Jesaja 65, 17-19.23-25

Gott, der Herr, spricht durch den Propheten Jesaja:

Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen,

dass man der vorigen nicht mehr gedenken wird

und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

Freut euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe.

Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen

und sein Volk zur Freude.

Und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk.

Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens,

noch die Stimme des Klagens.

Sie sollen nicht umsonst arbeiten

und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen;

denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn

und ihre Nachkommen sind bei ihnen.

Und es soll geschehen:

Ehe sie rufen will ich antworten. Wenn sie noch reden, will ich hören.

Wolf und Schaf sollen beieinander weiden;

der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind,

aber die Schlange muss Erde fressen.

Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun

auf meinem ganzen heiligen Berg, spricht der Herr.

 

Liebe Gemeinde!

Mit dem Tod wird alles anders.

Mit dem Tod wird alles anders: Diese Erfahrung werden diejenigen gemacht haben, die einen lieben Mitmenschen verloren haben.

Das ganze Leben verändert sich. Vieles, was auf den anderen ausgerichtet war, wird hinfällig. Vieles, was man gemeinsam getan hat, macht keine Freude mehr. Alles, was der andere gesagt und getan hat, rückt ist die Vergangenheit.

 

Mit dem Tod wird alles anders.

Das gilt auch für die Toten selbst. Wie auch immer wir die Toten bestattet haben, wie auch immer wir uns ein Weiterexistieren nach dem Tod vorstellen: Es wird auf jeden Fall ganz anders sein als das biologische Leben auf dieser Erde.

Wie auch immer wir uns die Gegenwart und die Erinnerung einer verstorbenen Person bei uns wünschen, so kann doch niemand leugnen, dass die verstorbene Person eben nur noch anders da ist.

 

Mit dem Tod wird alles anders.

Und dies sagt nun drittens auch die Heilige Schrift.

Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, spricht Gott.

Und wir erinnern uns an die Worte aus dem letzten Buch der Bibel in der Lesung, in der der Auferstandene auf dem Thron spricht:

Siehe, ich mache alles neu!

 

Auch der Bibel scheint es wichtig zu sein, dass alles anders werden muss, dass es so, wie es hier ist, nicht weitergehen kann.

Paulus sagt es so:

Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht ererben; auch kann das Verwesliche nicht die Unverweslichkeit erben. (1Kor 15,50)

Mit dem Tod muss eine Veränderung eintreten.

Einfaches Weiterführen dieses irdischen Lebens oder die Fixierung dieses biologischen Lebens bis in alle Ewigkeit wäre die Hölle. Er reicht schon, sich vorzustellen, dass man – so wie man ist – zusammen mit anderen auf ewig in einen Raum gesperrt ist. Jean-Paul Sartre hat das in seinem Drama „Huis clos“ durchgespielt.

Wer an eine Auferstehung, an ein seliges Weiterleben auf ewig glaubt, der muss auch an eine grundsätzliche Veränderung glauben.

Mit dem Tod muss alles anders werden.

 

Wir brauchen einen neuen Himmel und eine neue Erde.
Wir brauchen einen völlig anderen Kontext, in dem wir leben.

Und wir brauchen einen völlig anderen Körper, in dem wir – ohne jedes Leiden – für die Ewigkeit gerüstet sind.

Unser Körper – da wird jeder Wissenschaftler zustimmen – ist nicht für die Ewigkeit gemacht. Und unsere Erde auch nicht.

 

Am Ende muss also alles anders werden. Das Leben unserer Toten, unser Leben, wenn wir einmal sterben, die Erde und sogar der Himmel.

 

„Kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat je gehört solche Freude“, haben wir gesungen (EG 147,3).

 

Und vielleicht kennen Sie die mittelalterliche Anekdote von den zwei Mönchen, die ausmachten, dass der, welcher zuerst stürbe, dem anderen im Traum erschiene und ihm in einem Wort sage, wie es im Jenseits sei.

