hat, hellwach zu begleiten.

 

Wir sind am Totensonntag versammelt und haben jetzt viel über eine Hochzeit geredet.

Will Jesus damit etwa so etwas Verrücktes sagen, dass Tod so etwas wie Hochzeit ist?

Ja: Da wird zusammengeführt, was vorher nicht zusammen war.

Wie bei einer klassischen Hochzeit, bei der die Braut in ein neues Haus, in das Haus ihres Bräutigams zieht, bei der eine neue Lebensbeziehung entsteht.

Kann in unseren Fragen um unsere Zukunft, in unseren Zweifeln um das Schicksal unserer Toten eine bessere Perspektive geben als die einer Hochzeit, zu der wir geladen sind?

Dann gilt für unsere Toten wie für uns dasselbe:

Wir müssen ihm entgegengehn!  Amen.