Johannes 16, 5-15

„Du bist von allen guten Geistern verlassen!“

Liebe Gemeinde, das wird gesagt, wenn jemand unvernünftig, eigensinnig und nicht mehr nachvollziehbar handelt oder spricht.

„Du bist von allen guten Geistern verlassen!“

Gilt das auch von uns Christen? Sind wir unvernünftig und realitätsfern?

Und sind wir nicht vor allem das: Verlassen! Ohne einen sichtbaren Gott, nach der Himmelfahrt Jesu ohne einen anwesenden Herrn, vor Pfingsten ohne den Heiligen Geist!

Dieser Sonntag nach Himmelfahrt und vor Pfingsten beschäftigt sich ganz ehrlich mit der Verlassenheit der Nachfolger Jesu.

Und wir können diese Realität auch einmal ohne fromme Hemmungen durchdenken. Unser Gott ist ein unsichtbarer Gott. Wir können ihn nicht beweisen; und wir wünschten uns oft sein handfestes Eingreifen.

Und das, was das Besondere und Einzigartige am Christentum ist, nämlich die Sichtbarkeit, Greifbarkeit und Nähe Gottes in Jesus Christus, ist auch historische Vergangenheit.

Jesus geht nicht mehr Seite an Seite mit uns durch die Lande wie einst mit seinen Nachfolgerinnen und Jüngern.

Jesus hat sie mit seiner Himmelfahrt, mit seiner Rückkehr zum Vater zurückgelassen.

„Ihr habt nun Traurigkeit.“, sagt Jesus in seinen Abschiedsreden zu seinen Jüngern. (Joh 16,22). Der Abschied Jesu von seinen Jüngern wird nicht einfach verklärt. Das Thema der Distanz und der Unsichtbarkeit Gottes und auch Jesu wird thematisiert. Darüber wird gesprochen.

 

Das Himmelfahrtsfest ist in unserem kirchlichen Kalender ja eines der als unbestimmt empfundenen, nicht wirklich bewusst gefeierten Feste. Es ist neben Pfingsten das Fest, das wir besonders schwer in unsere Gesellschaft hinein vermitteln können.  Säkularisiert hat man es in Deutschland zum „Vatertag“ gemacht; in Italien ist es kein Feiertag mehr.

 

Und ich gebe zu, dass das Fest der Himmelfahrt auch für den verstehenden Glauben ein schwer greifbares Fest ist, denn es ist von einer Ambivalenz bestimmt – einer Zweiseitigkeit der Bedeutung und Mehrdeutigkeit der Erfahrung.

Es ist das Fest des Abschieds, der Veränderung, des Wechsels und Wandels. Und Veränderungen werden von uns ambivalent wahrgenommen.

Gewiss, wir erinnern uns in unserem Leben an Veränderungen, die vielleicht frei von Ambivalenzen waren. Als wir vom Kindergarten in die Schule kamen oder dann nach dem Abschluss aus der Schule heraus und weg von Zuhause; als wir den Führerschein machten; als wir eine Berufswahl nach eigener Wahl trafen; als wir den Wohnort veränderten, so wie wir es wollten; als wir endlich die Arbeitsstelle hatten, die wir uns

erträumten.

All diese Veränderungen ließen wohl unsere Eltern, unsere Erzieher und

Lehrer mit Tränen in den Augen zurück, uns aber sahen sie nur voller Freude und Erwartung.

Lebensgewinn und die Steigerung von Entfaltungsmöglichkeiten sind immer Veränderungen, die uns ohne Ambivalenz hoffnungsvoll und zuversichtlich machen.

Aber sind nicht die meisten Veränderungen unseres Lebens, unserer Gemeinschaft und Umwelt immer zugleich beim Ergreifen auch mit einem Loslassen verbunden?

Beim Begrüßen mit Verabschieden und beim Gewinn mit Verlust?

Da stellt sich dann die Frage, was uns in einer Situation der Veränderung vorrangig bestimmt: die Perspektive des Lebensgewinns oder der Blickwinkel der Angst vor dem Verlust von Sicherheit und Gewissheit, von Geborgenheit, Glück und Bestätigung?

 

 

Die Worte Jesu aus den sogenannten „Abschiedsreden“ im Johannesevangelium, aus denen wir heute einen Abschnitt gehört haben, wollen uns zwar trösten, bleiben aber – für sich genommen – immer wieder ein wenig theoretisch.

„Es ist gut für euch, dass ich weggehe.“, sagt Jesus. „Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch.“

Wenn dieser Tröster aber kommen wird, der Geist der Wahrheit, wird er euch in alle Wahrheit leiten.“

 

Das sind schöne Worte, aber doch auch sehr anspruchsvolle, sehr philosophische Worte.

