Psalm 92,13

Der Gerechte wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon.

 

Liebe Gemeinde!

Ich habe Ihnen ja in Aussicht gestellt, dass wir jedes Jahr, wenn wir uns hier im Garten zum Gottesdienst versammeln, eine unserer biblischen Pflanzen in den Mittelpunkt stellen.

Heute soll es die älteste und eindeutig auch höchste Pflanze dieses Gartens sein. Es ist die Zeder unter deren breiten Ästen wir heute sitzen und deren Schatten wir genießen – und deren Nadeln wir in Kauf nehmen.

Ich nehme Sie gerne mit auf eine kleine Reise durch die Bibel, um zu schauen, wo wir etwas von diesem Baum lesen. Aber natürlich soll das kein botanischer oder historischer Vortrag werden, sondern wir wollen schauen, was uns dieser Baum über unser Leben vor Gott sagen kann, für welche Eigenschaften und Erfahrungen er steht. Und wir tun das nicht erst heute, denn schon die Bibel verwendet die Zeder als Bild für den Menschen und sein Wesen.

 

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Zedern sind besondere Bäume. Das ist schon für das alte Israel so. Denn ganz gegen unsere vermutliche Vorstellung sind Zedern im Gebiet Israels gar nicht heimisch. Sie wuchsen im Norden Israels, im Libanon. Sie wuchsen auf den Berghöhen des Libanons in großen Hainen.

Und damit waren sie weit von Jerusalem weg.

Wenn wir nun hören, dass der König Salomo in Jerusalem ganz viel mit Zedernhaus bauen ließ, dann heißt das, dass es ein großer und teurer Aufwand war, mit diesem besonderen Holz zu bauen.

Das Holz wurde auf dem Libanon in Massen geschlagen und dann auf dem Meer mit Schiffen nach Jaffa und vor dort nach Jerusalem gebracht.

Zedernholz war ein edles, ein besonderes Material. Es war damit gerade gut genug für den Tempel, wo es für die Decken und Innenwände verwendet wurde.

Zedernholz ist kein alltägliches Material; und der Tempel ist kein alltägliches Gebäude. Das kann uns an der überlieferten Baugeschichte klar werden.

Gottesdienst ist keine alltägliche Sache, sondern etwas Besonderes, etwas Herausgehobenes, etwas, das besondere Würde verdient.

Es gibt ja unter Christen viele Diskussionen, wie ein Gottesdienst aussehen soll. Soll er möglichst normal sein, nah am Zeitgeschmack, modern in der Gestalt, niedrig im Anspruch?

Oder soll er etwas Besonderes sein und bleiben, etwas Herausgehobenes, etwas, das wir uns etwas kosten lassen?

Das Zedernholz, das Salomo bei jedem ersten Tempel in Jerusalem einsetzte, spricht eine eindeutige Sprache:

Für Gott nur das Beste, auch wenn es uns Mühe kostet.

In Gottes Nähe bewusst einzutreten, heißt, aus dem Gewöhnlichen, Normalen herauszutreten und das Besondere zu suchen.

Das scheint für uns auch im 100. Jubiläumsjahr unserer Christuskirche ein wichtiger Gedanke zu sein. Dieses Gebäude ist nicht nur ein Monument von kunsthistorischem Interesse, sondern ein besonderer, liebevoll gestalteter Ort, an dem wir Gott begegnen.

Glocken, Orgel, Kunst: Das alles kostete unsere Vorfahren viel. Das alles kostet uns in der Erhaltung noch heute. Es ginge auch ohne.

Auch Salomo hätte den Tempel mit einfachem Olivenholz oder Zypressenholz bauen können, aber er wollte das Edle, das Besondere.

Und so stellt sich bis heute die Frage: Was ist uns die Verehrung Gottes wert? Was lassen wir uns unseren Dienst an Gott kosten?

 

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Nun sind Zedern nicht nur besondere Bäume, die es nur auf den Höhen des Libanon gab, oder besonders hohe und alte Bäume.

