Johannes 13, 21-30

[Als sie das Passamahl gefeiert hatten,] wurde Jesus erregt im Geist und bezeugte und sprach:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.

Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.

Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb.

Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s?

Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe.

Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.

Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn.

Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald!

Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte.

Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte.

Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus.

Und es war Nacht.

 

Liebe Gemeinde,

dieser erste Sonntag der Passionszeit führt uns gleich mitten hinein in die schwierigen Themen unseres Glaubens.

Er gewährt uns kein langsames Eingewöhnen oder Zugehen auf das Leiden Jesu.

Nicht nur, dass wir mit diesem Abschnitt aus dem Johannesevangelium gleich zeitlich hineinkatapultiert werden in die Nacht, in der Jesus verraten ward, und damit an den Vorabend jedes ersten Karfreitags,

sondern auch, dass uns die Themen „Versuchung“, „Verrat“ „Judas“ und „Satan“ um die Ohren fliegen.

Sie haben es vielleicht schon gemerkt: In jedem Stück dieses Sonntags tritt der Teufel auf: im Psalm, im Lied, im Alten Testament, im Evangelium.

Mal als Schlange, mal als Teufel, mal als Feind. Und jetzt hier als Satan, der in den Judas Iskariot fährt.

Bei solchen Themen graut es uns. Für viele sind sie Grund genug, sich von der Tradition angewidert abzuwenden oder diese Themen einfach wegzulassen.

Aber ich frage Sie ernsthaft: Selbst, wenn wir die traditionellen biblischen Redeformen vom Bösen weglassen: verschwindet dann das Böse aus unserer Welt?

Zeigt es nicht vielmehr dennoch seine grausame Fratze – mit oder ohne traditionelle Vorstellung? In der Geschichte und auch immer wieder im eigenen Leben?

 

Dass der Teufel in der Bibel und in der Kirche immer wieder beim Namen genannt wird – zumindest an diesem Sonntag Invocavit – dient nicht dazu, ihn groß zu machen, und auch nicht dazu, den Menschen Angst zu machen. Das mag immer wieder so passiert sein in der Geschichte; aber das ist nicht die Haltung der Bibel. Wenn sie vom Satan spricht, dann um vor ihm zu warnen und zu zeigen, wie Gott ihn in den Griff bekommt.

Nirgends wird dem Bösen das Feld überlassen!

Weder im Paradies, wo Gott nach der Schlange das letzte Wort hat.

Nicht im Leben Jesu, wo er die Versuchungen des Teufels übersteht.

Nicht im Psalm 91, wo es heißt:

Er errettet dich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest,

dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht.

 

Die Bibel redet vom Bösen, um uns zu lehren, wie wir damit umgehen können, und um uns zu zeigen, dass Gott immer stärker ist.

 

Und das Johannesevangelium erzählt uns heute nicht von Judas, vom Verrat oder vom Satan, um diese Dinge groß zu machen, sondern um zu zeigen, in welchem Rahmen das passiert: Auch dieser tragische Abschnitt der Passionsgeschichte redet von Jesus; letztlich und vor allem von Jesus!

Er bleibt der Souverän – auch wenn der Satan in den Judas hineinfährt,

Er bleibt der Souverän – auch wenn des Böse in einen Menschen wütet.

Das ist schon die ganze gute Nachricht unseres Bibelwortes heute!

 

Aber schauen wir noch einmal genauer hin:

Da ist diese komplizierte Kommunikation zwischen den Jüngern. Die reden ja nicht offen miteinander, sondern um zig Umwege.

Das kann man beim ersten Hören ja gar nicht verstehen.

 

Petrus spricht mit dem Lieblingsjünger an der Brust Jesu, und der spricht mit Jesus, und dann geht die Botschaft wieder zurück.

Deshalb haben Sie heute Leonardo Da Vincis berühmtes Bild vom Abendmahl in der Hand, um sich diese verworrene Gesprächssituation etwas besser vorzustellen.

Leonardo hat das wunderbar dargestellt. Schauen wir auf die drei Personen links von Jesus.

Direkt neben ihm sitzt der Lieblingsjünger. „Er lag an der Brust Jesu.“ heißt es in der Bibel. Das meint nicht eine besonders intime oder gar erotische Nähe, sondern schlicht und einfach die Position an Jesu Vorderseite.

Denn bei einem antiken Festmahl saß man nicht am Tisch wie wir heute oder wie auf Leonoardos Darstellung, sondern da lag man seitlich mit aufgestütztem Kopf um einen halbhohen Tisch. Der Lieblingsjünger lag ganz einfach auf der Brustseite Jesu. (Damit ist allen unsinnigen Spekulationen der Boden entzogen, dieser Lieblingsjünger sei in Wirklichkeit eine Frau gewesen und Leonardo habe das gewusst.)

Dieser Lieblingsjünger hatte allerdings eine gute Gesprächsposition.

Er kam gut an Jesus ran. Deshalb fragt ihn Petrus: „Frag du ihn mal, wer das ist, der ihn verraten soll!“

Leonardo Da Vinci hat genau diesen Moment dargestellt, als sich Petrus zum Lieblingsjünger hinbeugt und ihm das mit der Hand auf seiner Schulter ins Ohr sagt.

Und Jesus spielt nicht nur dieses sonderbare Spiel mit und gibt eine heimliche Antwort, sondern er verbindet diese Antwort mit einer Zeichenhandlung:

Es ist der, dem ich den Bissen eintauche und gebe.