Entweder „taliter“ oder „aliter“: Entweder so, wie man es sich vorstellt, oder anders.

Und nachdem der erste gestorben war erschien er dem anderen tatsächlich im Traum und sagte sogar zwei Worte

„Totaliter aliter!“ – Es ist vollkommen anders als in unserer Vorstellung!

 

Mit dem Tod wird alles anders.

Nicht nur ein bisschen, sondern total.

Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen,

 

Das ist alles wahr. Und das klingt alles auch gut.

Aber es macht uns ja auch Angst.

Denn radikaler Neuanfang, denn völlige Ungewissheit, denn vollkommenes Umkrempeln aller Realitäten – das überfordert uns. Das irritiert uns.

Der Mensch braucht – gerade in Situationen des Abschieds oder des Abbruchs – etwas, das bleibt.

Der Mensch braucht Verlässlichkeit, Kontinuität, etwas, an dem wir uns festhalten können.

Wir sind nur bedingt getröstet, dass unsere Verstorbenen nun in einer ganz anderen Realität sind; wir hätten gerne noch etwas von ihnen, das bleibt; was so ist wie früher, dass sie noch die sind, die wir kennen, dass wir wieder in das Angesicht schauen können, das uns so vertraut war.

 

In all dem Wechsel sehnen wir uns nach Kontinuität, nach etwas, das bleibt, das Bestand hat, an dem wir uns festhalten können.

Das gilt auch für die kleinen und großen Abschiede in unserem Leben, an die Ortwechsel und Etappen, die wir beenden.

Hat unser Gotteswort aus dem Munde des Propheten Jesaja tatsächlich nur den radikalen Neuanfang Gottes zu bieten, der alles anders macht, als wir es kennen?

 

Liebe Gemeinde,

in unserem Wort heute vom neuen Himmel und der neuen Erde steckt mehr Kontinuität, als wir auf den ersten Blick erkennen.

Es ist der Schöpfer dieser Welt, der das Neue schafft!

Mehrfach wird das selbe Wort für „schaffen“ verwendet, das wir auch aus der Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel und am Anfang der Zeit kennen: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde… und die Pflanzen und die Tiere und den Menschen als Mann und Frau.

Der neue Himmel und die neue Erde sind keine unberechenbaren apokalyptischen Phänomene.

Sie sind Werke des einen Schöpfers, der uns kennt, der uns gemacht hat, und der auch unsere Verstorbenen geschaffen hat.

Neuer Himmel und neue Erde: Das ist kein vollkommen fremder und ferner Raum, sondern der Kontext, in den uns der eine Schöpfer stellt, der immer derselbe ist: Derselbe, als der die Welt geschaffen hat, derselbe, als er uns geschaffen hat, und derselbe, wenn er aus diesem Leben in einen neuen Kontext ruft.

Liebe Geschwister, deshalb – und nur deshalb! – gibt es Kontinuität zu einem Jenseits, wie immer das auch aussehen mag!

Weil es der eine Schöpfer ist, der uns hier geschaffen hat und der uns auch bei sich im Himmel so haben will, wie er uns gemacht hat, deshalb haben wir die verwegene Hoffnung, dass wir uns im Jenseits wiedersehen und als die erkennen, die wir auf dieser Erde waren.

 

Mit anderen Worten gesagt:

Das Angesicht, das Gott jedem Menschen gegeben hat, ist so einzigartig und so kostbar, dass Gott es erhalten will, dass er wie die Bibel sagt, ewig in dieses Angesicht schauen will.

Das Angesicht des Menschen wird geheilt sein, gereinigt und verschönert.

Aber es wird eben als konkretes und individuelles Angesicht erhalten bleiben.

Sonst machte die bekannte Jenseitsaussage „Ich will alle Tränen abwischen von ihren Augen“ ja gar keinen Sinn.