Ich denke, wir können diese wichtigen Worte leichter verstehen, wenn wir sie zusammensehen mit dem, was der Johannesevangelist auch berichtet, nämlich den konkreten Erlebnissen, die die Nachfolgerinnen und Jünger nach diesen Abschiedsreden Jesu hatten.

Dadurch wird manches klarer, was Abschied, was Wahrheit, was Trost heißt.

 

Haben wir uns wohl je bewusst gemacht, was in den ersten Jüngern, noch mehr in den Frauen, die Jesus in Treue bis zum Kreuz und bis zu seiner Beerdigung so nahestanden, – was in diesen Männern und Frauen vorgegangen sein muss, als sie ihren geliebten Herrn loslassen mussten?

 

Es heißt, dass Maria am Sonntagmorgen, am dritten Tage nach der Kreuzigung, zum Grab kam. Nicht, dass sie dort Leben und Zukunft erwarten konnte. Aber es ging ihr, wie auch wir es erleben, wenn wir immer wieder zu einem Grab gehen oder auch zu einem Ort mitten im Wald, an dem ein geliebter Mensch tödlich verunglückt ist.

Wir können die Zukunft nicht greifen, aber wenn wir keine hoffnungsvolle Zukunft mehr sehen, versuchen wir wenigstens die Vergangenheit zu vergegenwärtigen. Wie schockierend muss es da für Maria gewesen sein, dass sogar der Ort ihrer Erinnerung zerstört schien, dass der Grabstein weggerollt war und man offensichtlich selbst ihrem verstorbenen Herrn keine Ruhe ließ. Selbst ihre Erinnerungen wurden noch irritiert und gefährdet.

Sie blieb am Grab stehen und konnte nicht anders, als ihrer Verzweiflung in Tränen Ausdruck zu verleihen.

Dort sieht sie nun durch ihre Tränen hindurch zwei Engel – so wird eindeutig gesagt, um gar kein Missverständnis aufkommen zu lassen. Göttliche Boten werden ihr geschickt, um ihr die entscheidende Frage zu stellen: Frau, was weinst du?

Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

Hören wir in diesen Worten diesen ganzen Schmerz des Verlustes und der Trennung?

Sie haben mir meinen Herrn weggenommen.

Gewiss auch die Fischer vom See Genezareth hatten Grund, sich dankbar zu erinnern. Auch sie haben eine Lebensveränderung erfahren, weg von ihren harmlosen Fischernetzen, hin zu Menschenmassen, die sie – gleichsam als „Menschenfischer“ – erreichen durften. Was für eine Veränderung, was für ein Lebensgewinn durch die Nachfolge Jesu!

Durch den Gottessohn befreit und geheilt zu werden, von all den Banden befreit: welcher Lebensgewinn!

Doch nun welche Verzweiflung, wenn ausgerechnet der, der ihr Leben, ihre Freiheit, ihre Hoffnung verkörpert hat, auf so grässliche Weise weggerissen wird.

 

„Sie haben mir meinen Herrn weggenommen.“

Wie viele unter uns könnten dies mit Maria beten?

Sie haben mir meinen Herrn weggenommen!

Wie viele können sich an Zeiten der Hoffnung – die Bibel sagt: an Zeiten der „ersten Liebe“ – in ihrem Glauben erinnern? Zeiten, der noch ganz ungetrübten Glaubensgewissheit, der Zuversicht in Gott und in das eigene Leben, einer Vergangenheit, die noch von Osterfreude bestimmt war und von dem Jubel: „Lobe den Herren!“, weil wir uns freuten, dass er König geworden ist und wir mit ihm im Leben herrschen.

Aber das entspricht nicht mehr unseren gegenwärtigen Gefühlen, es entspricht nicht mehr unserer jetzigen Erfahrung.

Manche jungen Menschen mögen klagen:

Sie haben mir meinen Herrn weggenommen! Manche sind durch Predigten irritiert, viele aber durch das Leben, die unerhörten Gebete, die Enttäuschungen und Kränkungen durch Menschen, die Erfahrung von Leid – vielleicht aber auch einfach nur durch die Erfahrung von Überdruss und Sinnlosigkeit unseres Alltags.

Als Maria so vor dem Grab stand, wandte sie sich um und sie sieht Jesus stehen, aber sie weiß nicht, dass es Jesus ist – sie hält ihn für den Gärtner. Das Grab Jesu lag in einem Garten (Joh 19,41); und wer sonst sollte sich schon morgens bei Sonnenaufgang in einem Garten zu schaffen machen? Und nun kommt es zu einem Dialog, der an Feinsinnigkeit nicht zu übertreffen ist. Frau, was weinst du? Wen suchst du? Es fragt der auferstandene, gegenwärtige Herr seine Jüngerin Maria: Wen suchst du? Während Maria weint und zweifelt und klagt und nur im Augenwinkel eine Person neben sich ahnend wahrnimmt, steht der Auferstandene selbst neben ihr und spricht mit ihr!