Beim Passamahl ist das keine sonderbare Sache, sondern da werden Brotstücke in Mus eingetaucht und an einer langen Tafel weitergereicht.
So wie wir heute etwa jemanden bitten, ihm die Soße zu reichen.

 

Jesus geht souverän mit dieser sonderbaren Fragerei um. Er antwortet auf die etwas verstohlene Frage von Petrus um dem Lieblingsjünger. Aber er tut das auf seine Weise.

 

Wir kennen unsere Heimlichtuerei. Wir kennen unser geheimes Reden über andere.

Jesus geht anders darauf ein, als wir es erwarten.

Er stimmt nicht ein in unsere Mutmaßungen und Lästereien. „Ja, der Judas, das haben wir doch schon immer gewusst, dass mit dem was nicht stimmt…“

Jesus spricht nur immer nur das Wort des Lebens.

Er hat, wie das Johannesevangelium sagt, immer nur „Worte des ewigen Lebens“.

So auch hier! Warum?

 

Jesus taucht einen Bissen Brot in die Schüssel und gibt ihn dem Judas.

Diese Zeichenhandlung ruft in Erinnerung, was Jesus in Johannes 6 gesagt hat (und was wir alle gut kennen):

Ich bin das Brot des Lebens.

Ich gebe mich hin zum Heil der Welt.

Nimm hin und iss!

 

Und in diesem Bezug zur Rede Jesu vom Brot des Lebens in Johannes liegt auch der sachliche Schlüssel für die Abwendung des Judas.

 

Als Jesus sich damals nach der großartigen Brotvermehrung selbst als Brot des Lebens bezeichnet hat, da waren viele enttäuscht.

Die Masse wollte Jesus damals zum König machen. Die Masse wollte kein Brot des Lebens, keine geistliche Rettung, sondern sie wollten Brot in der Hand und sichtbare Änderung der Umstände.

Als Jesus sich weigerte und klarstellte, dass er das Brot sei, das vom Himmel gekommen ist, und dass es dabei nicht um einen vollen Bauch, sondern um das ewige Leben gehe, da wandten sich viele seiner Fans vom ihm ab.

Und Johannes berichtet davon, dass Judas sich ärgerte und sich innerlich schon abwandte. (Joh 6,71)

 

Jesus als Brot des Lebens: Das reicht machen nicht. Das enttäuscht manche. Sie wollen mehr oder anderes vom ihm. Judas ist nur einer von ihnen.

Viele haben sich abgewandt von Jesus, obwohl sie einmal begeistert waren. Viele wenden sich immer noch ab von Jesus, weil sie von ihm mehr oder anderes erwarten.

Die Versuchung, die Macht des Bösen, der Anfang vom Ende bei Judas fängt da an, wo ihm das nicht reicht, was Jesus gibt, wo er mehr will, wo er sich nicht zufriedengibt – wie Adam und Eva im Paradies, obwohl sie doch alles hatten. Aber sie wollten mehr! Immer mehr!

Gott schenkt uns in seiner Schöpfung so viel.

Jesus bietet sich uns an als Retter, als Sinn, als Brot des Lebens.

Wo uns das nicht reicht, da fängt die Sünde an und da wird das Böse stark – da fährt der Satan in den Judas hinein, sagt Johannes in unserem Abschnitt.

Sie können das alles durchbuchstabieren in der Ökologie, in der Wirtschaft in unseren Ehen und Beziehung und in der Religion.

Wenn uns das Geschenkte und Gegebene nicht reicht und wir immer mehr wollen, fängt das Böse an.

 

Nochmals zurück zu jenem letzten Abend Jesu.

Zu unserem wunderschönen Bild vom Abendmahl.

Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bist du kommst in Herrlichkeit.

 

Jesus bietet sich uns an. Jesus reicht uns das Brot des Lebens. In seinem Wort, im Heiligen Abendmahl, in den Momenten des Leidens und der Verzweiflung.

Nehmen wir das an? Reicht uns das?

Oder wenden wir uns ab?

 

Sehen Sie, unser Bibelabschnitt heute will nicht den Teufel an die Wand malen und auch den Judas nicht als tragische Figur in den Mittelpunkt stellen.

Dieser Abschnitt will uns auch nicht vor dem Teufel Angst machen.

 

Sondern er fragt uns nur:

Jesus ist das Brot des Lebens: Reicht dir das?

Wendest du dich ihm zu? Oder wendest du dich ab?

Das ist die ganze Dramatik der Situation. Leonardo Da Vinci hat sie verstanden.

 

Wir brauchen gar keine Spekulation über den Teufel und keinen Exorzismus.

Wir brauchen bloß diese Hinwendung zu Jesus und die Zufriedenheit mit ihm.

Es geht gar nicht darum, sich mit dem Teufel und dem Bösen und allerlei drohenden Versuchungen und Gefahren zu beschäftigen.

Es geht einzig und allein darum, sich dem Guten in Person – Jesus Christus – zuzuwenden.

Wenn wir das tun und wenn uns das reicht, dann sind dem Bösen, dem Neid, der Missgunst, dann sind Tod und Teufel die Tür verschlossen. Und die Nacht bleibt draußen.

Amen.

Invocavit – Pfarrer Dr. Jonas