Wie wollte Gott denn Tränen von einem Gesicht abwischen, wenn der Mensch im Nichts aufginge, oder als Tropfen im Meer oder als nicht greifbares Schattenwesen.

Das ist keine gefühlsduselige Metapher. Das ist ein Indiz dafür, dass Gott die Person als einzigartiges und kommunizierendes Wesen erhält.

Das Angesicht, das Gott dir gegeben hat, ist ihm so kostbar, dass er es in Ewigkeit anschauen will. Er will mit dir reden von Angesicht zu Angesicht.

Er will das, was er einmal geschaffen hat, nicht verwerfen, sondern erhalten.

Gott wirft uns Sünder nicht weg, wie ein Künstler ein misslungenes Werk verwirft und sich einem neuen widmet.

 

Unsere Verheißung sagt ja nicht: Ich will neue Menschen schaffen, sondern einen neuen Kontext, eben neuen Himmel und eine neue Erde.

 

Und dieser vollkommen neue Kontext (aliter totaliter) muss uns keine Angst machen, weder für unsere Toten noch für uns, denn der Schöpfer dahinter ist der, den wir kennen.

„Freut euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe.“

Es ist immer derselbe Gott, der am Werke ist: Am Anfang des Universums, jetzt, wenn er die Welt durch das Bestehen der Naturgesetze am Bestehen hält, und dann, wenn er uns in einen neuen, heilen Kontext stellt.

Creatio continua, ständig fortdauernde Schöpferkraft, nennt das die christliche Lehre. Und sie wird uns wohl an keinen Bibeltext so wertvoll wir wie an diesem heute. An Gottes ewiger, andauernder Schöpfermacht habe wir Anteil jetzt in diesem Leben und in jeder anderen Existenzweise.

 

Glaube an die Auferstehung der Toten ist keine verrückte Idee und auch kein Produkt menschlichen Wunschdenkens.

Glaube an die Auferstehung ist das Zu-Ende-denken des Glaubens an Gott den Schöpfer des Himmels und der Erde. Denn wenn es diesen Schöpfer gibt, und wenn er allmächtig ist, und wenn seine Geschöpfe will, dann wird er sie auch nach 70 oder 80 Jahren nicht einfach fahren lassen.

Es ist kein Zufall, dass unser Abschnitt aus dem Jesaja-Buch bei seiner Zukunftsschilderung auch von den Tieren spricht, einem Thema, das uns bei Tod und Jenseits ja nicht gerade von selbst in den Sinn kommt.

 

Wolf und Schaf sollen beieinander weiden;

der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind,

aber die Schlange muss Erde fressen.

 

Und auch das ist kein metaphorischer Fehlgriff, sondern wird erst verständlich, wenn wir an die erste Schöpfung denken. Der Schöpfer hat ja nicht nur Menschen geschaffen, sondern auch Pflanzen und Tiere.

Und auch diesen wird ein neuer, ein geheilter Lebenskontext versprochen.

Das ursprünglich gedachte, aber verlorene Paradies.

Der Schöpfer hat diese Idee keinesfalls aufgegeben: weder für uns Menschen, noch für die Tiere, noch für diesen ganzen abdriftenden Planeten.

Das sollte uns Hoffnung machen nicht nur für den Totensonntag, sondern auch im Klimawandel.

 

Was unser Gott geschaffen hat, das will er auch erhalten.

Daran können wir uns festhalten.

Wenn wir Menschen durch den Tod verlieren.

Wenn wir selber in die Zukunft taumeln.

Wenn wir überhaupt fragen, was unser Leben bringt.

 

Wir sind nicht im Paradies.

Aber der Landschaftsgärtner dieses Paradieses will uns bei sich haben.

Und sein Sohn, der vermeintliche Gärtner im Garten der Auferstehung, nimmt uns auf dem Weg dorthin an die Hand.

Das ist die Kontinuität und Verlässlichkeit, die wir brauchen.

Amen.

Ewigkeitssonntag – Pfr. Dr. Jonas