Johannes 17, 20-26

 

Liebe Gemeinde!

Genug mit der Distanz!

Haben Sie es auch satt? Seit Monaten schon gehen wir auf Distanz, mussten wir, werden wir auf Distanz gehen müssen.

Distanz von einem Meter, zwei Metern – auch hier in der Kirche.

Schmerzhaft zieht diese Distanz auch ein in unsere Familien zwischen Großeltern und Enkel, zwischen Schwestern und Brüder.

Mit dieser Distanz, die uns rettet, ist ein Gast bei uns eingezogen, der die Kultur dieses Landes völlig verändert. Hier kommt man sich sonst nah, umarmt sich, küsst sich; zeigt gerade dadurch seine Liebe.

Und jetzt: Masken und Distanz.

Zeichen der Nähe und der Herzlichkeit fallen weg.

Vieles wird kalt und steril.

 

Von Distanz haben wir nun wirklich genug.

Und jetzt feiern wir heute auch noch die Tatsache, dass Jesus auf Distanz zu uns geht.

Jesus verlässt seine Jünger nach Jahren der engen Gemeinschaft und fährt in den Himmel auf.

Da entsteht eine Distanz von wahrhaft mehr als zwei Metern.

 

Himmelfahrt heißt: Jesus geht auf Distanz.

Er verlässt nach 30 sichtbaren, fühlbaren, historisch greifbaren Jahren die Erde und kehrt zu Gott ins Jenseits zurück.

Er kehrt in seine Herrlichkeit zum Vater zurück. Schön für ihn.

 

So sagt er im Johannesevangelium (17,4):

„Vater, ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast.

Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.“

 

Mit der Himmelfahrt Jesu, mit seiner Rückkehr zum Vater schließt sich der Kreis, sein Kreis. Und wir bleiben zurück. Und schauen ihm nach – in sicherer, in abgrundtiefer Distanz?

Wir erinnern uns an ihn, ehren ihn, bekennen ihn.

Aber es entsteht diese riesige, optische, auch schmerzhafte Distanz.

Für die meisten Menschen Grund genug, gar nicht mehr nach Jesus zu schauen.

Und am Himmelfahrtsfest feiern wir das auch noch?

Stehen wir da mit offenem Mund (den man unter der Maske nicht sieht) und starren ins Leere?

 

Liebe Freunde, wenn wir wirklich Himmelfahrt feiern, dann müssen heute die Engel zu uns treten, wie zu den Jüngern damals, wie wir es aus der Apostelgeschichte (1,11) gehört haben, und sagen:

„Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht gen Himmel?“

Schaut doch nicht auf die Distanz! Seht doch, was für eine Distanz!

 

I.

Das ist erstens eine heilsame Distanz:

Jesus geht doch nicht weg. Jesus zieht sich doch nicht zurück.

Jesus sitzt dort zur Rechten des Vaters, um uns allen gleich nahe zu sein.

Damals in Galiläa, da war er immer nur einzelnen, den Jüngern, den Frauen, den Anwesenden nah – gebunden an Raum und Zeit.

Und der Rest der Welt ging leer aus.

Vom Himmel her ist uns allen gleich nah. Hört unsere Bitten, geht an unserer Seite, tritt unsichtbar unsere Mitte.

Es klingt paradox, aber es ist wahr: Jesus musste auf Distanz, um uns nah zu sein zu können.

Damals gab es Petrus und Jakobus, den engeren Kreis und die Massen, die Nahen und die Fernen.

Jetzt sind alle Gläubigen „gleich unmittelbar zu Gott“. (L. von Ranke)

Diese Distanz ist nicht kalt, sondern sie ist heilsam.

Wenn ich als Kind eine schöne Blume im auf der Wiese oder im Wald gesehen habe, wollte ich sie immer anfassen oder gar pflücken und mit nach Hause nehmen.

Meine Mutter hat mich dann immer zurückgehalten:
Wenn du eine Blume schön findest, dann fass sie nicht an, dann schau sie nur an, dann wahre die Distanz. Denn wenn du sie anfasst, machst du sie auch kaputt. Du kannst nicht alles „knuddeln“.

Unsere Sympathie und Liebe kann auch erdrücken. Manchmal ist Distanz gefragt – gerade aus Liebe.

DieDistanz, die Jesus im Himmel einnimmt, ist nicht kalt, sondern sie ist heilsam.

Jesus wirkt von dort aus. Jesus tritt beim seinem Vater für uns ein.

„Vater, ich bitte nicht nur für die, die du mir gegeben hat – also die damaligen Jünger – sondern auch für die, die durch ihr Wort glauben werden –  Das sind wir!

Das sind wir corona-geschockten Maskenträger im Jahr 2020. Und Jesus hat uns von dort oben aus im Blick.

„God is watching us – from a distance.“ (Bette Middler)

 

II.

Aber, liebe Freunde, ich will euch diese Distanz Jesu nicht nur schönreden. Denn das Zweite ist: Es handelt sich um eine zeitlich begrenzte Distanz:

Zu diesen Bitten Jesu an den Vater gehört auch, dass wir „eins“ mit Jesus werden.

„Vater, ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, auf dass sie vollkommen eins sind.“ (Joh 17,22)

Damit ist nicht – wie wir das immer so nett verwenden – die Ökumene zwischen den Konfessionen gemeint.

Sondern die Aufhebung der räumlichen Distanz.

Wenn wir eins sind, dann sind wir einander nahe.

Wenn wir mit Christus eins sind, dann sind wir bei ihm – im Himmel.

Und so geht Jesu Bitte auch folgerichtig weiter:

„Vater, ich will, dass wo ich bin, auch die bei mir sind, die du mir gegeben hast“ (Joh 17,24)

Jesus ging nicht weg, sondern voraus.

Jesus holt uns einmal zu sich. Jesus will, dass wir einmal bei ihm sind.

Seine mit der Himmelfahrt eingenommene Distanz zu uns ist eine zeitlich begrenzte Distanz. Diese Distanz bleibt nicht für immer. Er wird uns einmal in seine Arme schließen. Am Ende steht die Nähe, nicht die Distanz!

 

Wir haben es an Himmelfahrt also durchaus mit einer erträglichen Distanz Jesu zu tun.

Denn es ist eine heilsame und eine begrenzte Distanz.

Es mag kitschig klingen, aber es ist so:

Liebe überbrückt diese Distanz.

So wie wir auch in räumlicher und körperlicher Distanz Verbundenheit und Liebe empfinden und ausdrücken können.

Mit der Himmelfahrt begibt sich Jesus in eine heilsame und eine zeitlich begrenzte Distanz.

 

Nehmen wir diese tiefe, die ewige Wahrheit von der Himmelfahrt ruhig auch mit hinein in unsere ganz aktuelle Situation in dieser Epidemie.

Distanz kann einen Sinn haben.

Distanz wird ein Ende haben.

 

Solange die Liebe diese Distanz umfasst und trägt.

Gottes Liebe jedenfalls tut es. Amen.