 

Haben Sie nicht auch schon gefragt, warum Maria ihn nicht erkannt hat, warum auch die Emmaus-Jünger den auferstandenen Jesus nicht erkannt haben?

Warum wird es in den Ostererzählungen so spannend gemacht? –

Uns zuliebe!

Die Leser des Evangeliums mögen zunächst lachend den Kopf schütteln und sagen: Wie kann man nur so dumm sein, wie kann man bloß so blind sein!

Um plötzlich zu ahnen: Achtung, hier geht es nicht um eine ferne Geschichte, hier geht es um mich selbst. Ist der Herr des Lebens mir in meinen Tränen vielleicht nicht auch viel näher als ich es ahne?

Ist mein Klagegebet und mein Weinen vor ihm,

sind meine Zweifel und meine Anschuldigungen gegenüber Gott nicht vielleicht an den bereits Lebendigen und Anwesenden gerichtet?

Beklage ich mich etwa bei dem, der schon gegenwärtig und mir zugewandt ist?

Dann hätte ich in Wahrheit nicht das Problem der Verlassenheit und des Lebensverlustes, sondern der mangelnden Wahrnehmung und Erkenntnis meiner wahren Situation.

Aber Maria legt noch nach. Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast, dann will ich ihn holen? Haben wir uns das einmal bildlich vorgestellt? Wie sollte denn eine einzelne Frau einen toten Männer-Leichnam tragen können?

 

Was für ein Bild: Maria,

die schwache Frau, möchte diesen toten Jesus durch den Garten tragen.

Sie möchte mit dem gekreuzigten, gestorbenen Jesus dort durch den Garten gehen, um ihn an seinen alten Ort zu bringen. Ein beklemmendes Bild, eine Mitleid erregende Vorstellung!

Aber ist es nicht ein Gleichnis für unser Verständnis von Glauben? Für unsere Vorstellung von Lebensbewältigung?

Haben wir nicht allzu oft versucht, den abwesenden Herrn in die Welt zu tragen?

Wollten wir nicht Stellvertreter für unseren gekreuzigten Herrn sein und ihm zur Hilfe kommen? Und der Lebendige steht neben uns, und schüttelt wohl ob all unserer verzweifelten Mühe den Kopf und sagt:

Warum plagst du dich so? Warum versuchst du, das zu sein, was nur ich sein kann?

 

Christsein ist nicht leicht; es ist aber auch nicht nur schwer – Christsein ist für uns unmöglich.

Christsein, den Glauben persönlich, ethisch und theologisch bezeugend glaubwürdig leben kann nur einer: der auferstandene Christus selbst – in uns, bei uns und mitten unter uns. Manchmal gründen unsere Erschöpfung und Niedergeschlagenheit nicht in unserem Mangel an Stärke, sondern in dem Übermaß und der Unverhältnismäßigkeit unserer Belastung.

 

Sind wir vielleicht so müde geworden von unserem Glauben, weil wir mit Maria missverstanden haben, es sei unser Aufgaben, uns in dieser Welt für unseren Herrn aufzureiben und den abwesenden Gekreuzigten mutig und treu in die Welt zu tragen?

 

Er ist nicht abwesend! Er ist gegenwärtig!

Gegenwärtig in meiner Anfechtung, gegenwärtig in meinem Verlust, gegenwärtig in meiner Krankheit und in meiner Trauer.

 

Glaube bedeutet nicht Loslassen, sondern Glaube bedeutet Ergreifen. Glaube bedeutet nicht Verlieren, sondern Glaube bedeutet Finden.

Nur – wie will ich ergreifen, wenn ich noch verkrampft an Vergangenem festhalte?

Wie will ich gewinnen, wenn mein Auge noch ganz auf den Verlust fixiert ist?

Es gilt, die Vergangenheit loszulassen, um die Zukunft zu gewinnen!

Denn was so bewegend an dieser Erzählung ist, das ist die nachdrückliche

Frage Jesu: Wen suchst du? Das scheint doch auf der Hand zu liegen: Maria sucht Jesus.

Aber das kann nicht sein, dass sie wirklich ihn sucht, denn er steht ja vor ihr und sie erkennt ihn nicht.