Ihr besonderer Wert liegt auch im Wohlgeruch ihres Holzes. Zedernholz ist bis heute ein wertvoller Duftstoff. Sein balsamisch-holzige, würzige Note ist bis heute eine Grundlage für viele Parfums.

Wir können uns gut vorstellen, wie die von König Salomo ausgestalteten Räume vom Duft des Zedernholzes erfüllt wurde. Das Besondere an der Zeder ist ihr Wohlgeruch, ein Geruch, der aus ihrem Innern, aus ihrem Wesen kommt.

Der Duft des Zedernholzes ist kein von außen aufgetragener Duft, der ein langweiliges Holz interessant macht. Der Duft des Zedernholzes ist ein echter, ein langanhaltender Duft, der Bestand hat.

Man hat in der Antike viel Weihrauch verwendet. Das ist äußerlicher, menschengemachter Geruch. Und Weihrauch brauchte man vor allem dort, wo es stank. Weihrauch verwendete man vor allem dort, wo es darum ging, schlechte Gerüche zu überdecken.

Wenn der Kaiser durch schlechtere Stadtviertel zog, wurde vor ihm und um ihn geweihräuchert, um unangenehme Gerüche zu überdecken.

Und auch heute wird bei uns viel geweihräuchert – nicht nur in der Kirche, sondern auch außerhalb, nicht nur im engen Sinne des Wortes, sondern auch im übertragenen. An Weihrauch fehlt es in unserer Welt nicht. Es gibt ihn reichlich in dieser Welt, die ihn nicht nur reichlich verlangt, sondern ihn gleich noch selber erzeugt. Ganze Weihrauchschwaden umgeben uns Menschen, unsere Ideen und Projekte, unsere Geschichten und Erzählungen.

Problem ist nur, dass der Weihrauch nur äußerlich überdeckt, was innen womöglich faul und krank ist – nicht nur im Staate, sondern auch im Innenleben der Menschheit.

Äußerliche Weihrauchschwaden verhindern den ernsten Blick auf das Innenleben und die Kontrolle des wahren Geruches, der von uns ausgeht.

„Denn wir sind für Gott ein Wohlgeruch Christi unter denen, die gerettet werden, und unter denen, die verloren werden.“, sagt Paulus im 2. Korintherbrief (2,15).

Oder er schreibt den Philippern: „Was von euch gekommen ist, ist ein lieblicher Geruch, ein angenehmes Opfer, Gott gefällig.“ (4,18)

 

Kann man das auch von uns sagen, dass wir einen lieblichen Geruch in der Welt verbreiten, den Wohlgeruch Christi, der Menschen anzieht und heil macht?

Ist das, was wir als Christuskirche Rom tun, Weihrauch, Effekt und Rausch, oder wirklich anhaltender Wohlgeruch Christi.

 

Sehen Sie, das Zedernholz duftet aus sich heraus. Er riecht gut, weil sein Wesen gut ist. Es braucht keine äußeren Dufteffekte. Sein Wohlgeruch kommt aus einem guten Inneren heraus, aus seiner Bestimmung, die ihm sein Schöpfer gegeben hat.

 

Wenn die Kirche doch mehr nach Zedernholz riechen würde und weniger nach Weihrauch, wenn sie aus ihrem echten Wesen heraus duften würde und nicht durch selbstgemachte Inszenierungen – dann stünde es auch anders um sie in dieser Welt.

 

Zedernholz riecht herb. Aber dieser Duft ist echt, authentisch und nachhaltig. Diesen Duft braucht die Welt. Dieser Duft ging aus vom Allerheiligsten des Tempels. Und dieser Duft soll auch unsere Kirche, unsere Gemeinde erfüllen.

Der Geruch der Reinheit, der Echtheit, vielleicht auch der Schlichtheit.