Und wenn wir genau antworten, dann müssen wir wohl zugeben, sie sucht nicht Jesus – sonst würde sie ihn erkennen – sie sucht ihre Erinnerung, ihre Erfahrung, ihre Vergangenheit mit dem irdischen Jesus.

Und um ihrer Vergangenheit willen ist sie nicht bereit und fähig, den Kommenden zu begreifen und den Gegenwärtigen neu zu erfahren. Der Verlust von Ursprünglichkeit bringt uns oft zu einem rückgewandten Klammern an früheres Erleben und Erkennen. Und dabei ist er, dieser selbe

Jesus in neuer Gestalt bereits persönlich bei uns und an unserer Seite. Glaube ist nicht Loslassen, Glaube heißt ergreifen.

Aber so wie Maria den irdischen Jesus und ihr Bild von ihm loslassen musste, um den Auferstandenen, der zu seinem Vater geht, ergreifen und begreifen zu können, so ist von uns gefordert, dass wir unser Leben ihm loslassen und hingeben, damit wir es von ihm in neuer Gestalt empfangen. Loslassen, um ihn zu ergreifen.

Abwenden, um uns ihm zuzuwenden.

Jesus sagt: Es ist gut für euch, dass ich weggehe.

Jesus sagt zu Maria:

Du kannst mich nicht festhalten in deiner Erfahrung, in deinem Gefühl, in dieser Unmittelbarkeit. Denn wie ich euch gesagt habe, gehe

ich hin zu meinem himmlischen Vater. Aber ich lasse euch nicht als Waisen zurück. Ich komme zu euch, ich sende euch den Tröster, den Beistand, den Heiligen Geist.

 

Und wir lernen an diesem sonderbaren Sonntag nach Ostern, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten:

Wir können uns beim Abschied nachschauen und das Nachsehen haben. Wir können uns beim Abschied aber auch entgegen schauen und das Wiedersehen im Blick behalten. Das nennt die Bibel Glaube, Liebe und Hoffnung – die Säulen unseres Glaubens.

Lasst uns nicht an dem Vorsatz festhalten, in Rom, in Deutschland und darüber hinaus den Gekreuzigten mit eigener Kraft durch die Welt zu tragen.

Wir würden uns überheben und scheitern.

Lasst uns bei aller berechtigten Trauer nicht einfach rückwärts

gewandt auf unsere vergangenen Möglichkeiten schauen, sondern uns nach Himmelfahrt freuen über Gottes gegenwärtige Wirksamkeit.

Er ist unsere Realität und Lebenswirklichkeit.

 

Er ist der auferstandene und zu seinem Vater erhöhte Herr.

„Ich gehe hin und komme wieder zu euch. Hättet ihr mich lieb, so würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe …“, hatte Jesus beim Abschied seinen Jüngern gesagt (Joh 14,28).

Wenn wir wirklich lieben, dann lernen wir loszulassen, nicht um zu verlieren, sondern um neu zu gewinnen.

Und dann werden wir alle es persönlich am Ende unseres irdischen Lebens nochmals ganz grundsätzlich erfahren, was es bedeutet, die alte Gestalt unserer Lebenserfahrung loszulassen, um eine neue zu ergreifen.

Wenn für uns unsere eigene ganz persönliche Himmelfahrt zu unserem himmlischen Vater bevorsteht, dann ist noch einmal unser Glaube an die verbindlichen Zusagen unseres Herrn gefragt.

Wenn er uns zuspricht, dass er auferstanden ist und lebt.

Wenn er uns verspricht, uns nicht als Waisen zurückzulassen, sondern bei uns zu sein und uns zu erscheinen, weil er lebt und wir mit ihm leben sollen.

 

Christsein heißt Ergreifen; aber lasst uns loslassen, was uns davon abhält! Christsein heißt Begrüßen, aber lasst uns verabschieden, was unsere Zukunft verbaut.

Christsein heißt Gewinn, aber wie vieles hält uns noch davon ab, unseren Herrn zu erkennen, uns ganz zu ihm hinzuwenden – weil anderes noch unseren Blick trübt und unseren Gang verstellt.

Um der neuen Ursprünglichkeit willen vermögen wir uns von vergangenen Erfahrungen abzuwenden, um uns dem Leben neu zuzuwenden.

Wir können vergangene Möglichkeiten nicht festhalten, aber wir dürfen die gegenwärtige Lebensentfaltung ergreifen und die kommende Lebenswirklichkeit freudig erwarten.

Und bei der Himmelfahrt Jesu nehmen wir Abschied, um ihn zu begrüßen.

Vielleicht sind wir wirklich von allen guten Geistern verlassen!

Aber nicht von dem einen, der uns tröstet und mit Jesus zusammenhält!

Amen.

Exaudi – Pfr. Dr. Jonas