Ein Geruch, den wir nicht selber herstellen in den Laboren menschlicher Überheblichkeit, sondern ein Geruch, der aus Gottes innerstem Wesen strömt. Der Geruch des Schöpfers, nicht der Geruch der technischen Machbarkeit. Nicht zufällig spricht vom Wohlgeruch Christi. Gott zeigt sich nie so authentisch wie in seinem Sohn.

 

So wie das Zedernholz den Tempel Salomos erfüllte, so soll der Wohlgeruch Christi, die Klarheit seiner Person, die Kraft seines Wortes unsere Kirche erfüllen.

 

 

3

Der Geruch des Zedernholzes hat aber auch noch eine weitere Wirkung. Das gelblich-rötliche Holz ist ausgesprochen zäh und haltbar, weil es Schädlinge abweist. Zedernholz ist sicher vor Wurmfraß.

Zedernholz ist geschützt vor den Angriffen von außen. Sein Geruch weißt Eindringlinge und schlechte Einflüsse von außen ab.

 

Wie viele Einflüsse strömen auf uns ein? Und wie viele von uns sind schädlich?

Wie viele Menschen wollen uns schaden? Wie viele Menschen haben uns schon getroffen, verletzt mit Worten, die sich wie Pfeile in uns gebohrt haben.

 

Am Zedernholz prallt alles ab. Seine Konsistenz ist fest, und sein Duft vertreibt alles Schädliche.

So soll es auch bei uns sein.

Die Zeder ist nicht nur ein biblisches Bild für den Gerechten und den Gläubigen, weil der Baum groß ist, oder erhaben über andere, sondern weil die Zeder geschützt ist, weil ihr Duft rein ist, weil ihr Wesen stabil ist.

Wer sich an Gott bindet, der kann so stabil sein wie eine Zeder, weil seine Seele fest ist und weil schädliche Angriffe daran abprallen.

„Lasst euch nicht durch alle möglichen Dinge umtreiben, sondern es ist ein

es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde.“ So sagt es der Hebräerbrief (13,9) – übrigens direkt nach dem Satz, der in der Mitte unseres Altarraums steht: „Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“

 

Ein festes Herz, das nicht von allen möglichen Stimmungen und Einflüssen und Moden herumgerissen wird, das brauchen die Menschen, das braucht auch unsere Jugend heute dringender als je.

 

Dass Jesus Christus die Grundlage und die Garantie für diese Stabilität und Sicherheit ist, das wissen wir hoffentlich schon und das überrascht uns nicht.

 

Dass aber die Zeder ein Inbild für dieses feste, reine, stabile und authentische Herz und Wesen ist, das durfte ich bei der Vorbereitung dieser Predigt neu entdecken.

 

Ich wiederhole: Die Zeder ist kein Vorbild wegen ihrer Größe, sondern wegen ihrer guten, festen Substanz.

 

Und vielleicht verstehen wir dann auch im Nachhinein, warum die Zeder im Alten Testament als heiliger Baum, als Königin der Nadelbäume, ja als Baum Gottes (Psalm 80,11) verehrt wird.

 

Jetzt können wir vielleicht nachvollziehen, warum Salomo den Aufwand in Kauf nahm, dieses besondere Holz von weither nach Jerusalem zu holen.

 

Das, was vor Gott zählt, ist nicht unbedingt das, was vor Augen steht und was uns in die Nase sticht, sondern das, was innen drin ist und echt.

 

Und dieser Echtheit, dieser Übereinstimmung mit dem Schöpfer, diesem reinen Wesen, verspricht Gott dann auch seinen Schutz und seine Stärke.

Ganz egal, ob wir dann in den Himmel wachsen oder nicht, wichtig ist, dass ein Wohlgeruch von uns ausgeht, der anderen wohltut und der, wie Paulus sagt, lieblich wieder zu Gott aufsteigt, und der sich deshalb an seinen Menschenkindern freut. Amen.

 

Lesungen:

  1. Könige 6, 14-20

Matthäus 6, 28-33

Gottesdienst Garten – Pfr. Dr. Jonas